Tag 28 – Albträume

Von Bukarest nach Camping Panorama Rucâr

261km

12l getankt

Heute fahre ich nach Transylvanien. Das mit den Vampiren, Dracula und so. Und es soll mein schlimmster Albtraum werden (nach der Nord-Mazedonien-Etappe vielleicht). Bukarest lasse ich früh hinter mir, ich habe keine Lust auf dieses Verkehrschaos von der Anreise. Und obwohl es ein Samstag und mit 09:00 Uhr noch recht früh ist, sind die Straßen schon sehr voll. Ich mag garnicht drüber nachdenken, wie es in ein, zwei Stunden sein wird. Ohne große Zwischenfälle komme ich aus der Stadt raus und auf die Autobahn. Ich mache heute ein wenig Strecke, ich habe mir ein besonderes Schloss als Ziel vorgenommen und möchte ein paar Minuten mehr dafür haben.

Ziel des Tages ist das Schloß Bran. Mitten in den Karpaten in der Region Siebenbürgen gelegen sollte die Strecke ab der Autobahn landschaftlich reizvoll sein. Touristisch wird das Schloss als die Burg Draculas vermarktet, wahrscheinlich hat das historische Vorbild der Romanfigur, der walachische Fürst Vlad III. Draculea das Schloss aber nie betreten. Im Jahr 1211 schenkte König Andreas II von Ungarn dem deutschen Orden, also Kreuzrittern, das Burzenland mit dem Recht, dort Burgen zu erreichten. Fünf Burgen sollen gebaut worden sein, eine, die Marienburg in Feldioara, konnte einwandfrei identifiziert werden. Angeblich soll dort wo jetzt Schloss Bran steht, die Burg von Dietrichstein gestanden haben, sicher weiß man, dass diese 1242 von den Mongolen zerstört wurde (und an der Stelle mal wieder historisches Wundern bei mir: wie krass weit die Mongolen gekommen sind!). 1357 wird die Burg das erste Mal urkundlich erwähnt, stand unter ungarischer Herrschaft und wurde in Folge zu einer Grenz- und Zollburg ausgebaut. Viel Geschichte und Zeit ziehen ins Land, nach dem zweiten Weltkrieg übernehmen in Rumänien und Ceaušescu die Kommunisten die Macht und bauen die Burg zu einem Museum und touristischem Ziel aus. Das ist sie heute noch – und das hätte mich warnen sollen.

Von Bukarest aus fahre ich Richtung Ploiesti, ab da stehe ich im Stau. Die freundliche Dame im Radio versucht die eine oder andere Umfahrung, am Ende stehe ich aber immer wieder in demselben Stau. Warum hier so heftig Stau ist, erschließt sich mir nicht. Die Ankunftszeit im Display schiebt sich immer weiter nach hinten, ich verstehe nicht, warum ich für weniger als 100km mehr als vier Stunden brauchen soll. Und da ich mich in den Ausläufern eines Tals befinde, gibt es auch kein Entkommen und auch keine alternativen Routen – vor allem nicht, wenn ich nicht Gefahr laufen möchte, endlich auf einem Forstweg den Wagen zu schrotten. Also stehe ich brav an, am Ende fast vier Stunden lang.

Ich nähere mich dem Ort Poiana Tapului – er wird wahrscheinlich niemanden etwas sagen. Hier wollen aber offenbar alle hin. Bereits Kilometer vor dem Ort sind die Seitenstreifen zugeparkt, Menschen gehen zu Fuss Richtung Stadt, viele, und jetzt wird es seltsam, sehen wie schlechte Karikaturen von Gothic-Parties aus. Hauptsache Schwarz, irgendwas mit Rüschen, manche wie böse Schulmädchen. Die freundliche Frau im Radio schlägt einen Schlenker vor, sie meint, so könnten wir ein Stück Stau überholen (was klappt), dafür landen wir in der Vor-Hölle. In diesem Moment dachte ich, in der Hölle des Tages gelandet zu sein, rückblickend konnte der Tag aber noch eine Stufe Zwei abfeuern.

Ich werde von der Lady direkt an Cantacuzino Castle vorbeigeführt. Es muß bei niemandem klingeln angesichts des Namens, auch bei mir fiel der Groschen erstmal pfennigweise. Das 1850-1927 gebaute Schloss ist aus künstlerischer, architektonischer und historischer Sicht sicher irgendwie wertvoll, der ganze Kostümzirkus findet hier aber statt, weil dieses Schloss als Kulisse für das Internat „Nevermore“ in der Netflix-Serie „Wednesday“ erhalten durfte. Die Serie hat eine wahre Gruftie-Renaissance eingeläutet, wie so vieles was durch siziale Medien zum Hype wird aber primär als Lifestyle (vor allem Style) und weniger als das, was wir jährlich im Rahmen des Wave-Gotik-Treffens und des Leichentreffs am Südfriedhof erleben. Es wird nur die Erscheinung einer Szene geklaut, das alles ist eine seelenlose und auswechselbare Hülle. Morgen gibt es die nächste gehypte Serie und damit auch den nächsten Trend, das kleine (oder große) Schwarze landet dann im Müll.

Kurz habe ich Hoffnung, dass ich mit Verlassen des Ortes auch die Menschenmassen hinter mir lasse. Bis ich genauer in die Autos vor und hinter mir schaue und begreife: Das ist einfach ne Tagestour. Erst das eine Schloss, dann das andere. Dazwischen im Vampir-Restaurant was essen. Und eigentlich stehe ich auch nicht in einem Stau, ich stehe in der Schlange. Und ich befürchte, in Bran sollte alles noch schlimmer werden.

Zwischendruch entzerrt sich die Schlange etwas und ich kann die Fhart über die 73A durch die nördlichen Ausläufer des Bucegi-Gebirges sehr genießen. Die Aussichten sind phantastisch, genau das ist die Art Bergstraße, auf die ich sehr abfahre. Obwohl es warm ist, herrscht eine düstere Stimmung, die Wolken hängen tief an den Bergrücken. Eigentlich genau das richtige Szenario um durch Transylvanien zu fahren. So hab ich mir das immer vorgestellt. Ich fahre durch etliche offensichtlich alte Dörfer, es gibt viel historischen Baubestand der teilweise ganz hervorragend in Schuß ist. Ich habe keine Ahnung von der lokalen Architektur, meine aber eine gewisse Vergleichbarkeit zu erkennen – und erinnere mich, diese Stilelemente auch in anderen Dracula-Filmen aber auch zum Beipiel am Key-Haus der Serie Locke&Key gesehen zu haben. Dadurch habe ich ein „Grundgefühl“ was diese Häuser vermitteln und ein bisschen fühlt es sich so an, als wenn ich durch einen Gruselfilm fahren würde.

Ich biege ab auf die 73 Richtung Bran und stehe wieder im Stau. Bis Bran wird es immer schlimmer, das Bild von Poiana Tapului wiederholt sich. Ich treffe, noch bevor ich den Ortskern und das Schloss erreiche eine Entscheidung: ich werde auf gar keinen Fall anhalten. Das ist jetzt schon der Obergau, das kann nur schlimmer werden. Ich hab mir in diesem Moment nicht ausmalen können, wie schlimm es wird. Bran ist ein einziges Disneyland durch das eine öffentliche Straße führt. Menschenmassen quetschen sich über die Wege, passen dort kaum drauf, stolpern deswegen immer wieder in den Verkehr, alles ist voll mit Souvenir- und Ramschläden, und wenn es nicht diese sind, dann Restaurants und Getränkebuden. Es riecht nach Kirmes. Die Parkplätze sind alle voll, es können nur Autos drauf, wenn welche runterfahren, deswegen die endlosen Staus. Keine zehn Pferde bekommen mich aus meinem Auto raus in dieses Chaos hinein. Die Vorstellung, mir mit all diesen Menschen gemeinsam die Füße platt zu treten, da graut es mir.

Schloss Bran

war vielleicht ein bisschen nachlässlich überlegt bei der Routenplanung, ich hatte schlicht und ergreifend nicht auf dem Schirm, dass heute Samstag ist. Hätte ich mir denken können. Ich vermute, an einem Montag Morgen würde sich der Ansturm in Grenzen halten. Wie auch immer, ich fahre am Schloss vorbei, erhasche zwei, drei Blicke durch die Bäume und habe ab da freie Strecke. Nach gut sechs Stunden Fahrt, davon ca. 4 im Stop and Go, komme ich am Campingplatz für die Nacht an, baue auf und atme erstmal durch. Er liegt auf ca. 860m Höhe, es ist jetzt bereits frisch, die Nacht wird wahrscheinlich also kühl. Den Abend verbringe ich mit dem Panorama, esse eine Kleinigkeit im Restaurant unterhalb des Campingplatzes und freue mich, als pünktlich zum Sonnenuntergang Kollege Bluetooth-Lautsprecher zum Leben erwacht. Seine Gesellschaft hatte ich tatsächlich schon länger nicht mehr.

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