von der Via Natura Voidomatis Rafting Base zu Camping Fridolin
304km
19l getankt
1l Öl nachgefüllt
Ich wollte eine kühle Nacht, ich habe eine kühle (unter 20°) Nacht bekommen. Das war großartig. Endlich mal durchatmen und das Gefühl haben, Sauerstoff zu inhalieren. Nachteil von kühlen Nächten ist, das man morgens sich im Schlafsack lieber noch zweimal umdreht bis die Sonne dann doch alles gut vorgewärmt hat. Ich höre die Lästerer (ungegendert, das sind doch eh immer Männer) schon schreien: entscheid dich mal, du Lulli! Und ich schreie zurück: nein, tue ich nicht! Ich will es morgens angenehm warm und tagsüber keine Sauna und abends wieder angenehm warm und nachts wieder kühler! So!
Gestern Abend blieb dank Erschöpfung der Blogartikel liegen, das erledigte ich heute morgen. Und das hat noch einmal Zeit gefressen. Eine gute Stunde geht für einen schlechten Artikel ohne große Recherchen wie den von heute morgen durchaus drauf, und dann müsste ich eigentlich noch quer lesen, Fehler korrigieren und die Formulierungen glätten. Das schenke ich mir unterwegs grundsätzlich, dankenswerterweise hat das immer Katrin sonst gemacht. Deswegen ein dickes Sorry für entsprechende Fehler und ein riesiges Danke an Katrin für die Arbeit, die sie hier noch reinsteckt, damit das flüssig lesbar ist!
Also komme ich wieder erst gegen Mittag los. Für heute habe ich mir eine kurze Route rausgesucht. Der Plan: nach Albanien einreisen (Grenzen, yeah!), in Leskovik eine albanische SIM organisieren, dann über den Barmash-Pass ein paar Partisanen-Denkmäler abklappern und über Korça zum Ohridsee. Dort habe ich einen Campingplatz ins Auge gefasst und sollte entspannt gegen vier dort sein.
Bei Konitsa halte ich kurz um meiner Brückenliebe zu fröhnen. Nach der Bombastbrücke gestern heute Kontrastprogramm. Die 1870 gebaute Einzelbogenbrücke überspannt mit 20m Höhe und 35m Länge den Fluss Aoos, direkt neben ihr fällt ein kleiner Wasserfall in den Fluss. Dabei verjüngt sich der Brückenbogen zur Mitte hin so sehr, dass man kaum glaubt, dass diese Brücke tragfähig ist. Im Brückenbogen hängt eine Glocke, wird diese vom Wind geschlagen ist ein Überqueren der Brücke nicht sicher. 1881 wäre diese, derzeit und damals in Griechenland liegende Brücke beinahe ein Grenzübergang zwischen der Türkei und Griechenland geworden, der Berliner Kongress entschied sich dann aber doch gegen einen Grenzverlauf über den Fluss Aoos und für einen Verlauf entlang des Flusses Arachthos.

Die aktuelle Grenze Hriechenland/Albanien ist wieder großer Spaß: ich rolle in die Ausreise aus Griechenland ein, komplett leerer Grenzposten. Tausend Fenster mit Klappen, alle unbesetzt. Auch das in dem ein kleiner Zettel mit „Passport“ klemmt. Ich rolle langsam weiter als auf einmal aus einem der Fenster eine Hand mit einer Stop-Bewegung schnellt und die bis dato offene Schranke runter fährt. Ich halte, steige aus, gehe zu dem Fenster und bekomme auf griechisch mitgeteilt, dass ich zum Passport-Fenster muss. Übrigens: seltsame Angewohnheit von Grenzer:innen, offensichtlich nicht dem Land zugehörige Menschen in der Landessprache herum zu kommandieren. Das macht alles viiiiiieeel einfacher. Warum da nicht Menschen mit der Mindestqualifikation Englisch arbeiten, ist mir völlig schleierhaft. Ich weise darauf hin, dass da niemand sei, egal, ich muss da warten. Mache ich auch. Fast zwanzig Minuten lang. Zur Erinnerung: ich bin da quasi alleine, hinter mir kommt irgendwann ein weiteres Auto. Irgendwann bequemt sich der Grenzer zu kommen, wirft einen gelangweilten Blick auf meinen Perso und das wars. Dafür habe ich natürlich gerne gewartet. Die Einreise nach Albanien ist fast das gleiche Spiel, ergänzt um „DOKUMENTA AUTO!!!!!“ . Was würden diese Menschen machen, wenn die Grenzen weg wären und sie niemanden mehr anschreien könnten?

Einen kleinen Berg hinauf geht es nach Leskovik. Ein kleines Bergdorf, ein wenig fürchte ich, zu optimistisch gewesen zu sein, als ich plante, hier SIM-Karten zu bekommen. Ich rolle ins Stadtzentrum und sehe einen kleinen Shop mit Vodafone-Beklebung. Ein Stein fällt mir vom Herzen, so ein Roadtrip ganz ohne Internet ist sicher möglich, aber ich möchte das nicht. Im Laden sitzt ein gut zehn Jahre älterer Mann mit rudimentären Englischkenntnissen. SIM kann ich haben, 40GB für zehn Tage, aber er muss seine Frau anrufen, es ist ihr Laden und er kennt das System nicht. In der Zeit, die es braucht bis seine Frau kommt und bis sie mit den Problemen des Systems fertig geworden ist, unterhalten wir uns mehr schlecht als recht aber ziemlich gut. Mein Gegenüber ist seit 27 Jahren der griechisch-orthodoxe Priester der lokalen Gemeinde, sein Sohn ist in Mönchengladbach arbeiten und auch sonst erfahren wir gegenseitig spannendes aus dem Leben des Gegenüber. Bis wir uns irgendwann Kinderfotos von uns selber zeigen. Ich werde hier die Details nicht ausbreiten, das gehört sich nicht, die dreiviertel Stunde, die ich bei den Beiden verbracht habe war herzlich und zugewandt. Auch wenn wir uns kaum verstanden haben. So schlecht die Menschen manchmal sind, so wunderschön können Begegnungen mit ihnen auch sein. Beim Wechselgeld gibt es Schwierigkeiten (ich zahle in Euro mit dem hier üblichen Umrechnungsaufschlag: normalerweise sind 100LEK gleich 0,90€, wenn man mit Euro zahlt, wird 100:1 gerechnet. Geht für mich in Ordnung), sie und ich haben kein Kleingeld, der Klimperbetrag ist jetzt eine Spende für die Kirchengemeinde.

Mit albanischem mobilem Internet (das an erstaunlich abgelegenen Orten erstaunlich schnell ist) ausgestattet verlasse ich den Ort Richtung Pass. Und bin mit Arschbombe auf dem feuchtem Traum albanischer Backroads. Vor einigen Tagen habe ich die Durchschnittsgeschwindigkeitsformel 1km/1min hier erwähnt, für die vor mir liegende Strecke veranschlagt die ortskundige Dame im Radio jetzt 1km/2min. Was sehr optimistisch ist. Die Strasse ist eine räudige Schotterpiste allererster Güte. Hier und da mal unterbrochen durch bröseligen Asphalt, ansonsten ausschließlich mit dicken Stein, Schlaglöchern und Spurrillen übersäte Gravelroad. Ich sagte am Tag des Todesorakels das ich dem Volvo einiges zumute und meinte damit genau das hier.
Apropos freundliche Dame im Radio. Die lief ja zwischenzeitlich immer mal wieder heiss, jetzt hat sie ihre eigene Belüftung.

Ich kämpfe mich die Strasse entlang und bin immer wieder verwundert: das hier ist eine offizielle Hauptverkehrsstrasse. Verwundert ist darüber auch die EU, sie hat ein fettes Infrastrukturprojekt für diese Strasse losgetreten, überall wird (vielleicht nicht ganz sinnvoll) gebaut. Ich vermute, dass diese Straße in zwei, drei Jahren kein Abenteuer mehr sein wird. Entlang des Passes sind diverse Denkmäler für den Partisanenkampf und die Gefallenen des zweiten Weltkrieges. Ich halte an ihnen und verweile kurz. Die meisten stammen aus der Zeit der kommunistischen Diktatur, es ist ihnen deutlich anzumerken. Trotzdem scheinen sie besucht und rudimentär instand gehalten zu werden. Albanische Partisanen fügten der Wehrmacht massive Verluste auf ihrem Vorstoß auf Griechenland bei, bezahlten dies aber ebenfalls häufig mit ihrem Leben. Und, wie man Wehrmacht, SS und alles, was da dran hing, so kennt, haben diese auch vor massiven Gewaltverbrechen gegen die Zivilbevölkerung nicht halt gemacht. Insofern ist eine anhaltende Präsenz dieser Ereignisse und ein andauerndes Gedenken an die eigenen Kämpfer durchaus nachzuvollziehen.

Ich lasse den Pass hinter mir und damit auch die Gravelroad. Die Straße wird geschmeidiger, ich kann mich zurücklehnen und drehe das Radio auf. Irgendwann öffnet sich vor mir der Ohridsee, einer der ältesten Seen der Erde. Der See gehört zum UNESCO-Welterbe. Sein Alter wird auf zwei bis fünf Millionen Jahre geschätzt, das Vorkommen besonderer endemischer Fisch- und Schneckenarten und das Ausbleiben anderer, sonst in der Gegend typischer Arten lassen auf eine Entstehung im Pleistozän (was auch ein Zeitraum von gut 2,5 Millionen Jahren ist) oder noch davor liegen.

Könnte geil sein, ist es aber nicht. Das Seeufer ist mit in Reih und Glied stehenden Strandliegen voll, überall Menschen und so eine klassische Urlaubshochburgatmo liegt in der Luft. Inklusive Plastikpalmem. Ich bin in Pogradec und will schnell weg. Der Campingplatz, den ich rausgesucht habe, liegt am Ende der Stadt, vielleicht könnte das ja okay sein. Hoffe ich, bis ich dort ankomme und sie grade LED-Großleinwände aufbauen. Warum? Ich will es nicht wissen. Ich suche nach Ersatz, finde ihn in 1,5 Stunden Autofahrt am Seeufer und mach mich vom Acker.
Der guten Laune soll das keinen Abbruch leisten. Ich ziehe durch, es geht in die Berge, kurzer Stop zum Ausblick über den See, es ist wenig Verkehr. Deswegen wundert mich der angezeigte Stau vor mir. Und was sind das hier für komische Häuschen? Das sieht ja fast aus wie eine…..GRENZE??? Ja. Ich bin grade aus Albanien ausgereist. Und reise nach Nord-Mazedonien ein. Keine Chance, zu wenden und umzudrehen. Also lasse ich erneut den Grenzspaß über mich ergehen und fahre das letzte Stück zum Campingplatz. Da habe ich diese Grenze wohl irgendwie übersehen, beim Planen. Mit einem „ich will hier schnellstens Weg“ im Nacken. Lektion für die Zukunft.

Am Campingplatz angekommen darf ich feststellen: der ist klein. Und voll. Also checke ich den nächsten Platz aus und fahre wieder Richtung Albanien. Da wollte ich ja eigentlich eh sein. Wieder Grenze. Yeah! Vor der Grenze das übliche Stauchaos mit alle wollen in eine andere Spur als in der zu bleiben, in der sie sind bis plötzlich alle Ampeln auf grün unspringen, die Schlagbäume hochgehen und aufgeregte Grenzer:innen hektisch die Autos durchwinken. Ich habe kurz Angst, Zeuge eines historischen Moments geworden zu sein und halte deswegen hinter der Grenze und spreche einen LKW-Fahrer an. Kein Stress meint er, 18:00 Uhr ist Schichtwechsel und die haben keinem Bock auf Schichtwechsel mit Stau vor der Tür. Es ist 17:45. Auf einmal geht das ganz easy mit der Einreise. Weil man keinen Bock auf Stress während des Schichtwechsels hat. Könnte es also sein, dass all das oberwichtige Getue den Rest der Zeit dann vielleicht nur das ist: oberwichtiges Getue. Immerhin hätte ich in diesem Moment zehntausend Illegale und Plutonium und zwölfunddrölfzig Millionen LEK einführen können. Zumal das ja offensichtlich bekannt ist. Naja. Grenzen. Nerviger Kackscheiss halt.

Ich fahre entlang des Flusses Shkumbin und folge damit der antiken Via Egnatia. Diese Strasse verband Adriaküste mit dem Bosporus und in ihren Verlängerungen Rom mit Konstantinopel, also den beiden Machtzentren der damaligen Zeit. Viel ist davon natürlich nicht mehr zu sehen, Die 146 v Chr. gebaute Strasse war wichtige Handelsroute und ahtte natürlich auch strategische Bedeutung, sowohl Kreuzritter als auch osmanische Eroberer nutzten sie. Die heitige Strasse folgt dem historischen Verlaif nur stellenweise, trotzdem empfinde ich es beeindruckend, dass eben jene Felsen, die jetzt gelassen auf mich schauen, bereits die Kreuzritter haben vorbeihuschen sehen. Die Gegenwart beziehungsweise Zukunft hat viel mit der Via Egnatia vor: der paneuropäische Verkehrskorridor VIII ist ein vom Stabilitätspakt für Südosteuropa, ein 1999 in Köln von der internationalen Staatengemeinschaft zur Befriedung der Krisenregion Balkan geschlossener Pakt, gefördertes Infrastrukturprojekt, das durch Warenaustausch zu Stabilität und Aufschwung beitragen soll.
Direkt an der Straße liegt auch Camping Fridolin, wo ich herzlich begrüßt werde, mir noch Rübrei mit Speck und Paprika zum Abendbrot mache und alsbald an meinem Kissen lauschen werde.
