Tag 19 – Durchkommen

von Trondheim bis Dombås (Dombås Hotel)

211 gefahrene Kilometer

Roadtime: 03:30

Sonnenaufgang Start: 08:19

Sonnenuntergang Ziel: 16:55

Temperatur: -5 Grad bis -7 Grad zu -5 Grad (kein Windchill, dafür dank Sonne gefühlt 0 Grad!)

16 l getankt

2x Pipipause mit Reifenkontrolle, 1x Reifenkontrolle, 1x tanken

Bevor wir schlafen gehen, bimmelt uns die Aurora Borealis App noch einmal an. Es gibt gute Chancen, auch in Trondheim welche zu sehen. Kein Murren, warm einpacken und kurz checken, wo wir denn am Besten hingehen. Sicher ist, umso weiter man von der Lichtverschmutzung der Stadt entfernt ist, umso besser sieht man die Polarlichter. Diverse Artikel empfehlen einen Strand gut zwanzig Minuten mit dem Auto entfernt. Oder einen Berg, 25 Minuten mit dem Auto. Genauso sicher ist aber auch, dass der Wagen heute Nacht stehen bleibt. Keine Experimente in dieser Situation, wir müssen das frisch auf der Gamle Bybroen erworbene Glück ja nicht auf die Probe stellen. Wir entscheiden uns also, zur Kristiansten Festning auf den Festungshügel zu steigen. Dort sollten wir wenigstens oberhalb der Stadtlichter sein und einen guten Blick in alle Richtungen haben.

Die Festung hat eine recht kurze Geschichte. Trondheim war durch das umliegende Wasser immer recht gut geschützt, lediglich von Osten kommend war die Stadt verwundbar. Nach dem großen Feuer von 1681, als die Stadt eh radikal umstrukturiert wurde, begann man auch mit dem Bau dieser Festung. Über die Jahre wurde sie immer weiter ausgebaut, modernisiert, an jene Waffen und Belagerungstechniken, die gerade en vogue waren, angepasst. 1718 dann ihre große Stunde: Schweden überlegte sich, dass eine eigene Küstenlinie am Nordatlantik eigentlich recht schick wäre und versuchte Norwegen zu besetzen. Gewaltige Keilerei der Hauptarmeen bei Fredrikshald und ebenfalls beeindruckende Keilerei bei Trondheim waren die Folge. In die Geschichte ging das Ganze als der große Nordkrieg ein. Die Schweden konnten Trondheim einkesseln, dann brach der norwegische Winter über sie herein. Und während die Norweger hinten dicken Festungsmauern im Warmen saßen, hockten die Schweden, den Elementen ausgesetzt, schlecht ernährt in Zelten. Viele wurden krank und starben. Am Ende wurde der ambitionierte schwedische König bei Fredrikshald von einer Kugel tödlich getroffen und die Reste der schwedischen Bataillone verließen die Belagerung. Auf dem Weg zurück über die Berge wurden sie mit Schneestürmen und sehr kalten Temperaturen konfrontiert und kaum jemand schaffte es nach Hause. Dieser Rückzug wird in der Militärgeschichte auch mit Napoleons Rückzug aus Moskau verglichen.

Trotz all der Geschichte sind die Festungsmauern kalt und unbeeindruckt, als wir uns an ihnen anlehnen. Unter uns leuchtet die Stadt, über uns schimmern deutlich zu erkennen die Sterne. Und ein voller Mond der alles in sein silbernes Licht taucht.

Und dann fühlen sich in der Hochatmosphäre ein paar Stickstoff- und Sauerstoffatome durch energiereiche, von der Sonne ins All geschleuderte Teilchen angeregt, ein bisschen zu leuchten. Über den Fjord ziehen grüne Streifen und Wirbel. Schon als wir aus dem Hotel gehen, sehen wir die ersten Vorboten.

Wir freuen uns. Sehr. Es ist nicht das explodierende Feuerwerk, wie wir es sehr hoch im Norden erlebt haben, aber es sind Polarlichter. Zum zweiten Mal auf dieser Tour. Als wolle uns Norwegen doch noch ein bisschen was mitgeben, jetzt, wo es uns wirklich hart geprüft hat und wir trotzdem noch auf Kurs sind. Glücklich und durchgefroren gehen wir zurück ins Hotel, beenden den begonnenen Artikel und hauen uns für ein paar Stunden aufs Ohr.

Tag 19 unserer Reise startet wie gewohnt. Der Wecker klingelt zu früh, diesmal sind die Buffetzeiten des Hotelfrühstücks schuld. Es lohnt sich aber aufzustehen. Das Buffet ist vielfältig mit einem enorm großen Angebot für Menschen mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Keine Selbstverständlichkeit. Wir ergattern einen Tisch in einer Fensterecke und haben beim Essen den Fluss und die ihn säumenden alten Speicherhäuser auf Stelzen im Blick. Ein Kormoran breitet seine Flügel den ersten Sonnenstrahlen entgegen haltend aus. Der Fluss ist spiegelglatt und hat Hochwasser. Entsprechend lassen wir uns Zeit, frühstücken ganz in Ruhe und ohne Hektik. Uns fällt auf, dass es draußen deutlich menschenleerer ist, als gestern Nachmittag/abends. Kaum Jogger:innen oder spikebereifte Radfahrende. Die Stadt scheint noch zu schlafen.

Aus dem Zimmer müssen wir erst um zwölf Uhr raus, das wollen wir noch nutzen. Wir packen uns warm ein und gehen nochmal am Fluss entlang über die Gamle Bybroen (man kann nie genug Glück haben!) zum Nidaros-Dom. Gestern war dieser der Öffentlichkeit nicht zugänglich, heute kommen wir nach kurzem Lösen von Eintrittskarten hinein. Ein ganz schöner Kracher. Aber bevor wir zu unserem Besuch im Dom kommen, gibt es erstmal eine architektonische Einordnung. Gar nicht so leicht: Der Dom wurde auf der Grabstätte von König Olav Haraldson errichtet. Er starb 1030 bei der Schlacht von Stiklestad. Ein Jahr nach seinem Tod wurde er heiliggesprochen und fast sofort setzte ein Pilgerstrom zu seinem Grab ein. Anfangs wurde deswegen über dem Grab eine Holzkappelle errichtet, ca. 40 Jahre später durch eine Steinkirche ersetzt. 1152 entschied man sich, Trondheim zum Sitz des norwegischen Erzbischofes zu machen und begann deswegen mit dem Bau einer Kathedrale nach westeuropäischem Vorbild, erst im anglo-normannischen Stil und wechselte dann zu romanisch-gothischer Architektur. 1185 baute man an das Ende des Chors noch eine achteckige Kapelle. Da das noch nicht reichte, wurde 1248 der Grundstein für die zweitürmige Westfront gelegt, bis 1320 der Bau dann im Prinzip fertig war. In den folgenden Jahrhunderten brannte die Kirche mehrmals ab, Stürme beschädigten sie schwer – und immer wieder wurde sie aufgebaut. Als die Kirche 1708 bis auf die Grundmauern vollständig abbrannte, bediente man sich während des Wiederaufbaus noch ergänzender barocker Architekturelemente (war halt gerade Mode). Mitte des 19. Jahrhundert war der Dom massiv baufällig und so startete eine umfassende Restaurierung. Der Dom sollte jedoch in seinen Ursprungszustand zurückversetzt werden, weshalb in diesem Zuge weite Teile der An- und Umbauten aus dem 16.-18. Jahrundert entfernt und zerstört wurden. Im 20. Jahrhundert versuchte man dann, allen Epochen wieder Rechnung zu tragen und ließ bei Unstimmigkeiten bezüglich der Baumaßnahmen Expert:innenkommissionen entscheiden. So konnte ein kultur- und architekturhistorischer Blick auf den gesamten Bau- und Restaurationsprozess sichergestellt werdenwerden.

Klingt für uns nach einem fast 1.000 Jahre alten Politikum. Aber all dieser bautechnische Hickhack hat vor allem zu einem geführt: einer ganz wundervollen Kathedrale.

Obwohl wir nicht wirklich gläubig sind, haben sakrale Gebäude auf uns eine ganz besondere Wirkung. Gerne schauen wir uns Kirchen und vergleichbare andere Gotteshäuser an. Historisch sind sie die Meisterleistungen ihrer Zeit, mehr als im Kirchenbau war nicht möglich. Dabei sind Orte entstanden, die eine eigene Stimmung, ein eigenes Klima haben. Das fängt schon damit an, dass sie es schaffen, den Lärm der Welt außen vor zu lassen. Sie eine fast konstante eigene Temperatur haben. Und durch ihre Fenster ein ganz besonderes Lichtspiel im Raum entsteht. Während wir den Dom besuchen, scheint die Sonne durch die unzähligen Glasmalereien. Die Rosette des Eingangsportals leuchtet mit unglaublicher Kraft. Trotz der zahlreichen Hände, die diesen Dom in den Jahrhunderten gestaltet haben und obwohl er ein wenig verwinkelt ist, von außen sogar etwas verbaut wirkt, folgt im Inneren alles klaren Sichtlinien. Selbst die 1930 neu eingebaute Steinmeyer Orgel fügt sich – obwohl sie in sich mächtig und imposant ist – in diese Linienführung ein.

Ebenfalls auffällig unauffällig sind die ausdrucksstarken Reliefköpfe verschiedener Adliger im Altarraum.

An einer Wand hängen 15 50×40 cm große Collagen des norwegischen Künstlers Håkon Bleken. Sie sind wie ein Kreuzgang angelegt. Zu den einzelnen Collagen gehören Psalme und Verse der Bibel. Die Collagen bestehen aus rechteckig ausgeschnittenen und zusammen gefügten Zeitungsschnipseln, die sich mit Terror, Krieg, Genoziden und Katastrophen beschäftigen. Über diese Zeitzeugen sind mit Farben die Stationen des Kreuzganges gelegt, mal weniger, mal stärker deckend. Am intensivsten, dunkelsten und undurchdringlichsten ist die Farbe, als Jesus zweifelt. Bleken selber, 1929 in Trondheim geboren und Anfang diesen Jahres eben dort verstorben, galt als nicht sonderlich gläubiger Mensch. So wundert es, dass eine solche Werkreihe in der als „Herz Norwegens“ bezeichneten Kathedrale hängt. Bleken gilt als einer der einflussreichsten norwegischen Künstler der Neuzeit. Seine Verbindung der Leiden Christi mit dem Leiden der Neuzeit schlägt einen rationalen Bogen von der Geschichte Jesu hin zum realen Trauma einer Gesellschaft. Und was, wenn nicht dieser Bogen zwischen Spiritualität und realem Erleben, macht denn am Ende den Glauben aus. So erscheint es uns am Ende doch sinnvoll, diese Werke hier zu sehen. Was aber auch ein bisschen verrückt ist: Blekens Werke sind gerne mal ein paar viele Tausender wert. In der Regel hängen sie gut bewacht in Museen oder Galerien. Hier hängen sie, fast von ein paar Stuhlreihen verdeckt, unscheinbar und unbewacht an der Wand. Wahrscheinlich, weil sie nur dort hängen und wirken können.

Beeindruckt verlassen wir den Nidaros-Dom, holen uns eine weitere Portion Glück auf der Gamle Bybroen und checken aus dem Hotel aus. Die teuerste Parkgebühr dieser Reise bis jetzt können wir nach dem Bezahlen von unserer Bucket-List streichen und klemmen uns nach einigen Malen Abbiegen durch die kleinen Straßen von Trondheim auf die E6. Die Sonne scheint, die Straße ist gut gesalzen, es läuft für uns. Es läuft so gut, dass wir sogar die Sonnenbrillen auspacken ohne in Sorge zu sein. Die E6 ist lange zweispurig in jede Richtung, zwischenzeitlich ist sie sogar Autobahn mit erlaubten 110 km/h und sechs Spuren. Wir bleiben bei maximal 80 km/h und wir halten wie verordnet ca. alle 50 Kilometer, um den Zustand der Reifen zu überprüfen. Zwar ohne irgendetwas zu sehen, aber lieber einmal zu viel angehalten und geguckt, als mit Reifenplatzer irgendwo erneut liegen zu bleiben.

Nach und nach verändert sich die E6. Sie wird wieder einspurig, sie wird wieder enger. Links und rechts neben ihr sind andauernd Baustellen. Offensichtlich wird hier als fettes Infrastrukturprojekt ein Ausbau der E6 vorangetrieben. Wir sehen Brückenbaustellen, Bereiche wo Bergflanken für die Verbreiterung abgetragen werden sowie sehr viele, sehr große und sehr schwere Maschinen. An einer dieser Baustellen geht es nur einspurig weiter und wir treffen auf etwas, das wir bisher nur theoretisch kennen: Kolonnekjøring. Wobei: eigentlich kennen wir das schon. Im Winter zum Nordkap kommt man auch nur so. Damals standen wir vor einer Schranke, um auf den vorausfahrenden Schneepflug zu warten. Diesmal kommen wir um eine Kurve und unmittelbar vor uns steht ein Auto mit gelbem Blinklicht quer auf der Straße. Es ist also warten angesagt.

Wir nutzen die Zeit und probieren unseren neuesten Trick für eine halbwegs saubere Frontscheibe: Glasreiniger aus dem offenen Fenster aufsprühen und mit den Scheibenwischern wischen lassen. Funktioniert gut, wir müssen nicht aussteigen und unterhalten gleichzeitig den Baustellenmenschen im Absperrauto. Win-win für alle.

Nach kurzer Zeit kommt ein weiteres Auto mit Blinklicht angefahren, dahinter in braver Kolonne der Gegenverkehr. Als dieser komplett vorbei ist, wendet das zweite Auto. Es hat ein Schild mit „Følg meg“ auf dem Dach, wir interpretieren das korrekterweise als „Folg mir“ und fahren ihm im Schritttempo hinterher durch die Baustelle.

Immer noch scheint uns die Sonne ins Auto. Die E6 führt mit leichten Schwüngen durch grüne Bergwälder, wir hören das erste Mal seit Tagen wieder Musik im Auto und es kommt so etwas wie Gelöstheit auf. So könnte das klappen. Eis- und schneefreie Straße, das Auto läuft, dauerndes Linkslenken lässt uns geradeaus fahren (vielleicht nicht nur für unsere Situation ein gutes Konzept?!) und wir haben sogar durchgehend guten Ladestrom. Und die Sonne scheint! Das kann man gar nicht oft genug erwähnen. Wir können die Landschaft sehen, durch die wir fahren. Und die ist tatsächlich sehr schön. Nicht mehr so beeindruckend wie Nord-Norwegen, es knallt nicht so sehr. Aber kein Wind drückt uns konstant Richtung Abgrund, kein Regen oder Schnee peitscht uns entgegen und kein Nebel versucht uns zu verschlingen. Das macht uns grad froh. Wobei zu dieser Wahrheit aber auch gehört, dass wir die tendenziell langweiligste Strecke fahren. Aus Gründen. Und für die langweiligste Strecke ist das noch ein richtiger Kracher.

Lange folgen wir dem Fluss Svone. Mal ist er komplett vereist und mit einer funkelnden Schneedecke bedeckt, mal türmen sich riesige Eisschollen an seinen Ufern. Eingebettet ist der Svone in eine Gegend, die immer noch mit einer dicken Schneeschicht bedeckt ist. Wir haben die Wälder hinter uns gelassen, die Berge um uns herum rücken langsam näher.

Wir nähern uns dem Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark. 2002 gegründet, eigentlich nur eine Vergrößerung des seit 1974 bestehenden Dovrefjell-Nationalparks. Vor 70 Jahren wurden hier Moschusochsen aus Grönland eingeführt und angesiedelt. Es gibt in den Sommermonaten eine Herde Fjordpferde und er ist einer der wichtigsten Brutgebiete der Doppelschnepfe. Für den Sommer erschlossen mit Infrastruktur und Wanderwegen, im Winter eher nicht.

Die E6 klettert hoch in die Berge, keine starken Serpentinen, eher ein sanfter Aufstieg. Mit jedem Höhenmeter ist mehr Schnee und Eis auf der Straße. Anfangs gibt es noch die Fahrspuren mit Asphalt, da seit dem Nationalpark aber nicht mehr gesalzt wird, sind diese auch bald vereist. Mehrere Kilometer lang ist das so. Wir schwitzen ein bisschen.

Mit dem ebenfalls sanften Abstieg lassen wir das aber bald hinter uns. Wir landen im Örtchen Dombås. Es sieht ein wenig wie ein kleiner Skiort aus. Außerdem scheint es in der Nähe umfangreiche Militäranlagen zu geben Wir hören entferntes Maschinengewehrgeknatter und Explosionen. Hier haben wir uns im Dombås Hotel einquartiert und ein Zimmer mit schönem Bergblick.

Der Ort selber kann nicht viel. Er ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, aber auch nicht viel mehr. Eigentlich wollten wir heute in Ålesund sein. Schön am Meer. Der Weg von Trondheim dorthin hätte uns über sehr kleine Nebenstraßen und mehrere Fähren geführt. Und beides wollen wir gerade ausschließen. Bis zu unserer Unterkunft morgen Nacht hätten wir durch Ålesund zwar nicht zwingend mehr Kilometer gehabt (eine Handvoll sind es), wir hätten aber gute 3,5 Stunden reine Fahrtzeit mehr gehabt. Und das lässt einen Rückschluss auf die Straßenqualität dieser Strecke zu. Also tauschen wir heute Jugendstil im besten Hotel der Reise gegen 90er-Jahre-Charme und sind froh, hier zu sein. Witzigerweise war das heute ein guter Tag. Auch wenn er völlig anders war und woanders endet, als ursprünglich am Reißbrett geplant. Aber so ist das auf Roadtrips manchmal.

Hinterlasse einen Kommentar