Vom Camping Seoce-Budva zum Butjina Leke Gerla
154km
Der Tag startet mit starkem Sonnenschein. Es ist innerhalb kürzester Zeit superwarm. Trotzdem schlafe vor allem ich relativ lang. Wir packen zusammen, frühstücken noch etwas und machen uns dann auf dem Weg. Heute geht es mach Albanien und wir sind beide etwas aufgeregt. Albanien ist, so zumindest unsere Erfahrungen der letzten Besuche, noch einmal eine andere Hausnummer. Ursprünglicher, wilde Straßenarchitektur, noch wildere Autofahrer:innen. Vor allem ist Albanien deswegen aber ein Land, in dem man ganze Tage auf der Straße verbringt ohne dass man Strecke macht.

Strecke machen wir aber schon ab Start nicht. Die gesamte Küstenstrasse E65/80 entlang ist Stau. So richtiger Stau. Mit langem Stehen. Wir fliessen dahin, der E-Lüfter stellt seine Arbeit garnicht mehr ein. Wir merken uns die Zeit nicht, kurz vor Sutomore geht der Stau weiter gradeaus und wir biegen ab auf die E80 und fahren nordwestlich um den Skadarsko Jezero herum.
Hinter Bozaj wartet die montenegrinisch-albanische Grenze auf uns: See zur Rechten, Fels zur linken, dazwischen Asphalt und über allem die glühende Sonne. Wir haben – für das volle Erlebnis – unser Ankommen an der Grenze natürlich auf die Mittagszeit gelegt. Während wir warten, wird es 46° warm. Der Schweiß läuft uns runter, als würden wir in der Sauna sitzen. Nach 40 Minuten reisen wir aus Montenegro aus, sehr intensive Blicke in Ausweise und Fahrzeugpapiere und ins Auto ermöglichen das. Anschließend stehen wir wieder Schlange, eine Grenzhäuschen-Kooperation wie zwischen Bosnien-Herzegowina und Montenegro gibt es hier nicht. Erneut intensive Blicke in die Ausweisdokumente, diesmal müssen wir auch die Sonnenbrille absetzen, ebenfalls intensive Blicke in die Fahrzeugpapiere und nach über 1,5 Stunden haben wir diese fiktive Linie überschritten. Ein bisschen nachdenklich werden wir dabei schon: was für ein Segen, grundsätzlich erst einmal in einem politischen Zusammenhang zu leben, in dem Reisefreiheit relativ weiträumig möglich ist, was für ein Segen, einen Pass zu haben, der auch über Schengen hinaus superviel Bewegungsfreiheit bedeutet und was für ein Segen, die wirtschaftliche Freiheit zu haben, das auch nutzen zu können. Und erst Recht: Grenzen sind saunerviger Unfug.

In Albanien folgen wir ab der Grenze der E762 ein kurzes Stück, Jeran biegen wir links auf eine unbezeichnete Strasse ab und befinden uns sofort in albanischen Verhältnissen: winzige Straße, tiefe Schlaglöcher (also so tief, das die Menschen vor Ort Bäume da rein stecken damit man nicht reinfährt/-fällt), Fahrbahnoberflächen zwischen nicht vorhanden und supergut innerhalb weniger hundert Meter und bis über die Straßendecke wachsende Vegetation. Wir kommen mit 30-40km/h voran, mehr ist (für uns) nicht drin. Über die SH21 fahren wir Richtung Norden, unser Ziel ist der Nationalpark unterhalb des fast 2700m hohen Jezerca. Um Boga ändert sich die Landschaft von weitläufig und hügelig zu felsiger Gebirgslandschaft mit dichtem Baumbestand. Es kühlt merklich ab, der Schatten der Bäume ist wohltuend.

Vor uns liegt der Thore-Pass. Die 1936 gebaute Passstraße kann in der Regel nur zwischen Mai und Oktober befahren werden. Die 56 km mit bis 15% Steigung sind erst 2021 vollständig asphaltiert worden. Hinzu kommen harte Turns, eine sehr enge Fahrbahn, plötzliche Drops und sehr steile Passagen. Das ganze bei regelmäßigem Gegenverkehr. Fast nicht erwähnenswert weil Albanien-obligat: Leitplanken oder ähnliche Fahrbahnbegrenzungen sind nur spärlich vorhanden und Anhaltemöglichkeiten gibt es nur in überschaubarer Menge und meistens sind sie gleichzeitig auch die einzige Ausweichsmöglichkeit. Entsprechend wenig Fotos gibt es von dieser Passquerung.

Das Fahren ist anspruchsvoll bis anstrengend, wird aber mit unglaublichen Ausblicken belohnt. Die Abfahrt ist ähnlich, dank langer sehr moderat abfallender Graden muss ich kaum Bremsen. Die Höhenmeter fallen vor allem in den Serpentinen an, trotz Höherlegung kommt der Volvo hier ein, zwei Mal an seine Abmessungsgrenzen.
Hinter dem Pass liegt der Ort Theth. Er ist eine Ansammlung von Häusern entlang des gleichnamigen Flusses. Wir parken relativ am Anfang und wandern zu einem Wasserfall. Sicher, ich hab in Norwegen schon spektakulärere Wasserfälle gesehen, hier kommt er uns grade recht. In seiner Nähe ist es deutlich kühler, das Wasser ist schmerzhaft kalt, trotzdem stecken wir unsere Beine hinein und waschen uns mit dem kalten Wasser ab. Und füllen unsere Flaschen auf, das Quellwasser in dieser Region ist trinkbarer als das Leitungswasser. Wir sitzen noch eine ganze Zeit am Wasserfall und hängen unseren Gedanken nach.

Zurück am Auto entdecken wir in unmittelbarer Nähe Bujtina Leke Gerla, ein familiengeführtes Guesthouse mit Campingmöglichkeit. Wir schlagen unser Lager auf, genießen die mit sinkender Sonne sich abkühlende Bergluft und kochen uns Nudeln mit Pecorino-Tomatensoße. Und holen Infos ein, ob wir die „normale“ Straße aus dem Tal heraus mit unserem Auto fahren können oder ob wir über den Thore-Pass zurück müssen.
