Tag 5 – vom Umgang mit Hitze

Von Camping Baćinska jezera zum Camp Krupac

216km

Der Tag heute startet entspannt. Sowohl Micha als auch ich haben hervorragend geschlafen und die um uns stehenden Bäume geben noch ein paar Minuten länger Schatten nach Sonnenaufgang. Trotzdem ist es gegen acht Uhr zu warm im Zelt, wir stehen auf und starten den Tag mit Wäsche zusammen legen. Wir hatten gestern noch eine Maschine angeschmissen.

Uneiliges Frühstück, dann packen wir alles zusammen. Duschen hätten wir uns sparen können, wir sind innerhalb kürzester Zeit wieder komplett durchgeschwitzt. Die kurze Zeit auf dem Platz nutzt die Mückenarmada für weiteres Blutabzapfen ausgiebig. Zeit zu fahren.

Wir fahren von Ploče Richtung Grenzübergang bei Metkovič. Die, zu dem Zeitpunkt noch nicht in Gedanken gefasste Idee lautet: wenn es bullenheiß ist, braucht es Wasser zum Abkzühlen. Der Sprung in den See gestern Abend war eine Reanimationsmaßnahme erster Güte. Das scheint eine charmante Variante zu sein: tagsüber kaputt gehen, Abends in ein kühles Gewässer springen. Unser Ziel für die nächsten Tage ist Montenegro, direkter Weg führt uns durch Bosnien-Herzegowina. Als Anpeilpunkt haben wir uns Nikšic, die mit knapp 57.000 Einwohner*innen zweitgrößte Stadt Montenegros rausgesucht. Die Stadt ist mit Stahlwerk, Bauxit Mine und der Trebjesa Brauerei einer der wichtigsten Wirtschaftsstandorte Montenegros, uns interessieren aber vor allem die beiden Seen Jezero Krupac und Slansko Jezero, beide das künstliche Ergebnis das Baus eines Wasserkraftwerk. Wir hoffen trotzdem auf schöne Landschaft und eine Möglichkeit zu Zelten und ins Wasser zu springen.

Die Grenze bei Metkovič passieren wir sehr schnell, irgendwie hat es ja etwas touristisch spannendes so eine Grenze zu überfahren, nichts desto trotz ist die Absurdität von Grenzen hier deutlich sichtbar: die Grenze verläuft mit durch die Stadt, es ist greifbar, wie irgendwann irgendwo irgendwelche Männer einen Strich auf einer Landkarte gemacht haben und der ging halt leider mitten durch den Ort. Nachbar links war ab da kroatisch, Nachbarin links Staatsbürgerin von Bosnien Herzegowina. Es ist absurd. Umso absurder, weil für diese Linie ein Haufen Menschen sterben musste. Und sich Ethnien halt nicht an Linien auf Landkarten halten. Deutlich zu sehen an den kroatischen Fahnen, die kilometerweit ins Landesinnere entlang der Strasse geflaggt sind.

Apropos Straße: die ist mit Linienübertritt besoffen. Die Oberfläche taumelt von links nach rechts, manchmal beides, die stark verrosteten Leitplanken wanken gegenläufig. Außerdem ist die Strasse mal breit genug für gut laufenden Verkehr, mal passt nur ein Auto zwischen den Büschen durch. In einem Talabschnitt kurz vor Bijeljani kann man relativ gut fahren, wir fahren entspannt und lassen die lokalen Rennfahrer*innen an uns vorbeiziehen. Deswegen ahnen wir auch nichts Böses als uns die Rennleitung plötzlich vors Auto springt und rauszieht. Der Tonfall ist freundlich und spaßig, „haha, schönes Auto, Montenegro?“ bis auf einem Notizblock erklärt wird, wir seien in einer 40er-Zone unterwegs. Die gibt es in BiH innerorts. Die letzten Häuser liegen seit einer ganzen Weile hinter uns. Wir seien aber 66km/h gefahren (das kommt sogar hin auch wenn weder Laserpistole noch Radargerät zu sehen sind) und das mache *krickelkrackel-Zahl* konvertible Mark. Das sei aber *krickelkrackel-Zahl* schnell durchgestrichen alles vom Tisch, 50€ würde das jetzt kosten. Um 50€ ärmer und ohne Quittung machen wir uns weiter. Und werden laufend überholt. Die kroatischen Fahnen verschwinden irgendwann und werden durch serbische Fahnen ersetzt. In diesem Teil sieht man häufig „Z“-Graffiti, wir vermuten Unterstützung für Putins Angriffkrieg gegen die Ukraine. Die Gräben, die Jugoslawien gerissen hat, scheinen die Gesellschaften der einzelnen Nationalstaaten immer noch zu entzweien.

Die bosnisch-montenegrinische Grenze nimmt wieder etwas Zeit in Anspruch, aber auch hier geht es verhältnismäßig flott voran. Außerdem kann man hier eine wahrscheinlich nicht im Handbuch beschriebene grenzüberschreitende Amtshilfe beobachten: das Grenzpersonal beider Länder sitzt in einem geneinsamen aber durch eine Schiebeglasscheibe getrennten Häuschen. Jeder Teil hat seine eigene Klimaanlage auf dem Dach. Der bosnische Grenzer nimmt die Ausweisdokumente entgegen, scannt sie, ruft der Kollegin in Montenegro durch die Scheibe die relevanten Infos zu, so kann sie schon vorarbeiten, dann wirft er anschließend die Ausweise durch die Schiebeglasscheibe über die Grenze, sie werden wieder gescannt und wieder zurückgegeben. Hat was von DriveIn: erstes Fenster bezahlen, zweites Essen bekommen. Und „Hallo“ Montenegro.

Die Straße wird wieder besser, das Fahren deutlich entspannter. Auch scheint hier nicht so viel Müll links und rechts neben der Straße zu liegen, etliche potentielle Fotostops haben wir wegen illegaler Müllkippen geskippt. Von Niksicaus, wo wir uns mit frischem Bargeld versorgt haben, fahren wir zu einem Restaurant mit Campingplatz. Dieser entpuppt sich als der Parkplatz des Restaurant, grundsätzlich okay, aber eigentlich nur, wenn du nichts dafür bezahlen müsstest. Außerdem scheint sich niemand für uns zu interessieren. Alles nicht sehr einladend, wir fahren über die gut zwei Kilometer lange Schotterpiste zurück, einmal halb um den See herum und versuchen das andere Autocamp. Camp Krupac ist nett, der Betreiber kommt sofort und weist uns ein, es gibt die Möglichkeit für Abendessen und Frühstück und man kann in einem kleinem Wäldchen mit Blick auf den See chillen. Und in diesen springen.

Also das Lager aufgebaut, und ab in den See. Anschließend schauen wir der Sonne beim Sinken zu und genießen die stete Brise, die über den See weht. Und die hat Wert: stete Brise bedeutet die Hitze steht nicht so sehr, hoffentlich auch heute Nacht im Zelt nicht, und stete Brise bedeutet vor allem, dass die Mücken das machen, was Mücken so machen, wenn sie uns Menschen nicht auf den Sack gehen.

Das Camp hat sogar so etwas wie WiFi, entsprechend können wir ein bisschen Internet und so machen, diesen Blog schreiben. Montenegro (und auch Albanien) gehören noch nicht der EU an, entsprechend gibt es hier kein EU-Roaming. Es könnte also sein, dass die nächsten Artikel nicht immer regelmäßig kommen.

Hinterlasse einen Kommentar