Von Camping Erebar Stone bis Camping Helshan
141km
Bereits gestern Abend wurde ich zum Ende des Tages zum gemeinsamen Sitzen und Reden eingeladen. Eigentlich hätte ich auch was zu Essen haben können, da war ich aber schneller als der lokale Rhythmus und hatte bereits selber Abendbrot zubereitet. Ich verbringe einen netten Abend mit der Familie, sie übersetzt in beide Richtungen.
Heute morgen bin ich grade mit meinem Müsli durch, da werden mir die hier üblichen in Fett ausgebackenen Pfannkuchen, Marmelade und Kaffee gebracht. Außerdem setzt sich der Opa neben mich und wir unterhalten uns mit Händen und Füßen. Wobei Hände und Füße vor allem GoogleTranslator ist. Dieses Internet und seine Möglichkeiten können eben auch für Verständigung genutzt werden, nicht nur für Hass und Schmutz. Was mich ein bisschen amüsiert ist die offensichtlich dahinter stehende Irritation bezüglich meines Alleine seins. Irgendwie scheinen sie das in der Familie schwer zu ertragen, die Idee, dass ich damit auch ganz zufrieden sein könnte.

Ich breche mit sehr vollem Magen auf und fahre die ersten Kilometer über die klassische albanische Backroad. Mal Asphalt, mal achsbrechende Schlaglöcher, mal Rubbelpiste. Es ist wenig Verkehr bis ich kurz vor der Stadt Peshkopia bin. nicht nur der Verkehr deutet auf regionales Ballungsgebiet hin, überall liegen Müllberge, der süssliche Geruch hängt beissend in der Luft. Peshkopia lädt nicht zum Anhalten ein, ich schlängel mich durch das Chaos und bin am Ende froh, brennenden Müll, Menschen und Chaos hinter mir zu lassen.
Vor mir liegt der Korab- Koritnik Nature Park. Er gehört zum grünen Band Europas, einem internationalem Rückzugs- und Bewegungskorridor für bedrohte Tiere und Pflanzen. Hier befinden sich die höchsten Berge des Landes, gesäumt von tiefen Schluchten, dichten Wäldern, durch Gletscher gespeiste Bergseen und Flüssen. Was direkt auffällt: alles ist grün, überall fliesst Wasser, teilweise auch über die Strasse hinweg. Der Weg ist wunderschön, es wirkt auf mich ein bisschen, als hätte sich hier die Quintessenz der albanischen Schönheit herausgebildet. Hier gibt es Bären, Wölfe, Steinadler, Gänsegeier und viele mehr – und natürlich sehe ich nichts davon.

Was ich sehe, sind Kühe. Die laufen frei herum und stehen mitunter auch hinter der Kurve auf der Strasse. War es bisher eh schon angebracht, weitestgehend vorausschauend und vorsichtig zu fahren um nicht in Schlaglöchern zu enden so ist es jetzt doppelt von Nöten. Ist dass da vorne eventuell ein Kuhfladen? Dann lieber langsam fahren.
Im großen und ganzen folge ich dem Verlauf des schwarzen Dhrin, auch wenn ich ihn meistens nicht sehen kann. Bei Kukes komme ich aus den Bergen und finde neben der Strasse einen Flughafen. sieht sehr neu aus, und sehr unbenutzt. Im Zweifel hofft man auf die Zukunft. Ich treffe hier auf die Ausläufer des Fierza-Stausees. Die Stadt Kukes wie man sie heute besuchen kann, ist nicht die „echte“ Stdt Kukes. Diese liegt auf dem Grund des Stausees. Das an den Damm angeschlossene Wasserkraftwerk produziert gut ein Drittel des albanischen Stromverbrauchs, der Bau, der mit chinesischer Hilfe in den 70ern realisiert wurde, hatte damals zu internationalen Verstimmungen gesorgt, da die Aufstauung auch jugoslawisches Gebiet unter Wasser setzte – ohne dass das vorher abgesprochen wurde.
Im Randgebiet von Kukes halte ich an einem der überall angebotenen Lavazh. Autowäsche. Ich habe ja eigentlich die Haltung, dass ein Auto erst am Ende des Roadtrips gewaschen wird, der 145 ist aber so dreckig, dass ich jedesmal die Hose waschen müsste, wenn ich das Zelt aufbaue. Für 5€ bekomme ich den Wagen ganz hervorragend sauber gemacht, es macht wieder Spaß, ihn anzugucken.

Ich schlage mich über sie SH23 wieder in die Berge und sauge meine Umgebung in mich auf. Die zu großen Teilen unberührte Natur wird durch kleinste Dörfer unterbrochen, hier und da stehen Kriegs- und Partisanendenkmäler, meistens in schlechtem Zustand und kaum zugänglich. Ich halte nir selten an. Ansonsten genieße ich einfach die vor drei Jahren neu gebaute Straße, bis dahin war hier eine Schotterpiste. Ergänzend wird in den nächsten Jahren eine Schnellstrasse auf der Talsohle gebaut und damit das Hinterland sicherlich deutlich von Güter- und Lastverkehr entlasten.

Icch habe es heute formal nicht weit, lediglich 140km. Ich brauche dennoch gute vier bis fünf Stunden. Ein bisschen ärgerlich ist, dass die albanischen Strassen wirklich so gut wie keine Anhaltemöglichkeiten haben, Fotostops sind im Prinzip nicht möglich. Ich fotografiere also ein bisschen aus dem Auto raus und entscheide mich aber häufig auch gegen das Bild und für die Erinnerung (und Sicherheit, Fahren mit Lenken, Schalten diesdas und gleichzeitig Fotografieren ist jetzt nicht immer sooooo supergut zu vereinbaren).
Nachmittags komme ich im Spot für die Nacht an. Der Platz mit Restaurant, Cafe und Hotel ist nich im Rohbau, einige Stellplätze sind aber fertig und Klo und Dusche gibt es auch schon. Ich wurde superfreundlich von Hassan begrüßt, er hat alles für mich, meint er. Ich baue mein Zelt auf und werde anschließend auf die Terrasse eingeladen, es gibt Kaffee, Wasser und einen weiteren Gast, Stefan aus Italien der mit dem Fahrrad seit mehr als einem Jahr unterwegs ist, 8 Monate davon in Albanien. Und ich bleibe hängen. Wir schnacken, erzählen aus unserem Leben und diskutieren, gegen Abend kommt pünktlich zum Abendessen noch ein Schweizer Pärchen hinzu. Es gibt kalte Bohnensuppe, Salat, Brot, eingelegte Paprikas und erneut Familienanschluss. Hassans Frau setzt sich, nachdem sie mit dem ganzen Essen fertig ist, zu uns. Und der Abend verfliegt. Als die Sonne sich verabschiedet, verabschiede ich mich auch.

