Tag 4 – Déjà vu

von Gastorp (Stuga Gasstorp) bis Söderhamn (Gårdshuset)

gefahrene km: 430

Roadtime: 6:15

Sonnenaufgang Startort: 08:19

Sonnenuntergang Zielort: 15:45

Temperatur: -1 über -3 zu 0 Grad Celsius

43l getankt

3x Pipipause, 2x tanken, 1x Biltema und 1x Mekonomen, 1x Supermarkt

Reparaturen: neuen Scheibenwischer, Spikereifen aufgezogen

Obwohl unsere Unterkunft direkt an der E20 liegt, hatten wir eine ruhige und erholsame Nacht. Der Verkehr machte sich erst gegen 09:00 Uhr bemerkbar. Großer Vorteil der Lage: wir haben unsere Route quasi nicht verlassen, Umwege führen manchmal zu schöneren Unterkünften, kosten aber auch Zeit.

Heute ist der 27.01.2025. Vor 80 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz durch die alliierten Streitkräfte befreit. In Zeiten, in denen Regierungen vor Nationalismus nur so strotzen, in denen eine „die gegen uns, wir gegen die“-Rhetorik wieder gesellschaftsfähig ist und „bürgerliche“ Politiker:innen, Medien und gesellschaftliche Akteur:innen vor totalitären Fieberträumen kaum noch der Realität ins Auge sehen wollen, macht es umso mehr Sinn, den Gräueltaten der Deutschen im dritten Reich zu gedenken und sich mit ihnen zu beschäftigen. Gedenkstättenfahrten sind dafür z.B. ein guter Rahmen. Kluge gesetzgebende Köpfe haben sich sogar gedacht, ein „Nie wieder“ entsteht nicht nur durch Gedenken wie heute am „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“, sondern auch durch die Auseinandersetzung mit dem Geschehenen und seinen Auswirkungen auf das Heute. Deswegen hat seit 19974 – je nach Bundesland unterschiedlich geregelt – jede:r Beschäftigte:r das Recht, Bildungsurlaub zu nehmen (in der Regel 5 Tage pro Jahr). Dieses Recht nehmen aktuell leider nur sehr wenig Arbeitnehmende in Deutschland in Anspruch. Deswegen hier noch einmal der dringende Appell, euren Bildungsurlaub für politische Bildungsveranstaltungen zu nehmen. Die Bildungsurlaubstage kommen on top zu den normalen Erholungsurlaubstagen. Die Kosten muss man in den meisten Fällen zwar selber tragen, aber bisher haben wir niemanden getroffen, der diese „Investition“ bereut hat. Und ist man zum Beispiel Gewerkschaftsmitglied, werden die Kosten für spezifische Angebote häufig auch komplett oder anteilig übernommen. Wir machen seit vielen Jahren regelmäßig Bildungsurlaube & Gedenkstättenfahrten und es hat sich bisher immer gelohnt! Wer Empfehlungen braucht, kann sich gerne bei uns melden.

Gedenkwand in Auschwitz-Birkenau, 2018

Nach Frühstück und Weltlagencheck packen wir in Ruhe und sind um Punkt elf Uhr auf der Straße. Heute ist Kilometer fressen angesagt, wir wollen ein bisschen Strecke machen, am Ende stehen 430 gefahrene Kilometer auf der Uhr. Strecke macht man am besten auf den gut ausgebauten Landstraßen die zwischenzeitlich sogar zur Autobahn ausgebaut sind. Man kommt gut voran, Spaß macht das aber weniger. So Schnellstraßen sind ja meistens da gebaut, wie sie wenig stören und einfach gebaut werden können. Richtig nervig ist heute, dass die Sonne es nicht einmal schafft, den Nebel zu durchdringen. Wir fahren durch dauerhaft graue Suppe, die winterliche aber schneelose Landschaft verstärkt diesen Graueffekt. Die Straße ist mit einer Mischung aus Sand, Salz und Split gestreut. Ein ekliger grauer Dreckfilm legt sich über alles. Richtig ärgerlich ist, dass unsere rechte Wischwasserdüse verstopft ist. Mehrere Versuche sie frei zu bekommen, scheiterten. Wir haben also nur Wischwasser auf der Fahrerseite, was dazu führt, dass Katrin vor allem auf eine völlig verschmierte Scheibe schaut. Matthias versucht so wenig wie möglich zu wischen, aber irgendwann muß es dann doch sein. Regelmäßige Stops zum manuellen Reinigen der Scheibe sind also an der Tagesordnung.

Kein Schnee, nur Dreck

Erschwerend kommt hinzu, dass unsere Wischgummis nicht mehr frisch sind. Die hat Matthias einfach vergessen zu wechseln. Gestern wollten wir ja eigentlich neue besorgen und haben es dann aber vergessen. Heute halten wir am ersten Biltema in Örebro, der kann uns nicht weiterhelfen. Bevor wir weiter Biltemas abklappern, checken wir den Bestand im Internet, kein Biltema auf der Strecke wird uns helfen können. In Västerås steuern wir einen Volvo-Händler an, dieser hat auch keine Wischer. Dort bekommen wir aber den Tipp, bei Mekronomen um die Ecke nachzufragen. Der junge Mann am Schalter findet unser Auto nicht im System, kommt aber kurzerhand mit raus und vermisst unsere Wischer. Und zack, haben wir ein passendes Paar.

Ein bisschen haben wir ein Déjà vu. Bei unserer letzten Wintertour waren wir an Tag 4 auch in Västerås. Das Wetter war ähnlich grau und matschig, wir sind die selbe Strecke gefahren und die Stimmung war damals auch eher mau. Heute sind wir beide ziemlich angeschlagen, die Erkältung fordert ihren Tribut. Wären wir zu Hause, wären jetzt zwei Tage Couch angesagt. Aber unsere Unterkünfte sind nur für eine Nacht gebucht. Noch klappt es mit dem Weiterfahren und in zwei, drei Nächten ist ein DayOff geplant. Wir drücken uns also selber die Daumen, dass wir einigermaßen im Sattel bleiben bis wir in Finnland sind.

Während die Kilometer an uns vorbeiziehen, ändert sich die Farbe der Landschaft. Am Straßenrand liegt wie Puderzucker eine feine, kaum zu erkennende Schneedecke. Um so weiter wir fahren, um so mehr verdichtet sie sich. Wir reden hier allerdings immer noch über die Qualität Schneedecke, wie sie an einem durchschnittlichem Schneetag im Rhein-Ruhrgebiet entsteht. Wir freuen uns aber trotzdem. Außerdem sind die Temperaturen unter Null Grad gefallen, was in Kombination mit dem Nebel einen spannenden Nebeneffekt hat: Die Bäume und Sträucher links und rechts der Straße sind komplett mit weiß schimmerndem Raureif überzogen. Das Weiß wird immer mehr und als wir an unserem Ziel, der Stadt Söderhamn ankommen, liegen links und rechts neben der Straße die riesigen durch das Schneeräumen verursachten Haufen. Und sobald wir von der E4 abbiegen, sind die Haupt- und vor allem die Nebenstraßen noch von teilweise dicken Eispanzern überzogen. Kommen wir etwa doch schneller in das erhoffte Schneeabenteuer als gestern gedacht? Apropos E4: Schwedens zweitlängste Europastraße werden wir die nächsten Tage komplett entlang in den Norden fahren, die freundliche, ortskundige Frau im Radio hat also ein paar Ruhetage.

Zu unserem Häuschen für die Nacht führt eine kleine Rampe. Nichts Wildes, wir kommen sie aber nur mit Ach und Krach hoch. Die Rampe und der gesamte Bereich vor dem Haus sind mit einem spiegelglattem Eispanzer bedeckt. Zwar ist gestreut, aber unser Volvo hat trotzdem alle Mühe hochzukommen. Durch die Feuchtigkeit der letzten Tage und die einsetzenden Minusgrade ist selbst das Streugut überfroren. Und damit ist die Entscheidung gefallen: Wir holen, auch wenn es heute nicht nötig wäre, alles Gepäck aus dem Auto, um an die Spikereifen ganz hinten im Kofferraum dranzukommen und wechseln noch heute Abend. Passend zur letzten Tour und dem Déjà vu folgend: Auch damals tauschten wir die Reifen an Tag 4.

Das Haus hat einen 220V-Anschluß am Parkplatz für Batterieladegerät und Motorvorwärmer, der 145 hängt die Nacht über also am Tropf. Wir beenden den Tag mit Gulasch und während wir abräumen und anfangen diesen Artikel zu schreiben, fängt es an zu schneien. Wir freuen uns auf Morgen!

Hinterlasse einen Kommentar