Tag 10 – Auszeit

Nirgendwo hin

0 km

Tag 10 startet ungewöhnlich. Nicht ungewöhnlich ist, dass es sehr warm ist. Ebenfalls nicht ungewöhnlich ist, dass wir einen Kaffee kochen und in Ruhe wach werden. Ungewöhnlich ist, dass wir anschließend nicht das Zelt zusammen klappen sondern einfach sitzen bleiben.

Wir haben uns dafür entschieden, heute nicht weiter zu fahren. Der Platz ist nett, die Nacht war ruhig und wir brauchen mal nen DayOff.

Ich checke den Volvo einmal durch, kontrolliere alle Flüssigkeiten, kippe etwas Wasser nach. Ansonsten scheint aber alles okay zu sein. Die letzte Tankfüllung mussten wir leider 95 Oktan tanken, es gab keine Alternative, das hat den Motor und Volllast ein wenig komische Geräusche machen lassen. Unsere Taktik deshalb bis hierhin: keine Volllast und wenn dann muss die Musik halt lauter. Nein, im Ernst: jedem Auto, insbesondere aber so alten Schätzchen sollte man auf so einem Ritt immer mal wieder etwas Aufmerksamkeit gönnen. Also einmal durch den Motorraum gerobbt, einmal unter dem Auto alles gecheckt, sieht alles gut aus.

Micha entscheidet sich für einen Tag am nahegelegenen Strand und bucht sich eine Strandliege, ich bleibe auf dem Platz und acker mich durch die Kultur- und Gesellschaftsgeschichte des Balkans. Immer wieder stolpert man hier über gesellschaftliche und nationale Verwerfungen, Konfliktlinien und ruhende Streitpunkte und ich habe gemerkt, dass ich weder von der jüngeren noch von der älteren Geschichte viel Ahnung habe. Ohne jetzt in den historischen Diskurs einzusteigen kann ich sagen, das nach einem Tag Studium der Balkan-Historie ein besseres Verständnis für das politische und gesellschaftliche „Warum“ habe. Und Lust habe, mich dem etwas mehr zu widmen, als einen Nachmittag durch ein paar Querverweise zu recherchieren. Wie reich und wie spannend diese Gegend Europas ist, war mir so nie wirklich bewusst. Und wie sehr die Vorurteile und Schubladen in unseren mitteleuropäischen Köpfen durch teils hunderte Jahre Bullshit-Erzählungen über den Balkan geprägt sind. Ich freue mich sehr darauf, mit offeneren Augen die nächsten Wochen den Balkan zu bereisen.

Zusätzlich habe ich ein bisschen Reiselektüre gewälzt und mir ein Bild für die Zeit nach Michas DropOff in Athen gemacht. Zur Erinnerung: noch sind wir ja in dem Part der Tour, in dem ich Micha „nur“ zum Flughafen bringe. Griechenland bereitet uns aktuell ein wenig Sorgen. Wir haben auf der Hinfahrt zu unserem jetzigen Spot bereits kleinere Wald- und Flächenbrände hier in Albanien gesehen, eben erst berichteten uns andere Reisende, dass sie eine Nacht auf dem Festland gegenüber von Korfu verbracht haben und nachts die Insel haben brennen sehen können. Auf der Peloponnes brennt es mittlerweile auch und so richtig wohl fühlen wir uns dabei nicht. Ich hatte eigentlich im Kopf, einige Tage in Griechenland zu verbringen und historische Stätten zu besuchen – ich mache das jetzt abhängig davon, wie sich uns vor Ort die Lage präsentiert.

Auf Instagram folge ich schon länger einem Dude aus Athen, sein Account @b_road_stories greift immer wieder Fahrten auf Nebenstrecken mit seinem Fiesta MK1 und seinem Mini auf. Er hat mitbekommen, dass wir Richtung Athen/Kap Tenaro unterwegs sind und angeboten, uns tolle Strassen und Orte zu empfehlen. Ich hab das natürlich angenommen und seit einer halben Stunde kommen im Minutentakt Empfehlungen rein. Ich bin gespannt.

Abends nutzen wir das Angebot zum Grillen, es gibt ein Campfire, Fleisch wird (natürlich kostenpflichtig) angeboten, Brot und Zaziki gibt es zusätzlich. Anschließend chillen wir in Hängematten, der Volvo ist bis auf die Campingstühle bereits gepackt. Wir wollen morgen früh los um nicht die Mittagshitze im Auto zu verbringen sondern vielleicht in einem Café in Gjirokastra. Die historische Altstadt mit ihren osmanischen Bauten wollen wir uns morgen geben, vorher die SH8 ab Vlora fahren. Die SH8 ist uns als wunderschöne Küstenstraße empfohlen worden. Anschließend soll es Richtung Griechenland gehen, angepeilt ist die Stadt Ioannina.

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