Von Sospel bis Camping Carajuan
Gefahrene Kilometer: 164
Getankt: 32 Liter
1x Stadtbummel mit Frühstück
Mittlerweile haben wir einen Morgenrhythmus. Der passt so gut, dass Fabi meist fertig ist, wenn ich bereit bin, mich aus dem Bett zu quälen. Das passt natürlich ganz gut, vor allem in einer Unterkunft in der der Badbereich nur durch einen Sichtschutz abgetrennt ist. Insgesamt haben wir die Nacht ganz gut überstanden, der Gedanke, auf einer schimmeligen Matratze zu schlafen war trotzdem eher ungut. Im Laufe des Tages gibt es eine weitergehende Kommunikation mit der Gastgeberin, sie sieht überhaupt kein Problem, es sei schließlich nur der Bezug etwas fleckig, die Matratze aus Kokosfasern sei völlig in Ordnung und es sei eh nicht ihre Schuld weil Gäste vor uns alles schlecht behandelt hätten und wir seien einfach nur unehrlich, weil wir ja wüssten, dass das gar kein Schimmel sei und so weiter und so fort. Mit Kritik kann die Kollegin offensichtlich eher nicht umgehen, wenn man in den Bewertungen ordentlich runterscrollt, ist das auch da zu sehen. Entsprechend schlägt sie unsere Anforderung auf Teilerstattung aus, das ganze liegt jetzt bei AirBnB zur Mediation. Ich rechne nicht damit, dass dabei etwas raus kommt, aber wer weiß. Sollte jemand von Euch mal drüber nachdenken in Sospel zu übernachten: vermeidet das AirBnB „Studio Équipe“ von Jenny auf der Rue du Viguier 5.

Mit den möglichen Schimmelsporen im Kopf haben wir garnicht groß ausgepackt, entsprechend schnell checken wir wieder aus. Wir schmeißen die wenigen Sachen ins Auto, die wir mitgenommen haben und folgen der ortskundigen und freundlichen Dame im Radio rechts aus einem kleinem Kreisverkehr heraus. Es geht gemütlich bergan, durch einen kleinen Tunnel und auf einmal steht dort ein Schild, dass rechts ab zum Col de Castillon zeigt. Wir sollen aber weiter gradeaus Richtung Menton fahren und das sagt uns, irgendetwas stimmt hier nicht. Der Col de Castillon ist der letzte Pass der Route de Grandes Alpes. Wir halten also und überprüfen die Entscheidungen der freundlichen Dame im Radio und siehe da, der Tunnel war der schnellere Weg unter dem Berg durch. Also fahren wir gut zwanzig Minuten zurück nach Sospel, biegen im besagten Kreisverkehr links statt rechts ab und fahren über den Col de Castillon.

Ehrlicherweise: den hätte man sich aus jeder Perspektive sparen können. In Mini-Pass auf 700undeinbisschen Metern, unspektakulär und fast schon normal. Aber es ist der letzte Pass der Route des Grandes Alpes und es hätte sich falsch angefühlt, ihn nicht zu fahren. Nach diesem kleinem Ausflug kommen wir an der Kreuzung, an der wir vorhin wieder gedreht haben an und sind damit fertig mit der Route. Klar, formal geht sie noch bis Menton fast ans Meer, das schenken wir uns aber. Wir haben wenig Lust, nur aus Jux und Dollerei in die wuselige Stadt zu fahren.

Stattdessen klemmen wir uns kurz vor Menton auf die A8 Richtung Westen. Wir fahren die Scheiben hoch, lassen die Klimaanlage das Wageninnere auf angenehme 20 Grad runterkühlen (bei 31 Grad Außentemperatur) und bereiten uns mental auf diese supernervige Autobahn vor. Die A8 führt uns oberhalb von Monaco, La Turbie, Èze, Villfranche-sur -Mer, Nizza, Antibes und Cannes vorbei. Immer mal wieder blitzt in der Ferne das Mittelmeer und beweist, dass die Cote d´Azur zurecht so heisst. Zwischen uns und dem wahrscheinlich badewasserwarmen Nass liegt aber ein fast lückenloser Asphalt- und Betondschungel. Weder Fabi noch ich verspüren große Lust, uns dort hinein zu begeben.
Und so spulen wir das ab, was wir hier erwartet haben: chaotischen Verkehr unterbrochen von Mautstationen. Das lässt sich nur mit stoischer Gelassenheit ertragen, darin üben wir uns. Im Schnitt kann man sagen: die Italiener:innen fahren alle krass zu langsam, die Monegass:innen alle deutlich zu schnell und die Franzos:innen machen was auch immer sie machen wollen. Ich überlasse einen Großteil der Arbeit dem adaptiven Tempomaten, der kriegt das ganz gut hin.
Bei Cannes verlassen wir die A8 und fahren runter auf die D6185. Diese führt gradlinig durch den Bebauungsmoloch Richtung Grasse. Ab jetzt befinden wir uns auf unserer Rückreise über die Route Napoleon. Diese ist größtenteils mit der Nationalstraße N85 identisch und folgt jener Route, die Napoleon im März 1815 mit seiner Armee nahm, als er von der Insel Elba floh. Sie startet korrekterweise im Hafen von Golfe-Juan bei Cannes und endet in Grenoble. Die ersten Kilometer sparen wir uns aus demselben Grund wie die letzten Kilometer der Route des Grandes Alpes. Napoleon marschierte diese Route damals in einem siebentägigen Gewaltmarsch zu Pferd und zu Fuß, wir nehmen uns etwas weniger Zeit und gewinnen durch die Automobilität auch noch ein paar Zeitfenster um nette Dinge rechts und links anzuschauen.

Eigentlich wäre für Napoleon der Weg durch das Rhonetal deutlich einfacher gewesen, hier befanden sich aber zu viele Royalisten, so daß er sich für den beschwerlichen Weg durch die Alpen entschied. Napoleon raste quasi die Strecke entlang, insbesondere um den Sprengungen strategischer Brücken zuvor zu kommen. Kurz vor Laffrey stieß er das erste Mal auf einen nennenswerten Widerstand, gegnerische Truppen versperrten einen Engpass. Auf der Prairie de la Recontre, dem „Feld der Begegnung“ standen sich die Armeen gegenüber, Napoleon befahl seinen Männern die Gewehre unter den linken Arm zu nehmen (also nicht schussbereit zu haben) und trat alleine vor die gegnerischen Soldaten, die er mit einer Rede für sich gewann. Weitere Einheiten liefen noch am selben Tag zu ihm über, Grenoble konnte am Abend besetzt werden. Ab hier war Napoleon nicht mehr aufzuhalten und zog unter Triumphrufen des Volkes bis nach Paris. Am 20. März, gut drei Wochen nachdem er bei Cannes anlandete, zog Napoleon in den Tuilerienpalast ein und begann die Herrschaft der hundert Tage (eigentlich waren es 110 Tage, aber was soll´s?), die mit der Schlacht von Waterloo endete. Napoleon wurde anschließend auf der Insel St. Helena exiliert, dort starb er am 5. Mai 1821.
Die gut 50.000 Einwohner:innen große Stadt Grasse gilt als Welthauptstadt der Parfums und erlangte durch Patrick Süßkinds Buch „Das Parfum“ weltweite Bekanntheit. Grasse schaut auf gut 1000 Jahre Geschichte zurück, die Altstadt heute hat immer noch stark mittelalterlichen Charakter. Wir finden erstaunlicherweise einen Parkplatz im Schatten. Der für die erste Stunde kostenfrei ist, über die Mittagszeit auch und uns somit für gut drei Stunden Parkzeit 50 Cent kostet. Wir können es kaum glauben, ist aber so.

Beim Aussteigen schlägt uns die geballte und gespeicherte Hitze einer Stadt mit wenig Grünflächen entgegen. Innerhalb kürzester sind wir durchgegart und froh, als wir uns über steile Gassen und Treppen bis in die grade mal etwas mehr als schulterbreiten Gassen der Altstadt gekämpft haben. Was uns als erstes in der Stadt der Parfums auffällt ist, dass hier ebenso wie in Sospel überall ein leichter modriger Kellergeruch in der Luft liegt. Diese Misschung aus altem Stein, Feuchtigkeit und Schimmel. Durch schmale Gassen voller Geschäfte für Kunst, Mode, diesdas und natürlich Parfums gehen wir zu einem kleinem Café, dass Fabi vorab ausgesucht hat. Hier frühstücken wir erst einmal, es gibt Pancakes mit kreativem Belag und einen stabilen Cappucino. Anschließend schlendern wir noch ein wenig durch die Altstadt, gucken uns Plätze und alte Häuser an. Leider hat die Kathedrale geschlossen, die hätte ich gerne von innen gesehen, wir müssen mit dem Aussichtspunkt daneben auskommen. Und werden nach und nach von der Hitze nieder geprügelt so daß wir uns dazu entscheiden, zum Auto zurück zu gehen und in die Berge zu fahren. In der Hoffnung, dort etwas angenehmeres Klima vorzufinden.


Also klemmen wir uns auf die D6085 und fahren nordwärts. Die Straße ist wunderbar ausgebaut, sehr breit mit Fahrradwegen neben ausreichend breiten Fahrspuren in beide Richtungen. In leichten Auf und Abs mit weiten Schwüngen fahren wir sie entlang, wir haben die Fenster geschlossen und genießen die konstant angenehme Temperatur im Inneren. Die Straße könnte so überall sein, ihr fehlt ein wenig das Besondere. Macht aber nichts, wir sind immer noch stark übersättigt von den letzten Tagen. Und so passieren wir auch mehrere Pässe ohne es zu bemerken. Col du Pilon, Col de la Faye, Col de la Colette, Col de Valiferriére und Col de Luens bemerken wir nur durch die Schilder am Wegesrand, es macht kaum einen Unterschied was die Wegführung angeht.

Und so könnte der Tag einfach relativ unspektakulär am gut gekühlten Cockpit des Focus vorbeistreichen, würden wir bei Castellane nicht nach links auf die D902 abbiegen. Und mit ihr dem Verlauf der Verdon folgen, hinein in das von Fluss gegrabene Tal, auch bekannt als Gorge de Verdon, landläufig auch als Grand Canyon du Verdon bezeichnet. Der Canyon ist etwa 21 Kilometer lang und geht von Castellane bis zum Stausee Lac de Sainte-Croix. Neben der Tara-Schlucht in Montenegro (in der Micha und ich 2023 raften waren) ist das hier der größte Canyon Europas.

Die Straße ist exakt das, was ich liebe. Zwar mehr oder weniger nur auf einer Höhe, aber dafür mit netten Kurven, Engen und grandiosen Felswänden, die teilweise weit über die Fahrbahn ragen. Links von uns strömt der Verdon, von unten hört man Menschen beim Rafting über dem Rauschen des Wassers heraufschallen, immer wieder blitzt es blau durch die Bäume. In etwa auf der Hälfte der 21 Kilometer Schlucht wartet unser Campingplatz auf uns. Wir haben wieder unglaubliches Glück, auf der Grenze unseres Platzes steht eine recht alte Eiche und spendet natürlichen Schatten, das Tarp müssen wir also nicht aufbauen. Aber im Verlaufe des Tages verzieht sich die Sonne eh, es kommt ein fast frischer Wind auf und der Himmel ist grau verhangen. Für die Nacht und Morgen ist sogar etwas Regen angesagt. Mal schauen.

Wir hängen den Nachmittag ab, quatschen ein bisschen, dieser Blogtext entsteht und zwischendurch snacken wir Pommes. Gleich werden wir noch runter an den Fluss gehen und endlich die Füße in kaltes Wasser halten, später wird es Nudeln mit Pesto geben. Es könnte wahrlich schlechter sein.

Hier auf dem Campingplatz gibt es kein WLAN und durch die Schlucht bedingt auch nur elendigen Handyempfang. Entsprechend nervig ist grad der Upload von Fotos. Bei einigen hat es nicht geklappt und ich habe jetzt aufgegeben. Entsprechend gering ist die Auswahl. Kann also sein, dass der Artikel für Morgen erst übermorgen kommen wird.
