Tag 26 und 27 – Großstadtfieber

von Koprinka nach Bukarest

317 km

27l Getankt

Mich kitzelt ein freundliches Piepen aus dem Schlaf. Der Wecker geht um 07:00 Uhr und ich habe ein paar Startschwierigkeiten. Immerhin, meinem Bauch scheint es besser zu gehen. Anschließend begebe ich mich in einem leeren Haus auf die Suche nach dem Frühstück. Ein paar angeklopfte Türen und etwas GoogleTranslator-Arbeit später habe ich portioniertes Frühstück vor mir und ich erinnere mich wieder, das ich bereits bei vergangenen Trips durch Bulgarien die Frühstückskultur bemängelte. Ist heute aber auch nicht schlimm, ich habe eh noch nicht allzu viel Hunger.

Entsprechend früh kann ich in den noch kühlen Tag starten, mein erstes Ziel für heute ist nicht weit entfernt. Auf dem Nachbargipfel des Buzludscha-Monumentes ist der Shipka-Pass mit seinem gleichnamigen Denkmal. Das durch freiwillige Spenden aus dem bulgarischen Volk finanzierte und 1934 eröffnete Denkmal (eigentlich sind es mehrere Denkmäler und Museen) liegt auf dem mit 1185m höchsten Pass Bulgariens. Hier wurde irgendwann mal eine Festung errichtet, diese sollte den Pass sichern, das Hauptdenkmal zeichnet ihre Mauern nach. Hier wurde in der Geschichte unzählige Male gekämpft, der Pass hat strategische Bedeutung für die Überquerung der Berge und das Erreichen der dahinterliegenden Ebenen. Bereits die Römer kämpften hier gegen die Gothen, für das heutige Bulgarien – und somit auch Anlass für dieses Monument – ist aber die „Schlacht am Schipka-Pass“ vom 9. Januar 1878 relevant. Die russische Armee griff hier die osmanische an und nahm in Folge diese vollständig gefangen. Diese Schlacht gilt als Wendepunkt im russisch-osmanischen Krieg und somit auch als Moment der Befreiung Bulgariens.

Gekrönt wird das Monument von einem 31,5m hohem Turm. In diesem befindet sich ein Sarkophag mit den Knochen von am Shipka-Pass gefallenen Soldaten, ergänzt wird das Ganze mit Bildern und weiteren Devotionalien. Ich habe mir die 3 Leva Eintritt dafür gespart, da hatte ich wenig Lust drauf. „Bewacht“ wird der Treppenaufgang zu diesem Turm von einem 8m langem und 4m hohem Löwen aus Bronze (dem Wappentier Bulgariens), dieser soll an den Mut und die Tapferkeit der 5500 russischen und 7500 bulgarischen Soldaten erinnern, die sich 30.000 Osmanen stellten. Und wieder: der Stoff, aus dem Heldengeschichten und nationale Mythen gemacht sind. Flankiert wird der Löwe von den Namen anderer Schlachtfelder, es gibt natürlich riesige Soldatenstatuen, einen ganzen Haufen Kanonen, die in alle möglichen Richtungen zielen und Orte für Feuer, Kränze und was es sonst noch so braucht. Was es auch gibt: einen phänomenalen Ausblick in die Ebene, das Tal der thrakischen Könige, der Himmel ist klar und ich kann bis zur nächsten Bergkette blicken.

Ich besuche diese Orte nicht nur wegen ihrer Architektur und diesem aufgeladenen Heldenethos, ich besuche sie auch, weil ich mich in Folge auch mit ihrer Geschichte beschäftige – und somit auch mit der Geschichte des Landes und seiner Bevölkerung. Ich habe häufig das Gefühl, das wir aus mitteleuropäischer, aus deutscher Perspektive sehr oberflächlich auf die Nationalidentitäten anderer Länder schauen, grade auf jene, der Nation noch sehr jung ist. Ich möchte nicht falsch verstanden werden, das Konstrukt Nation ist als ausgrenzendes und somit auch immer abwertendes Konstrukt auf jeden Fall abzulehnen. Der aus diesem Konstrukt entstehende Nationalismus in all seinen Ausprägungen hat noch nie Gutes hervorgebracht. Um aber das Nationalgefühl und die Identität von Bevölkerungen zu verstehen, muss man ihre Geschichte kennen lernen. Diese ist, bei aller Reflexionsfähigkeit der Menschheit, meistens ausschlaggebend für das Hier und Jetzt, mindestens als Basis für die Entwicklung bis Heute, meistens aber auch für das Morgen. Und weil vor dem Verstehen das (Kennen) lernen kommt, nutze ich solche Orte um mich dem nicht nur physisch anzunähern

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Wichtig vielleicht zu erwähnen: alles subjektiver Kram hier, alles keine Garantie auf Korrektheit. Wer es genau wissen will, nimmt bitte ein bis zehn Bücher zur Bettlektüre. Oder das Internet. Das ist mittlerweile fast genau so gut. Meistens.

Ich mache mich wieder auf den Weg und habe erst einmal das Vergnügen, eine dieser kurvigen bergabführenden Waldstrassen fahren zu dürfen. Das zaubert mir ein Grinsen ins Gesicht, Instagram-Follower*innen bemängeln jedoch die zugegeben etwas gewöhnungsbedürftige Musik-Auswahl des Morgens. Die freundliche Frau im Radio hat heute Freigabe für die schnellstmögliche Streckenführung, es geht nördlich Richtung Grenze, am Abend will ich in Bukarest sein. Auf dem Weg dorthin habe ich noch einen Stop eingeplant und eine Zusatzaufgabe.

Dieser widme ich mich zuerst. Ich brauche einen Ort, an dem ich ein bis zwei Stunden das Dachzelt aufklappen kann. Das ist von der Nacht in Batak immer noch nass und wenn ich in Bukarest wie geplant in einem AirBnB schlafe, läuft es Gefahr, Stockflecken zu bekommen. Ich hoffe auf ein Fleckchen neben der Strasse, finde aber nichts geeignetes. Zu dicht besiedelt ist die Gegend un das spontan zu machen, ich klingel oder klopfe an ein paar Türen um um Erlaubnis für Privatgrundstücke zu bitten, habe aber keinen Erfolg. Letztendlich lande ich bei Koukery Campsite und bedauer ein wenig, bereits das AirBnB gebucht zu haben. Der klitzekleine Campingplatz liegt oberhalb von Koshov und schaut direkt auf die gegenüberliegenden Felsenkirchen von Iwanowo, meinem geplanten Halt. Ein ganz wunderbarer Ort, ich werde ausgesprochen nett begrüßt und es ist gar keine Frage, dass ich mich auf dem Parkplatz ausbreiten darf. Ich feudel das Zelt noch einmal mit dem Handtuch ab so dass es nur noch nebelfeucht ist und hoffe auf Wind und Sonne. Nach etwas mehr als einer Stunde ziehen schwarze Wolken am Himmel auf, es donnert und ich checke mal, ob das Zelt abgetrocknet ist bevor es Gefahr läuft, erneut nass zu sein. Erfreulicherweise kann ich es zusammenklappen, vorher ziehe ich noch das Laken von der Matratze — das AirBnB hat eine Waschmaschine und nach vier Wochen zelten schadet es nicht, das Laken mal einer Frischekur zu unterziehen.

Ich fahre knapp zwanzig Minuten zu den Felsenkirchen von Ivanovo auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht. Bereits ab dem 12. Jahrhundert bewohnten hier einige Eremiten natürliche Höhlen in den Bergen und gruben dabei weitere Kammern in den Kalkstein, der Eremit Ioakim gründete dann aus einzelnen Kammern das Kloster Erzengel Michael. Dafür wurden die einzelnen Kammern mit Tunneln verbunden, viele davon sind mittlerweile wieder eingestürzt. Im weiteren Verlauf unterstützten bulgarische Zaren den Klosterbau, weitere Kammern wurden zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert in den Fels geschlagen und dank der herrschaftlichen Unterstützung war das Kloster Ziel der herausragendsten bulgarischen Künstler, der Kunsteschule von Tarnowo. Heute sind noch in sechs Kirchen Fresken des 13. und des 14. Jahrhunderts erhalten. Diese wurden mit aufwendigen Verfahren und finanzieller Unterstützung der UNESCO (die Kirchen und ihre Fresken sind Weltkulturerbe) restauriert und konserviert und sind seit 2002 für die Öffentlichkeit zugänglich.

Ich besuche die Felskirche der Jungfrau Maria, die zentrale Klosterkirche. In ihr befinden sich die bedeutendsten Fresken, sie ist gut 16m lang, 4m breit und etwas über 2m hoch. Die Fresken stellen die letzten Tage im Leben Jesu Christi und das Leben von Johannes dem Täufer dar, in der angrenzenden Kapelle ist die Geschichte von Hieronymus, der einem Löwen die verletzte Pfote heilt und dafür auf ihm reiten darf, dargestellt. Zusätzlich gibt es noch Fresken von Zar Iwan Alexander, der Zarin Theodora, diversen Heiligen und Darstellungen aus dem Leben früher syrischer, christlicher Eremiten.

Neben Heldengedenken und nationalem Ethos ziehen mich auch immer wieder sakrale Orte beim Reisen an. Der Glaube prägte wie kaum eine andere Ideologie die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte. Die unterschiedlichen Ausprägungen der Glaubenspraxis – hier zugige Felskammern 40m über dem Boden, nur über in die senkrechte Felswand eingelassene Holztritte erreichbar, dort mit goldgedeckte Prachtbauten – spiegeln meiner Wahrnehmung nach auch immer den großen Interpretationsspielraum wieder, den die Schriften ihren Ausleger*innen lassen. Hier bin ich beeindruckt von der Detailtreue, der Farbenvielfalt und der Intensität der Fresken, vor allem in dieser Umgebung. By the way: heute muß niemand mehr über die Holzsprossen an der Felswand entlang klettern, Forscher*innen haben einen rückwärtigen Zugang angelegt. Zu diesem führt eine in den Fels geschlagene Treppe, immer noch steil aber sicher zu begehen. Die nicht mehr vorhandenen Holzsprossen haben anno Tobak übrigens dafür gesorgt, dass die osmanischen Eroberer das Kloster nicht erreichen konnten, die Mönche entfernte einfach die letzten Meter und konnten so als christliches Glaubensrefugium für sich bleiben (und damit wahrscheinlich auch überleben).

Von Ivanovo ist es ein Katzensprung nach Russe an der Donau. Bevor ich die Stadt erreiche buche ich noch schnell eine rumänische Vignette online, außerdem lasse ich mir den Tank mit meinem letzten bulgarischem Cash vollmachen. Russe selber durchquere ich zügig, die Stadt hat nichts, was spannend wäre. Sie hat das Flair einer Stadt, die an einem heftig frequentiertem Grenzübergang liegt und eigentlich nur darauf aus ist, Transit möglich zu machen. Jedenfalls soweit ich was von der Stadt sehe. Die Anfahrt auf den Grenzübergang ist chaotisch, das kenne ich bereits von den letzten Malen. Man muß sehr genau aufpassen, dass man nicht in die falsche Spur gerät, sonst befindet man sich in irgendwelchen spezialisierten Transit-/Zoll/-weiß der Geier was-Bereichen, verhindern kann man diese Gefahr aber auch kaum, die Beschilderung ist ein einziges Chaos oder einfach nicht vorhanden. Ich stehe richtig an, hab einen sehr netten (kurzen) Schnack mit dem Menschen in dem Grenzhäuschen der gleichzeitig die Brückenmaut kassiert und fahre nach wenigen Minuten auch schon auf die Giurgiu-Russe-Freundschaftsbrücke.

Die ich echt mag. Auf beiden Seiten stehen portalartig jeweils zwei mächtige Säulen, gestaltet durch den ukrainischen Bildhauer Michailo Iwanowitsch Paraschtschuk. Sie wurde in den Jahren 1952-54 mit sowjetischer Hilfe gebaut (von dort stammt auch der Namensvorschlag, seit Ende des Kommunismus heisst sie meist nur „erste Donaubrücke“). Auf jeweils eigenen Brückenteilen queren Straßen- und Bahnverkehr die Donau, zusätzlich gibt es auch einen Bürgersteig. Die Gitterträgerbrücke ist 2,8km lang, an der höchsten Stelle 30m über der Donau, zusätzlich kann das 85m lange Mittelteil noch für größeren Schiffsverkehr hochgefahren werden. Bis 2013 war diese Brücke die einzige Festverbindung zwischen Bulgarien und Rumänien über den 470km langen gemeinsamen Donauabschnitt. Exakt in der Mitte der Donau markiert ein großes Schild die Grenze und man kann je nach Fahrtrichtung das Land lesen, in das man einreist.

Ab Giurgiu fahre ich auf den ins Land gedübelten Transitstrassen nach Bukarest. Es ist früher Nachmittag, je näher ich Bukarest komme, umso dirchter wird der Verkehr, in der Hauptstadt komme ich pünktlich mit dem Feierabendverkehr an. Die freundliche Frau im Radio navigiert mich relativ gut durch das Gewusel, ein, zwei Einbahnstrassen und Strassensperrungen scheinen auch für sie neu zu sein. Ich komme trotzdem gut bei meinem AirBnB an, der Wagen kann im abgeschlossenen Hof geparkt werden, das Aufbrechen von Autos für den Diebstahl von Wertsachen ist in der Stadt nämlich ein Problem. Und mein Auto schreit ja quasi förmlich nach „HIER IST IRGENDWAS DRIN, GUCK MAL NACH!!“. Schnelles Abendessen und noch eine Orientierungsrunde um den Block und ich beende diesen Tag.

Für den nächsten Morgen habe ich mir Ausschlafen verschrieben, meine innere Uhr weckt mich aber früh. Ich rolle noch etwas von links nach rechts, entscheide mich dann aber trotzdem fürs Aufstehen. Eine Stadt lässt sich vormittags einfach besser erkunden als in der späten Nachmittagshitze. Ich klapper die sehr einfach nachzulesenden Highlights von Bukarest ab und lasse mich zusätzlich ein wenig von der Neugierde nach links und rechts ablenken. Ich hänge eine ganze Zeit im Cismigiu-Park ab, gucke mir ohne Ende Häuser an und Gebäude an, schaue dem Wasserspiel des Simfonia Apei zu, brunche ein bisschen, esse später zu Abend. Gute 14km Fussweg stecken mir am Abend in den Beinen und ich freue mich, einen Tag außerhalb des Autos und in dieser sehr ambivalenten Stadt verbracht zu haben. Die Mischung aus historischem Altbaubestand, sozialistischen Prachtbauten, die versuchen, diesen Altbaubestand mit Massen an Beton zu imitieren, funktionalen Platten und Werbeleinwänden, modernen Stahl- und Glasbauten und völlig runtergerockten Ruinen hat einen ganz eigenen Charme. Gegen Abend kehre ich in mein BnB zurück, lege die inzwischen trockene Wäsche zusammen und fange an, meinen Kram wieder zu verpacken. Der will morgen ins Auto gepackt werden und dann geht es wieder los.

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