von Söderhamn bis Dekarsön (Lennarts Stuga)
323 km gefahren
Roadtime: 4:20
Sonnenaufgang Start: 08:22
Sonnenuntergabg Ziel: 15:30
Tenperatur: 2-0 Grad
30l getankt
1x Pipipause, einmal Reifen nachgeknackt, 1x Scheibe putzen, 1x Brücke gucken, 1x tanken
Der Schnee von gestern ist zwar noch zu sehen, allerdings taut es heute morgen heftig. Dafür lässt sich die Sonne zum Frühstück bei niedrigen Plusgraden wenigstens kurz blicken. Es ist jedoch ein leeres Versprechen, den Rest des Tages wird sie sich wieder im Nebel verstecken.

Wir klemmen uns bei einer als Denkmal neben die Europastraße gestellten Saab AJ37 Viggen, einem Jagd- und Angriffsflugzeug, wieder auf die E4. Die verlassen wir heute im Prinzip nicht mehr. Entlang der Ostseeküste geht es für uns immer weiter Richtung Norden.

Heute ist so ein Transittag. Strecke machen, wenig oder keine Highlights und auch nicht die landschaftlich wertvolle Route nehmen. Diese Tage nerven, aber gehören leider auch dazu. Der Nervfaktor wird vom Wetter unterstrichen: Es ist grau, diesig, die ganze Zeit hängt Feuchtigkeit in der Luft. Die E4 ist gut geräumt, links und rechts türmt sich allerdings immer mehr Schnee. Da dieser wegen der durchgängigen Plusgrade die ganze Zeit schmilzt, ist die Straße matschig und mit einem Schmierfilm überzogen. Konsequenterweise natürlich auch unser Volvo.

Bei Sundsvall sehen wir das erste Mal die Ostsee. Mal ist sie komplett zugefroren, hier und da sehen wir Menschen Eisfischen, mal ist sie offen und Eisschollen treiben auf ihr. Hin und wieder sind auch die Spuren von Schiffen zu sehen, die sich ihren Weg durch das Eis gebrochen haben.

Bei einer Pipipause irgendwo im Nirgendwo fährt hinter uns ein Mann raus und wartet geduldig, bis wir unsere Geschäfte erledigt haben. Dann spricht er uns an, er selber besitzt zwei Volvo 145 Express (mindestens einer ist von 1969). Soweit wir das verstanden haben, restauriert er die Autos gerade. Ein nettes Interlude, wir tauschen ein paar Autogeschichten aus und dann muss sein Sohn doch noch dringend gewickelt werden. Das war nämlich der eigentlich Grund, warum er rausgefahren ist.

Einen geplanten Stop legen wir an der Hoga Kustenbron ein. 2022 hatten wir das zweitgrößte Bauwerk Schwedens überhaupt nicht auf dem Schirm. Jetzt halten wir vorher auf einem kleinem Parkplatz, um für Fotos eine saubere Frontscheibe zu haben, und hinter der Brücke am Hoga Kustenbron Hotel, einem etwas oberhalb der Brücke gelegenen Hotel mit Aussichtspunkt. Mit ihrer Stützweite von 1210m ist die Brücke in etwa so groß wie die Golden Gate Bridge, insgesamt ist die Brücke ein pragmatisches und trotzdem elegantes Bauwerk. Die Überfahrt über den vierspurigen Brückenträger aus Stahl und Beton in einer Höhe von 40 Metern über den Ångermanälven geht flott, die Aussischt auf die zugefrorene Flussmündung und die Schären dahinter hat es aber in sich. Wie so häufig bei der Überfahrt von Brücken in kleinen Autos ist das fotografisch kaum festzuhalten. Während in Live die Absperrungen am Fahrbahnrand verschwimmen und fast unsichtbar werden, sind sie auf Fotos immer zu sehen.

Mittlerweile wird es winterlicher. Die Schneedecke neben der Straße ist enorm, an den Felsen hängen gefrorene (Tau-)Wasserfälle. Auch die Straße ist zunehmend davon betroffen, ein bis zwei Überholvorgänge von LKW brechen wir ab, weil die linke Spur zu vereist ist.

Ab Härnösand fahren wir entlang der Schären, Inseln von unterschiedlicher Größe, von wenigen Quadratmetern bis zu mehreren Quadratkilometern groß. Ihre Entstehung liegt in der letzten Eiszeit, der Inlandseispanzer überwanderte felsigen Untergrund und schlief diesen dabei über tausende von Jahren glatt. Nach dem Rückgang des Eispanzers begann die sogenannte postglaziale Landhebung. Vom Druck und Gewicht des Eises befreit, hob sich die Landmasse wieder an, die glattgeschliffenen Felsen begannen aus dem Wasser zu ragen und bildeten in Folge den baltischen Schärengarten. Spannend, denn diese Landhebung ist noch nicht vorbei, entlang der Ringkøping-Fünen-Schwelle als Kippachse dreht sich die Erdplatte immer noch: nördlich davon hebt sie sich um ca. 10mm pro Jahr, südlich davon senkt sie sich um in etwa diesen Wert. Schweden gewinnt also Land dazu, während Deutschland und die baltischen Staaten es verlieren. Nur Dänemark kann es egal sein, die kippen als ganzes beidseitig, gewinnen also hier was sie dort verlieren.
Kurze Irritation löst das Stadtwappen von Härnösand aus. Im schnellen Vorbeifahren sieht es aus wie ein Einhornbiber. Wir sind sehr neugierig auf die Geschichte dazu. Katrin recherchiert direkt und wir werden leider enttäuscht. Der Einhornbiber ist ein ganz gewöhnlicher Biber, der einen Fisch, mutmaßlich Lachs, etwas unnatürlich im Maul hält. Also doch keine Geschichte.

Wir verlassen die E4 bei Örnsköldsvik und befinden uns direkt auf skandinavischen Winterstraßen. Dicker Eispanzer, tiefe Spurrillen, waschbrettartiges Eis. Wir brauchen etwas, um uns daran zu gewöhnen. Direkt am Fuß der Skisprungschanze Örnsköldsvig befindet sich die Tankstelle unserer Wahl mit 98 Oktan im Angebot. Wir gucken, dass wir abends immer volltanken, um die Bildung von Kondenswasser zu minimieren. Und da unser Oldtimermotor zur Kategorie „anspruchsvoll“ gehört, bekommt er so hochoktaniges Benzin wie irgend möglich, damit er rund läuft.

Bisschen spannend ist die Skisprungschanze ja. Klassisch an einem Berg gelegen, führt über ihre Auslaufzone eine Bahnstrecke. Nichts für schwache Nerven, denken wir und schauen nach. Diese Skischanze gehört zu einem ganzen Schanzenpark. Örnsköldsvig hat ein Skisprung-Gymnasium, ein Leistungszentrum und fast alle erfolgreichen Skispringer:innen haben hier trainiert.

Von dort fahren wir auf die über eine kleine Brücke mit dem Festland verbundene Insel Dekarsön. Hier haben wir ein Ferienhaus gebucht. Heute morgen starteten wir aus einem modernen und gepflegten Ferienhaus, dass mit viel Liebe zum Detail eingerichtet war. Heute Abend landen wir in einer in die Jahre gekommenen Unterkunft, die ausstattungstechnisch eher von „das war alles noch über“ zeugt. Immerhin können wir das Auto an Landstrom hängen, es gibt einen Kamin mit ausreichend Holz und – das riesige Plus – eine kaminbefeuerte Sauna direkt an einem Ostsee-Arm. Der Tag endet also mit Schwitzen und Nudeln mit Bollo.


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