Von Camping Helshan zum Camping Legjenda
121km
33l getankt
Ich wache früh auf, die Sonne drückt bereits wieder Wärme ins Zelt. Es ist irgendwas kurz vor sieben Uhr. Mir ist das recht, so kann ich den Tag ganz in Ruhe angehen. Hassan und seine Frau sind bereits mit der Hofarbeit beschäftigt, winken aber direkt. Und ganz offensichtlich bereitet Hassans Frau (und es ist wirklich eine Schande, dass ich mir ihren Namen nicht gemerkt habe) mit sie sieht mich auch schon das Frühstück zu. Ich hatte nicht wirklich abgesprochen, dass ich eines nehme, angesichts meiner geringen Vorräte sage ich aber nicht „nein“. Es gibt wieder ausschließlich auf dem Hof produziertes – ich könnte mir vorstellen, das der Kaffee hier auch eine Ausnahme ist. Ganz in Ruhe esse ich mit Hassans Gesellschaft, nach kurzem gesellt sich auch das Schweizer Pärchen dazu. Da ich jetzt versorgt bin, muss Hassan nicht mehr mir Gesellschaft leisten und kümmert sich um die Arbeiten auf dem Hof, schaut aber immer wieder vorbei. Während ich mit Hassan mich unterhalte, erzählt er mir, dass der Sohn seines Cousins in Deutschland Fussball spiele, in der zweiten Liga. Ich frage, bei welchem Verein, Hassan weiß es nicht, greift aber direkt zum Telefon und ruft seinen Cousin an, damit ich mit ihm spreche. Der Sohn spiele bei Greuther Fürth, ich frage, wie er von Stuttgart (Hassan sagte mir, dass sein Cousin dort leben würde) zum Fürth gekommen sei. Der Cousin daraufhin, er lebe nicht in Stuttgart, er lebe in Mannheim woraufhin ich entgegne, dass dies verrückt sei, meine Schwester lebt auch in Mannheim. Der Cousin von Hassan macht sofort Werbung für sein Restaurant – das ich kenne. Meine Schwester hat dort ihre Hochzeit gefeiert, bei etlichen Besuchen waren wir dort essen und vor Kurzem hat dort meine Nichte ihre Taufe gefeiert. Es ist verrückt, wie klein die Welt ist. Gegen 09:30 will ich mich auf den Weg machen und lerne kurz was dazu: Preise immer vorab in Erfahrung bringen. Auf meine Frage, was Hassan bekäme, antwortet er mir 40€. 20€ waren für den Stellplatz vereinbart, weitere 20€ für das Essen wäre mir in Deutschland zu viel, ist im hiesigen Vergleich ordentlich drüber. Also schaue ich Hassan einmal tief in die Augen und habe das Gefühl, dass die gezahlten 30€ auch okay sind. Versuchen kann man es ja mal.

Ab dem Campingplatz folge ich der SH23 in nordwestlicher Richtung. Die Strasse verläuft mehr oder weniger parallel zwischen dem Drin und der Grenze zum Kosovo, sie ist nach wie vor von unglaublicher Landschaft gesäumt und nach wie vor anspruchsvoll zu fahren. Aber irgendwie stellt sich nach 20 Tagen auch Gewöhnung ein. Ich beklage mich nicht. Es ist und bleibt phänomenale Landschaft und ich freue mich auf jede Kurve, die mir das nächste Panorama schenkt. Ich habe mittlerweile schlicht und ergreifend keine Worte mehr dafür. Dieses ständige Auf und Ab, sich durch die Landschaft Geschlängel, die ständig wechselnden Straßenzustände, die Enge der Fahrbahn, die Überraschungen wie plötzliche Schlaglöcher, Tiere, Baustellen oder weiß der Geier was auf der Fahrbahn. Und dann wieder die Weite der Täler und die phänomenalen Aussichten auf den Bergrücken. Ich liebe jeden einzelnen Kilometer. Und doch bin ich froh, dass ich diese mittlerweile auch im Flow abspulen kann, „nebenbei“ Fotos oder kurze Videos machen kann, mir neue Musik raussuche oder laufende skippe und heute vor allem nachdenken kann. Ich bin nämlich am Ende meines Plans angekommen. Albanien habe ich jetzt auf den beiden Seiten des Landes von Oben nach unten und vice versa durch. Ich könnte die Zwischenräume jetzt mit Zickzack noch einmal füllen, aber irgendwie wirkt das jetzt nicht sehr aufregend. Es ist also Zeit über und ich brauche ein paar neue Ideen. Und sinnvollerweise erstmal einen Ort, an dem ich diese entwickeln kann. Außerdem ist Morgen Fussball, da brauche ich stabiles Internet um das Spiel zu gucken.

Es ist also gut, dass ich für den Großteil des Tages mal was anderes geplant habe als auf der Strasse zu sein. Wobei – Strasse ist es eigentlich immer noch, nur nicht mit Asphalt. In Sopot biege ich links auf die SH22 ab und tanke kurz. Das für mein Gefühl deutlich zu junge Tankstellenpersonal ist begeistert vom Auto und spricht supergutes Englisch, kurzer Benzintalk mit Probesitzen beendet von einem peinlichem Moment als ich in albanischen LEK bezahle und mich dabei um den Faktor 10 verrechne. Warum muß ich umrechnen? Die Zapfsäule zeigt aus irgendwelchen Gründen in € an. Ab der Tankstelle ist es nur noch ein Katzensprung bis zum Fähranleger der Koman-Stausee-Fähre, ich habe – ohne zu wissen dass es Alternativen gibt – bei der Reederei Rozafa gebucht. Es gibt mehrere Anleger, es ist alles mehr schlecht als recht ausgeschildert und niemand spricht englisch und weil ich da so ein Gefühl bereits bei der Buchung hatte, bin ich früh genug da. Und finde den richtigen Anleger. Hier ist Chaos, Autos stehen kreuz und quer, wo man wie ansteht ist überhaupt nicht zu erkennen und das bedeutet für mich: ich stell mich albanisch dazu. Also irgendwie. Und setze mich in den Schatten und trinke einen Kaffee. Und schreibe den Artikel zum gestrigen Tag, vor lauter Familienanschlüssen bin ich dazu nicht mehr gekommen. Was soll man Mittags auch eh anderes machen?

Kurz nach zwölf kommt die Fähre an, durch das ungeordnete Chaos auf dem Anleger ist das Löschen der an Bord befindlichen Autos eine Herausforderung, auch das Beladen mit den neuen Autos ist ganz amüsant. Spätestens in dem Moment, als klar ist, dass die Fähre rückwärts fahrend beladen wird und die Fahrer (!) absurd großer und hochpotenter SUVs Schwierigkeiten haben, dieser Aufgabe nachzukommen. Ich darf auch rückwärts an Bord, nicht nachdem ich die Emailbestätigung meiner Buchung plus den Paypalbeleg gezeigt habe. Dann geht es aber flott, ich weiß wie groß mein Hocker ist und ich kann sogar sehen, wo der anfängt und wo er aufhört.

Und dann geht es los: die Fähre, ein mit recht denkwürdigen Schweißnähten zusammengebratenes Schiff, wo die Bodenbleche teilweise durchhängen oder lose sind, legt ab und wird die nächsten 2,5 Stunden über den Koman-Stausee bis zur Staumauer fahren. Diese 115 Meter hohe und 1980 bis 1988 gebaute Staumauer staut in der Schlucht von Malgun einen See von zwölf Quadratkilometern Fläche auf. Mit dem Drin werden hier auch noch seine Zuläufe Valbona und Shala aufgestaut, das angeschlossene Wasserkraftwerk leistet gut 600MW. Der Koman-Stausee reicht bis zur Staumauer des Fierza-Stausees während der vom Staudamm Vau-Deja gestaute Liqen i Vaut të Dejës fast bis zur Koman-Staumauer heran reicht. Der Koman-Stausee über den ich gleich 2,5 Stunden Boot fahren werde ist dabei der kleinste der drei Stauungen. Der Koman-Stausee ist in den tiefen Schluchten des Drin angelegt, er ist 34km lang, in der Regel unter 400m breit und an einigen Stellen sogar nur 50m breit.

Die Fährfahrt erinnert an eine Beschiffung norwegisxher Fjordlandschaften, nur dass das Wasser türkisblau, ist, der Baumbestand teilweise bis ans Wasser heranreicht und – das ist der Wermutstropfen – überall Müll zu sehen ist. Im Wasser treibt Plastikmüll, auf den Hängen unterhalb von kleinen Pfaden ist herabgeschütteter Müll zu sehen. Micha beschrieb das Müllproblem der Balkanländer treffend so: „du guckst deine Urlaubsfotos an und hast ein wunderschönes Panorama von toller Landschaft und Natur – und du weißt, dass Du mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für das Foto auf einem Müllberg gestanden hast“. Mit fortschreitender Fahrt wird der Müll aber weniger, die Natur und die angrenzenden mit Wasser gefüllten Schluchten und Berge können in den Vordergrund rücken.Ich wechsel immer mal wieder die Bootsseite, primär um der Sonne auszuweichen, und lasse diese Maße an Beeindruckung wirken. Ich bin froh nicht reden zu müssen, ich bin wirklich glücklich mit mir und diesem Moment. Ich habe das Gefühl, dass in meinem Kopf grade nichts anderes ist als das Jetzt. Auf der Suche nach dieser Ruhe bin ich bis hierhin gefahren. Ich bin zufrieden und befriedet. Und dafür dankbar.

Ein paar Gedanken muß ich mir dennoch machen – irgendwann ist die Fährfahrt vorbei und ich muß heute Abend ja irgendwo hin. Ich schreibe den Campingplatz Legjenda an, wir waren 2018 im Rahmen der 20Nations Rallye hier und haben einen gebrochenen Halter repariert und dabei großartige Unterstützung erfahren. Mit Pool und Hotel und Restaurant ist der Platz etwas über dem normalerweise von mir gesuchtem Standard, trotzdem frage ich online für zwei Nächte an (bei einem zu zahlendem Preis von 12,50€ ist das auch noch ein sensationeller Kurs). Ich kann vorbei kommen und richte mich auf Frühstück und Abendessen vor Ort ein. Vor dem Vorbeikommen liegt allerdings noch die Strasse von der Koman-Staumauer nach Shkodra. Eigentlich eine touristische Tiefflugstrecke auf der auch große Reisebusse fahren, ist sie der feuchte Albtraum einer albanischen Kackstrasse. Ultraschlechter Asphalt, gesäumt mit tiefen Schlaglöchern wechselt sich ab mit völlig unstrukturierten Gravelroads wechselt sich ab mit teilweise abgebrochenen Straßenteilen wechselt sich ab mit ganz hervorragend asphaltierten Stücken wechselt sich ab mit fürchterlichem Flickwerk. Dabei steigt und fällt die Strasse entlang eines Berges und hat keinerlei Seitenbegrenzungen. Die vorhin schon nicht sehr talentierten SUV-Fahrer tragen ihre Autos in automatikgetriebegesteuerter Zeitlupe durch diese gut 30km lange Strecke, dank dieser superdefensiven Fahrweise fängt meine Kupplung an zu stinken. Also mache ich es albanisch: ich fahre sehr dicht auf, hupe freundlich (wichtig, nur sehr kurz, das scheint freundlich zu sein, auf keinen Fall lang hupen) und werde vorbei gelassen. Anschließend kann ich meinen Turn fahren und rette so wahrscheiunlich meine Kupplung. Irgendwann bin ich wieder auf richtiger Strasse und auf dem Weg nach Shkodra halte ich noch kurz und kaufe Getränke ein.

Am Camping Legjenda angekommen checke ich ein und kann mir einen Platz aussuchen. Ich hoffe auf einen Platz am Pool, von dort ist es auch nicht so weit zu den Toiletten und fahre los. Ich habe Glück: zwischen einem deutschen T4 California und einem Camper aus den Niederlanden ist eine Parzelle im Schatten der Weinreben frei, es stehen dort ein paar Fahrräder. Sie gehören zu dem niederländischem Camper, der Vater stellt sie schnell weg und ich kann einparken. Er ist mit seinen beiden 12 und 13 Jahre alten Kindern unterwegs, über das Auto kommen wir beide, schnell stösst auch sein Sohn dazu, ins Gespräch. Ich baue ,eim Lager auf und schaue nebenan auf ein kaltes Getränk vorbei und nachdem ich geduscht habe, steht der Sohn von nebenan bei mir und lädt mich zum Abendessen ein. Ich nehme gerne an und verbringe meinen Abend mit der Familie und lerne viel über Bangerracing, Stockcar-Rennen (die Leidenschaft der Kinder). So verfliegt der Abend wie Nichts und während wir da sitzen, kommt der Sohn des Campingplatzbetreibers vorbei. Er half mir damals, das Auto zu reparieren, ich spreche ihn an, er erinnert sich und freut sich sehr, dass Auto und ich wieder in Albanien sind. Kurz bevor ich mich in Richtung Dachzelt begebe lerne ich die Familie mit dem T4 links von mir noch kennen, schnacke auch hier noch kurz. Nebenbei: diese stehen auf „unserem“ Platz, dort hatte ich 2018 den 145 repariert. Ich stehe heute nur einen Platz daneben, diesen hatten damals, wenn ich mich richtig erinnere, die Lekers. Ich finde, dass geht auch okay und ich kann deren Impala heute ganz gut vertreten. Ich bleibe noch ein wenig sitzen und schreibe den Blogartikel und genieße die Kühle der umliegenden Flüsse, die langsam die Hitze des Tages verdrängt. Und höre nochmal in meinen Kopf rein: immer noch nur das hier und jetzt. Gut.
