Von Camping Municipal La Baume nach Camping Domelin
Gefahrene Kilometer 130
Getank: nüscht
Roadtime: 5 Stunden
1x touristisches Highlight, 1x Supermarkt
Gestern Abend hing die Wärme des Tages noch lange auf dem Platz, entsprechend war die Luft im Zelt, nur um dann Nachts direkt um ca. 10 Grad zu fallen. Der Morgen ist kühl und schattig, Fabi ist recht früh auf den Beinen, ich brauche ein, zwei Anläufe länger. Dafür gibt es eine heiße Dusche im neuen und gepflegten Sanitärhäuschen zur Belohnung, anschließend krabbeln auch durch meine Glieder wieder ein paar Lebensgeister.
Wir machen unser erstes Roadside-Frühstück, für mich gibt es Knäckebrote mit Aufschnitt, Fabi püriert sich Gesundes zu einem Shake. Gut gestärkt und mit richtig guter Laune brechen wir gegen neun Uhr auf und fahren entgegen unserer eigentlichen Fahrtroute zurück Richtung Genfer See. Und das völlig vorsätzlich. Nicht weil wir etwas vergessen haben sondern weil ein paar Fahrminuten vom Campingplatz entfernt die Gorges du Pont du Diable sind.

Der Dranse de Morzine hat sich hier in jahrmillionen ein tiefes Bett in den Kalksteinfelsen gegraben und auf diese Weise eine enge und tiefe Schlucht erodiert. Ursprünglich war die ganze Schlucht wahrscheinlich mal eine Höhle, die von der Dranse durchflossen wurde. Irgendwann stürzte dann die Höhlendecke ein und dadurch entstand ein Chaos aus Felsbrocken, die den Zugang der Schlucht von oben versperren. Diese verkeilten Felsbrocken nennt man dort Teufelsbrücken, daher der Name der Schlucht. 1893 wurde diese entdeckt und rudimentär gangbar gemacht, seit 1908 steht sie unter Denkmalschutz. Heute kann man gegen ein saftiges Eintrittsgeld über schmale Treppen und Stiegen in die Schlucht hinabklettern und die verschiedenen durch ewig lange Ersoion gebildeten Felsformationen besuchen.

Wir sind früh da, es ist noch sehr leer und wir können in eigenem Tempo und ohne großes Gedränge durch die Schlucht gehen. Als wir sie nach einer Stunde und etwas wieder verlassen, bricht der Parkplatz aus allen Nähten und an der Kasse stauen sich die Besucher:innen. Alles richtig gemacht, unter diesen Umständen hätte ich tendenziell nur wenig Bock gehabt, mich mit Menschenmassen dadurch zu quetschen. Auch weil einige Passagen wie zum Beispiel der „Pas Du Diable“ (eine 60 Meter hohe Glasbrücke) doch sehr an meiner Höhenangst gerüttelt haben.

Während sich also die Tagesbesucher:innen stauen und ein Bus nach dem anderen Menschen ausspuckt, parken wir aus und geben Gas Richtung Süden. Über die D902 steuern wir den ersten richtigen Pass unserer Tour an, den Col des Gets. Insgesamt ist der erste Pass der Route des Grandes Alpes ein unscheinbarer Auftakt. Kaum nennenswerte Steigungen, kaum Serpentinen, es geht ganz entspannt in weiten Schwüngen den Berg hinauf bis zum Örtchen Les Gets. Hier liegt auf 1172m Höhe die Passscheide in einem Kreisverkehr mitten im Ort. Les Gets selber ist eines dieser touristischen Alpenörtchen, wir werden heute noch durch einige davon fahren. Große Hotels, wenigstens optisch an die regionale Baustruktur angelehnt, im Sommer Trecking, Mountainbiking und Rennrad-Angebote, im Winter Skisport mit anschließendem Halligalli. Dazu gehört natürlich auch, dass überall Skilifte und Abfahrten die Landschaft prägen.
Ebenso unspektakulär geht es bergab. Wir fahren in das Tal der Arve und beginnen mit dem zweiten Anstieg des Tages, ausgebremst durch Wohnmobile und Menschen, die ihren Fahrkünsten und ihren Autos nicht trauen. Oder beides nicht kennen. Der Col de la Colombiere überquert das Aravis-Massiv. Dieser Bergrücken reicht bis zur Stadt Annecy, der Großstadt in Hoch-Savoyen, die wir auf der Rückfahrt besuchen werden. Mit gut 1613 Metern Höhe schon recht groß ist er bei Radfahrenden aber insbesondere wegen seiner letzten ein bis zwei Kilometer mit gut 10% Steigung als Herausforderung gefürchtet. Hindert viele trotzdem nicht, sich den Berg hoch zu kämpfen, fast hinter jeder Kurve eiert jemand mit sich und der Schwerkraft kämpfend den Berg hoch.

Die Passscheide ist ein Klassiker: Restaurant, Tinnef-Verkauf, zu kleiner Parkplatz. Die Autos parken überall, die Straße ist dadurch grade mal ein Auto breit, dazwischen kopflose Menschen, erschöpfte Radsportler:innen kurz vor der Abfahrt und Motorrad-Fahrende, die den Habitus von Passinhaber:innen haben. Einer dieser Orte, wo man weiterfährt.
Das erste Mal benutze ich die L-Stufe der Automatik, sie sorgt dafür, dass der Wagen erst sehr spät schaltet und man dadurch ohne manuelle Gangwahl auch mit Motorbremse fahren kann. Das in Kombination mit der Rekuperation des Mild-Hybrids funktioniert sehr gut, wir können in einem Schwung den Pass runter fahren. Nicht zu vergleichen mit Passabfahrten im 145. Da müssen wir ab ca. 1000 Höhenmetern zwingend eine Abkühlpause für die Bremsen machen, sonst kocht die Bremsflüssigkeit und wir hätten keinen Bremsdruck mehr. Hatten wir durchaus schon, macht keinen Spaß.

Das die Routenplanung aber irgendwie mit 145-Rhythmus im Blut gemacht wurde, merken wir heute stark. Wir kommen sehr gut durch und werden sehr früh auf dem geplanten Campingplatz sein. Da für morgen ein Wandertag geplant ist, macht es aber auch keinen Sinn, noch ein Stückchen dran zu hängen.
An den Col de la Colombiere reiht sich der Col de Aravis, wieder ein eher unspektakulär zu fahrender Pass mit dem das Aravis-Massiv endgültig überquert wird. Herausragend ist aber sein Blick auf den Mont Blanc. Mächtig und beeindruckend schillert seine 4807 Meter hohe weiße Spitze und die Nachbarberge in der Sonne, die sich für einen kurzen Moment rausgetraut hat. Die Strecke windet sich durch grüne Wiesen, unterbrochen von einzelnen Waldpassagen. Neben dem Mont Blanc öffnet sich auch nach links und rechts immer wieder wunderschönes Alpenpanorama. Auf 1486 Metern liegt die Scheitelhöhe und wir fahren in einer zügigen Kolonne Richtung Tal.

Mit dem Col de Saisies schließt sich ein Pass an, der seinem Namen dem gleichnamigen Skigebiet verdankt. Oder ist es andersherum? Wie auch immer, landschaftlich durch Lifte und Abfahrten eher anstrengend, so ist auch die touristische Auslastung der Region deutlich zu merken. Hier ist alles voll, viele Menschen, viele Autos, viele Hotels, viele Shops, viel von allem. Umso erstaunlicher die Auf- und Abfahrt. Aus irgendeinem Grund leer, kaum Autos oder Fahrräder, und ein Asphaltband, dass genau mein Bockzentrum trifft: rauher, immer wieder geflickter (hervorragend geflickter) Belag, der in schnellen Kurven die Bergwand entlang rast um für enge und steile Serpentinen abzubremsen während der Fahrbahnwinkel mal nach rechts oder links wegkippt. Dürfte ich mir für den Rest meines Lebens eine Art Bergstraße aussuchen, diese wäre es. Es ist diese Mischung aus Anspruch, Sportlichkeit und Flow, die solche Abschnitte besonders macht. Begleitet wird das Ganze heute von Techhouse aus den Boxen, der Fahrtwind bläst durchs offene Fenster ins Auto, ein Träumchen.

Am Ende biegen wir ab Richtung Beaufort. Das knapp 2000-Seelen-Dörchen hat nichts mit der bekannten Skala zu tun, diese wurde nach ihrem Erfinder Sir Francis Beaufort benannt. Die kleine Ortschaft liegt am Fluss Doron und unser Campingplatz liegt exakt neben dem Fluss. Sein Rauschen wird uns heute und morgen Nacht in den Schlaf singen. Zwischen zwei und drei schlagen wir dort auf, bauen Zelt und Stühle etc auf und legen erstmal mit ein paar Snacks die Beine hoch.

Am späten Nachmittag machen wir uns noch einmal zu Fuss auf den Weg, wir laufen die gut zwanzig Minuten nach Beaufort rein. Wir haben einen konkreten Anlass: unser CEE-Adapter, den brauchen wir um von Campingplatz-Steckdose auf normale Steckdose zu kommen, ist auf dem letzten Campingplatz geblieben. Wir brauchen also einen neuen wenn wir sichergehen wollen, dass unsere Kühlbox und die diversen elektrischen Geräte auch die nächsten zwei Wochen noch mit Strom versorgt werden. Und wir haben uns überlegt, in dem Örtchen nach etwas zu essen zu suchen.

Der Ort überrascht uns: ein wunderschön zurecht gemachtes kleines Bergdörfchen, alte Häuser in gutem Zustand und wunderbare Bepflanzungen. On top rauschen noch zwei Flüsschen durch den Ort. Wir laufen zum Elektromarkt, werden von dort zum Werkzeugladen weitergeschickt und bekommen, was wir brauchen. Anschließend schlendern wir durch den Ort und finden ein Restaurant, das uns zusagt. Und haben die Erkenntnis, das jede warme Küche in Beaufort erst um 19:00 Uhr öffnet. Das ist uns zu spät, wir machen uns also auf den Weg zurück zum Campingplatz und kochen uns Nudeln. Und lassen den Tag beim Rauschen des Doron ausklingen. Und dem Lärm der links, rechts und hinter uns zu ihren Zelten zurück gekehrten Familien. Zum Glück sind Kinder, die den Tag über irgendwo in der Natur um Beaufort herum ausgelastet worden sind, ja wahrscheinlich relativ durch. Die Lautstärke legt sich nach gut einer Stunde Eskalation jedenfalls merklich.

Eine kleine Anmerkung: das Schreiben dieses Blogs läuft auf diesem Trip nur mit halber Kraft. Normalerweise entsteht ein Artikel immer wie folgt: Katrin dokumentiert den Tag in Stichworten und fotografiert, Abends bastel ich daraus einen Text während Katrin eine umfassende Auswahl an Fotos zusammen stellt, anschließend redigiert Katrin den Text in einen wunderschönen Bericht und ergänzt um passende Fotos. Katrin ist ja nicht mit dabei und ich merke, dass ich ihren Anteil an diesem Blog nicht ausreichend ersetzen kann. Sie fehlt halt einfach;)

merci beaucoup pour les fleurs 🤭❤️
Ich staune immer wieder, welch beeindruckende Formen das Wasser über die Zeit im Gestein hinterlässt. Da bekommt man einen kleinen Eindruck der dahinter steckenden Naturgewalt.
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