Tag 8 – Honningsvåg bis Ivalo

Gefahrene Kilometer: ca 470km, davon ca. 100km nicht selbstständig

Getankt: 0l

Gefahrene Zeit: 15 Stunden (unterwegs. Weniger davon gefahren)

Tag 8 startet früh. Heute geht es ans Nordkapp. Dazu haben die Jungs vom Superlative Adventure Club, die Organisatoren der Rallye, zwei Extrakonvois für Rallyeteilnehmende um 09:00 und 10:00 Uhr organisiert.

Im Winter darf man die letzten Kilometer von der Kreuzung vor Skarsvåg bis zum Nordkapp nur hinter einer Schneefräse her fahren. Diese Konvois sind normalerweise voll mit Reisebussen und Individualreisenden so dass es sein kann das nicht alle mitkönnen. Um dem vorzubeugen also die Specialkonvois für uns.

Hinne und ich planen den früheren Konvoi um 09:00 Uhr zu nehmen und wir planen möglichst weit vorne für ein paar Fotos vom Globe ohne viele Leute zu sein.

Deswegen stehen wir um 06:00 Uhr auf, frühstücken in unserem AirBnB mitgebrachte Weisswurst und 5-Minuten-Terrine, sicherlich eine eigenartige Kombi, aber eine die unsere Vorratskiste eben hergibt, packen unsere Sachen in Karin und machen uns auf den ca. 30 bis 45 minütigen Weg zum Sammelpunkt für den Konvoi.

Karin haben wir vorm Frühstück kurz an den Strom gehangen, ein bisschen frischen Saft in der Batterie und ein paar Grad mehr im Motorblock schaden bei mittlerweile Minus zehn Grad sicherlich nicht. Völlig vergessen bei den Berichten der letzten Tage: vorgestern hat sich die Temperatursicherung verabschiedet, Hinne hatte sie schon einmal getauscht, aber jetzt ist sie wieder hinüber. Das bedeutet für uns: die Lüftung und somit auch die Heizung hat nur noch zwei Stufen: aus und volle Pulle. Nervig und schlecht einzustellen, aber kein Weltuntergang.

Von Honningsvåg aus fahren wir die E69 am Skipsfjorden entlang Richtung Norden, wir haben unwahrscheinliches Glück und klaren Himmel mit strahlendem Sonnenschein. Die Strasse führt wieder durch endloses Weiß und der weit offene Skipsfjorden lässt bis zur Barentssee blicken. Kurz vor Skarsvåg biegt die Strasse zum Nordkapp ab, versperrt durch eine Schranke. Eine riesige, alte und offensichtlich schon länger nicht mehr genutzte Schneefräse steht hier, die Strasse hinter der Schranke sieht eher überschaubar schlimm aus.

Wir sind die Ersten. Nach und nach trudeln die anderen Teams ein und um kurz vor neun taucht der für hier typische Schneepflug auf: ein großer LKW, keine Ahnung wieviel Tonner, an dem vorne ein riesiges und steuerbares Schneeschild montiert ist und hinten auf der Ladefläche ein Berg festgefrorenes Schüttgut liegt.

Der fährt voran. Uns jedenfalls. Vorher fàhrt ein ganz normaler VW Bus mit den Angestellten des Nordkappcenters hoch. Kein Allrad-höhergelegt-dies-das-Bus sondern ein pfurznormaler 9-Sitzer. Soviel zu der dringenden Notwendigkeit des Konvois mit Schneepflug vorne weg. Mag sicherlich auch schlechte Wetterbedingungen geben wo das notwendig ist, heute scheint das eher Quatsch und Abzocke. Der Verdacht verdichtet sich als wir die Strasse fahren und der Schneepflug zeitweilig sein Schild ganz hochklappt. Da sind wir die letzten Tage schon schlimmeres gefahren.

Wie auch immer. Wir kommen am Nordkapp an, kriegen unsere Fotos vom Globus ohne viele Menschen und ich besorge Ersatz für den Nordkapp-Aufkleber auf unserem Volvo 145. Dieser hatte sich seinen Aufkleber ja 2016 verdient, leider ist die Qualität der Nordkapp-Aufkleber genauso gut wie der Preis. Nach drei Jahren auf der Heckscheibe eines nicht draussen geparkten Autos das nur so 10.000km im Jahr an der frischen Luft ist ist der Aufkleber völlig ausgeblichen. UV-Beständigkeit scheint in Norwegen kein durchgehendes Qualitätsmerkmal zu sein. Jetzt gibt es also Ersatz. Vielleicht halten die ja besser.

Am Nordkapp feiern Hinne und ich mit einer Flasche PriSecco (Kaufempfehlung als wirklich leckerer und alkoholfreier Sektersatz) die wir bei Karin köpfen Halbzeit. Ab jetzt geht es nur noch in den Süden. Ab jetzt scheint uns die Sonne ins Gesicht.

Und das tut sie. Blauer Himmel und klare Sicht über dem Nordkapp sind selten. Wir kriegen es sogar organisiert mit den Autos geordnet und gesittet bis zum Globus zu fahren und dort Fotos zu machen.

Um 10:30 Uhr geht der erste Konvoi zurück, auch den wollen wir nehmen. Immerhin ist noch ein wenig Strecke zu machen. Wir wollen bis Inari um Sonntag von dort zum organisierten Snowscooterfahren zu kommen.

Dafür geht es die komplette E69 wieder zurück bis Olderfjord und dort zurück auf die E6. Diesmal aber noch weiter Richtung Osten. Schnell knickt diese aber südlich ab und führt am Indre Billefjord und am Vesterbotn entlang nach Lakselv. Fast schon normal: Eis, Schnee. Auf der Strasse und daneben noch mehr. Alles ist weiß. Nir die Holzhäuschen stechen bunt daraus hervor. Die Fjorde sind weiträumig zugefroeren, an den Stränden stapeln sich die aufgeschobenen Eisplatten zu verrückten Skulpturen.

Bei Lakselv verlassen wir die Küste und drehen ab ins Landesinnere. Wasser verlässt uns trotzdem nicht, die Strasse führt ab jetzt durch ein Seen-, Teiche- und Tümpelgebiet. Im Sommer wimmelte es hier von Mücken, davon bleiben wir bei um Minus 20 Grad Celsius aber verschont. Die Sonne lacht immer noch über uns.

Die Strasse führt nach Karasjok, dort verlassen wir die E6 und biegen auf die 92 ab um mit dieser sehr schnell die Grenze nach Finland am Grenzflüsschen Tana und dem Ort Karigasniemi zu überqueren. Kurz vor der Grenze essen wir bei einer CircleK-Tankstelle Tankstellenburger. Ziemlich gute Teile, die Pommes braucht aber kein Mensch. Kurz folgen wir der 92 und biegen dann rechts auf die E75 ab. Die E75 führt von der norwegisch-finnischen Grenze etwas weiter nördlich bei Utsjoki einmal komplett durch Finnland bis an den Hafen von Helsinki. Im Prinzip ginge es jetzt also immer geradeaus, als Navigator hätte man wenig zu tun wenn man die Strecke nach Einfachheit auswählen würde.

Und wäre da nicht dieses Wenn. Bei mittlerweile gut Minus 25 Grad Celsius Aussentemperatur bemerkt Hinne auf einmal sinkende Werte auf dem Voltmeter. In der Regel steht dort ein Ladestrom von um die 14 V angezeigt, als Hinne die Veränderung auffällt liegen wir nur noch bei 11,6 V. Sofort knipsen wir alle überflüssigen Verbraucher wie Ladesteckdosen, USB-Buchsen und Radio aus. Wir machen auch die Lüftung aus. Trotzdem sinkt die Voltzahl zusehends weiter – aber was anderes steigt: die Motortemperatur. Bei Minus 25 Grad fängt unser Motor, der vorher Probleme hatte seine Temperaturanzeige in Mittelstellung zu bringen, an zu kochen. Bis zum roten Bereich hoch. Kochender Motor, sinkende Voltzahlen. Das bedeutet anhalten.

Und das tun wir auf einem Parkplatz direkt hinter der Kreuzung 92/E75. Ein Parkplatz den wir gut kennen. Auf der 2016er-Tour haben wir uns hier von unserer Kolonne veranschiedet. Wir sind durch Finnland, die anderen durch Russland. Diesmal stehen wir mit einer kaputten Karin hier. Man sieht sich immer zweimal im Leben.

Kurzer Blick in den Motorraum und schnell ist die Ursache gefunden: die Spannrolle für den Keilriemen ist irgendwie abgebrochen. Dadurch keine Wasserpumpe, dadurch keine Lichtmaschine. Nicht reparierbar, jedenfalls nicht bei den Temperaturen draussen und auch nicht ohne entsprechendes Ersatzteil.

Kurzes Einlesen in die Saab-Materie: um das Sch**ssteil zu wechseln muss der Wagen aufgebockt werden, das rechte Vorderrad runter, der Innenkotflügel raus und dann kommt man da ganz gut dran. Von oben oder unten keine Chance. Das ist alles so eng und verbaut, da bricht man sich nur die Finger. Wir kriegen die lose Scheibe noch nicht einmal rausgetüddelt so eng ist das alles.

Schneller Anruf von Hinne beim ADAC wegen Plusmitgliedschaft und Abschleppen. Man sagt uns 90-120 Minuten Wartezeit an. Wir richten uns auf die Kälte ein. Ziemlich direkt hält hinter uns ein Camper aus Ravensburg mit zwei superlieben Menschen die uns nach drinnen einladen. Wir kriegen Tee und lernen die Vorzüge einer Standheizung kennen. Immer wieder halten Teams, helfen kann uns natürlich niemand – wer hat schon spontan ne Spannrolle für nen Saab 9000 dabei?

Im Wohnwagen haben wir einen netten Schnack, aus 90-120 Minuten werden über drei Stunden. Er ist sogar auch Sankt Paulianer. Die findet man auch einfach überall❤️

Die Beiden sind eigentlich auf der Jagd nach Polarlichtern. Und die bekommen wir: gigantisch groß und in vielen grünen Streifen leuchtet es grün über uns. Die Beiden packen Kameras aus und machen das Beste aus der Situation, immerhin hatten sie für den Abend eigentlich einen ganz anderen Fotospot geplant als einen schnöden Parkplatz. Falls ihr das lest: Tausend Dank für die Wärme bei und die Kurzweiligkeit mit Euch. Unsere Daumen für Polarlichter mit Wasser sind feste gedrückt. Das Ihr aufgetaucht seid war Gold wert.

Irgendwann taucht dann der Abschlepper auf, der Abschlepper selber spricht im Prinzip kein Englisch und so ackern wir uns mit ihm irgendwie durch. Er glaubt uns ungesehen dass Karin hin ist, läd sie auf und ballert mit uns wie ein Irrer Richtung nächste Werkstatt ca. 100km entfernt. Unterwegs kämpfen wir uns durch Missverständnisse a la er will uns sagen das er einen weiteren Auftrag bekommen hat und meint „New Car!“ zeigt uns irgendwas finnisches auf seinem Handy und ruft lachend „Mercedes“ und wir verstehen dass wir nen Leihwagen kriegen.

Ende vom Lied: wir sind abgeschleppt und Karin steht in Ivalo vor einer Werkstatt die erst Montag öffnet. Wir haben eine Kostenzusage für Hotelzimmer mit Preisdeckelung und ohne Verpflegung – buchen und uns darum kümmern müssen aber wir selber. Entsprechend auch in Vorleistung bei der Rechnung gehen. Der ADAC macht nix bevor eine Werkstatt irgendetwas gesagt hat, die allgemeinen Bedingungen zwingen den ADAC aber uns innerhalb von 48 Stunden wieder flott zu machen ansonsten Leihwagen und PickUp für Karin. Wir lungern jetzt hier also in Ivalo im Hotel rum und das auf jeden Fall bis Montag. Montag guckt sich irgendwann eine Werkstatt Karin an und wenn die das Teil nicht rumfliegen haben, was ich nicht vermute, werden sie es ja wahrscheinlich nicht bis Montag 17:30 beschaffen können. Wir sind hier einfach am finnischen Arsch der Welt.

Wie auch immer, wir werden unsere Möglichkeiten morgen prüfen.

Während ich den Text geschrieben habe ist Hinne noch einmal raus. Ein Team mit hauptberuflichen ADAC-Pannenhelfern hat eine Idee, wie man eventuell improvisieren könnte. Die Idee beinhaltet Teile aus einem alten VW Passat 32b in Karin zu dengeln und mit viel Glück so wieder Riemenantrieb herstellen zu können. Daumen drücken!

Drei Dinge müssen noch erwähnt sein:

  • bei der Einreise nach Finnland wurde die Uhr eine Stunde vorgestellt. Es ist also später als sowieso schon. Das zerrt an der Kondition.
  • Hinne und ich funktionieren gut im Auto zusammen. Das läuft richtig super. Nur Hinne, ich und ein Auto auf Roadtrip funktioniert nicht. Der 745 für den European Mountain Summit der erst fast nicht fertig wurde weil soviel kaputt ging und dann mit gerissenem Kupplungsseil liegen blieb und jetzt Karin, die kurz vorher nochmal irgendwelche Plastikanschlüsse sich abbrach und jetzt sich die (Plastik-) Riemenscheibe abbricht.
  • Und: Finnland und ich. Das wird nix. Ich hab da wirklich versucht vorurteilsfrei dran zu gehen. Aber der erste Tag Finnland hat 2016 der Vorderachsbebuchsung vom Volvo 145 das Leben gekostet und jetzt tötet Finnland AUCH noch Karin am ersten Tag. Keine Ahnung was da los ist. Dabei finde ich finnische Metalbands garnicht so schlimm.

3 Gedanken zu “Tag 8 – Honningsvåg bis Ivalo

  1. Eine Geschichte für‘s Leben, zum Immer wieder Erzählen und Staunen!!! Eine Sache muss ich anders sehen: Nord-Finnland beißt nur strapazierte alte Autos – hoffentlich (will nächstes Jahr mit einen neuen Auto dorthin)

    Gefällt 1 Person

  2. Danke für die wortschönen und ausführlichen Berichte! Eure Zwangspause ist echt sch… Wir denken ganz fest an Euch!
    Am Ende wird alles gut, und wenn es noch nicht gut ist, ist es auch noch nicht das Ende.
    Be blessed!
    Hinnes Sis und Family

    Gefällt 1 Person

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