Vom Königssee nach Novi Vinodolski
523km
66l getankt
Der Tag startet mit einem feuchten Zelt. In der Nacht hatte es bestialisch geregnet und wir sind um eine Lektion klüger: das Dach über der Leiter des Campwerk Adventure muss auch ohne untergebautem Vorzelt abgespannt werden. Ohne Abspannung bildet sich auf diesem nämlich eine gigantische Wasserblase. Das hben wir natürlich nur aus produkttesterischer Sicht ausprobiert und können mitteilen: das Alugestänge hält trotzdem ganz gut.
Wie es sich für einen ordentlichen, deutschen Campingplatz gehört (und der war richtig deutsch inklusive Schausteller und „fahrendes Volk“-Verbotsschildern), gab es auf Vorbestellung Brötchen, wir starteten also mit ordentlichem Frühstück in den Tag. Auch das Wetter wurde freundlich, die Sonne verjagt die letzten dunklen Wolken.

Mit ausreichend Zeitpuffer um nach Bad Reichenhall zu kommen verlassen wir den Campingplatz. Nur um nach wenigen Kilometern in einem Stau zu stehen. Nach gut 15 Minuten Stillstand erzählen uns Fussgänger am Rand, dass weiter vorne ein Unfall sei und nichts gehen würde, wahrscheinlich auch absehbar nicht. Kurze GoogleMaps-Konsultation und wir finden einen kleinen Weg über den Berg einmal um den Unfall herum auf die Ursprungsstrecke. Schnell gewendet und ab übern Berg, die freundliche Stimme im Radio ist zuversichtlich, dass wir es noch bis vor Mittagspause des Pickup-Shop schaffen. Was die freundliche Dame nicht erwähnt: 20% Steigung und Gefälle. Ist halt der Schleichweg übern Berg. So haben wir im zweiten Gang bei Vollgas und 33,48km/h ausreichend Zeit, das Almöhi-Idyll um uns herum zu genießen. Inklusive freilaufender Rinder.
Zurück auf der Ursprungsroute schlängeln wir uns durch den Stau in Gegenrichtung (denn logischerweise geht da auch nichts) und haben freie Fahrt. Bis unmittelbar vor uns ein wendendes Auto eine Rollerfahrerin von der Strasse matched. Wir sind (zwar beide Ex-, aber Fahrrad fahren verlernt man ja auch nicht) beide medizinisches Notfall-Personal, entsprechend führt kein Weg dran vorbei, als erstmal im Einsatz zu sein. Da auch noch ein Arzt zufällig anwesend war, war nicht die Hilfe von uns Beiden gefragt, ohne große Absprache blieb Micha vor Ort und ich habe mich nach Tipp einer Anwohnerin über einen Waldweg um den Unfall herum geschlichen.
Die Frau im Radio wurde zusehendst pessimistischer, ob ich vor Mittagspause noch am Pickup-Shop ankommen würde. Bei zwei grade passierten, schlimmen Unfällen (und auch grundsätzlich) ist Geduld aber der beste Berater. Eine Minute nach Beginn der Mittagspause schlage ich am PickUp-Store auf, erwische den Betreiber noch, der „ausnahmsweise“ noch kurz das Paket (Overnight ftw!!) aushändigt. Nicht ihne den Hinweis, das ich nächstes Mal früher kommen solle.

Sauglücklich, weil die Teilefrage somit schonmal safe ist, versuche ich Micha zu erreichen. Die Patientin ist mittlerweile mit großem Einsatz versorgt, sicherheitshalber kam sogar ein Rettungshubschrauber, und Micha wird von einem DRK-Kollegen in meine Richtung gefahren. Denn dank absurdem Rückstau hätte ich ewig bis zu ihm gebraucht. Fast ohne Zeitverlust können wir also unsere Tagesetappe starten.
Der Plan für den Tag: raus aus dem deutschsprachigen Raum und Strecke machen so lange das Radlager hält. Die deutsch-österreichische Grenze ist ruckizucki erreicht, sie versteckt sich zwischen Bayrisch Gmain und Großgmain. Von dort ziehen wir zügig Richtung Autobahn, nach wie vor nicht die schönste Art, zu reisen aber die schnellste. Vorher natürlich noch das obligatorische Pickerl in die Scheibe geklebt und Online schon mal die Maut für Slowenien gebucht.

Über die Tauernautobahn mit zugehörigem Tunnel ziehen wir entspannt durch Richtung Villach, bezahlen unseren Obolus für den 7864 Meter langen Karawankentunnel und sind in Slowenien. Obwohl mir Slowenien bei einem Urlaub mit Katrin und lieben Freund:innen 2020 bestens gefallen hat, scheppern wir auf der Autobahn Richtung Süden. Heute ist Strecke machen angesagt und wir wollen in Süden des Balkans. Das Radlager quietscht unverändert vor sich hin, es scheint nicht besser oder schlechter zu werden. Für den Moment.
Während wir fahren, diskutieren wir die Möglichkeiten durch. Übrigens mit einer seltenen Konstellation für mich: ich sitze auf dem Beifahrersitz, Micha fährt. Völlig neue Eindrücke und Möglichkeiten für mich, ich erledige nebenbei Kommunikation, mache ein paar SocialMedia-Posts und erledige Bankgeschäfte, gucke in der Gegend herum und lasse meine Hand im Fahrtwind surfen. Das gefällt mir.

Trotzdem gab es ja noch das Problem mit dem Radlager, jedesmal wenn wir die Musik leiser machten, rief sich diese Fragestellung ins Gedächtnis zurück. Wir halten am Plan, eine Wekstatt in nicht so touristisch überlaufenem Gebiet zu finden fest, außerdem durchforsten wir unser Kontaktlisten auf der Suche nach Menschen, die wir kennen, die jemanden kennen könnten, der oder die uns auf unserer Strecke mit Werkstattkontakten helfen könnten.
Bei Postojna biegen wir ab Richtung Kroatien. Postojna selbst habe ich bei der Slowenien-Tour 2020 (mit dem Daily und deswegen hier nicht berichtet) besucht, dort befindet sich ein riesiges Tropfsteinhöhlensystem. Mit dazu gehört die Felsenburg Predjama, diese besuchten wir 2018 im Rahmen der 20Nations-Rallye.

In einem Mix aus Autobahn und Motorstrassen ziehen wir durch bis hinter Rijeka, in Sichtweite der Insel Krk finden wir gegen 18:00 Uhr einen Campingplatz. Zwar ist dieser eine eher lieblose Ansammlung von Stellplätzen, teils zwischen Bäumen, teils am Felsenstrand. Wir wollen erst in den Schatten der Bäume, ein dort campendes Pärchen macht uns auf eine krawallige Asi-Familie in direkter Nachbarschaft aufmerksam, da haben wir keinen Bock drauf und ziehen um auf einen Stellplatz mit Meerblick. Es sind am frühen Abend immer noch deutlich über 30 Grad und das erste, was wir machen nachdem wir das Zelt aufgebaut haben, ist in die Adria zu springen. Die Badewannentemperatur hat. Anschließend schmeisst uns der Chef de cuisine ein paar Lappen auf den Grill. Abendessen with a view.

Während wir spülen fängt es hart an zu winden. Richtig hart. Alle Wetter-Apps wissen davon nichts, die Realität sagt pustet hier aber lustig die Markisen der Weißware weg. Gut, dass wir das Dach abgespannt haben. Denken wir. Obwohl ich den Tag für beendet erklärt habe und diesen Artikel schreiben will, wird der Wind immer stärker und reisst extrem am Zelt. Alle Abspannungen helfen nicht, mittlerweile wackelt in den Windböen der ganze 145.
Das wird so keine ruhige Nacht, außerdem habe ich Zweifel an der Stabilität der Alustangen bei den starken Böen. In einer Windpause packen wir das Dachzelt notdürftig zusammen und fahren unter die Bäume in den Windschatten eines umgebauten Passagierbusses. Und neben die Asis. Und die sind ein Erlebnis für sich: uraltes Ehepaar mit Kindern im Teenie-Alter. Durch die nervigste Erfindung der 2020er-Jahre, dem Bluetooth-Lautsprecher (gibt es eigentlich Jammer, mit denen man diese Teile stören kann?) pumpen die Alten schlimmsten Gangsterrap. Nonstop und schamlos laut. Um inzwischen 23:00 Uhr. Ist irgendwie ein Bild für die Götter: Wohnanhänger, Markise, das ganze Camping-Spießer-Programm inklusive dezenter Beleuchtung mit entsprechender Schubladen-Klientel auf den Campinghockern und nonstop ballert „Ich stecke meinen Schwanz in dein Gesicht“-Rap. Die Frage des Abends für mich: wie rebellierst du gegen solche Eltern?

Auf der Suche nach anderen Gedanken zum Start in die Traumwelt machen Micha und ich uns jetzt im Windschatten der Bäume untermalt vom Rauschen der Jadranska Magistrala und dem ständigen Gebumse aus der Asi-Boombox auf in die Nacht, morgen werden wir, wenn alles klappt, einen Schlenker durch Bosnien-Herzegowina machen.
