Tag 9 – der Tag, an dem wir 🥐🙂🛣⛰😧☹️⛰😅🛣😳😁🤓🛣🍕😋🛣⛺️🐜😤🤷‍♂️😴😴😴

Direkt vorab: dank einem Tip von Rudy hier im Blog wissen wir jetzt, was die Superschurken-Villa von Tag 10 in Wirklichkeit gewesen ist. Das sind die Überreste der Diskothek Domina. Wenn ich einen italienischen Artikel darüber richtig verstanden habe, war das mal ein Ristorante, ist dann in den 90ern eine Techno-Disco geworden, war überregional für die Techno-Szene bedeutend, dann kamen die frühen 2000er und der Ermittlungsdruck wegen Keta, MDMA und all dem anderen Techno-Zubehör wurde immer stärker, es gab Razzien und Festnahmen und das war dann wohl das Ende der Discoteca Domina. Danke für den Hinweis, Rudy!

Von Finale Ligure zum Parco Naturale dell’ Alta Val Borbera bei Genua (Region Piemonte) und über Leri Cavour nach Finale Ligure

484km gefahren

Start um 11:00h, Ankunft um 23:45h

Eine Pipipause, zwei Drohnenflüge, einmal per pedes nen Berg runter und wieder rauf, eine Stunde Abendessen

Auch heute lassen wir uns vom Campingplatz wecken. Dank unserem Schlafplatz direkt neben der Einfahrt ist das nie spät. Vorteil dieser „Parzelle“. Sie ist gar kein regulärer Parzellenbereich, wir haben die bekommen weil alles voll war. Wir vermuten, das ist eigentlich der Parkplatz. Deswegen ist es den Betreibern aber auch tendenziell egal wie lange wir bleiben. Schließlich gibt es keine Reservierungen für unseren Platz. Gut, weil wir ja immer noch nicht wissen, wie lange wir noch hier bleiben müssen. Nur so nebenbei: der ADAC hat sich natürlich nicht mehr gemeldet, Leihwagen und so ist alles hinfällig. Die tollen Geschichten im Clubmagazin, in denen immer berichtet wird, wie toll der ADAC aus der Patsche geholfen hat scheinen nur genau das zu sein: tolle Geschichten.

Nach dem Frühstück hängen wir uns auf die Autobahn Richtung Osten, wir haben noch einmal ein bisschen recherchiert und zwei spannende, aber auch weiter entfernte Spots aufgetan. Unsere Vorabplanungen haben für die Gegend, in der wir jetzt festhängen, nämlich eigentlich nichts vorgesehen. Wir wollten hier schlicht und ergreifend nicht bleiben sondern nur durchfahren.

Bei Genua kriegen wir unsere lange vermisste Dosis Stau. In NRW als Pendler_innen Alltag ist uns das bisher relativ gut erspart geblieben. Zum Glück zieht sich der Stau nicht allzulang da wir eine Umfahrung durch Genua nehmen. Das, was wir sehen, ist nicht schön, könnte aber auch daran liegen, dass wir durch die Industriegebiete des Polcevera-Tals fahren. Dabei unterqueren wir auch das Polcevera-Viaduct. Diese 1962 bis 67 errichtete ehemalige Schräghängebrücke stürzte am 14.08.2018 in Folge eines Pfeilerbruchs ein und riss 43 Menschen mit sich in den Tod. Die Brücke ist sowohl für die Verbindung Genua Ost und West als auch für den Transitverkehr nach Frankreich sowie die Hafenzufahrt von relevanter Bedeutung. Im Rahmen der Ermittllungen zum Zusammenbrechen des Pfeilers kommt raus, dass die Betreibergesellschaft bereits seit 2014 von der Einsturzgefahr wusste. Seit dem 3. August diesen Jahres ist der Brückenneubau, diesmal eine sehr minimalistische Balkenbrücke, für den Verkehr wieder freigegeben. Auf der Brücke sind 43 Laternen, eine für jedes Opfer des Einsturzes, installiert.

Wir folgen der SP35 aus dem Großraum Genua raus in das Hinterland, hier dominieren leerstehende Betriebsgelände und kleine Dörfer in mischwaldiger Umgebung. Bei Busalla wechseln wir auf die SP226, bei Ponte di Savignone auf die SP10, um dann auf der SP12 Richtung Norden zu landen. wunderschöne Strassen nach unserem Geschmack, Geschwindigkeiten zwischen 40 bis 60km/h sind drin, der Asphalt ist nicht geleckt sondern fleckig, rissig aber noch nicht gefährlich löchrig. Wir fahren immer wieder durch kleinste Dörfer, keine Bilderbuch-Bergromantik sondern eher zweckdienliche Häuser und Gebäude. Trotz ungeleckter Fassaden scheint hier Wert auf hübsche Bepflanzungen in den Gärten und auf den Fensterbänken gelegt zu werden, uns gefällt dieser be- und teilweise verlebte Charme.

Richtung Norden verlassen wir jetzt Ligurien und fahren in den Piemont. Die Strasse wird enger, kurviger und schlechter, die Bedeutung der Strasse scheint nur noch für die dort wohnenden Menschen relevant. Unser erster Versuch, das recherchierte verlassene Dorf zu erreichen scheitert hinter Valenzona. Wir müssten von der Strada Vicinale Dova Superiore, einer eh schon recht schlechten, schmalen Strasse auf einen Bergweg abbiegen. Für den BMW ist hier auf jeden Fall Schluss, aber auch der Volvo hätte das nicht gepackt. Hier geht es nur mit 4×4 und ausreichend Bodenfreiheit weiter. Wir machen trotzdem kurz Pause, die Landschaft ist toll, ein paar Drohnenaufnahmen schiessen wir auch noch.

Weil „unten rum“ ein Zugang zum Spot nicht geklappt hat versuchen wir es oben rum: über Dova Superiore, Dova Inferiore, Dovanelli und Rosano fahren wir auf die SP147 und auf dieser Richtung Agneto. Die Strassen sind offensichtlich alt, immer wieder geflickt und die wenigen Autos, die uns entgegen kommen kennen sie auf den Zentimeter genau. Das ist irgendwie beruhigend, je nach Situation aber auch beängstigend, vor allem wenn es mal wieder keine Leitplanken gibt und der Abhang direkt neben der Strasse steil ist. Von Agneto aus kämpfen wir uns vorsichtig Richtung Berga, immer wieder schabt der BMW über den Boden. Hinter Berga schraubt sich die Strasse den Berg runter und irgendwann ist wieder Schluss. Wir lassen den E30 stehen und gehen, natürlich mit unseren stabilen Wander-Flipflops (die ganze Crew hat Katrins Challenge „alles in Flipflops“ anscheinend unabgesprochen übernommen) ausgestattet, den Berg Richtung Spot hinunter. Stutzig machen uns Wasser-, Strom- und Telefonleitung und leise Musik aus dem Tal. Überall sind Schmetterlinge, viele bunte Farben und Formen flattern um uns herum. Wir kommen zu alten Häusern die effektiv aber eher rudimentär zurecht gedengelt wurden. Hier leben Menschen, es sind ihre Leitungen und die Musik kommt von dort. Noch einmal GPS-Datencheck und Ernüchterung. Was wir auf Satellitenbildern für das verlassene Dorf hielten ist es garnicht. Das verlassene Dorf liegt hinter dem nächsten Berg und ist nicht über eine Strasse zu erreichen. Enttäuscht brechen wir hier ab und steigen den Berg wieder hoch. Als wir zum Parkplatz des BMWs in einer Serpentine kommen kurze Panik. Der BMW ist weg. Zwei Serpentinen höher kurzer Steinschlag von unseren Herzen runter: die Serpentine unten sah einfach nur genauso aus wie die etwas höher wo der E30 wirklich parkt.

Wir fahren erst einmal den ganzen Weg zurück bis wir wieder Internet haben und überlegen, wie wir weiter machen. Und entscheiden uns trotz spätem Nachmittag und trotz großer Entfernung noch den zweiten Spot zu machen in der Hoffnung, diesen Tag nicht sinnlos (okay, die Bergstrassen waren fantastisch) durch die Gegend gefahren zu sein. Wir fahren den kürzesten (und immer noch superschönen) Weg Richtung Autobahn. Eine zeitlang fahren wir parallel zum Torrente Bòrbera, einem, wenn man sich das bei GoogleMaps anguckt, gigantischem Fluss. Jetzt ist er fast ausgetrocknet. Das ganze Tal wird dominiert von beeindruckenden Konglomeratschüttungen dominiert, auch das leere Flussbett ist voller Geröll. Dann ab auf die Autobahn weiter Richtung Norden. Berglandschaft ist das links und rechts der Autobahn nicht mehr, weite Ackerflächen haben eher niedersächsischen Charme. Wir fahren die A26 bis Larizzate und fahren dort Richtung Livorno auf der SP1.

Der Ort, den wir ansteuern liegt direkt neben dem Atomkraftwerk Galileo Ferraris. Leri Cavour war im 18. Jahrhundert ein aufstrebendes landwirtschaftliches Unternehmen. Davon zeugen riesige Stallungen, weitläufige Wohnbaracken und Speicherhäuser. Zusätzlich gibt es ein über den Bach gebautes Mühlhaus und eine Bis zu 900 Hektar Land gehörten zu diesem Betrieb. Irgendwann riss sich Napoleon den Betrieb unter den Nagel, der verkaufte alles an den Marquis Michele Benso di Cavour, dieser baute das Gut aus und errichtete die prunkvoll ausgestattete Villa am Rand des Gehöfts und wurde Namensgeber des Ortes. Etliche Besitzerwechsel und Jahre später steht das Dorf mittlerweile seit gut 60 Jahren leer und ist Verfall und Zerstörung ausgesetzt. Letztere hält sich dank abgeschiedener Lage aber sehr in Grenzen. Beherrscht wird die ganze Atmosphäre vom benachbartem Atomkraftwerk.

Wir streunen ein bisschen rum und finden Zutritt zu etlichen Häusern und Stallungen. Die Begeisterung hält sich noch in Grenzen, alle Räumlichkeiten sind leer oder voller Schutt, zu entdecken gibt es wenig. Bis wir Zugänge sowohl zur Kirche als auch zur Villa entdecken. Die Kirche ist noch voll eingerichtet. Bänke, Gesangsbücher, sogar die Taufregister sind noch vorhanden. Leider hat es irgendwann mal in der Kirche gebrannt, die Decke ist rußig und die Deckenmalereien dadurch teilweise zerstört. Auf den Glockenturm führen wackelige Leitern, so richtig trauen wir uns diese nicht hoch bzw. wir diesen nicht unser Gewicht zu.

In der Villa sind großflächige Stuckarbeiten und Wand- und Deckenmalereien zu bestauenen. Die Böden sind mit bunten Fliesenmosaiken gepflastert. Wir durchstreifen beide Gebäude ausgiebig. Für einen Überblick machen wir ein paar Drohnenaufnahmen, wegen des nahen Atomkraftwerks und der dadurch eingerichteten Flugverbotszone aber nur aus überschauberer Höhe. Leider geht mittlerweile die Sonne unter und die Mücken kommen zu Heerscharen aus ihren Löchern. Wir werden ordentlich zerstochen, besonders in der Kirche scheinen sie sich wohl zu fühlen. Über uns ziehen sich die Wolken zusammen, es donnert und erste Regentropfen fallen. Zeit, hier zu verschwinden.

Also machen wir uns auf den Heimweg. Matthias fährt den BMW, Micha chillt auf der Rücksitzbank und checkt einen Ort fürs Abendessen aus. In Ovada kehren wir bei Il Gadano ein, essen im romantischen Hof leckere Pizza und Pasta und knallen dann müd und satt über die Autobahn zurück „nach Hause“. Kurzer Abstecher am Volvo vorbei – sieht alles okay aus.

Eigentlich wollten wir direkt ins Bett, immerhin ist es um Mitternacht rum als wir ankommen. Eigentlich. Bis wir feststellen, dass Michas Zelt von einer Ameisenkolonne entdeckt wurde. Inklusive des Lochs durch das das Kabel für die Kühlbox ins innere geleitet wurde. Das Innere ist voller Ameisen. Also erstmal Zelt ausräumen, Ameisen entsorgen, Kühlbox woanders parken um das Zelt richtig verschliessen zu können, Zelt wieder einräumen und dann endlich Feierabend.

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