von Harstad nach Sørvågen (The Tide)
291 km gefahren
Roadtime: 06:35
Sonnenaufgang Start: 08:57
Sonnenuntergang Ziel: 15:43
Temperatur: -1 (Windchill -6) Grad bis 5 (Windchill -7) Grad
15 l getankt
2x Pipipause, 1x einkaufen, 1x Warten an der Fähre plus Fährfahrt (insgesamt gut 60 Minuten), 2x Fotopause, 1x tanken, 2x Fotopause mit Pipi
Irgendwie ist heute Morgen die Luft raus. Der frühmorgendliche Gang den Hügel runter zum „Parkplatz an der Unterkunft“, um die Schalter für Motorvorheizer und Innenraumlüfter zu betätigen, lässt die Laune eh schon nicht höher schlagen. Aber auch die Rückkehr von Kollege Nebel macht echt miese Stimmung. Die gestrige Route hätte landschaftlich echt ein Knaller werden können, bei Sichtweiten deutlich unter 500 Metern auf großen Teilen der Strecke wird das mit dem Panorama aber halt nix. Und so geht das ja im Prinzip bereits die ganze Zeit. Außer in den Lyngenalpen hatten wir bisher keinen klaren Himmel. Und als würde das nicht reichen, behindert der Nebel und der Schneefall auch noch die Fernsicht. Und damit sind wir zwar auf herausfordernden Straßenbedingungen irgendwo herum gefahren, das was die Gegend hier aber ausmacht – die Panoramen – sind an uns einfach unsehbar vorbei gezogen. Und das fühlt sich doof an. Und dass das Wetter heute dann auch noch die selben Anstalten macht wie die letzten Tage, sorgt für Tiefpunktstimmung. Während wir frühstücken wird der Nebel noch um neuen Schneefall ergänzt. Das wird ja bestimmt ein ganz toller Tag…

Wir schleppen also einen Großteil unseres Gepäcks (zur Erinnerung: Wir müssen ja alles Frostgefährdete jeden Tag aus dem Auto räumen) den Hügel runter und starten in den Tag. Mit Abfahrt hört es wenigstens auf zu schneien und die Sicht bessert sich. Kurzes Bunkern von etwas Mineralwasser am Supermarkt auf dem Weg und dann der Versuch, vielleicht noch etwas am Hafen spazieren zu gehen. Hier bestätigt sich aber unser Verdacht von der Ankunft in Harstadt gestern: Diese Stadt ist keine Schönheit. Wirklich nicht. Sie ist wahrscheinlich pragmatisch und nützlich, aber schön ist das bis auf einzelne Häuschen alles nicht. Wir halten uns nicht mehr lange auf und geben der freundlichen und ortskundigen Frau im Radio konkrete Anweisungen für die Tagesetappe. Sie führt uns dann auch über die 83 in nördlicher Richtung aus der Stadt raus. Und kaum haben wir den Moloch hinter uns gelassen, befinden wir uns in einem ganz bezaubernden Prolog für diesen Tag.

Die 83 schwingt sich ab dem Örtchen Tofta in südwestlicher Richtung parallel zu dem kleinen Flüsschen Bergselva verlaufend durch hügelige Agrarlandschaften. Gesäumt werden diese von teils schroffen und felsigen, teil mit Vegetation bedeckten Bergen. Der Schnee auf der Straße hat deutlich nachgelassen, wir fahren weite Stücke in winterfreien Spurrillen und können den Volvo 145 fast ein bisschen über den Asphalt fliegen lassen. Gleichzeitig scheint sich Kollege Nebel zu verabschieden und in Harstadt zu bleiben. Kurz vor Gåra blitzt das erste Mal Wasser durch die Bäume. In dem Örtchen selbst müssen wir scharf links abbiegen, um auf der 83 zu bleiben und fahren jetzt parallel zum Kvæfjord. Der gut 17 Kilometer lange Fjord selbst ist ein südlich verlaufender Seitenarm der zwischen den Inseln Andøya und Senja verlaufenden Meerespassage Andfjord. Wenn man sich das Gewirr aus Inseln und Wasserarmen, dass die Lofoten ausmacht, genauer anguckt, fällt es einem schwer, die konkreten Zusammenhänge der Wasser- und der Landmassen im Ganzen zu erfassen. Wir haben das zumindest sehr schnell aufgegeben und denken bei dieser Tagesetappe einfach in Straßenzusammenhängen. Macht es mit dem Auto eh leichter.

In Refsnes warten wir auf die Fähre. Ein bisschen blinzelt die Sonne durch die Wolken. Wir bleiben trotzdem drinnen sitzen und albern etwas herum. Auf einmal verdunkelt sich alles mit einem Schlag und innerhalb von weniger als fünf Minuten setzt dicker, fetter Schneefall ein. Riesige Schneeflocken fallen auf die Windschutzscheibe und bleiben dort liegen. Wir starten also den Motor, um die Lüftung anzuschmeißen. Es wäre ärgerlich, wenn wir nicht mit auf die gerade einfahrende Fähre kommen könnten, weil wir die Startsignale übersehen.

Passiert natürlich nicht. Die Fähre nimmt uns mit und mit uns diverse andere PKW, zwei Langlaster, einer mit geschlossenem Koffer und einer mit einem riesigen Kettenbagger hinten drauf. Und drei Reisebusse mit Kreuzfahrttourist:innen. Für diese sind alle Fensterplätze im „Salon“ reserviert, außer diesen gibt es keine richtigen Ausguckmöglichkeiten. Also sitzen wir die 25 Minuten Fährfahrt weiter zusammen im Auto und führen unsere Blödeleien vom Kai fort. In Flesnes öffnet sich das Bugtor und wir werden zurück auf die 83 gespukt. Aus Erfahrung der letzten Tage wissen wir, dass es für uns Sinn macht, direkt an Land an den Rand zu fahren und alle vorbei zu lassen. So haben wir nicht eine genervte Meute Schnellfahrer:innen im Nacken und können unser Ding machen. Und wenn man als letzter auf Straßen, die an Fähren beginnen, losfährt, hat man sehr sicher für lange Zeit einen leeren Rückspiegel.

Wir fahren immer weiter am Fjord entlang und fahren durch ein komplettes Winter Wonderland. Dick sind die Bäume mit Schnee beladen, die Straße vor uns ist durch den frischen Schneefall komplett weiß und von den Bergen bis zum Straßengraben hin ist alles mit frischem Weiß gepudert. Bei Langvassbukta endet die 83 und geht in die 85 über.

Wir wenden uns südwärts immer weiter am Wasser entlang. Die Sicht ist gut, wir können richtig viel Landschaft sehen und genießen den weiten Blick. Im Ort Gullesfjord wechseln wir wieder die Straße und fahren auf die E10. Die sind wir gestern ja bereits ein gutes Stück gefahren, heute geht es auf ihr also weiter. Irgendwann auf der Strecke, wir haben es uns nicht gemerkt, fahren wir durch den ersten Tunnel. Unspektakulär, könnte man denken. Norwegische Tunnel sind aber etwas Besonderes. Durch die vielen Fjorde und die vielen Berge ist Norwegen entweder gezwungen, sehr viele Umgehungsstraßen zu bauen oder viele Tunnel zu bohren. Die historischen Umgehungsstraßen sind natürlich immer noch vorhanden. Um Waren und Menschen aber schneller durch das Land zu transportieren, hat Norwegen mehr als 900 Verkehrstunnel gebaut. Alle zusammen sind über 750 km lang. Viele davon sind aus massivem Fels gesprengt, weswegen es häufig kaum nötig war, solide Komplettverschalungen einzubauen. Stattdessen sieht man häufig den groben Fels, hier und da wurde mit Spritzbeton stabilisiert. Durch die „Natur“-Belassenheit der Tunnelwände sickert Wasser an diesen entlang, läuft neben der Fahrbahn ab, je nach Länge haben die Tunnel sogar eine eigene Klimazone. Unzählige werden wir heute durchfahren. Der kleinste Tunnel keine 50 Meter lang, den längsten des Tages durchfahren wir direkt hinter Gullesfjord.

Der Sørdalstunnel ist ganze 6392 Meter lang und führt jeweils einen Richtungsfahrstreifen durch eine gemeinsame Röhre. 2004 wurde mit dem Bau begonnen, am 30.11.2007 wurde der Tunnel für den Verkehr freigegeben. Zusätzlich zum Autoverkehr dürfen auch Radfahrer:innen diesen Tunnel benutzten, auch wenn sich dieses Konzept für uns eher nach fragwürdigem Spaß anhört. Wir mögen diese Tunnel sehr. Durch die schroffe, vielkantige Struktur bricht sich der Motorenlärm auf eine besondere Art und Weise. Häufig ist in den Tunneln die Geschwindigkeit reduziert und wir fahren genau in dem Drehzahl- und Belastungsband, in dem sich unser Motor am besten anhört.

Häufig führen uns diese Tunnel durch Wetterscheiden. Klar, sie untertunneln ja ab und an Gewässer, meistens aber Berge. Und so passiert es, dass wir aus dichtem Schneetreiben in einen Tunnel einfahren und auf der anderen Seite scheint die Sonne und es liegt im Prinzip gar kein Schnee mehr. Das haben wir heute tatsächlich häufiger: komplett schneefreie Abschnitte. Die Temperaturen klettern den Tag über in den Plusbereich, zwischendurch regnet es sogar. Überhaupt das Wetter heute: Wir haben alles. Als hätte jemand heute Morgen unsere Beschwerden über die Eintönigkeit von Nebel gehört und sich dazu entschlossen, uns das gesamte Wetterangebot darzubieten. Regen, Schnee, Schneesturm, Sturm, Hagel, einfach graues Nullwetter, Sonnenschein. Ganz im Ernst: Sonnenschein! Und zwar so stark, dass wir unsere Sonnenbrillen auspacken müssen. Nicht lange, danach kommt direkt ein Schneesturm, aber lang genug, dass uns das sinnvoll erscheint.

Wir folgen der E10 immer weiter, sie führt uns Richtung Svolvær, der mit 4775 Einwohner:innen größten Stadt der Lofoten. Kurz vor der Stadt sind wir leicht irritiert. Auf einem gefühlt klitzekleinen Stückchen Land zwischen Straße und Fjord steht ein großes Propellerflugzeug, so Typ kleines Passagierflugzeug. Wir hatten überhaupt nicht auf dem Schirm, dass es hier einen Flughafen gibt. Auf Satellitenbildern betrachtet sieht das Ganze auch etwas hingequetscht aus.

Ab Svolvær wird es etwas anstrengend: Die Straße ist voll mit Leihwagen, in der Regel mittelgroßen SUV. Und offenbar haben die Fahrer:innen keine Ahnung, wie man Auto bei diesem Wetter, auf solchen Straßen und in diesem Teil der Welt fährt, noch haben sie Ahnung, welche Dimensionen ihre Autos haben. Das ganze paart sich mit völliger Selbstüberschätzung was Geschwindigkeit und Abstand angeht. Mehrmals scheppert es nur nicht, weil wir sehr genau wissen, wie groß unser Auto ist und wo es sich gerade auf der Straße befindet. Einmal ist es so knapp, dass nicht einmal eine Handbreit zwischen beide Autos passt. Wir stehen zu diesem Zeitpunkt fast, das andere Auto hat locker 50-60 km/h drauf. Wir warten also lieber öfter hier und da, sind irgendwann aber richtig genervt, weil sich die offensichtlichen Tourist:innen dafür noch nicht einmal bedanken – im Gegensatz zu der Handvoll Einheimischer, die wissen, was der Autoknigge in so einem Fall vorsieht. Es sind wirklich unglaublich viele dieser „Dübeltouris“ auf diesem Stück Straße unterwegs. Das zehrt ein wenig an den Nerven.

Und trotzdem: Die Straße ist mittlerweile durchgängig eis- und schneefrei und wir können den 140er ordentlich laufen lassen. Und uns selber dabei zurücklehnen. Die Landschaft genießen. Müssen nicht ständig jeden Meter Straße nach Auffälligkeiten abscannen. Es macht Spaß. Die Straße dreht und kehrt sich, hat kleine Hügel und spontane Wendungen und folgt sehr organisch der Landschaft. Hier wurde nicht effektiv die Straße durch das Gelände geprügelt, hier wurde geguckt, wo ein bisschen Platz für eine Straße wäre und diese Stückchen dann miteinander verbunden. Und das ist genau der Typus Straße, der zum Fahren einlädt und richtig Bock macht. Das Ganze eingebettet in sensationelle Landschaften mit goldenem Sonnenlicht und wir sind wirklich glücklich. Die schlechte Laune des Morgens ist wie weggeblasen.





Apropos Weggeblasen. Bei Flakstad halten wir kurz an einem Rastplatz, der mit Toiletten ausgestattet ist und landen in einer Unmenge an Autos und Menschen. Aus Versehen haben wir am Parkplatz für Skagsanden Beach gehalten, einem Hotspot fürs Surfen. Der nahe gelegene Campingplatz hat sogar eine Surfschule. Eismeersurfen, also das Surfen in winterlichen Meeresgebieten, soll eine ganz eigene Herausforderung sein. Uns erschließt sich das nicht so ganz. Aber wer sind wir, darüber zu urteilen. Immerhin sitzen wir in einem 52 Jahre alten Auto und tingeln damit durch den skandinavischen Winter, obwohl wir Autos mit besserer Heizung zur Verfügung hätten. Heute sind Unmengen an Touristen für Touri-Kram hier. Zusätzlich haben diverse Menschen dicke Kameras mit Stativen aufgebaut und scheinen sich auf den nahenden Sonnenuntergang vorzubereiten. Wir sind nach Erledigung aller notwendigen Dinge schnell wieder weg – weniger der Touris wegen, sondern weil der Wind stark zunimmt. Windgeschwindigkeiten mit bis zu 52 km/h sind für heute Abend angesagt und die Böen prügeln mit einer Vehemenz gegen die Seite des Autos, dass es richtig ordentlich wackelt. Bevor der Wind noch schlimmer wird, wollen wir das Autofahren dieses Tages beenden.

Die Straße wird immer enger und kleiner, passend zu den Fischerdörfchen, durch die wir jetzt fahren. Alle sind überfüllt mit Touristen. Dass die Lofoten Touri-Hotspot sind, ist uns natürlich bewusst. Dass sie das auch um diese Jahreszeit sind, hätten wir nicht in diesem Maße angenommen. Anscheinend hat jemand außerhalb des europäischen Ansprache-Klientel gut Werbung gemacht. Mit dem letzten Tageslicht kommen wir in unserer Unterkunft für die Nacht an. Kurz hinter Moskenes haben wir ein kleines Appartment in einer Rorbu gemietet. Diese traditionellen Fischerhütten wurden ursprünglich saisonal genutzt und sind eigentlich eine einfachste Holzbehausung für Fischer gewesen. Häufig stehen sie auf Stelzen direkt an der Küstenlinie. So sind sie flutgeschützt, man kann von der Arbeit aus direkt ins Bett fallen und sein Fischerboot auch noch irgendwie unterbringen. Nach dem zweiten Weltkrieg verloren diese Hütten durch die Nutzung größerer Schiffe immer mehr an Bedeutung und verfielen. Ab den 60er Jahren erkannte man die touristischen Möglichkeiten und setzte die Hütten wieder instand und modernisierte sie oder baute Nachbildungen. Denn für den boomenden Tourismus reichte der originale Bestand auf der Insel nicht. Wir wohnen in einer Nachbildung mit Blick auf den Hafen von Sørvågen. Zu den Fischerhütten gehören natürlich auch die Trockengestelle, für die die Lofoten bekannt sind. Auf diesen Gestellen werden die Fische paarweise an den Schwanzflossen zusammengebunden aufgehängt. Fortan trocknet der Fisch an der frischen Luft und unter freiem Himmel. Basis für Stockfisch ist vor allem Kabeljau, aber auch Seelachs, Schellfisch und Leng wird verabreitet. Ab dem 8. Jahrhundert hat man in Nordnorwegen das Konservieren von Fischen auf diese Weise praktiziert. Momentan sind diese Gestelle alle leer, im Sommer kann man sie aber voller frisch gefangenem Fisch bewundern.

Fisch hat leider eine unangenehme Eigenart. Er riecht. Und je nach Zubereitungsart recht penetrant. In unserem Apartment muss der letzte Gast ordentlich viel Fisch verarbeitet haben. In der Luft liegt ranziger Fischgeruch, der Kühlschrank stinkt ebenfalls und von der Dunstabzugshaube wollen wir garnicht erst reden. Wir versuchen es mit Lüften und Kochen anschließend unser Abendessen, um gegen den Fischgeruch mit Rouladengeschnetzteltem anzustinken. Das klappt so mäßig, ist aber ja auch nur für eine Nacht. Während der Wind noch kräftig spürbar an unserem Rorbu rüttelt, kommen wir zur Ruhe und legen die Füße hoch. Morgen müssen wir ultrafrüh raus, für unsere Fähre müssen wir spätestens um 06:15 zum CheckIn.



Was fehlt diesem Artikel noch? Ein oder zwei Worte zu den Landschaften. Wir sind heute ja nicht irgendwo langgefahren, sondern über die Lofoten. Und die sind beeindruckend. Phänomenal. Wir hatten schroffe Berge, kleine Felsinseln in blau-grünem Wasser, türkise Buchten, Schnee und Mossebenen mit lustigen Grastrollköpfen, Kurven, Hügel, Fischerboote in kleinen Buchten, schaumig gepeitschte Wellen, überfrorene Einbuchtungen und so vieles mehr. Wir sind ob der rauen Schönheit etwas sprachlos. Und lassen deswegen eine Auswahl an Bildern sprechen.











1 Kommentar