Trotz der Überschrift: Grenzen sind nerviger Unfug.
Von Eco Camping Valona zum Via Natura Kayak Camp
330km
48l getankt
Die Nacht war die Hölle. Neue Camler:innen bedeutet immer auch ein anderes Klima, diese Nacht bedeutete das Bluetooth-Lautsprecher und sehr betrunkene Menschen, die zum einen das Feintuning ihrer Lautstärke verloren haben und dann auch noch Kopulationsanbahnung betrieben. Und dank Lautstärke vor dem halben Platz verkackten.
Viel schlimmer jedoch war die Hitze. Es wurde einfach nicht kühler, die Temperatur blieb die ganze Nacht bei knapp unter 40 Grad. Zusätzlich ging kein Lüftchen. Im Zelt war es überhaupt nicht auszuhalten, ich stand irgendwann aus meinem eigenem Saft auf und legte mich in eine der auf dem Platz aufgespannten Hängematten. Mehr schlecht als Recht ließ sich die Nacht so verbringen. Es war win latentes Vor-sich-Hindämmern, mehr wach als Schlaf.
Unabgesprochen waren Micha und ich beide relativ gleichzeitig wach, das Auto war ja schon fertig gepackt so dass nur das Zelt eingeklappt werden musste. Und so waren wir bereits vor sieben auf der Strasse waren. Und es waren immer nich knapp unter 40 Grad. Jedoch ballerte die Sonne nicht so, der Himmel war wolkenverhangen. Das sollte einen Großteil des Tages auch so bleiben und es war eine wahre Wohltat.

Keine Wohltat ist der Außenspiegel rechts, der neben dem Auto auf dem Boden liegt. Er ist abgebrochen. Wie auch immer das bei einem stillstehendem Auto und einem nicht einmal fünf Jahre altem Spiegel „spontan“ passieren kann. Nichts genaues wissen wir nicht, insofern bleibt uns nur die Faust in der Tasche und der abgebrochene Spiegel im Kofferraum.
Wir fahren aus dem Pinienwald, nach kurzer Orientierungsschwierigkeit auch in die richtige Richtung. Nämlich nach Vlora. Die 110.000 Einwohner:innen-Stadt an der Meerenge am Übergang zwischen Adria und ionischem Meer ist Albaniens drittgrösste Stadt und hat eine ziemlich bewegte Geschichte hinter sich.
Die strategische Lage am Eingang zur Adria und ihr geschützter Naturhafen haben sie schon immer für Handel und Zoll- sowie Wegesicherheit relevant gemacht. Unter den Osmanen war sie Rückzugsort tunesisch-algerischer Korsaren bis die Venezianer den Hafen zu Klump schoßen und tausende Gefangene befreiten. In der jüngeren Geschichte war Vlora relevanter Dreh- und Angelpunkt der Balkankriege bis am 28.11.1912 Ismail Qemali dort die Unabhängigkeit Albaniens ausrief und die albanische Flagge das erste Mal gehisst wurde. In Folge war Vlora zwei Jahre lang Regierungssitz. Im Dezember 1914 besetzten dann italienische Truppen die Hafenstadt, wurden 1920 aber durch einen Aufstand zum Rückzug gezwungen. Im zweiten Weltkrieg stationierten die Italiener hier U-Boote, das führte zu Bombardierung durch die Alliierten und in Folge steht kein Haus osmanischen Ursprungs mehr.
Das merkt man auch, wenn man die Strandpromenade entlang fährt. Der Baubestand ist älter, aber nicht älter als 1945. In Vlora hat man jedoch nicht den Fehler von Dunnës gemacht: zum Strand hin gibt es einen weitläufigen Fussgänger:innenbereich, dann einen parkähnlichen Streifen, dann eine von einem Palmenapalier gesäumte Strasse und dann kommen Häuser und Hotelanlagen. Ein bisschen wirkt es wie der albanische Sunset Boulevard und wir können es grade eben noch lassen, „Miami“ durch die Boxen zu pumpen.
Hinter Vlora folgen wir der SH8. Sie wurde uns mehrfach als tolle Küstenstrasse empfohlen und nachdem wir die dicht bebauten Bereiche hinter Vlora hinter uns haben liegen lassen, entwickelt die Straße ihren ganz eigenen Charme. Die Strassendecke ist weiträumig gut, für albanische Verhàltnisse fast perfekt, bis auf wenige Ausnahmen in kleinen Dörfern ist sie auch Breit genug für den Gegenverkehr. sehr organisch schmiegt sie sich in die Landschaft, folgt den Höhen und Senken der Berge und schwingt sich entlang der Küstenlinie. Links die Berge, rechts das turkisblaue Meer, dazwischen immer wieder kleine Dörfer. Ab Lukova schiebt sich ein riesiger Bergrücken zwischen SH8 und Meer, kurz vor Saranda biegen wir ab und fahren ins Landesinnere. Wir wollen nach Gjirokastra.

Die 20.000-Einwohner:innen-Stadt zählt seit 2005 zu den UNESCO-Welterben. Sie ist die älteste Stadt Albaniens, Geburtsort von Diktator Enver Hoxha und dem bekanntesten albanischen Schriftsteller Ismail Kadare. Die Anfänge der Burg gehen auf Siedlungsbefestigungen der Illyrer Anfang des 3. Jahrhundert vor Christus zurück. Die erste schriftliche Erwähnung hat die Stadt 1336 als Teil des byzantinischen Reichs, 1417 wird sie allerdings von den Osmanen erobert.

Im zweiten Weltkrieg ist sie Ausgangspunkt für den desaströsen Überfall Italiens auf Griechenland, unter dem Hoxha-Regime wird die Stadt zur Museumsstadt benannt und entgeht so weitreichenden baulichen Veränderungen. So überdauerten viele osmanische Gebäude bis heute.
Unser Plan für die Stadt: kurz vor Mittag ankommen, parken, in die Altstadt gehen und das machen, was alte Männer hier ganz selbstverständlich zu dieser Tageszeit machen: im Café sitzen. Und weil wir nicht gefrühstückt hatten, noch was essen. Anschließend Burg und Stadt erkunden. Parkplatz ist erstaunlich schnell gefunden, der Weg in die engen Gassen auch, ein geeignetes Restaurant mit schattigen Außenbereich in dem bereits alte Männer sitzen und chillen ebenfalls. Wir bestellen Salat (es kommt so ein griechischer Salat), Quyfte und Omlett. Und diverse Getränke, wir bleiben gut zwei Stunden sitzen. anschließend besichtigen wir die Burg, besonderes „Highlight“ eine eindrucksvolle Sammlung diverser Kanonen aus unterschiedlichsten Epochen sowie einem ziemlich abgewracktem US-Airforce-Flugzeug. Im Ernst: die Burg hat zwei, drei nette Ausblicke, das war es aber auch. Für vier Euro kann man sich das geben, ist aber eher Quatsch.

Wir fahren weiter. Die freundliche Dame im Radio bekommt Ioannina als Ziel gesagt, direkter Weg. Der ist unspektakulär, zumindest wenn man wie wir an mehrtägigem Scenic Overview leidet. Die Strasse SH4 führt links und rechts durch lange Bergrücken geführt fast gradlinig Richtung Grenze. Diese ist klein – und wir bekommen sie fast garnicht mit: die Ausreise aus Albanien dauert keine 3 Minuten, die Einreise in die EU geht noch schneller. So flott kann es gehen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Grenzen nerviger Kackscheiss sind.

Mit Ioannina habe ich mich null beschäftigt, die Stadt ist einfach nur ein Routenpunkt. Wir parken trotzdem um was zu Abend zu essen und werden super angenehm überrascht: die Stadt liegt sehr nett zwischen Bergen an einem See und hat eine ganze niedliche Altstadt. Von @b_road_stories haben wir ein paar Tipps für Griechenland ab hier bekommen, leider hat das empfohlene Restaurant zu. Wir helfen uns selbst und essen ganz leckeres Souflaki, Zaziki mit Brot und gebackenen Käse. Dabei checken wir die Campingmöglichkeiten für die Nacht und müssen feststellen, das die Infrastruktur im Hinterland nicht auf Camping ausgelegt ist. In der Stadt selber gibt es einen laut Bewertungen ganz schrecklichen WoMo-Stellplatz und sonst im näheren Umkreis nichts. An der Küstenlinie gibt es einige Campingplätze, da wollen wir aber nur ungerne hin. Wir brauchen kühle Luft, Bluetooth-Lautsprecher-Detox und einen schönen Spot.

Bisher erfolgreich waren wir mit Orten am Wasser und in Nationalparks. Hinter Ioannina liegt der Nationalpark Tzoumerka, Peristeri und Archatos-Schlucht, mitten drin ist das Vi Natura Kayak Camp. Hier soll es auch die Möglichkeit zum Übernachten geben. Ein bisschen mehr als eine Stunde Fahrtzeit ist für uns mittlerweile ein Klacks und so düsen wir auf direktem Weg los. Und bekommen ein Geschenk: die Straße von Ioannina nach Frasta ist der Wahnsinn. Nicht eine Grade, ständige links/rechts-Wechsel in spontanen aufs und abs durch wilde und recht unbewohnte Landschaft, garniert mit einigen sehr engen Serpentinen machen richtig Bock. Im Tank haben wir wieder ausreichend Oktan und so lasse ich den Volvo (so sehr Ladung und Dachzelt es zulassen) durch die Kurven fliegen. Felsige Überhänge, knappe Abgründe sind das Salz in dieser abendlichen Suppe.

Im Camp werden wir superfreundlich empfangen, wir fühlen uns mehr als eingeladen, hier zu bleiben. Auf unsere Nachfrage, ob wir morgen eine Kayak-Tour mitmachen könnten bekommen wir allerdings eine Absage: die Schlucht und der Fluss sind nichts für Menschen ohne Vorerfahrung. Wir könnten mit Singlerafting machen, aufgeblasene Einzelboote, allerdings erst um 14:00. Wir sind uns nicht sicher, ob wir das so machen, buchen also noch nichts und verschieben die Entscheidung auf Morgen früh.

Mittlerweile ist es kurz vor 23:00 (wir mussten für Griechenland die Uhr umstellen), die Temperatur liegt nur noch bei 26 Grad und wir sind uns sicher, dass wir beim Rauschen des Arachtos sehr gut schlafen werden.
Kleiner Nachtrag noch zu der Birg von Gjirokastra: wer auch immer für die spärlich vorhandene Beschilderung zuständig war, hatte Humor:


