Tag 0 – Die mächtigen Alpen und Napoleon

Es ist Sommer. Jedenfalls monatsmäßig. Und Sommer bedeutet häufig, dass auch Roadtrip-Zeit ist. Aus verschiedenen Gründen haben wir dieses Jahr aber zu unterschiedlichen Zeiten Urlaub und deswegen stehe aktuell nur ich, Matthias, vor diesem „Dilemma“.

Geliebäugelt habe ich schon länger mit den französischen Seealpen, auf der Lost in the Alps 2020 sind wir einige Tage dort gewesen und ich war von Straßen, Landschaft und dem ganzen Rest sehr begeistert. In einem Nebensatz erzählte ich einer langjährigen Freundin, Fabi, von diesem Plan und sie war fast direkt mit von der Partie. Eine Bedingung: es darf nicht nur Roadtrip sein. Und da die französischen Alpen streckenmäßig eh nicht sooo viel Roadtrip-Potential hergeben, war der Deal schnell gemacht: wir fahren die Route des Grandes Alpes, eine Strecke über gut 700 Kilometer von Thonon-les-Baines am Genfer See bis nach Menton an der Côte d´Azur. Wir fahren ganz gemächlich, keine Tagesetappe knackt die 200 Kilometer. Dabei werden wir in wenigen Tagen gut 20 Alpenpässe überqueren, davon 6 über 2000 Meter hoch, mit dabei der höchste asphaltierte Pass der Alpen, den Col de lÍseran mit 2764 Metern (den kenne ich tatsächlich bereits, macht aber nichts, der war super;)

Die Strecke führt uns durch drei Naturparks mit beeindruckenden Berglandschaften und deswegen werden wir sehr regelmäßig das Auto gegen Wanderschuhe tauschen und uns die Natur jenseits der asphaltierten Wege per Muskelkraft erschließen.

Zurück geht es über die Route Napoleon, jene Strecke, die Napoleon von Golfe-Juan nach Grenoble marschierte, als er von Elba nach Frankreich zurückkehrte, um die Macht zurückzuerobern. Diese führt eher durchs Alpenvorland, hat weniger Pässe oder extreme Kurvenführungen, besucht dafür aber spannende Städte wie Grasse, Castellane, Sisterone oder Annecy.

Wie es sich für einen ordentlichen Roadtrip gehört, werden wir die meiste Zeit im Dachzelt schlafen, und hier fängt das „Aber“ an. Denn unser Abenteuer-Auto, unser treuer Volvo 145 Express, steht uns leider nicht zur Verfügung. Grund dafür ist eine gebrochene Vorderachse, verbogene und gerissene Querlenker und noch diverse andere Blessuren. Unsere Havarie im Februar in Norwegen hat schlimmere Schäden nach sich gezogen, als damals gedacht.

Nach erster Begutachtung durch den Volvo-Spezi hier in Duisburg stand eine pie-mal-Daumen-Schätzung von ca. 5000€ im Raum, der Vorderachskörper, der Stabi und die Querlenker müssen neu, dafür muss im Prinzip der ganze Vorderwagen auseinander genommen werden. Und bei aller Liebe zu unserem Leichenwagen, aber 5000€ schneiden wir uns nicht mal eben aus den Rippen.

Nach zwei bis drei Nächten drüber schlafen hatte ich einen plötzlichen Geistesblitz: der Wagen hat eine Oldtimer-Versicherung mit allem Pitz und Patz, wir haben überall ein Kreuzchen gemacht, wir bezahlen relativ viel Geld dafür, so gut wie jede Eventualität abgesichert zu haben. Und in den Graben zu rutschen ist ein Unfall ohne Fremdbeteiligung – das ist versichert.

Was jetzt folgte war ein Paradebeispiel für Versicherungsunsinn: die Versicherung teilte uns nach Schadensmeldung mit, unsere Werkstatt solle einen detaillierten Kostenvoranschlag erstellen. Rückfrage der Werkstatt, warum sie sich die Mühe machen solle, die Versicherung schicke doch eh einen Gutachter. Antwort der Versicherung, bei 5000€ sei das nicht nötig, es reiche ein Kostenvoranschlag. Die Werkstatt erstellt diesen, holt noch Kostenvoranschläge von externen Dienstleistern für Sandstrahlen und Pulvern der gebrauchten Ersatzteile ein und landet bei 6500€. Das ist der Versicherung jetzt zu viel, ein Gutachter müsse rauskommen. Den Auftrag dafür schicken sie aber nicht raus, erst nach exzessiven Hinterhertelefonieren passiert dies. Der Gutachter braucht dann nach Besichtigung auch gut drei Wochen um sein Gutachten zu erstellen, der Versicherung fehlen aber noch irgendwelche bestimmten Fotos von Bereichen, die nicht betroffen sind, die brauchen dann noch einmal fast zwei Wochen. Anschließend braucht die Versicherung auch wieder ewig um eine Entscheidung zu treffen – ich summe die Warteschleifen-Musik der Hotline mittlerweile im Schlaf.

Ganze vier Monate nach Schadensmeldung kommt die Versicherung zu dem Schluss, dass sie wohl nicht umhin kommt, den Versicherungsfall zu bezahlen. Also erteilte ich vor gut zwei Wochen der Werkstatt den Reparaturauftrag, diese braucht aber mit den Fremdarbeiten Sandstrahlen und Pulvern gut zwei bis drei Monate bis sie fertig sind. Hätte die Versicherung diesen völlig normalen Vorgang (Schadensmeldung – Gutachter – Entscheidung) also zügig abgearbeitet, würde jetzt ein reparierter und roadtrip-startbereiter 145 vor der Tür stehen. Hätte. Haben sie halt nicht. Ist jetzt leider so.

Und wäre das nicht schon automobiles Elend genug, so hat unser Daily, ein 2010er V50, Pfingsten nach einem Campingwochenende 8 Kilometer vor der Haustüre einen kapitalen Motorschaden erlitten und ist somit in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Wir suchen zwar grade nach Ersatz (einem Facelift-V50 mit geringer Kilometerleistung, wer was hat oder weiß meldet sich gerne!), haben aber noch keinen.

Und deswegen wird dieser Roadtrip ungewohnt werden: das Dachzelt ist auf das letzte fahrende Auto im Hause Likedeeler geschnallt worden, einen 2024er Ford Focus mit 1,0 Ecoboost-Motor, einem Mild-Hybrid mit 150PS und Automatik. Fabi und ich werden also mit Vollklimatisierung, Apple CarPlay und all den Annehmlichkeiten moderner Plastikautos diese Tour machen. Vielleicht entscheiden wir uns aber ja des Abenteuers wegen gegen Klima und für offene Fenster. Das wird wild!

Ursprünglich geplant war dieser Trip aber ja als klassischer Roadtrip mit einem klassischen Auto. Und nur weil wir jetzt mit der Notlösung unterwegs sind, werde ich nicht aufs Bloggen verzichten. Es wird also weniger Altauto-Content und dafür mehr….anderes geben. Denn zu erzählen gibt es ja eigentlich immer etwas.

Morgen geht es in aller Frühe auf die erste und geplant längste Etappe des Trips, wir ziehen in einem Rutsch vom Likedeeler-Hauptquartier bis in die Nähe des Genfer Sees durch. Das wird ein Ritt, auch wenn er etwas komfortabler als im 145 sein wird.

2 Kommentare

  1. oh Maan, da galloppierte aber der Bürokratiehengst. Ich freue mich auf weitere Blogbeiträge. Gute Reise, und mach das letzte Auto nicht auch noch kaputt. LGConny

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