Von Penzion Kamp Klin zum Naturcamping Mauerhäusl (Hochfilzen)
287km
19l getankt
Die Nacht war wieder kalt und feucht. Am späten Abend bildete sich über der Soca ein dickes, undurchsichtiges Nebelband. In Folge lagen morgens dicke Tautropfen auf Auto und Zelt, bedeutete also leider auch, ein kletschnaßes Zelt einzupacken. Aber, hilft ja alles nichts. Der Plan für heute sieht zwei Passüberquerungen (und eine, von der ich nichts wusste) vor, da brauche ich etwas Zeit. Zwar ist die Strecke nicht allzu weit, ich werde sie aber nicht schnell fahren können.
Irgendwie stresst heute der Motor rum. Er ging schwer an, und an der ersten kleinen Steigungen, an der ich zum Linksabbiegen halten muss, geht er aus. Ich schiebe das auf die Feuchtigkeit, sogar im Innenraum war Kondenswasser. Nach kurzem Rödeln ist er aber wieder voll da. Los geht es über die 206 zur 203. Diese ist eine wunderbar ausgebaute Landstraße die dem Lauf der Soca folgt. Hier wird das Teil weitläufiger, größer, die Soca ist weniger reißender Gebirgsfluß als viel mehr über breite Stromschnellen springendes Gewässer. Ich fahre am Boka Wasserfall vorbei, in näherer Umgebung gibt es aber keine Parkmöglichkeiten, alles ist voll. Bereits 2020 haben wir hier mehr schlecht als recht halten können, das hat auch wenig mit dem Wochenende zu tun, hier ist gleichzeitig ein beliebter Einstiegspunkt für Rafting und Kajak-Touren.

In Zaga biege ich rechts ab und lande auf einer Abenteuerstrecke, die ich überhaupt nicht vorgesehen hatte, die freundliche Dame im Radio hielt das aber für eine gute Idee. Die Strasse ist ziemlich genau ein Auto breit aber beidseitig befahrbar. Es handelt sich um den Ucja-Pass. Dieser glänzt nicht mit seiner 707m hohen Scheitelhöhe, er glänzt eher mit 15% Steigung und verläuft parallel zur Ucja, auf die sowie ihr Tal es immer wieder hervorragende Ausblicke gibt. Im Prinzip ist die Straße für sich kein richtiger Pass sondern lediglich die Auffahrtrampe zum Passo di Tanamea im Friaul in Italien. Die Strasse ist durchgehend asphaltiert, wenn auch nicht in durchgehend gutem Zustand, in regelmäßigen Abständen gibt es Ausweichbuchten für entgegenkommende Autos. Das passiert mir zum Glück nicht, mir kommen nur ein paar Radfharer:innen unter die sich, obwohl mehrfach ein Fahrrad-Verbot für diese Straße ausgeschildert ist, hier den Berg hochquälen. Ich kann bei mit unter 15% Steigung nicht immer meine Geschwindigkeit an die sehr langsamen Fahrräder anpassen und bin gezwungen, dichte Überholmanöver zu fahren. Bei Uccea überquere ich die Grenze zu Italien, wieder einmal ein offensichtlich seit langem nicht mehr genutztes Grenzhäuschen, ein Schild, dass mich aus Slowenien verabschiedet und eines, dass mich in Italien begrüßt. So machen Grenzen Spaß. Ab dort geht die Straße als SP42 weiter, sie ist gut ausgebaut und im Gegenzug zur slowenischen Seite auch ohne Adrenalineinschub zu fahren. Sie windet sich durch kühlen Wald den Berg runter und folgt dabei dem Verlauf des Resia. Dieses Tal hat eine Bevölkerungsbesonderheit: von den knapp 1000 Menschen, die hier leben, sind etwa 800 slawischer Herkunft, sie leiten den Namen „Resianer“ von „Russen“ ab, ihr Dialekt Resianisch hat jedoch gemeinsame Wurzeln mit den slowenischen Dialekten Kärntens, lehnte sich später, nachdem die sprachliche Verbindung durch friulanische und deutsche Kolonisation unterbrochen wurde aber an die Küstendialekte Sloweniens an. Durch die sehr isolierte Lage bildeten sich hier im Tal eigenständige musikalische Traditionen heraus. Eigene Tanzmelodien mit geringem Tonumfang und metrischen Unregelmäßigkeiten meist von zwei Geigen, die die Melodie unisono spielen und einem Cello als Bassinstrument vorgetragen. Im Resiatal ist zudem die Scherenschleiferei ein lange gepflegtes und in die Welt getragenes Handwerk, einmal im Jahr treffen sich Scherenschleifer:innen aus aller Welt zum Dorffest in Stolvizza.

Aus dem Tal raus folge ich der SS52, einer gut ausgebauten Landstraße die einem breiten Flusslauf folgt. Ich bin schlecht im schätzen von Größenverhältnissen, aber ich denke, dass das Flußbett die Größe des Rheins zwischen Köln und Duisburg hat, es ist aber bis auf wenige verästelte Wasserläufe fast trocken. Dafür voll mit Geröll und Steinen. Die SS52 ist auch die erste (geplante) Passquerung des Tages. Ich möchte den 1357m hohen und 37km langen Plöckenpass, auch bekannt unter seinem alten Namen Kreuzbergpass (im italienischen immer noch Passo di Monte Croce Carnico), fahren. Dieser Übergang wurde archäologischen Funden zu Folge bereits in der Eisenzeit genutzt, man geht aber davon aus, dass hier bereits zur Bronzezeit Menschen die Bergseiten wechselten. Die Römer bauten die erste befestigte Querung, konnten dabei aber auf bereits vorhandene Wege zurückgreifen. Ganz eigentlich besteht der Plöckenpass aus zwei Überquerungen, von Süden kommend werde ich erst über den Plöckenpass fahren, dann etwas absteigen um dann über den 981m hohen Gailbergsattel zu fahren. Der Pass selber, logischerweise da bereits so alt, hat schon viel Geschichte gesehen. Im ersten Weltkrieg fanden hier ausgiebige Gefechte an der italienisch-österreichischen Front statt, diverse Befestigungen, die zu einem militärischem Sperrriegel gehören, zeugen davon, hier fand ein unerbitterlicher Stellungskrieg statt. Allerdings starben nur gut zwei Drittel der getöten Soldaten durch Feindeinwirkung, ein Drittel kam bei Lawinen ums Leben. Zahlreiche Bunkeranlagen, Stollen und Patrouillenwege sind heute noch vorhanden und sichtbar, zusätzlich gibt es „Heldenfriedhöfe“ entlang des Weges. Auf die Bunker und das drumherum hatte ich Bock, aber bereits nach kurzer Auffahrt vor mir Bremslichter. Ein Stau. Auf einem Pass. Yeah.

Nach zwei Kurven sehe ich Blaulicht, im Vorbeifahren erkenne ich, das einer der Motorradfahrer, die in den Bergen auf Teufel komm raus Autos überholen weil Pässe ja eigentlich ausschließlich für sie da sind, sich im Gegenverkehr zerlegt hat. Auf der Gegenfahrbahn steht ein dickes SUV mit Schrammen und Beulen über die gesamte Seite, dahinter ein zerscheppertes Motorrad, Polizei regelt den Verkehr wechselseitig durch das Hindernis. Danach geht es für mich erstmal flüssig weiter, der Gegenverkehr staut sich den ganzen Berg hoch. Ich mache grade drei Kreuze das es bei mir läuft und da bestätigt sich die alte Autofahrregel: sowas darf man nicht vorm Ende der Tour denken. Auch ich stehe wieder im Stau, es tröpfelt stückchenweise vorwärts. Grund: irgendwo auf der Abfahrt ist eine Baustelle auf der Gegenspur mit Ampelregelung.

Alle sind genervt, jeder einzelne Parkplatz ist rappelvoll und für mich gibt es nicht eine Möglichkeit zum Anhalten. Ärgerlich weil mir so Festungen, Bunker und Denkmäler durch die Lappen gehen, problematisch weil ich wirklich dringend muß. Aber es bleibt mir nicht anderes übrig, als noch den ganzen Berg abzusteigen und unten im Tal dann hinter einem Baum zu verschwinden.

Auf dem Pass habe ich eine verlassene Grenzstation passiert, auch hier haben offensichtlich Grenzkontrollen schon länger nicht stattgefunden. Jetzt bin ich in Österreich und damit auch irgendwie auf der endgültigen Zielgraden. Ich muss kein Englisch mehr sprechen und verkehrs- und straßentechnisch läuft hier alles in geordneten Bahnen ab. Die Straße heißt jetzt 110, sie läuft über den 981m hohen Gailbergsattel. Der Verkehr läuft jetzt geschmeidig und ich komme gut voran. Von der 110 geht es bei Oberdrauburg auf die 100 Richtung Westen und bei Stribach wieder auf die 107 Richtung Norden. Ich habe keine großen Vorräte mehr dabei, deswegen halte ich an einem Gasthaus und esse spät zu Mittag/früh zu Abend. Und nachdem die letzten Tage kulinarisch eher überschaubar spannend waren, lasse ich es mir jetzt mit hausgemachter Rinderbrühe und Hirschbraten gut gehen. Ich sitze im Schatten, zische ein alkoholfreies Weizen und genieße diesen Moment.
Unmittebar nach meiner Weiterfahrt komme ich am Jungfernsprung vorbei, einem großen und bekanntem Wasserfall im oberen Mölltal. Das verrät auch meine Routenwahl, ich habe mich entschieden, noch einen letzten Pass zu fahren. Die Großglockner Hochalpenstraße soll es sein. Die Doppelpassstraße über Fuscherl Törl und Hochtor erreicht 2576m. Ich bin diese Hochalpenstraße schon mehrfach gefahren, sie ist gut ausgebaut, passagenweise sehr steil aber meist übersichtlich und bietet phänomenale Bergpanoramen. Die Bergquerung selber wurde an dieser Stelle laut archäologischen Funden bereits im 2. bis 1. Jahrhundert vor Christus benutzt, die heutige Hochalpenstrasse entstand ab 1933. Sie war innenpolitisch wichtig, da mit dem Friedensvertrag von St.Germain zum Ende des ersten Weltkrieges Südtirol von Österreich abgetrennt wurde und damit der innerstaatliche Landweg nach Kärnten unterbrochen war. Umgerechnet hat dieses Bauprojekt 65 Millionen Euro gekostet was 510.000€ weniger (!!!) als veranschlagt war. Heute ist die Strasse mautpflichtig, happige 40€ kostet der Spaß. Immerhin bekommt man dafür einen Aufkleber.

Die Auffahrt läuft gewöhnt entspannt, langsam aber stetig ziehe ich den Berg hinauf und genieße dabei die Aussichten. Nur vier oder fünf Kehren unterhalb der ersten Passscheide ruckelt der Motor. Ich bin im zweiten Gang und muß Vollgas geben und habe Leistungseinbruch. Und zwar so massiv, dass ich mit Ach und Krach noch bis zur nächsten Einbuchtung komme. Ich mache eine Sichtprüfung, sehe aber nichts, was das Ruckeln bedingen könnte, im Leerlauf dreht der Motor auch stressfrei hoch und läuft rund. Also versuche ich mein Glück – um es wieder nur so grade eben um die nächste Serpentine und bis zur nächsten Einbuchtung zu kommen. Also stehe ich wieder vor der offenen Motorhaube und denke über die heilige Dreifaltigkeit eines gut laufenden Motors nach: Benzin, Luft und Funken. Luft bekommt er, Zündfunken ja eigentlich auch, im Stand läuft er ja gut, auch dreht er ohne Last komplett durch das Drehzahlband. Also Sprit. Ich habe mehrere Vermutungen: der Spritfilter sieht nicht mehr ganz so gut aus, das teilweise wirklich schlechte Benzin der letzten Wochen hat hier ziemlich Ablagerungen hinterlassen. Ändern kann ich da jetzt nichts, ich habe keinen in Ersatz dabei. Natürlich könnte die Benzinpumpe nicht genug fördern, auch das bezweifel ich, die Teile sind recht robust und meine ist noch nicht sehr alt. Zwar habe ich Ersatz inklusive Dichtungen dabei, um die zu montieren, müsste der Motor aber deutlich abkühlen. Die Pumpe ist direkt am Block verbaut, das ist grad alles bullenheiß, da kann man nicht schrauben. Und damit wäe ich bei meinem Hauptverdacht: von der Pumpe aus läuft der Benzinschlauch am Block entlang nach vorne, geht dort zwischen Kühler und Motor auf die andere Seite und am Block entlang zum Vergaser (der über der Auspuffanlage sitzt). Ich habe diese Konstruktion schon häufiger bemängelt, das ist nicht ganz so durchdacht von den Ingenieuren. Der Sprit wird da gut erwärmt, quasi ganz automatisch. Und wenn es bullenheiß ist, der Motor Hochleistung bei ausbleibendem Fahrtwind bringen muss, dann kann das dazu führen, dass Sprit Dampfblasen bildet. Ich hab als Ort den Filter im Verdacht, vielleicht auch eine Kombi aus bisschen reduzierter Durchsatz weil ausgefilterter Kram diesen behindert plus Dampfblasenbildung. So fühlten sich die Ruckler an, als wäre immer mal wieder kurz kein Gemisch zum Zünden da.

Einfachste Lösung in diesem Moment: abkühlen lassen. Also sitze ich eine gute dreiviertel Stunde bei offener Haube neben dem Auto und gucke mir die Berge an. Ärgerlich: drei Kurven höher hätte ich den 360° Blick. Aber ich will nicht meckern. Nach der Abkühlung schaffe ich es nach oben und gebe mir natürlich noch den Rundumblick zur Belohnung.

Und dann geht es bergab. In vielen Serpentinen kurve ich den Berg hinunter, immer im Kopf das Gestern geschriebene über heiße Bremsen. Zusätzlich warnen diverse Warnschilder am Rand vor überhitzten Bremsen, 2013 tötete ein Autofahrer, der seinen Wagen wegen überhitzter Bremsen in eine linksliegende Ausweiche fuhr, einen entgegenkommenden Motorradfahrer. Ich kenne das ja bereits, 1000 bis ~1400 Höhenmeter kann ich absteigen, dann ist Abkühlung angesagt. Wichtig: Bremsen nie mit Wasser oder so abkühlen, die Bremsscheiben verziehen sich durch die ungleichmäßige Abkühlung und werden krumm. Es hilft also nur Warten. Gewartet habe ich bei dieser Abfahrt eine Kurve zu lang, im Auto riecht es nach Bremsen, ich nehme sofort die nächste Einbuchtung, öffne die Haube, mache den Motor aus und packe meinen Campingstuhl, etwas zu trinken und zu snacken aus. Ich weiß jetzt schon, was gleich passieren wird – und was das für mich bedeutet: wenn meine Bremsen stinken, ist die Anlage so heiß, dass die Bremsflüssigkeit gleich auch Dampfblasen schmeißt. Kann die nämlich auch, das Ergebnis ist kompletter Druckverlust in der Bremsanlage. Auch da hilft nur Warten, ich schätze, dass ich in etwas eine Stunde habe. Zum Glück habe ich Handyempfang.

Immer mal wieder prüfe ich den Bremsdruck, wie angenommen ist er nach gut einer Stunde wieder da, ich warte noch weitere 15 Minuten damit die Flüssigkeit deutlich unter ihren Siedepunkt abkühlen kann. Und mache mich dann an das letzte Stück. In relativer Nähe, gut 50 Minuten Fahrzeit sind es noch, habe ich mir einen kleinen Campingplatz rausgesucht. Landschaftlich wunderbar gelegen zwischen den Bergen, leider mit Weißware in Reih und Glied. Kann man sich hier aber nicht wirklich aussuchen, das ist hier halt das Hauptgeschäft und diese Nutzer:innen wollen das anscheinend so. Außerdem passen so natürlich mehr zahlende Gäste aufs Gelände. Die Betreiberin ist supernett, zeigt mir meinen Platz und wir vertagen alles andere auf den nächsten Morgen. Bis elf darf ich bleiben, danach müsste ich einen weiteren vollen Tag bezahlen, ich gehe aber davon aus, dass mir das reicht um das Zelt mal durchzutrocknen.

Ich bin die Attraktion auf dem Platz auf dem außer einer handvoll Zelten nur riesige mobile Wohnanlagen stehen. Ich gebe freundlich Auskunft, lasse neugierige Kids auf dem Fahrersitz sitzen und baue dann mein Nachlager auf. Punkt 22:00 Uhr ist Ruhe und als ich in der Nacht noch einmal raus muß kann ich einen unglaublich beeindruckenden Sternenhimmel genießen.
