Tag 2 – Pragmatismus

Von Hamburg nach Kiel (Fähre nach Göteborg)

121km

Roadtime: 2:55

Sonnenaufgang Start: 08:14

Sonnenuntergang Ziel 16:45 (16:21 Göteborg)

Wetter: 7-9 Grad, Regen und bewölkt, ganz kurz Sonne

17l getank

1x Pipipause, 1x tanken, 1x Stadtbummel Kiel

Reparaturen: Heckklappe von außen abgeklebt, Türgummis mit Hirschtalg gefettet, Glühbirnen ausgetauscht, Beifahrersitz gerichtet

Der Tag startet mit Kinderlärm. Wir haben bei Freund:innen geschlafen und zu diesen Freund:innen zählen auch ein paar wunderbare Kinder. Kinderlärm ist ja bekanntlich Zukunftsmusik, aber nach einem Arbeitsendspurt par excellence könnte die Zukunft uns ruhig noch ein bisschen Stille gönnen. Am Ende hilft alles nichts, wir haben noch ein paar ToDos auf der Liste und ein bisschen Strecke zu machen. Nicht viel, aber wir müssen heute eine Fähre bekommen.

Bei den Vorbereitungen haben wir hin und her überlegt, wie wir den Transfer nach Skandinavien gestalten. Diesmal haben wir uns für ein paar gesparte Kilometer und eine Schifffahrt über Nacht entschieden. Strecke machen während man schläft, hat auch was Charmantes.

Während Katrin im nahegelegenen Supermarkt noch ein paar Vorräte aufstockt, geht Matthias in die Tiefgarage. Der Volvo hatte dort über Nacht die Chance, ein wenig abzutrocknen. Nach ausgiebiger Reinigung der umliegenden Lackflächen wird der Kofferraumspalt von oben bis unten zugeklebt. Nur der untere Spalt bleibt frei, damit eindringende Feuchtigkeit auch ablaufen kann. Zum Abkleben nutzen wir ein Produkt eines namhaften Klebebandherstellers, dass bis -55 Grad und unter allen Wetterbedingungen sowie unter Wasser kleben soll. Wir haben zwei Hoffnungen: dass es genau das die nächsten drei Wochen tut und danach ganz easy vom Lack wieder abgeht.

Einmal am Auto stellt Matthias noch den Beifahrerinnensitz ein. Das ist alles etwas hakelig und nachdem die Sitze zum Polstern ausgebaut waren, ist dieser noch nicht wieder in der perfekten Position. Außerdem werden alle Türdichtungen mit Hirschtalg gefettet, so friert hoffentlich nichts zu, angenehm sportlicher Duft beim ein- und aussteigen inklusive. Zum Schluss werden noch die Birnen in den Hauptscheinwerfern gewechselt, es ziehen Osram AllSeason H4 ein, diese haben einen hohen Gelbanteil und sind streetlegal. Viel gelbes Licht ist bei schlechtem Wetter ganz angenehm und spätestens bei Schnee und Eis auf Grund des hohen Kontrastes ein richtiger Gamechanger. Außerdem passen gelbliche Scheinwerfer zu alten Autos einfach deutlich besser 😉

Nach einem ausgiebigen und entspannten Frühstück verabschieden uns unsere lieben Menschen und wir fahren aus der Tiefgarage los Richtung Kiel. Über die Freihafenbrücke verlassen wir die Hafencity. Die von 1914 bis 1926 gebaute Nietbogenbrücke ist ursprünglich zweigeschossig konzipiert gewesen, um eine U-Bahnlinie durch das Freihafengebiet bis nach Steinwerder aufnehmen zu können. Diese Pläne sind nach fast 100-jährigen Überlegungen inzwischen aber verworfen.

Die freundliche, ortskundige Stimme im Radio führt uns über den Veddeler Damm und die Ellerholzbrücke direkt auf die Köhlbrandbrücke. Wer schon einmal am Hamburger Hafen vorbei durch den Elbtunnel gefahren ist, wird unweigerlich diese sich in einem eleganten und weiten 3618m langen Bogen über den Köhlbrand spannende Schrägseilbrücke gesehen haben. Sie ist Wahrzeichen Hamburgs. Leider steht sie aber immer größer werdenden Containerschiffen im Weg. Im Oktober 2024 wurde der Neubau einer höheren Brücke ausgeschrieben. 2034 soll der geschätzt 4,4 bis 5,8 Milliarden Euro teure Neubau beginnen.

Wir fahren über die westliche, s-förmige Rampenbrücke aus Spannbeton-Hohlkästen auf die A7 und verschwinden direkt im Elbtunnel. Ohne Stau liegen die etwas mehr als 3 Kilometer des fünftlängsten Straßentunnels Deutschlands flott hinter uns und ohne nennenswerte Vorkommnisse ziehen wir durch bis nach Kiel.

Hier tanken wir noch schnell auf bevor wir das Auto in der Warteschlange vorm StenaLines-Terminal am Schwedenkai abstellen. Es ist noch genug Zeit für einen Stadtbummel durch Kiel und der hat es in sich. Zunächst werden wir durch eine flächendeckende Polizeiabsperrung gestoppt. Da wir weder sensationsgeil noch gaffend veranlagt sind, drehen wir um, umrunden über parallele Straßen den Tatort und landen mitten in einer Kurdistan-Demo. Wir hören kurz zu, die Demo ist aber schon abklingend, also versorgen wir uns im nahen Drogeriemarkt noch mit Handdesinfektionsmittel (vergessen) und ein paar fancy Nagellacken (wollten dringend mit). Anschließend laufen wir noch ein wenig durch die Kieler Innenstadt nur um festzustellen, dass hier Ladensterben und Leerstand wie in vielen Innenstädten vorherrschende Realität ist und das Ganze etwas trostlos macht. So richtig catched uns Kiel nicht, lediglich das Rathaus/Landtagsgebäude holt uns ab, ist aber leider genau so wie Nicolaikirche (trotz großem „Tritt ein“-Schild) geschlossen.

Gegen 16:00 Uhr tauchen wir wieder am Auto auf, da mehrfach drauf hingewiesen wird, dass man unbedingt pünktlich da sein muss, weil das Boarding dann beginnt. Es soll aber noch fast eine Stunde dauern, bis es das auch wirklich tut. Bisschen nervig. Danach geht alles ganz schnell. An einem Häuschen werden im Vorbeifahren die Ausweise kontrolliert, wir bekommen die Boardingpässe, die gleichzeitig auch Zimmerschlüssel sind, fahren eine große Rampe hoch ins Schiff, eine weitere Rampe im Schiff hoch auf Ebene 5, parken, nehmen unseren Kram und suchen unser Zimmer. Das ist auf Ebene 9. Es dauert etwas, bis wir die Logik der Treppen und Flure verstehen. Das Zimmer selber ist unerwartet großzügig, hat ein großes Fenster und ein eigenes Bad. Wir haben ein paar Euro mehr bezahlt, um nicht in der Besenkammer schlafen zu müssen. Nach ausgiebigem Abendessen am sehr leckeren und vielfältigen Buffet verzichten wir auf das Unterhaltungsprogramm und ziehen uns auf’s Zimmer zurück. Ein bisschen Ruhe und Entspannung ist nicht verkehrt, ab morgen müssen wir – nach einem kulturellen Zwischenstopp – ein paar Tage ordentlich Strecke machen, um schnell in den Norden zu kommen.

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