Von Camping Casutele dintre vii zum Gokart Hotel (Keckskemet)
571km
85l getankt
Ich hatte eine ganz wunderbare Nacht, richtig gute „merkt man nicht“ Temperatur, absolute Stille aus dem Plätschern vom Brunnen direkt neben dem Zelt. In dem ich falsch herum geschlafen habe. Normalerweise schlafe ich mit den Füßen zur Leiter, ich konnte auf dem sehr schiefen Platz aber den Wagen trotz Auffahrrampen nicht ausreichend in die Waagerechte bringen, und damit ich nicht kopfüber schlafe, lag ich die Nacht also mit dem Kopf an der Leiter. Was dem Schlaf keinen Abbruch getan hat.
Kaum bin ich aus dem Zelt raus, bekomme ich einen Kaffee in die Hand gedrückt. Gestern keine Arbeit ohne Kaffee, heute kein Morgen ohne Kaffee. Ich mag´s. Was ich nicht mag, sind die dunklen Wolken, die sich über mir zusammen ziehen. Ich verschiebe die Morgenwäsche also nach hinten, klappe das trockene Zelt zu und baue schon mal alles ab. Nicht zu früh, ich bin grade auf dem Weg zur Dusche, da fängt es an zu regnen.

Ich breche auf und muß ein kleines Stückchen die Strecke von Gestern zurück fahren, biege in Targu Jiu aber dann auf die E79 ab Richtung Norden ab. Der Weg führt mich durch den Defileul Jiului Nationalpark und folgt dem Flussverlauf des Jiu. Dieser hat eine tiefe Schlucht in das Felsgestein geschnitten, diese teilen sich jetzt Wald, Strasse, Fluss und eine alte Eisenbahntrasse. Immer wieder tauschen Eisenbahn und Straße die Flussseite, die Trasse wird von ziemlich lädierten und mit Moos und Pflanzen bewachsenen Tunneln vor Steinschlägen geschützt. Die Luft richt stark nach Regen und nassem Waldboden. Ich mag diese wenig sommerliche dafür eher herbstliche Atmosphäre, das verwilderte und rauhe Panorama um mich herum passt ganz hervorragend dazu. Ich hatte am Lainici Kloster eigentlich einen möglichen Stop angedacht. Das im 14. Jahrhundert erstmals erwähnte Kloster muss eine sehr eindrucksvolle Kirche auf dem Klostergelände haben. Leider hat das Kloster auch eine schreckliche Geschichte in Verbindung mit Deutschland: im ersten Weltkrieg wurden hier deutsche Soldaten stationiert, diese entweihten das Kloster und seine Heiligtümer und klauten alles Wertvolle inklusive der Kirchenglocken. Anschließend brannten sie das gesamte Kloster nieder. Quasi als Signatur hinterließen sie ihre Namen in den Altarstein geritzt, dort sind sie als Mahnmal immer noch zu lesen.

Es regnet jedoch so stark, ich habe gar keine Lust zu dem recht weiten Weg von der Parkmöglichkeit zur Kirche. So sehr ich diese verregnete Stimmung hier in der Schlucht mag, so wenig habe ich Lust, den Rest des Tages feucht in meinem Auto zu sitzen. Und trotzdem, es ist ein ganz wundervoller Einstieg in einen Tag, an dem ich vor allem viele Kilometer machen möchte. Die Wettervorhersagen haben für den gesamten Westen Rumäniens unbeständiges bis schlechtes Wetter vorher gesagt und – Spoiler – bis kurz vor Ende des Tages wird der Regen kaum aufhören. Obligater Dadmove: die Natur hat das aber ja auch gebraucht!

Zum Ort Cartierful Sasa hin öffnet sich die Schlucht, das Land weitet sich und die verregnete Felsen-Wälder-Verwunschene_Landschaft-Romantik ist dahin. Die E79 knickt nach Westen ab, kratzt kurz Gradistea Muncelului Cioclovina Naturpark um dann auf der A1 zu münden. Beim Durchfahren der zahllosen Dörfchen hier fällt immer wieder auf, dass es optisch, grade bei alten Kirchen, einen Unterschied zu anderen rumänischen Dörfern gibt. Im 12. Jahrhundert wurden durch einen ungarischen König Deutsche hier angesiedelt, landläufig als Siebenbürger Sachsen bekannt (auch wenn es nicht nur Sachsen sondern Menschen aus dem gesamten deutschen Reich waren). Anfangs waren diese in sieben Städten angesiedelt, daher der Regionsname Siebenbürgen. Die Region gehörte in ihrer Geschichte eigentlich immer zu Ungarn oder dem Herrschaftsbereich der Habsburger und ist erst seit 1918 Teil von Rumänien. Vor dem ersten Weltkrieg lebten hier gut 800.000 Angehörige der deutschsprachigen Minderheit, im Kommunismus verließen viele das Land, heute sind es noch gut 15.000.

Ab jetzt wird es langweilig. Um die vorgesehene Strecke zu machen und aus dem Schlechtwettergebiet rauszukommen habe ich vor, heute bis Ungarn zu fahren, mein Ziel ist die Grenzstadt Gyula. Und Strecke macht man am besten auf der Autobahn. Immerhin habe ich dafür ja Maut bezahlt und kaufe auch schon mal für Ungarn eine E-Vignette. Die Landschaft links und rechts der Autobahn wandelt sich von bergig hin zu weiter Ebene mit großen Agrarbetrieben und Anbauflächen. Hier wird Landwirtschaft im industriellen Rahmen betrieben. Was mir direkt auffällt: flatterten die letzten Wochen ständig Schmetterlinge und andere Insekten vor dem Auto rum (und wurden nicht selten dann zu Matsch auf meinem Lack und der Windschutzscheibe), so ist in diesen endlosen Ackerflächen kaum noch Insektensterben an meinem Auto. Das hat vorher wahrscheinlich schon auf andere Weise stattgefunden.

Kurz vor Timisoara fahre ich noch einmal von der Autobahn runter und halte an einem SB-Wash und spüle mit dem Hochdruckreiniger den Nord-Mazedonien-Dreck von Auto. Keine befriedigende Reinigung, dafür fehlte die Schaumbürste, aber wenigstens die Schlammbrocken sind weg. Außerdem werde ich mit einer halben Tankfüllung auch mein letztes rumänisches Bargeld los. Und obwohl der Tag ab hier noch lang war, gibt es nichts mehr zu erzählen. Ich bin halt auf einer Autobahn gefahren.
Hinter Timisoara, es regnet immer noch Bindfäden, laufe ich auf die Grenze zu. Jenen Grenzübergang, an dem ich schon einmal eine Diskussionen um die LKW-Frage in meinen Papieren hatte. Entsprechend bin ich nervös, an der Papierlage hat sich nämlich nichts geändert. Die Ausreise aus Rumänien geht flott, ich führe ein Kurzgespräch, wie man es als Alt-Volvo-Fahrer:in wahrscheinlich häufiger führt: der Grenzer klopft auf meinen Kotflügel und sagt mit anerkennend verzogenen Mundwinkeln „Tank“, also Panzer. Ich lache, „haha, ja, Volvos sind Panzer“, er sagt „strong“ und spannt zur Verdeutlichung den Bizeps an, ich sage „good swedish steel“, er klopft nochmal auf den Kotflügel und nickt. Und gibt meine Papiere an die ungarische Grenzerin weiter und ich könnte schwören, es ist dieselbe, mit der ich die LKW-Diskussion hatte. Diesmal muss ich den Motor an ihrem Kabuff ausmachen, dann den Kofferraum öffnen und dann will sie gucken, was ich unter der Plane auf dem Dach habe. „Tent“ sage ich, das reicht ihr nicht, also fange ich an, auszupacken. Als sie merkt, dass das eine größere Operation wird, winkt sie ab, ist wohl doch nicht so wichtig. Was ich dann aber noch machen darf, ist ein Alkoholtest. Ich bin mir nicht sicher, ob ich so unbeholfen beim Zeltauspacken ausgesehen habe, dass das jetzt nötig ist. Aber, was immer nötig ist um als Bürger eines EU-Staates einen innereuropäischen Grenzübertritt zu machen, ich mache es!

Weniger kooperativ ist das Wetter, es regnet immer noch und ich habe superwenig Lust, im Regen das Zelt aufzubauen. Ich entschließe mich für Hotel und wenn ich mir das ganze Camp aufbauen und so spare, dann kann ich auch noch etwas Strecke in den Abend rein machen. Ich fahre noch gute anderthalb bis zwei Stunden und komme in dem Ort Kecskemet im Gokart Hotel unter. Ordentliches Hotel, Frühstück mit im Preis inbegriffen und hinterm Haus eine Rennbahn. Also, eine Kartbahn. Ich packe meine Sachen aufs Zimmer, gehe im Restaurant etwas zu Abend essen und registriere mich für ein Rennen. Denn was kann es besseres geben, als ein paar schnelle Runden in den Asphalt zu brennen nachdem man fast 9 Stunden bereits am Steuer gesessen hat. Die Gruppe, in die ich gerate ist hier offensichtlich öfter, ist hochmotoviert es dem Fremden ordentlich zu geben. Ich kenne den Track nicht, es gibt keine Einführungsrunde und eigentlich bin ich im Kartfahren auch nur eher so semigut. Also ziehen die Jungs mich ordentlich ab, Spaß habe ich trotzdem. Und verbessere mich in 8 Laps um ganze 6 Sekunden zum Ende hin und liege so mit meiner schnellsten Runde gleichauf mit der langsamsten meiner Gegner. Auch irgendwie ein Sieg.

Morgen wird es dann schon wieder Richtung Grenze gehen, ich will nach Slowenien rüber und nach Möglichkeit bis Ljubljana durchziehen. Alles bis dorthin ist von den Hochwassern betroffen, da möchte ich jetzt nicht als Urlauber rumeiern, die Autobahnen sind aber nutzbar und die Hauptstadt wohl nicht oder nur wenig betroffen.
