Von Rosenheim an den Königssee
109 km
Roadtime 2,5 Stunden
0l getankt
Reparaturen: keine
Der Tag startete mit einer Videokonferenz. Nicht der beste Start in den Tag, aber das war seit längerem bekannt. Während ich also im Hotelzimmer mit Menschen kreuz und quer in Deutschland redete, versuchte Micha mit Menschen in Rosenheim zu reden um eine Werkstatt zu finden, die uns kurzfristig weiterhelfen kann. Nach 23 Anrufen mit mehr oder weniger hilfsbereiten und mehr oder weniger freundlichen Menschen am Telefon mussten wir aber zu dem Schluss kommen, dass wir in Rosenheim kurzfristig nicht weiterkommen würden.
Wir spielten also die Optionen durch und entschieden uns für die etwas riskante, dafür aber urlaubsgeeigneteste Variante: nach kurzem Telefonat mit dem Teiledealer des Vertrauens und seiner Auskunft, das ein Express-Versand ausschließlich in Deutschland möglich sei, suchten wir den der Grenze am nahesten gelegenen DPD Pickup Shop raus. Dieser befindet sich in Bad Reichenhall, in der unmittelbaren Nähe liegt der touristische Hotspot Königssee und der Weg dorthin führt über die deutsche Alpenstrasse. Klingt also alles gut (im Gegensatz zum Radlager), der Plan sah also jetzt wie folgt aus: Express-Versand der benötigten Teile nach Bad Reichenhall, Übernachtung auf einem Campingplatz am Königssee mit touristischem Programm, am nächsten Tag die Teile abholen und schnell raus aus dem deutschsprachigen Raum. Die Erfahrung vergangener Touren zeigt nämlich, dass in diesem Sprachraum kurzfristiger Support Durchreisender eher seltene Ausnahme ist. Die Daumen also gedrückt in der Hoffnung, dass das Radlager bis nach Slowenien oder weiter noch seinen Dienst tut. Und sollte das Ende nah sein, haben wir das Ersatzteil bereits parat und brauchen nur eine Werkstatt mit der Bereitschaft, uns weiterzuhelfen.

Also nach dem sehr langen Transittag gestern heute eine sehr entspannte und kurzweilige Etappe. GoogleMaps bekam es untersagt, die Autobahn vorzuschlagen und wir fuhren gut zwei Stunden und ein bisschen durch ganz bezaubernde Voralpenlandschaft. Die deutsche Alpenstrasse, über die wir große Teile der Etappe gefahren sind, gilt als die älteste Ferienstrasse Deutschlands, erstmalig wird sie 1879 im Reisebericht von König Maximillian II. von Bayern erwähnt. Nicht zu unrecht, führt sie dich zumindest auf unserer heutigen Etappe durch ein Postkarten-Motiv nach dem nächsten. Dieses Alpenvorland, es trieft ja gradezu vor lauter Hübschigkeit. Was ein bisschen verrückt erscheint, wenn man as Gewetter der Regionalpartei auf Bundesebene so zuhört, ist die Infrastruktur für E-Mobilität. Und regenerative Energien. Da scheint man im Bundesland schon lange verstanden zu haben, dass Strom für Umme keine schlechte Idee ist, auf der Bundesbühne wird von den gewählten Vertretern aber anderes erzählt. Muss man nicht verstehen.
Dank der kurzen Strecke waren wir früh am Campingplatz und hatten Glück: obwohl vorne bereits das Schild „Ausgebucht“ stand, fand die Rezeption noch ein nettes Plätzchen für uns. Auto also geparkt, auf Keilen ein bisschen ins Lot gebracht, das Dachzelt aufgeklappt und alles auf Durchlüften gestellt um ein bisschen was vom Tag zu haben.

Da wir keine Ahnung hatten, was man hier so machen kann, haben wir diesen Quatsch mit dem modernen Internet (das wird sich bestimmt nie durchsetzen!) ausprobiert und ChatGPT befragt, was wir hier am besten machen sollen. Einige Vorschläge fielen zeitbedingt aus, zwei haben wir in Angriff genommen: lokale Küche ausprobieren und eine Bootsfahrt nach St. Bartholomä.
Fussläufig vom Campingplatz ist der Ort Schöngau am Königssee. Touristisch durch und durch, dafür aber akzeptable Preise. Zwei Portionen Wurstsalat und kaltes Bier sorgten für Ruhe an der Bauchfront, anschließend kauften wir Bayrischen Seenschifffahrt zwei Tickets Hin und Rück nach St. Bartholomä, einer 1697 erbauten Wallfahrtskirche. Seit 1906 verkehren Passagierboote zu diesem Wallfahrtsort, seit 1906 elektrisch. Die Kirche selber ist eher unspektakulär, liegt unterhalb der Ostwand des Watzmanns aber landschaftlich beeindruckend. Auf der Schifffahrt dorthin passiert man die Echowand, eine Felsformation mit glasklarem Echo, eindrucksvoll von der Bootscrew mit einem Trompetenspiel demonstriert.

Wie gesagt, furchtbar touristisch. Aber häufig sind diese touristischen Orte aber auch nicht zu Unrecht touristisch. Dieses ganze Fleckchen Land ist beeindruckend schön. Der Königssee, der sich nur aus Quellen und Geburgsbächen speist und meistens 100, an einigen Stellen bis zu 200 Meter tief ist, liegt in einem tektonischen Grabenbruch, ein bis zu 900 Meter dicker Gletscher hat hier im späten Jura den Fels ausgeschält und so den Grund des Königssees geschaffen. Umgeben von Watzmann und Hagengebirge erinnert das ganze mit seiner langgezogenen Form ein wenig an einen Fjord. Und wer jetzt denkt: „St. Bartholomä? Da war doch was?“ hat Recht und folgt zuviel „Travelblogger*innen“: das ist ein saubeliebter Insta-Spot. Micha und ich haben natürlich das gemacht, was man an so einem Spot macht: nen saugutes Selfie.

Nach einem Spaziergang um St. bartholomä und vor allem dem obligatorischen „Füsse ins Wasser stellen“ läuteten wir den Feierabend auf dem Campingplatz ein. Gegrilltes, Krautsalat und Kaltgetränke mit der Hoffnung, dass das mit dem Overnight für morgen funktioniert. Und einer zusätzlichen Feststellung: wir müssen den Kofferraum anders organisieren. So wie es jetzt ist, macht es nur bedingt Sinn. Aber das gehört ja zu jedem Roadtrip: erst an Tag vier oder fünf (oder so, da gibt es keine feste Regel) hat alles seinen Platz gefunden.

