Tag 7 – was der bisher beste Tag dieser Tour mit einem gerissenem Kupplungszug zu tun hat

Von Camping d´Orelle zum Camping Bel-Iscle

Gefahrene Kilometer: 156

Roadtime: 7,5 Stunden

Getankt: 31,1 Liter

1x Rafting, 1x Einkaufen, 1x Mittagessen

Heute klingelt der Wecker. Ziemlich nervig im Urlaub, aber wir haben etwas vor und müssen dafür um 11 Uhr in La Salle-les-Alpes sein. Zwischen uns und der Verabredung liegen noch zwei Pässe und gut 70 Kilometer. Also haben wir zwei Stunden Fahrt eingeplant mit einer halben Stunde Puffer.

Wir sind beide etwas wortkarg, pfeifen uns unser Frühstück rein, laufen durch die morgendliche Abbauroutine und kommen wegen kollektivem Besuch in der Porzellanabteilung eine halbe Stunde später als geplant los. Damit haben wir unseren Puffer eingesetzt, jetzt geht es ums glatt durchkommen.

Ein kurzes Stück folgen wir noch der D1006 und der Arc, biegen dann aber nach links auf die D902 und somit zum Epilog des bis dato besten Tages dieser Tour ab. Auf der Karte sieht die Straße wie mit Luftschlangenspray hingesprüht aus, völlig wirr und laufend die Richtung wechselnd. Man muss hereinzoomen, um es nicht für einen dicken Straßenklecks zu halten. Dank der freundlichen Dame im Radio behalten wir den Überblick und befinden uns bald zwischen den bewaldeten Hängen des Cerces-Massivs. Hier entspannt sich die Straßenführung und führt über lange graden und weitgeschwungene Kurven über 12 Kilometer den Berg hinauf. Die durchschnittliche Steigung dieses Passes liegt bei 7% wobei die größte Steigung, 11%, bereits passunüblich zu Beginn zu bewältigen ist.

Zügig erreichen wir den 1556m hohen Col de Telegraphe. Namensgebend war ein Fort oberhalb des Passes, zwischen 1885 und 1890 gebaut beherrschte es das Tal aus 900 Metern Höhe. 1940 wurde hier der italienische Transalpin-Vormarsch im Valmeinier-Tal blockiert. Heute blockiert das Fort nicht mehr, heute verbindet es, ist seine schussgünstige Lage auf das Tal doch auch der perfekte Standort für weitreichende Mobilfunkantennen.

Die Abfahrt ist entspannt, die Strasse führt fast vollständig grade über 5 Kilometer bis Valloire, dabei liegt das durchschnittliche Gefälle bei 3,3%. So richtig ist das auch kein Abstieg, Valloire liegt auf rund 1400 Metern. Gemeinsam mit dem Nachbarort Valmeinier bildet dieser Ort das Wintersportressort „Galibier Thabor“ mit 83 Skipisten von insgesamt 150 Kilometern Länge für die über 35 Skilifte bereitstehen. Und Schneekanonen. Trotzdem ist es hier – außerhalb der Stadt – wunderschön. Wir fahren durch dichte Wälder, über allem tronen die Berggipfel. Ein unglaubliches Panorama.

Wir folgen dem Flüsschen La Valloirette flussauwärts, ein kleiner türkisgrünblauer Gebirgsfluss, der sprudelnd neben der Straße läuft. Immer höher zieht sich die Fahrbahn in die Berge, irgendwann lassen wir die Bäume hinter uns und fahren durch eine wilde und zerklüftete Felslandschaft. Geröllhalden wechseln sich mit massivem Fels ab, die dominierenden Farben sind jetzt braun und grau in allen Nuancen. Und je nach Kurve – wenn denn mal eine kommt – öffnet sich der Blick zurück ins Tal.

Und relativ zügig sind wir im oberen Teil des Col du Galibier. Und stehen vor einer Ampel. Vor einem Tunnel. Und merken: mit diesem Tunnel wird die kompliziert zu fahrende Passscheide abgekürzt. Das wollen wir natürlich nicht. Wir drehen schnell und nehmen die verpasste Abfahrt über den Berg hinüber. Die 1,5 Kilometer haben es in sich. Es ist saueng, sausteil und sehr kurvig. Aber es lohnt sich, von dort oben kann man in alle Richtungen eine Bergreihe nach der anderen sehen, Richtung Norden kann man bis zum Mont Blanc gucken, Richtung Süden sieht man die Barre des Ecrins und die Meije sowie die sie umgebenden Bergmassive.

Mit dem Überfahren der Passscheide überqueren wir auch eine Klimagrenze, wir fahren von der feuchteren nordalpinen in die trockenere mediterrane Klimazone. Auch kulturhistorisch trennt dieser Pass: wir wechseln aus dem Bereich der frankoprovenzalischen Sprache und Kultur in den okzitanischen Bereich. Sichtbar wird dies vor allem in der Baustruktur insbesondere historischer Gebäude, sprachlich spielt dies heute kaum noch eine Rolle. Das frankoprovenzalische ist eine romanische Sprache und gehört zu den galloromanischen Sprachen. Sie wird von der UNESCO als gefährdete Sprache geführt, das europäische Parlament schätzt sie ähnlich ein. Faktisch gesprochen wird sie, in verschiedenen Dialekten generationsübergreifend nur noch in wenigen Teil Nordwest Italiens.

Das Okzitansiche hat sich als romanische Sprache ebenfalls aus dem Vulgärlatein entwickelt. Sie wird noch in südlichen Bereichen Frankreichs gesprochen, hat in ihren diversen Dialekten aber kein eigenes Schriftbild. Außerdem ist es als Amtssprache im Val d´Aran in Spanien und in Katalonien anerkannt.

Wir sind jedenfalls auf der ersten Zielgrade des Tages und folgen dem noch kleinen Flüsschen La Guisane. Dieser begleitet die D1091 bis La Salle-les-Alpes, dort wartet unsere Verabredung auf uns. Wir haben uns gestern Abend spontan eine Rafting-Tour gebucht. Wir haben kurz überlegt, ob wir die einfache oder die sportliche Tour nehmen und haben uns dann für die Sport XL-Tour entschieden. Wenn schon Abenteuer, dann doch auch richtig.

Wir bekommen UV-Shirts, einen Wetsuit, Neopren-Schuhe, eine Schwimmweste und einen Helm und puzzlen uns in dieses doch recht unvorteilhafte Outfit. Und lernen Hugo kennen, der für die nächsten zweieinhalb Stunden unser Guide sein wird. Eigentlich ist die Tour für sechs Teilnehmende ausgelegt, außer uns hatte aber niemand Bock auf Sport XL, also haben wir Boot und Hugo komplett für uns. Wir pumpen unser Boot noch auf und machen auf einem kleinem See neben der Raftingstation ein paar „Trocken“-Übungen. Hugo ist zufrieden mit uns nach nicht einmal fünf Minuten lassen wir das Boot in die Guisane. Und lassen uns erst einmal treiben. Das Wasser fliesst schnell durch das Örtchen, an Parks, den Terrassen von Restaurants und an Wohnhäusern und Parkplätzen vorbei. Insgesamt nett und idyllisch. Derweil üben wir noch ein paar Manöver, wir lassen das Boot in der Strömung drehen, fahren rückwärts und üben, das Gewicht zu jeweils einer Seite zu verlagern. Uns schwant, dass es mit der Gemütlichkeit bald vorbei sein wird. Bis Chantemerle bleibt alles angenehm.

Dann geht es los: eine Reihe von Klasse 3 Stromschnellen liegt vor uns. Auf Kommando von Hugo paddeln wir wie die Weltmeister, mal vorwärts, mal rückwärts, mal eine Seite vorwärts und die andere gleichzeitig rückwärts. Dabei rutschen war mal eben schnell auf die andere Bootseite um das Boot schief zu stellen um zwischen engen Steinen durchzukommen. Oder hüpfen um das Boot aus einer Grundberührung zu befreien. Alles sehr aufregend, alles aber auch relativ locker. Hugo scheint jeden Stein auf der Strecke zu kennen, er nutzt sie teilweise, um das Boot durch anstossen oder drüberrutschen zu lenken.

Kurz parkt er unter einem Baum um uns aus dem Boot heraus Pflaumen zu pflücken. Für Energie, meint er. Die bräuchten wir jetzt gleich. Wir passieren den Pont Carle Damm über eine Wasserrutsche, ein bisschen Wildwasserbahnfeeling kommt auf. Ab hier liegen mehrere Klasse 4 Stromschnellen vor uns. Das ist jetzt der Bereich „sehr schwierig“. Das bedeutet starke Strömungen, Wellen, Walzen und Wirbel und enge Passagen. Hugo lässt das. Ganze eher wie eine Spaßfahrt wirken. Klar, wir paddeln wie die Weltmeister, die Kommandos kommen Schlag auf Schlag, aber wir haben richtig viel Spaß. Viel zu schnell sind die zwei Stunden vorbei und wir tragen das Boot aus dem Wasser zum wartenden Bus. Dieser bringt uns zurück zum Start, wir reinigen noch unser Equipement, ziehen uns um und sind schon wieder auf der Straße.

In Briancon halten wir kurz um Vorräte aufzustocken, wir hatten überlegt, ob wir hier auch in einem Cafe noch ein bisschen abhängen, finden aber nichts Geeignetes. Insgesamt macht die Stadt auf uns auch keinen herausragenden Eindruck. Wir folgen wieder der D902, diesmal entlang des Flusses Cerveyrette. Durch ein wunderschönes Waldgebiet zieht sich die Route immer weiter bergauf, sie verläuft weitestgehend gradeaus, macht gegen die Langeweile aber nette Schwünge und Hüpfer. Mit Verlassen der Baumgrenze geht dies in eine Arie von Serpentinen über, eine folgt der nächsten, alles mit Spaß und Elan in einem wunderschönen Flow zu fahren.

Bis wir zu einer unscheinbaren Haltebucht am Straßenrand kommen. Hier ist mir beim European Mountain Summit in meinem Volvo 745 das Kupplungsseil gerissen. Bang. Einfach keine Kupplung mehr. Hinne, mit dem ich damals unterwegs und ich haben erstmal ziemlich bedröppelt aus der Wäsche geguckt. Bald hielten andere Rallyeteams, eines davon hatte die Idee, bei ausgeschaltetem Motor den zweiten Gang reinzuürgen, dann anzuschieben und mit dem zweiten bis irgendwohin, wo man reparieren kann, zu fahren. Genau so haben wir es damals gemacht und landeten auf dem Parkplatz des Refugee de Napoleon ein paar Serpentinen höher. Auto aufgebockt, den ganzen Rums auseinander genommen, festgestellt, dass das Kupplungsseil korrodiert ist und deswegen gerissen ist, das Ersatzteil (ja, hatte ich dabei, hab ich damals ziemlich gefeiert!) aus dem Kofferraum geholt und wieder eingebaut. Und zack, waren wir damals auf wieder auf der Straße.

Damals
Heute speise ich mit Schmetterlingsunterstützung

Heute, alles kein Problem. Vor allem, weil der Fokus eine hydraulische Kupplung hat. Und weil er im Prinzip ein Neuwagen ist. Ein Jahr alt. Also alles ganz unaufgeregt. Trotzdem halten wir auf dem Parkplatz des Refugee, diesmal um dort einzukehren und etwas zu essen. Es gibt Omelette. Mit Ausblick. Und ohne vorher unter dem Auto rumrutschen zu müssen. Das kann auch was. Auch wenn ich zugeben muß, dass ich das roadtrip-übliche Öl-Schmiere-Gemisch unter den Fingernägeln ein wenig vermisse.

Gut gesättigt fahren wir die letzten Serpentinen hoch bis zum Col d´Izoard, mit 2360 Metern der dritthöchste Pass unserer Tour. Hinter ihm erwartet uns die Casse Déserte, das „menschenleere Geröll“, eine trockene Verwitterungslandschaft mit Schutthalden und Felsnadeln. Durch diese spektakuläre Landschaft fällt die Strasse erst in einigen Serpentinen, ab dem Dorf Brunissard in langen Graden mit recht ausdauerndem Gefälle ab. Normalerweise folgt auf einen spektakulären Berg mit grandioser Aussicht und Landschaft Ernüchterung. Die D902 hält die Spannung – und die Bergeisterung – aber auf hohem Level.

Wir fahren in den Naturpark Queyras und durch die gleichnamige Schlucht. Bewaldete Hänge türmen sich wie Wände um uns herum auf, neben uns rauscht der Fluss Guil. Jede Kurve, jeder Turn schenkt uns ein neues Panorama, wir sind abgesehen von zwischenzeitlichen Begeisterungsäußerungen ziemlich still und genießen die Natur um uns herum. Es ist einfach schwer beeindruckend, mir fehlen ehrlicherweise die Worte für das alles.

Entlang des gestauten Guil fahren wir durch mehrere grob in den Felsen gehauene Tunnel, einige nur ein Auto breit. Hinter Guillestre wartet der letzte Pass des Tages auf uns. Der 2109 Meter hohe Col de Vars. Die gut 19 Kilometer lange Auffahrt mit Steigungen irgendwas zwischen 5 und 8% ist gut ausgebaut, breit, und trotz etlicher Kehren gut einsehbar. Eine richtige Straße zum Flowen. Der Focus lässt sich flott durch die Kurven schmeißen und es ist ein krönender Abschluß für diesen Tag. Der Abstieg bis Saint-Paul-sur-Ubaye hingegen ist etwas beschwerlich, nicht wegen der Straße, ich merke einfach diesen sehr vollen Tag in meinen Knochen. Es wird Zeit für Feierabend, zumindest ich bin übervoll mit Eindrücken und körperlich auch erschöpft.

Den Campingplatz Bel-Iscle am Ende des Dorfes kenne ich bereits, auf der Lost in the Alps waren Katrin, Micha und ich dort bereits. Ein einfacher Campingplatz, alles sehr rudimentär mit einem sehr fetten Plus: egal in welche Richtung man schaut, man guckt in fettestes Bergpanorama. Hier bleiben wir jetzt zwei Tage, unser Platz bietet wenig Schatten, also bauen wir zusätzlich zum Zelt auch noch ein Tarp auf. Und sitzen dann in der Abenddämmerung während die einen Berge schon lange Schatten werfen und die gegenüberliegenden sich noch ins Orange der versinkenden Abendsonne hüllen.

Die eine Seite
Und die andere Seite

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