Tag 12 – glaube keiner Person, die sich grad einen durchgezogen hat

Vom Via Natura Kayak Camp nach Delphi

315km

Warm-/Kaltluftzufuhr stillgelegt, Luftfilter getauscht

Wir hatten eine ganz wundervolle Nacht. Es war still bis auf das Rauschen des Flusses, die Temperatur pendelte sich bei um 20 Grad ein. Wir haben ganz hervorragend geschlafen und werden vom Sonnenschein und steigenden Temperaturen im Zelt geweckt. Und dem Bagger und dem Muldenkipper unmittelbar neben uns, offenbar wird die Strasse vorm Camp heute gemacht. Nachdem sie uns aus dem Bett geholt haben, entscheidet sich das Duo aber an anderer Stelle weiter zu arbeiten, wir frühstücken in und mit Ruhe.

Gegen 10:00 Uhr machen wir uns auf den Weg. Wir haben heute drei Projekte: uns wurde auf Instagram die E951, die alte Nationalstrasse empfohlen. Anschließend, ebenfalls eine Empfehlung von @b_road_stories, peilen wir die Banja Bridge an um uns dann in Delphi die Zukunft orakeln zu lassen.

Was soll ich sagen? Die E951 ist eine schöne verlaufende, gut ausgebaute Landstrasse. Sie führt durch einige Städtchen, durch viel schubladenkonforme griechische Landschaft und punktet ab Kalavrouza mit fettem Meer-Berg-Panorama. Wir gleiten superentspannt dahin und kommen zu der Feststellung, dass nicht jede Strasse immer aufregend und besonders sein muss. Die E951 gewinnt vor allem durch ihre Gelassenheit. Man kann sich einfach treiben lassen, gute Musik hören (hier trennen sich Michas und meine Einschätzung hin und wieder) und den Blick schweifen lassen da man nicht ständig mit der nächsten Herausforderung rechnen muss. Ein Stückchen Strecke machen ohne die stoische Langeweile der Autobahn. Die verläuft parallel und hätte Geld gekostet.

Aber wir kommen auch auf unsere Abenteuerkosten: wir verlassen die E951 um ins Landesinnere zu fahren. In der Nähe von Nafpaktos wird in einem winzigen Dorf der Fluss Evinos von einer Stahlbrücke überspannt. Die Fachwerkträgerbrücke ist geschätzte 200 Meter lang und ihre grade mal für ein Fahrzeug breite Fahrdecke ist holzbeplankt. Die Planken sind nicht hundert Prozent fest mit der Tragkonstruktion verbunden, so können sie sich dem An- und Abrollen der Reifen anpassen. Je nach Nervenkostüm ist dies ein eindrucksvolles Erlebnis. Wir haben Spaß.

Von dort aus fahren wir auf direktem Weg Richtung Delphi, Autobahn ausgeschlossen. Deswegen führt uns unsere Route wieder zurück ans Meer, und das möchte ganz offensichtlich einiges gut machen: bei strahlendem Sonnenschein schimmert das Meer tiefblau bis dunkeltürkis, überall schäumen kleine Wellen. Die Berge ergießen sich teilweise bis in die Brandung, wo in den Buchten Platz ist, haben sich kleine Orte an winzigen Stränden angesiedelt. Die Strasse folgt dem Küstenverlauf und das eine oder andere Mal überrascht uns die nächste Kurve mit noch besseren Ausblicken. In der Ferne ist im Dunst die Rückseite der Peleponnes zu sehen während wir längs des Golfs von Korinth fahren.

Bereits in den letzten Tagen ist uns ein rappelnd-rasselndes Geräusch aufgefallen. Das trat vor allem unter Volllast an Bergsteigungen auf, also wenn die Maschine richtig ackern musste. Im Beifahrerfussraum ist es deutlich lauter, wir spekulieren auf irgendeine Schelle am Auspuff (hoffentlich nicht wieder ein gerissener Auspuffhalter, das hatten wir 2018 in Albanien schon einmal). Das muss dringend in Augenschein genommen werden, aber nicht unmittelbar nachdem der Wagen über Stunden bewegt wurde.

Also erstmal weiter nach Delphi, Steine gucken. Hier stand ein großer Tempel in dem Apollon angebetet und verehrt wurde. Umgeben war dieser Tempel von einer weitläufigen Anlage mit Tresoren, einem Stadion und einem Theater sowie weiteren kultischen sowie wissenschaftlichen Einrichtungen. Bekannt wurde der Tempel aber vor allem durch sein einflussreiches Orakel. Über Jahrhunderte hinweg wurde hier Unterstützung bei wichtigen Entscheidungen gesucht. Einfache Menschen mussten sich dabei mit einem Binärspruch, also ja/nein begnügen, einflussreiche Männer konnten ganze Sprüche erwarten. Diese fielen in der Regel nicht ganz eindeutig aus und häufig führten sie auch nicht in die erhoffte Klarheit. So orakelte Delphi für Laios, den König von Theben, dass sein Sohn ihn töten und seine eigene Mutter heiraten würde. Laios ließ seinem neugeborenem Sohn daraufhin die Füsse durchstechen und zusammenbinden und ihn im Gebirge aussetzen. Ein Hirte hatte mit dem Kind jedoch Erbarmen, rettete ihn, gab ihn dem Königspaar von Korinth, die adoptierten ihn und nannten ihn wegen der geschwollenen Füße Ödipus. Ödipus wusste nichts von der Adoption, ein Orakel sagte ihm voraus, dass er seinen Vater töten würde und weil er den vermeintlichen Vater, den König von Korinth, nicht töten wollte, verließ er Korinth und ging nach Theben. Unterwegs trag er Laios, der hielt ihn für einen Räuber und wollte ihn festnehmen, Ödipus hatte darauf keinen Bock und erschlug Laios (seinen Vater) und die meisten seiner Gefolgsleute. Anschließend, wie es sich für einen Helden der griechischen Mythologie gehört, löst er mal eben das Rätsel der Sphinx und befreit Theben aus ihren Fängen, wird zur Belohnung König von Theben und bekommt Iokaste, seine Mutter, zur Frau. Bums. Prophezeiung in Erfüllung gegangen. Die Lehre daraus kann man selber ziehen, Micha und ich treffen Gott sei Dank nicht auf die Pythia, die Frau, die über einem Erdspalt aus diesem aufsteigende Gase inhaliert und dann herumorakelt, insgesamt scheint das Business schon länger brach zu liegen. So bleibt uns nichts anderes, als das Tempelgelände zu erkunden und wirklich beeindruckt von der Baufertigkeit der Menschen um 1000 v. Chr. zu sein.

Der Tag neigt sich dem Ende zu, viel Strecke können und wollen wir nicht mehr machen. Griechenlands Campingplatz-Dichte ist sehr überschaubar, uns bleibt ein gut aussehender Campingplatz eine Stunde entfernt am Meer aber in der falschen Richtung und einer von drei Campingplätzen unterhalb von Delphi. Wir entscheiden uns für den in der Mitte, Gründe dafür gibt es eigentlich nicht.

Bevor wir losfahren bocken wir aber das Auto auf und ich krabbel drunter. Alle Halterungen sind fest, nichts lässt sich rappeln oder bewegen. Währenddessen checkt Micha von oben und findet den (möglichen) Fehler. In der Luftzuführung zum Vergaser sitzt vor dem Luftfilter ein Warm-/Kaltluftventil. Dieses regelt über ein im Luftstrom liegendes Bimetall mechanisch die Öffnung einer Klappe. Entweder wird warme Luft direkt über dem Krümmer angesaugt um die Verbrennung bei kalten Außentemperaturen zu erleichtern, oder es wird kalte Luft aus dem Kühlergrill bei warmen Außentemperaturen angesaugt. Diese Klappe sollte durch das Bimetall in die eine oder andere Richtung gedrückt werden, das ist aber nicht der Fall. Tatsächlich war das Teil schon einmal kaputt und wurde einfach stillgelegt, es gibt kein Neuteil als Ersatz und entsprechend hoch sind die Gebrauchtteilpreise und ganz eigentlich reicht die Kaltluftansaugung in unseren Breitengraden aus. Für die Wintertour hatte ich ein funktionierendes Ersatzteil besorgt, das scheint jetzt auch den Geist aufgegeben zu haben. Ich fixe das Ganze mit Gaffa, jetzt klappert nix mehr und die Lift wird ausschließlich aus dem Grill angesaugt. Bei der Gelegenheit wechsel ich auch noch den Luftfilter.

Auf dem Campingplatz essen wir noch etwas in der Taverna, anschließend legen wir die Füsse hoch und freuen uns auf die angekündigten 18° zur Nacht.

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