Tag 16 – vom Flowen und vom Nicht-Flowen

Vom Eagle‘s Nest zur Via Natura Voidomatis Rafting Base

520km

53l getankt

Verrückte Elektrik repariert

Tag 16 wird ein ambivalenter Tag. Das ist vorprogrammiert, so steht es in den heiligen Roadtrip-Regeln. Ich habe einen Termin im Kalender stehen. Vor dem Termin, der arbeitsbedingt ist und sich leider nicht vermeiden lässt, steht noch richtige Arbeit. Ich muss mein Gepäck den Berg raufschleppen. Jenen Berg, den mein Volvo nicht gepackt hat. Dafür stehe ich extra früh auf um noch etwas Schatten und Kühle abgreifen zu können, ich schwitze trotzdem wie in der 90°-Sauna und pfeife am Ende aus dem letzten Loch. Dafür ist das Auto gepackt.

Ich erhole mich, dusche und erledige den Videokonferenz-Termin. Der mich ziemlich aus dem Flow bringt. Zack, mein Kopf ist wieder voll mit To-Do-Listen, Strategieüberlegungen und auch dem Ärger, den jedes abhängige Beschäftigungsverhältnis (nicht falsch verstehen, ich finde dass, was ich für Geld tue, ziemlich großartig) halt so mit sich bringt. Mäh. Das ist doch Mist, ich habe ja extra viel frei erarbeitet, um mal von all dem weg zu sein.

Gestern Abend habe ich noch eine Entscheidung getroffen: es ist mir zu heiß. Ich habe gar keinen Bock mehr durchgehend Tag wie Nacht in einer Bio-Sauna zu sein. Fehlen nur noch die bunten Lichtchen. Also skippe ich Griechenland, außerdem hat mir der Vermieter erzählt, wo grade wieder Waldbrandgefahr-Gebiete ausgerufen wurden. Das ist mir alles nichts. Das Gute an alten Steinen ist ja, dass sie in der Regel nicht weglaufen oder verschwinden. Außer irgendwelche Spinner sprengen sie vielleicht, siehe Syrien, aber das ist ja zum Glück nicht absehbar. Also kann ich später noch mal wiederkommen, vielleicht irgendwann, wenn es nur um die 30° sind.

Also auf nach Albanien und auf in die Berge. Für einen Rutsch ist das zu weit, es wird noch einen Zwischenstopp in Griechenland geben müssen. Ich suche vor Abfahrt einen Campingplatz raus, die Infrastruktur dafür ist in Griechenland so reduziert (außer man will auf ungepflegten WoMo-Stellplätzen oder in fast hotelähnlichen Anlagen am Meer sein), dass spontane Stopps im Prinzip nicht möglich sind. Die Raftingbase sieht gut aus, reduziert und einfach aber gepflegt, die soll es sein.

Ich erlaube der ortskundigen Frau im Radio die Autobahn und los geht es. Vom Berg runter über diese großartigen griechischen Backroads, ein Stück Landstrasse und dann auf die Bahn. Auf der auch schon die erste Mautstation auf mich wartet. 2,50€, das ist zu verkraften. Als sich die Maut-Summe den 20€ nähert und ich das Gefühl habe, dass hier random Mautstationen rumstehen, versuche ich etwas anderes: ich erlaube der freundlichen Dame im Radio Autobahnen, untersage aber Mautstraßen. Und was jetzt passiert, ist navigatorische Höchstleistung. Wir nutzen Auf- und Abfahrten, die nur mit viel Phantasie als solche zu bezeichnen wären – aber die Nutzung ist nicht verboten. So umgehe ich Mautstationen und nutze trotzdem weiträumig die Autobahn. Ich muss immer wieder schmuntzeln und lobe die Frau im Radio für so viel Kreativität.

Irgendwann fängt der Volvo mit komischen Marotten an. Elektrische Dinge fallen aus, ich habe das Gefühl er läuft unrund. Am Straßenrand checke ich alles durch, finde durchgebrannte Sicherungen, ersetze diese, kann den Fehler aber nicht finden. Kurz läuft alles, dann der gleiche Mist von vorne. Klar, ich könnte einfach alle 50km Sicherungen tauschen, aber das ist ja auch keine Lösung. Also suche ich mir einen schattigen Rastplatz, der leider keine öffentliche Toilette (wie fast alle Rastplätze hier) hat und entsprechend riecht und mache mich auf die Fehlersuche. Am Ende tausche ich einen Stecker der Frontbeleuchtung, muss dafür die originalen Kabel etwas verlängern, aber eigentlich kann das nicht wirklich die Ursache sein. Trotzdem treten die Fehler nicht wieder auf und ich frage auch nicht weiter nach. Ein bisschen ärger ich mich: dieser Stecker zickt schon länger rum, hat sich durch Handauflegen vorm Anlassen aber immer beruhigt. Ich hätte das einfach schon früher machen sollen, aber wie vor einigen Tagen bereits geschrieben bin ich sachzwangverursacht sehr unvorbereitet in diesen Trip gestartet. Gut, dass ich an Ersatzteilem alles, was mir schon einmal gefehlt hat, alles was auf so einem langen Trip kaputt gehen könnte und nicht viel Platz wegnimmt und alles, was nicht viel kostet im Keller mit dabei habe.

Ein Highlight habe ich für heute auf dem Ticker: die Rio-Andirrio-Brücke. Die Schrägseil-Hängebrücke mit vier Pylonen ist ein wirklich großartiges Meisterwerk moderner Ingenieurskunst. Sie verbindet die Peloponnes zwischen Patras und Rio mit dem Festland und ermöglicht so einen westlichen Zugang ohne Fähren zu der Halbinsel. Dabei überspannt die Brücke die Zufahrt zum Golf von Korinth, einer viel befahrenen Schifffahrtsstraße. Erschwerend für den Bau waren die Vorraussetzungen: über 2,5km Spannweite, Wassertiefen bis zu 65m, starke tektonische Bewegungen in der Region, schlickiger, kaum tragfähiger Meeresboden sowie hohe Windgeschwindigkeiten machen den Brückenbau an dieser Stelle schwierig. Zusätzlich wurde berücksichtigt, dass sich die Pylonen auf Grund kontinentaler Verschiebungen pro Jahr 30mm von einander wegbewegen. Um bei all dem einen Bau trotzdem zu ermöglichen wurden die Pylonen ähnlich wie Offshore-Bohrinseln auf große, im Schlick treibende Fundamente gesetzt, die ganze Brücke stabilisiert sich nur durch sich selbst. Ein Jahr nach der Eröffnung 2004 erfolgte die ungeplante Probe auf Exempel: ein Blitz zerstörte ein Tragseil am dritten Pylon, die Brücke wurde sofort gesperrt und alles überprüft und konnte anschließend für den Verkehr wieder freigegeben werden. Und wär das nicht alles schon cool genug, sieht diese Brücke auch noch ganz phänomenal aus. Zusätzlich zur Brückenquerung kann man auch mit der Fähre übersetzen, dies kostet die Hälfte und hat einen entscheidenden Vorteil: man sieht die Brücke in Gänze. Und kostet nur die Hälfte. Ich nehme die Fähre und bin begeistert.

Und irgendwie komme ich hier auch wieder zurück in den Flow. Obwohl noch etliche Kilometer vor mir liegen, bin ich wieder im Roadtrip zurück. Die Straßen sind öde, nur unterbrochen von kleinen Highlights. Mit der Dunkelheit komme ich in der Rafting Base an und kletter nach kurzem Abendessen wieder ins Bett. Und merke dabei: mein Kopf ist wieder im Hier und Jetzt. So kann ich morgen weiter machen.

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