Von Bergen bis Hirtshals (MS Stavangerfjord)
3 km gefahren
Roadtime: 01:35
Sonnenaufgang Start: 08:17
Sonnenuntergang Ziel: 17:19
Tenperatur: 1 Grad
0 l getankt
30 Minuten warten vor dem Fähr-CheckIn, 40 Minuten bis Boarding
Das Wetter will uns verarschen. Es ist nicht anders aufzufassen. Gerade aufgestanden, schieben wir den Vorhang weg und schauen auf Schneeschauer. Alles andere wäre ja auch echt nett gewesen.

Nichtsdestotrotz starten wir wie gehabt in den Tag, einmal morgendliche Routine von A bis Z. Bevor wir auschecken gehen wir im Schneegstöver noch einmal durch den kleinen, direkt neben unserem Hotel liegenden Ortsteil Bryggen. Gestern wuselte es da vor Menschen, das war uns nichts. Heute Morgen ist es wie angenommen deutlich leerer, vielleicht auch dank Schneegestöber.

Bryggen ist das Hanseviertel Bergens, auch als Tyskebryggen, also deutsche Brücke, bekannt. Es besteht aus alten, in seinem heutigen Bestand aus dem Mittelalter stammenden Handelskontoren. Nach dem Bergen bereits in den Jahrhunderten vor 1343 ein wichtiger Umschlagplatz für getrockneten Fisch und Getreide geworden war, eröffnete die Hanse jetzt ihre ersten Handelskontore. Aus den ursprünglich zwanzig einzelnen Höfen wurde schnell ein komplettes Wohn- und Handelsviertel.

1702 brannte fast alles nieder, wurde aber im alten Stil wieder neu aufgebaut. 1901 riss man einen Teil des Viertels ab und baute es mit Ziegelsteinen, aber den alten Giebeln neu auf.

In Folge des zweiten Weltkrieges hatte man eine ablehnende Haltung allem Deutschen gegenüber und seitdem heißt das Viertel nur noch Bryggen. In der Nachkriegszeit vernachlässigte man das Viertel. 1955 wurden weitere Teile durch Abriss zerstört. Rund die Hälfte der Häuser aus 1712 ging verloren. Die verbliebenen 62 Häuser plante man ebenfalls abzureißen. Nach etlichen Debatten entschied man sich letztendlich doch zur Wiederherstellung. Heute werden die Häuser nach und nach originalgetreu restauriert und man kann durch die engen Gassen unter den Laubengängen der windschiefen Häuser spazieren gehen. Etliche Souvenirshops, aber auch Handwerk und Bedarfsläden sind in den Häusern angesiedelt.

Wir streifen eine gute Stunde durch das Viertel, kehren anschließend in unser Hotel zurück, sammeln unser Gepäck ein und checken aus. Im Schneegestöber verlassen wir die Tiefgarage und fahren zum drei Kilometer entfernten Hafen. Dabei drücken wir uns selber die Daumen, dass das mit der Fährfahrt klar geht. Kurzes Anstehen, dann können wir einchecken. Nach nochmaligem Warten fahren wir an Bord der MS Stavangerfjord, unserer mobilen Unterkunft für die nächsten 18 Stunden.

Die MS Stavangerfjord ist das weltweit erste Fährschiff, das mit einem LNG-Motor ausgestattet ist und damit deutlich sauberer unterwegs ist, als konventionelle Fähren. Im Zuge des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine ist man aber wieder ein bisschen zurückgerudert. Man tauschte die LNG-Motoren gegen BiFuel-Motoren aus, die sowohl Schiffsdiesel als auch LNG verbrennen können. Sicher ist sicher.

Unsere Kabine finden wir recht flott. Wir haben die Aufbaulogik dieser Schiffe inzwischen verstanden. Sie ist großzügig, wir haben zwei Euro mehr bezahlt, um ein großes Fenster und ein bisschen Platz zu haben. Die Entscheidung war durchaus richtig. Das Schiff ist recht voll, überall sind Menschen und es ist ziemlich laut. In den Aufenthaltsbereichen dudelt zusätzlich noch Musik aus den Lautsprechern. Da ist es gut, einen Rückzugsort mit ein bisschen Raum zu haben.

Den Rest des Tages lungern wir rum. Die Fahrt durch die Fjorde ist nur halb so spektakulär, wie sie sein könnte. Zum scharfen Wind und dichten Schneegestöber gesellt sich auch noch unser alter Freund Nebel. Ist klar, dass der uns noch verabschieden muss. Wir nehmen ihn so wie er ist, undurchdringlich und unberechenbar und machen das Beste daraus.







Ab 17:30 Uhr gibt es Abendessen, Buffet. Mit vielen ungeduldigen Menschen, die sich ihre Teller mit den besten Stücken turmhoch vollstapeln, um am Ende die Hälfte wieder zurück gehen zu lassen. Gar nicht unser Ding. Die Leute sind dabei so unruhig und gehetzt in der Schlange, dass Matthias einer älteren Dame neben ihm seine Zimmernummer anbietet, um dort später weiter zu kuscheln. Sie ignoriert es und hat nur Augen für den Fisch. Anderthalb Stunden Zeit haben alle, um dieses Essen hinter sich zu bringen, mehr als genug Zeit also. Aber All you can eat scheint einen tief sitzenden Futterneid und die Angst, zu kurz zu kommen, in vielen auszulösen. Was schade ist, denn das Essen ist hervorragend und hätte etwas mehr allgemeine Wertschätzung verdient.

Den Abend verbringen wir auf unserer Kabine. Wir gehen noch einmal beim Zwischenstopp in Stavanger raus und beobachten das Anlegen und Be- und Entladen, bis uns die Kälte wieder reintreibt.

Bis wir Ablegen und diesmal richtig auf’s offene Meer rausfahren, vertreiben wir uns die Zeit mit Azul, einem kleinen Strategiespiel. Ein bisschen schwermütig ist uns dabei schon. Dieses Spiel haben wir online endlose Nächte mit unserer vor kurzem verstorbenen Freundin gespielt, um ihre nicht enden wollenden Abende im Krankenhaus etwas zu verkürzen.

Gegen 22:00 Uhr sind wir spürbar auf dem offenen Meer. Obwohl unser Schiff riesig ist, 170 Meter lang und 33 Meter breit, hebt und senkt es sich spürbar. Leider nicht nur von vorne nach hinten, sondern auch von links nach rechts. Ob das schon raue See ist, wissen wir nicht. Die Wellen hören wir aber schon laut gegen das Schiff brettern und die Gischt an der Bordwand brechen. Wir machen es uns so gemütlich wie geht, drehen die Heizung der Kabine etwas höher und legen die Füße hoch. Mit einer Maximalgeschwindigkeit von 40 km/h nähern wir uns so dem nördlichsten Teil von Dänemark.

