Von Butjine Leke Gerla nach
355km
Tag 9 startet ganz wundervoll. Nach einer Nacht mit frischer Luft und albanischem Sternenhimmel bekommen wir ein ausuferndes Frühstück. Zwar haben wir eigenes Frühstück mit dabei, aber wenn hier ein eigenes Frühstück angeboten wird, dann lohnt sich das eigentlich bisher immer. Es gibt Marmeladen, weissen Käse, Gemüse und Obst, Weissbrot und Pfannkuchen und Rührei mit Paprika und Süßkartoffeln. Kleine Randnotiz: als wir gestern Abend fragten, wo wir denn unser Nudelgeschirr abwaschen könnten, wurde uns dieses einfach gegen unseren Widerstand abgenommen und schnell in der Küche gespült.
Wir machen uns wieder auf den Weg. Ursprünglich wollten wir die laut GoogleMaps 5,5 Stunden am Fluss entlang fahren. Wir fragten gestern noch einmal nach, ob das mit unserem Auto möglich sei und wurden dafür heftig ausgelacht. In Folge checkten wir die wenigen Fotos, die wir auf die schnelle zu dieser Straße finden konnten und entschieden uns bereits am Vorabend dazu, sie nicht zu nehmen. Es handelt sich um eine ausgewaschene Gravelroad, viele große Steine und somit nichts, was man mit einem Auto, das man gerne hat, befährt. Es sei denn, es wurde genau dafür gebaut. Außerdem haben wir nur noch einen halben Tank Benzin, der Reservekanister ist leer und somit haben wir nicht genug Saft für Fehler.
Also zurück über den Pass. Wieder wundervolle Landschaft, wieder anspruchvollstes Fahren. Mit jeden Höhenmeter wird es wärmer bis sich das Thermometer irgendwann bei 40° festnagelt. Wir fahren bis Shkodra, der nächstgelegenen Stadt. Hier haben Katrin und ich während der 20-Nations-Rallye halt gemacht und mit Camping Legjenda einen ganz wundervollen Ort mit wundervollen, hilfsbereiten Menschen gefunden und eine hervorragende Party gefeiert.
Das ist jedoch nicht unser Ziel, wir kämpfen uns durch den dichten und chaotischen Stadtverkehr und finden an der Ebu Bekr Moschee einen bewachten Parkplatz auf dem wir den 145 millimetergenau zwischen die anderen Autos quetschen. Von hier aus ist die Fussgängerzone fußläufig, wir entkommen dem Motorenlärm in eine mit niedrigem Altbaubestand und wunderschön angelegte Einkaufsstraße. Was uns erst auf den zweiten Blick auffällt: keine Coorporate Identy-Läden, keine großen (oder uns bekannten) Ketten, es sieht für uns alles nach lokalem Einzelhandel aus. Wir schlendern einmal durch die zugegeben sehr kleine Fussgängerzone und setzen uns im Schatten der Häuser auf einen Kaffee in eine Bar und machen uns an den Schlachtplan für den Tag.
Aus irgendeinem, mittlerweile nicht mehr nachvollziehbarem Grund entscheiden wir uns, erst einmal Richtung Durrës zu fahren. Und beginnen diese Tour mit einem Stau. Nichts geht mehr, wir gehen im Auto kaputt, die Stimmung ist eher am Rand Galgenhumor. Micha findet eine Umfahrung die zwar nicht schneller as der Stau sein wird, ein bewegtes Auto bedeutet aber Fahrtwind. Wir hauen uns also wieder auf albanische Nebenstrassen und fahren über Troshan, Spiten, Laç und Borizanê neben dem Stau her. Kirz vor der Hauptstadt Tirana biegen wir ab Richtung Durrës. Der Verkehr ist fließend aber anstrengend, die Strasse gut ausgebaut und teilweise mehrspurig. In Durrës und nachfolgend entlang der Küste finden wir einen an Hässlichkeit kaum zu überbietenden Betondschungel vor. Es ist heiß, Beton zu allen sein, es ist so dreckig und vom Meer sehen wir nichts.
Warum genau wir hier sind, das erschließt sich uns nicht. Wir wissen nur eins: wir müssen hier zügig weg. Wir klinken uns wieder auf der Schnellstraße SH4 ein, diese wird im Verlauf zu einer gut ausgebauten Autobahn. Entgegen der üblichen albanischen Durchschnittsgeschwindigkeit von 1km/min perzen wir jetzt mit 100km/h durch das Land und machen ordentlich Strecke. Der Wind wehr, zwar gefühlte 80 Grad warm, ins Auto und uns fällt eine weitere Randnotiz auf: Albanien scheint sich Mühe zu geben, das mit dem Müll in den Griff zu bekommen. Während bei unseren zurückliegenden Trips durch dieses (und andere Balkanländer) Land sich der Müll überall stapelte, scheint dies weniger geworden zu sein. Klar, immer mal wieder zieht derber Gestank ins Auto, sicheres Zeichen für Gegammel am Straßenrand, hier und da entdecken wir auch die landesübliche Recycling-Variante (wilde Müllkippen in stinkende Luft mittels Hitze zu verwandeln) aber vor allem sehen wir sehr regelmäßig sowohl in den Städten als auch auf dem Land große Müllcontainer die auch genutzt werden (nur an der Zielgenauigkeit muss noch gearbeitet werden). Das tut dem Land gut, wir erinnern uns noch an komplett zugemüllte Landstriche und wenn man mal eine schöne Aussicht fotografierte, dann geschah dies sehr wahrscheinlich von einem Müllhaufen aus.
Wir fahren bis kurz vor Vlora. In der Gegend sind zwei POIs unseres Albanientrips, die Stadt Gjirokaster und die SH8 bis Griechenland. Zuvor brauchen wir aber einen Platz für die Nacht, alle Campingplätze bis Vlora schieden auf Grund ihrer Lieblosigkeit und vor allem auf autarke Weißware ausgerichteten Beschaffenheit aus. Micha findet das Eco Camping Valona, einen unstrukturierten Campingplatz unter Pinien. Viel Schatten, das Meer (leider mit absurdem Touri-Strand) in der Nähe klingt erstmal gut. Als wir ankommen, werden wir freundlich begrüßt, finden einen guten Stellplatz und um uns herum ist trotz vieler anderer Camper:innen flächendeckend Ruhe. Es gibt eine Bar, Duschen in Holzverschlägen mit kaltem Wasser und einen offenen Küchenbereich. Alles sehr rudimentär, dafür irgendwie liebevoll gebaut. Wir klappen unser Zelt auf und schmeissen unser letztes Grillgut auf den Grill und denken darüber nach, morgen einen Day off zu nehmen. Wir könnten mal Abwechslung zur Hitze der Strasse gebrauchen und auch der Volvo müsste mal in Ruhe inspiziert werden.
Eines hat der Campingplatz nicht: Internet. Deswegen gibt es nur diesen Text ohne Bilder.
