Tag 18 – zwischen Gestern und Heute

Von Camping Fridolin zum Camoing Erebar Stone

145km

18l getankt (plus 20l Reserve aufgefüllt)

Langsam finde ich morgens einen Rhythmus. Mit Micha waren die Handgriffe, zwar unabgesprochen, aber irgendwie klar und eingespielt. Jetzt muss ich die Reihenfolge auf die Kette kriegen und Stolper hier und da noch, finde aber so langsam zu einem Ablauf, der effektiv funzt. Das fühlt sich gut an. Ein einfaches Müsli, danach noch den Abwasch der letzten drei Essen (großer Vorteil alleine unterwegs zu sein: man hat mehr Geschirr zur Auswahl) und danach Zelt und den Rest abbauen. Ich springe noch schnell unter die Dusche und ziehe den Betreiber von Fridolins Camping unter einem Schweizer Transit hervor um zu bezahlen. Er hat nämlich neben Campingplatz auch noch eine Autowerkstatt.

Zwei Randnotizen aus den letzten Tagen: ich hatte Anfangs über die unfertigen Häuser in Kroatien spekuliert, dann die Info bekommen, dass dies vor allem sei, da mit fertigem Haus die Steuer fällig sei. Hierzu eine Korrektur: das sei wohl in Italien so, in Kroatien baut man einfach ein Haus so wie grade das Geld da ist. Und dann kann so ein Hausbau sich halt auch mal etwas ziehen. Anmerkung Zwei kam zu den Pferden kurz vor Kap Tenaro. Ich hatte aus der Ferne versucht, diese vom Weg zu verscheuchen und bin am Ende selber durch den Hang geklettert. Pferdekundige Menschen meinten, dass sei richtig gewesen, im besten Fall hätten die mich cool gefunden und mit mir gespielt, im schlechtesten Fall hätten die mich doof gefunden und auf Abstand gehalten. Beides hätte mit fliegenden Hufen zu tun gehabt, und das will man ja nicht wirklich im Gesicht haben. Oder sonst wo. Also: wer keine Ahnung von Pferden hat, hält Abstand. Und klettert zur Not halt vom Weg aus durch irgendeinen Hang.

Meine Planungen für heute sind überschaubar: ich möchte wieder ein Stückchen Richtung Berge und Nationalparks, einen netten Ort für die Nacht finden und genug Zeit für eine Idee für die nächsten Tage haben. Gestern bin ich ja eher ein bisschen planlos durch die Kante gefahren und eher per Zufall kurz vor Tirana. Ich checke noch einmal meine Notizen, ich bin einfach falsch. Eigentlich wollte ich im Osten von Albanien sein, Labinot-Fushë ist eher die Mitte. Während meiner Routenplanung wird klar, dass ich nicht durch Albanien fahren werde außer ich nehme vier Stunden Umweg in Kauf. Irgendeine Straße ist gesperrt, weiss der Geier warum. Also muß ich ironischerweise den gesamten Weg von gestern wieder zurück, über den gleichen Grenzübergang wie gestern, ein ganzes Stück Nord-Mazedonien fahren und dann wieder nach Albanien einreisen. Wenn die an ihr Ausweis-Kopier-Programm (bei jeder Ein- und Ausreise werden alle Papiere gescannt) nen Überwachungsalgorhythmus gekoppelt haben, werde ich bestimmt ab heute verdächtig sein.

Also die Via Egnatia, heute paneuropäischer Verkehrskorridor VIII, entlang. Und wenn ich gestern schrieb, der sei dafür da, durch Warenaustausch für Stabilität und Versöhnung in der Region zu sorgen, muß ich heute sagen, dass da noch ein wenig dran gearbeitet werden muß. Ich tingel in einer riesigen Verkehrskolonne hinter einem LKW her. Selten schneller als 40km/h, meistens eher deutlich drunter. Fast 40 Kilometer lang. Wer Spaß hat, probiert das einfach mal aus, so 40km lang 34,78km/h zu fahren. Das destabilisiert die härtesten Nerven. Und der durchschnittliche Balkan-Autofahrer (bewusst ungegendert) ist nicht dafür geschaffen, lange hinter jemandem her zu fahren. Überholen ist erste Bürgerpflicht, meistens wenn es übersichtlich ist, häufig aber auch mit einer „fuck it, der Gegenverkehr weicht schon aus“-Haltung. Das führt in dieser Kolonne zu einem ständigen Überholen in der Kolonne selbst, ohne das irgendwer die Chance hat, den LKW zu überholen. Was produziert wird, ist Stress, Hektik, viel Bremsen und dadurch noch mehr Stau. Und ein Haufen saugefährliche Situationen.

Ich darf irgendwann abbiegen und zur Grenze fahren, jener Grenze, die ich gestern Abend im Angesicht des Schichtwechsels mit wehenden Fahnen ohne Stop passierte. Heute wird wieder ordentlich gearbeitet, vielleicht hat die Schicht grade erst angefangen.Das bedeutet lange Schlangen, und Langeweile. Diesmal bin ich vorbereitet, bevor ich angeschnauzt werde, reiche ich einfach alle Dokumente ins Fenster rein – und werde angeschnauzt, weil ich bei der Ausreise die internationale Versicherungskarte nicht einreichen brauche. Das muß ich dann bei der Einreise nach Nord-Mazedonien machen und obwohl hier diese „Zwei Grenzhäuschen aneinander und man schmeisst sich die Dokumente über die Grenze zu“-Sache gemacht wird, muss ich die „grüne“ Karte außen rum tragen. Ich überlege, aus meinem Trip einen Grenzübergangstrip zu machen, so viele Grenzübertritte am Tag wie möglich um am Ende einen Qualitätscheck schreiben zu können.

In Nord-Mazedonien lande ich nach kurzer Fahrt im Speckgürtel der Stadt Misleševo, einem hässlichen und stinkenden Industrie-Wohn-Hotel-Bereich, komplett staubig und dreckig. Nord-Mazedonien und ich, das war bisher keine Erfolgsgeschichte, deswegen hatte ich das Land für diese Tour auch nicht vorbereitet oder in Erwägung gezogen. 2018 auf der 20 Nations-Rallye bin ich das erste und bis gestern einzige Mal hier gewesen, hatte einige schlechte Erlebnisse in Krushevo und hab ultra-schlechte Erinnerungen an „Villagemeat“ am Tag danach. Misleševo macht es nicht besser bis die Strasse anfängt, entlang des schwarzen Drin zu laufen. Der schwarze Drin ist ein Fluss, der aus dem Ohridsee 56km weit bis Kukës fliesst und sich dort mit dem weißen Drin zum Drin vereinigt. Auf dem Weg nach Kukës wird der Fluss bei Špilje aufgestaut und bildet dabei unterhalb der Stadt Debar einen See, der nach der Stadt benannt ist. Dieser fliesst dann bei Shkodra in die Adria. Somit entwässern diese Flüsse große Teile Albaniens. Der Name Drin kommt übrigens aus dem illyrischen, er wird als aus diesem kommend das erste Mal von Gaius Plinius Secundus im ersten Jahrhundert vor Christus nachvollziehbar erwähnt, der heutige Name ist eine Wortentwicklung aus dem illyrischen ins lateinische und dann in die jeweils in den Anrheiner-Kulturen gesprochenen Sprachen übernommen.

Ab hier wird es wundervoll. Es wirkt, als wäre die Straße mit der Machete in den Wald geschlagen worden. Die Bäume und das Buschwerk stehen so nah an den Asphalt heran, teilweise wachsen die Bäume, offensichtlich durch LKW-Verkehr beschnitten so dicht über die Fahrbahn, dass es sich anfühlt, als würde ich durch einen lebendigen Tunnel aus Ästen, Blättern und Moos fahren. Der Verkehr hat deutlich nachgelassen, ich kann in meinem eigenen Rhythmus den Kurven der R1201 folgen. Angrenzende Berge und die enge Vegetation machen es angenehm schattig und kühl, immer wieder glitzert der Fluss zwischen den Bäumen durch. Was den Spaß ein wenig trügt, ist der Müll überall. Während die anderen bisher durchfahrenen Länder das Problem anscheinend in den Griff kriegen, liegt hier überall Müll, wo Platz ist in großen Haufen. Immer wieder zieht Gestank ins Auto der auf die wilde Müllkippe an der Abfahrt hinweist. Dieses fehlende Bewusstsein für den angerichteten Schaden – umwelttechnisch sowie ästhetisch – ist wirklich ein Jammer.

Nachdem ich die Staumauer vor Debar überfahren habe, wechsel ich auf die P1202 Richtung albanischer Grenze. Hier wird die Besiedlung überschaubarer, der Müll dafür mehr. Der Grenzposten ist winzig, ich bin das einzige Auto, alle Dokumente werden gescannt – diesmal bei Aus- und Einreise auch mit grüner Karte – niemand redet mit mir, ich bekomme durch Kopfbewegungen angezeigt was zu tun ist. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das bereits erwähnte: Grenzen nerven. So oder so. Das Schengener Abkommen und ein deutscher Pass sind einfach ein so derbes Geschenk. Das schätzen wir normalerweise viel zu wenig wert.

Von der Grenze aus sind es nur wenige Kilometer bis zur Ausgrabungsstätte Kalaja e Grazhdanit. 1983 wurden hier die Reste der Mauern und zugehörigen, rechteckigen Befestigungstürme sowie U-förmiger Verstärkungstürme einer antiken Stadt mit unbestimmten Namen ausgegraben, man geht davon aus, dass es sich um die illyrische Stadt Dobera handelt. Den Hauptplatz dieser Burganlage nimmt heute die Stadt Grezdahn ein. Leider ist es wie mit so vielen historischen Orten, die ich hier auf dem Balkan besuche: irgendwann hat man sich mal Mühe gegeben – und es dann aber dabei belassen. Ob dies an Nachlässigkeit oder fehlenden Mitteln, vielleicht auch einem Mix aus beidem und mehr, liegt, kann ich nicht sagen. Seltsam finde ich es dennoch, werden die Illyrer und ihre Besiedelung und Kultur doch auch immer wieder für nationalistische Identitätsbestrebung herangezogen. Aber im Zweifel ist es da wie so häufig: um Facts – oder wie hier um alte Steine – geht es dabei meistens nicht. So stehe ich also vor ein paar verfallenden Mauern, viele Steine liegen herausgebrochen herum, manche wurden offensichtlich zur Begrenzung naher Grundstücke genutzt.

Von dort aus ist es nur noch ein Katzensprung zu meinem Lager für die Nacht, ich bleibe im Vorgarten unter Apfelbäumen bei einer Familie. Alle kommen vorbei und stellen sich vor, ich bekomme Kaffee und Wasser während ich diesen Blogartikel schreibe gebracht und man ist sehr um mein Wohlergehen bedacht. Campingplatz kann man das nicht wirklich nennen. Und ich lerne kennen, was Subsistenzwirtschaft wirklich bedeutet. Mit ziemlich viel Lärm kämpft sich ein mindestens mit dem Volvo gleichalter Mähdrescher den Berg rauf, kurze Hektik hier und auf dem Nachbargrundstück und dann wird das gegenüberliegend Feld, vielleicht 6-700qm, gemäht. Auf meine Nachfrage wird mir erklärt, dass das das gemeinsame Feld mit den Nachbarn sei und jetzt das Getreide für Mehl für das nächste Jahr eingebracht wird. Ich biete Hilfe an – und werde freundlich ausgelacht. In Albanien arbeiten ca. ein Drittel aller Beschäftigten in der Landwirtschaft, allerdings fast ausschließlich eben in der Eigenversorgung beziehungsweise in Kleinstversorgungseinheiten für zum Beispiel ihre Dörfer. Der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt liegt mit 18% nicht sehr hoch, wenn man aber die Notwendigkeit für die Eigenversorgung mit einrechnet, ist Landwirtschaft eine der wichtigen Säulen für Stabilität in diesem Land. Laut Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung müsste, damit die Lebensmittel- und Agrarindustrie in Albanien stärker zur Wirtschaftsentwicklung beitragen kann, die ländliche Infrastruktur insbesondere im Bereich Straßen, Märkte, Wasser und Energieversorgung ausgebaut werden. Hierzu fehlen aber vor allem die Mittel, insofern sind Infrastrukturprojekte der EU und der internationalen Staatengemeinschaft sicherlich nicht fehl am Platz. Auch das 2022 eröffnete EU-Beitrittsverfahren wird hier sicherlich zu Veränderungen führen. Ob diese Veränderungen am Ende auch die Menschen glücklicher und zufriedener machen, wird die Zeit zeigen. Eines ist jedenfalls sicher und zeichnet sich weiträumig bereits ab: Albanien wird, wie auch die anderen Balkanländer, in den nächsten Jahren im Sprint sich entwickeln. Ich bin froh, das Land in dieser Umbruchszeit bereisen zu können und so die Eindrücke dieses Scheidepunktes mitzunehmen.

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