Tag 7 – es bleibt dabei: am Wasser ist es besser

Vom 3Canyons Rafting Camp zum Camping Seoce-Budva

198 Km

29l getankt

Nach einem partybedingten erschwerten Start in die Nacht, haben Micha und ich ganz wundervoll geschlafen. Ich erwähnte es bereits: tragbare Bluetooth-Lautsprecher sind eine Ausgeburt der Hölle. Irgendwann dämmerten wir zu den montenegrinischen Charts weg, irgendwann war auch dort der Alkohol alle und die Augen schwer und so konnten wir den Rest der Nacht in fast vollständiger Dunkelheit untermalt vom Rauschen der Flüsse um uns verschlafen.

Am Morgen kitzelte uns die Sonne wach, ich hielt es im wärmer werdenden Zelt nur bis sieben aus, Micha tauchte im Schatten des Restaurants von 3Canyons Rafting gegen 08:15 auf. Frühstück war für neun Uhr angekündigt, Kaffee der Tote zum Leben erweckt gab es auch sehr prompt, das Frühstück kam etwas später. Dafür deftig und viel. Man wollte uns ganz offenbar für den Tag stärken.

Gegen 10:30 wurde zum Aufbruch geblasen. Schwimmhosen an, wir entschieden uns wegen Sonne zusätzlich für T-Shirts, dann bekamen wir Neoprenschuhe, Schwimmwesten und Helme. Und lernten unsere Mitfahrenden kennen: zwei Russinen mit Freund aus Mannheim, drei Montenegrinner:innen, einmal männlich, zweimal weiblich so 55+ und der Cousin des Betreibers, der locker 70 war. Spannende Kombi. Aber da wir nichts vorgebucht sondern spontan dort aufgeschlagen waren, beschwerten wir uns nicht. Gab ja auch keinen Grund.

Mit einem 380.000km alten Defender mit dem Boot auf dem Dach ging es los. Der Besitzer des Camps, unser Guide und wir neun. Alle in einen Geländewagen gequetscht. Kurzer Irritationsmoment, als wir mit Vollgas an der Schlange vor der Grenze zu Bosnien-Herzegowina vorbeiballern und mit freundlichem Winken am Schlagbaum vorbei über die Grenze fahren. Direkt dahinter startet ein kleiner Bergweg, der direkt wieder auf montenegrinisches Staatsgebiet führt. Also Ein- und Ausreise innerhalb von weniger als zwei Minuten, den erneuten Länderpunkt Bosnien nehmen wir aber mit.

Etwas mehr als eine halbe Stunde fahren wir recht sportlich diesen kleinen Bergweg die Tara-Schlucht entlang. Immer mal wieder kommen uns andere Rafting-Anbieter entgegen. Die schiere Menge an Anbietern auf diesem Stück hat uns bereits vermuten lassen, dass wir den Tag heute auf dem Wasser nicht alleine verbringen werden. Getäuscht haben wir uns nicht. Und auch unsere Liebe zu Bluetooth-Lautsprechern ist nicht gewachsen.

Die Tara ist ein Zufluss der Drina, genau unterhalb unseres Camps vereinigt sie sich mit der kleineren Piva zu eben jener. Im unteren Flusslauf hat sie einen gewaltigen Canyon ins Gestein gegraben, eine der längsten und tiefsten Schluchten Europas und spielt in der Topliste der Schluchten der Welt ganz oben mit. Sie ist 78km lang und stellenweise bis zu 1300m tief und gehört gemeinsam mit dem Durmitor-Nationalpark zum UNESCO-Welterbe. Auf dem Stück, das wir befahren werden, liegt das durchschnittliche Gefàlle bei 3,6m/km, in Kombination mit einigen Kehren und dicken Felsbrocken macht das ganz netes Wildwasser (erfahrene Wildwasserfahrer:innen werden lächeln, für uns reicht das als sicheres Abenteuer).

Was uns als allererstes auffällt, ist dass das Wasser unglaublich klar ist. Und kalt. Richtig kalt. Wir ziehen das Boot ins Wasser, an allen anderen Gruppen am Einstieg vorbei, unser Guide hat auf die anscheinend nicht richtig viel Bock. Es gibt eine ultrakurze Einweisung „Paddel so, Füsse da, nicht rausfallen“ und schon geht es los. Wir paddeln in die Stömung und können uns ein kurzes Stück treiben lassen. Die ersten Stromschnellen sind schnell durchfahren, es wackelt und spritzt und zumindest bei mir kommt die Erkenntnis auf: das wird nix gefährliches. Ganz im Gegenteil, es wird eine Mischung aus Wildwasserbahn und Landschaft gucken. Und genau so läuft es die nächsten dreieinhalb Stunden. Zwischen durch gibt es zwei Stops, einen zum Schwimmen für die Mutigen (also uns, aber es ist einfach ultrakalt). Der zweite an einem sehr schönen Wasserfall. An beiden Stopps knubbeln sich die Boote, am Wasserfall liegen locker 10-15 Boote. Mit Menschen, die die Raftingtour wie eine Planwagenfahrt behandeln: Bier, laute Musik, Krawall und Remmidemmi. Keine Ahnung, warum man sich in diese wunderschöne Natur begibt und dann Halligalli macht. Am Ufer gibt es immer wieder Verkaufsstände für flüssigen Nachschub.

Unser Guide hat wirklich keinen Bock dadrauf, wann immer wir in so einen Knubbel kommen, lässt er uns ordentlich paddeln und wir überholen jedes einzelne Boot, notfalls mit freundlichen Schubsern für freie Bahn. So haben wir das große Glück, die meiste Zeit in Ruhe genießen zu können. Die Stimmung an Bord ist ganz prächtig, auch wenn Micha und ich wenig bis nichts davon verstehen. Macht aber nichts. Es ist super. Wir werden nass, abgekühlt, arbeiten ein bisschen (aber nicht zu viel), und können diese beeindruckende Schlucht in uns einsaugen.

Gegen 14:00 sind wir zurück am Camp, duschen, packen unsere Sachen soweit nicht schon morgens geschehen und gehen zum Lunch. Es gibt eine Rinderbrühe mit Gemüseeinlage vorab, als Hauptspeise gibt es gegrillte Forelle mit Knoblauchkartoffeln und Salat. Wir sind ordentlich satt. Und, normalerweise rede ich hier im Blog ja nicht über Preise, aber in diesem Fall muss man das einfach erwähnen: mehrere Getränke über Abend und Tag verteilt kommen auf 8€, das Abendessen 5€/Person und die Raftingtour inklusive Defender-Shuttle, Frühstück und Lunch auf 55€/Person. Das Camping kostet nix. Was unbezahlbar ist: der fehlende Ballermann-Charakter, den wir bei den anderen, deutlich teureren Rafting-Anbietern beobachten konnten. 3 Canyons Rafting Camp ist neu am Markt und definitiv eine Empfehlung wert.

Mit vollem Bauch hauen wir uns wieder auf die Strasse und merken schnell den Unterschied zwischen Wasser und Asphalt. War es, zugegebenermaßen von den Stromschnellen gut angefeuchtet, auf dem Fluss völlig gut zu ertragen (und dank tiefer Schlucht auch häufig schattig), so klettert das Thermometer auf der Strasse schnell auf knapp unter 40 Grad.

Wir fahren auf der E762, die kennen wir schon, Richtung Niksic. Wieder endlos viele Tunnel, wieder der ständig Steinschlag. Aufmerksames Fahren ist gefragt. Hinter Niksic wird es eintönig. Zwar ist die Landschaft immer noch schön, geschwungene Berge umgeben von Wiesen und Wäldern, immer wieder durchbrechen felsige Details die botanische Hegemonie. Man merkt, wie die Hitze und Trockenheit der Landschaft zugesetzt hat. Zusätzlich zur Monotonie der Umgebung erschweren unzählige Geschwindigkeitsbegrenzung auf bis 40km/h runter zügiges Vorankommen. Also für uns. Die Locals ballern, als wenn es kein Morgen gäbe. Überholt wird dauernd, auch in Kurven und vor Bergkuppen. Dafür warnt man sich solidarisch vor der Rennleitung via Lichthupe, winkt sich vorbei wenn es geht und jede Gegenseitige Aufmerksamkeit wird per Handzeichen oder Hupe bedankt.

Wir fahren Richtung Meer, die Bucht von Kotor ist unser nächstes Ziel. Touristisches Highlight von Montenegro, Kreuzfahrtziel. Eigentlich nicht unser Ding, die Altstadt von Kotor soll aber nett sein. Und außerdem ist Kotor die Stadt der Katzen, Micha wäre also nicht dran vorbei zu kriegen,

Kotor ist eine alte Handels- und Hafenstadt, gehört mit ihrer Lage und ihren kulturhistorischen Bauwerken zum UNESCO-Weltkulturerbe. Bereits im 3. Jahrhundert vor Christus bot der Naturhafen ersten illyrischen Siedlungen Schutz, später kamen Griechen und Römer. Viel bewegte Geschichte später war Kotor so mächtig, dass es den Venezianern und ihrem Handel gefährlich wurde, ergo machten diese 1369 die Stadt platt. Kotor war mal selbstständig, mal unter venezianischem Schutz, gehörte mal zu Ungarn, mal zu Österreich, später zu Jugoslawien in all seinen Ausprägungen. Am 1. Februar hissten Matrosen der dort stationierten österreichischen Flotte an ihren Schiffen rote Flaggen, entwaffneten die Offiziere und bildeten Soldatenräte. Wie überall wirden diese Aufstände niedergeschlagen, die Anführer hingerichtet. Und das alles sind nur die subjektiv wahrgenommenen Highlights der Historie Kotors.

Wir nähern uns Kotor über die E80 und E64 und umrunden die Bucht nördlich. Und tauchen nach einer Woche Menschen-Detox, die letzten großen Ansammlungen hatten wir am Köngssee, mit Arschbombe in die völlige Tourismusexplosion. Die Strasse ist voller Autos, in langsamem Tempo schleichen wir an völlig überfüllten Stränden entlang und „bewundern“ eine völlig vollgeballerte Küstenlinie. In Kotor selber ist völliges Verkehrschaos, wie durch ein Wunder finden wir einen bewachten und bezahlbaren Parkplatz fussläufig zur Altstadt.

Diese betreten wir durch das 1470 gebaute Gurdic Tor. Wir schlendern durch die engen Gassen und stolpern auch bald über die heimlichen Herscher:innen von Kotor: Katzen. Sie leben in der ganzen Stadt, werden gefüttert und medizinisch versorgt (und vor allem sterilisiert). In gut zwei Stunden haben wir einen Eindruck der Altstadt inklusive dem teuersten (aber auch ziemlich leckeren) Eis unseres Lebens. Wir gehen zurück zum Auto und fahren aus der Stadt raus. Wir wollen entlang der Küstenlinie Richtung Süden und haben einen kleinen Campingplatz aufgetan. Wir hoffen, dort noch aufgenommen zu werden, es ist inzwischen spät geworden.

Sie nehmen uns auf, eigentlich sind sie voll, aber einen Stellplatz am Rand auf einem Schotterplatz haben sie noch für uns. Finale Freeride Adventure Camp-Feeling kommt auf, da haben Micha und ich gemeinsam mit Katrin auf unserer Lost in the Alps Tour 2020 mehrere Tage auf dem Parkplatz neben dem Pool gecampt. Der Campingplatz auf dem wir sind ist der feuchte Traum eines jeden Vanlifers, Lichterketten, loungige Musik, Hängematten und Liegestühle mit Blick auf die Bucht. Und das heranrollende Gewitter. Und damit sich der Kreis des Tages schliesst, nötigen Menschen ihren ganz besonderen Musikgeschmack ihrer Umwelt auf. Ich spiele mal wieder mit dem Gedanken, die neuesten Grindcore-Album vorzustellen, würde diese Musik aber grade selber kaum ertragen. Das Gewitter erledigt den Rest, fettes Dinnergrollen ist einfach lauter als Bluetooth-Lautsprecher. Später gesellt sich noch schwerer Regen und heftiger Wind dazu. Das wird so oder so eine unruhige Nacht.

Randinfo: zu meinen Gedanken über unfertige Häuser in Kroatien hat Martin valide Infos beigesteuert: in Kroatien wird die Steuer auf den Hausbau erst fällig, wenn das Haus fertig ist. Und das dauert dann halt ewig. Und auf einmal scheint eine gemachte Fassade nicht mehr ganz so wichtig.

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