Tag 12 – Stadt statt Berg

Von Grenoble nach Grenoble

Gelaufene Kilometer: 15

Roadtime: 6 Stunden

Wir starten den Tag ohne Wecker. Hier ist die Hitze ein verlässlicher Wecker. Die Nacht über haben wir das bodentiefe Fenster unseres Hotelzimmers offen gelassen, irgendwann gegen 08:00 Uhr kriecht die Hitze unaufhaltsam ins Zimmer. Das eigene Badezimmer nutzen wir für ein paar Wiederherstellungsarbeiten und sehen am Ende wieder wie ganz passable und saubere Menschen aus. Das leidet beim Camping ja immer ein wenig.

Die Verlängerung um eine Nacht hat uns auch ein kostenfreies Frühstück eingebracht, entsprechend der Preiskategorie (wir zahlen ~80€/Nacht mit dem Frühstück in guter Lage) ist das Angebot überschaubar. Ist okay für uns, ein paar Croissant und Kaffee später packen wir uns etwas zu trinken in die Taschen und ziehen los. Es ist 10:00 Uhr und die Hitze steht schon wieder. Unser erstes Ziel ist die Bastille Grenoble, eine Festung aus dem 19. Jahrhundert auf dem äußersten Ausläufer des bis zu 1050 Meter hohen Mont Rachais. Die Festung liegt 264 Meter über der Stadt und dem Fluss Isère. Diese Position wurde gewählt um sowohl Grenoble selbst als auch die Täler von Isère und Drac überblicken zu können.

Die Burg selber ist, wie so häufig, diverse Male umgebaut, erweitert und stärker befestigt worden. Heute ist so vor allem Aussichtspunkt, Hochseilgarten, Veranstaltungsort und Restaurant (wahrscheinlich auch erst um 19:00 Uhr geöffnet). Eigentlich wollten wir zu Fuss hochlaufen, die 264 Höhenmeter erscheinen uns angesichts der Temperaturen aber als unattraktiv. Es gibt eine Alternative, jedoch muß ich ein wenig mit mir ringen, um diese zu nehmen.

1934 wurde von unserem Ufer der Isere aus eine Luftseilbahn zur Burg hoch gebaut. Luftseilbahn heißt das Ding deswegen, weil die Beförderungskörbe ohne feste Führung an einem Seil in der Luft hängend transportiert werden. Sie war damals die erste innerstädtische Luftseilbahn der Welt. 1976 wurde diese komplett erneuert. Neben einer neuen Talstation gab es vor allem die im Volksmund „Seifenblasen“ genannten Gondeln aus Plexiglas und Aluminium. Sehr viel Plexiglas. Über 700 Meter ist der freischwebende Teil zwischen Talstation und der ersten und einzigen Umlenkungsstütze kurz vor der Bergstation. Alles nichts für mich und meine Höhenangst, eine Stunde Bergaufstieg lassen die Fahrt aber auf einmal charmant wirken.

Von der Fahrt selber kann ich wenig berichten, ich habe nicht allzu viel gesehen außer dem Boden der Kabine. Ruhig war sie. Oben angekommen steigen wir aus, genießen den Ausblick über Grenoble und sind froh, die Seilbahn genommen zu haben. Außer – der sehr coolen Aussicht (wir sehen sogar den Mont Blanc in der Ferne) – gibt es hier oben nichts spannendes. Zu Fuß geht es für uns wieder runter, der Weg ist steinig und voller Geröll, zwischendurch fragen wir uns, ob wir noch ganz richtig sind, zu sehr gleicht das einem Bergpfad.

Was von dort oben prächtig sichtbar ist, ist wie sehr Grenoble von allen Seiten durch hohe und steile Berge eingeschlossen liegt. Wie natürliche Stadtmauern umgeben sie das Tal und wenn man sich die Stadt auf der Karte anschaut, erkennt man, dass es im Prinzip nur drei Zuwege gibt: durch das Tal der Drac, durch das Tal der Isere und durch das gemeinsame Abflusstal von Beiden (eigentlich nur der Isere, die Drac mündet in selbige). Über 150.000 Menschen leben hier, es ist spannend zu sehen, wie von der Altstadt ausgehend die Gebäude immer höher und damit moderner werden. Grenoble ist die größte Stadt im Hochgebirge der Alpen, ihr Großraum zählt sogar 665.000 Menschen.

Hier kann man ganz weit hinten in der Bildmitte den Mont Blanc sehen.

Grenoble ist bereits von den Kelten besiedelt worden, wahrscheinlich auf Grund der strategisch günstigen Lage. 43 vor Christus wird die Stadt erstmals bei Cicero als Cularo erwähnt, 286 bekam die Stadt unter Kaiser Diokletian ihre erste Stadtmauer. 377 wird sie nach Kaiser Gratian in Gratianopolis (bisschen cooler Name!) umbenannt, im 14. Jahrhundert wandelte sich der Name zu Greynovol, später zu Greynoble woraus dann der heutige Name sich entwickelte. 1242 bekamm Grenoble Stadtrechte, 1339 wurde hier die Universität gegründet.1349 ging Grenoble mit der gesamten Region Dauphine an den Dauphin von Frankreich, vorher gehörte es zum römisch-deutschen Reich.

Mit der Industrialisierung gab es einen starken Zuzug von Landbevölkerung, im späten 19. Jahrhundert auch durch Menschen aus dem Ausland. Bereits 1931 lag der Ausländeranteil bei den Einwohner:innen bei 18 Prozent. 1870 bekundeten Demonstrant:innen hier eindrücklich ihre Solidarität mit der Pariser Kommune. Die Stadt ist also schon immer ein Schmelztiegel von Kulturen, Nationalitäten, Ideen, Lebensentwürfen und politischen Strömungen gewesen. So wundert es nicht, dass sie eine herausragende Rolle für die Resistance während des zweiten Weltkrieges gespielt hat.

Heute ist die Stadt wirtschaftlich vor allem im Bereich Elektrochemie, Metallurgie, Machinenbau, IT, Handschuhmacherei und Zementfabrikation aufgestellt. Außerdem setzt man in einer Kooperation mit Lyon auf Hochtechnologie. Zusätzlich gibt es in Grenoble eine der weltweit führenden Business Schools, die Grenoble École de Management, einer der Grandes Ecoles, der Eliteuniversitäten des Landes. Es gibt eine Polytechnische Uni und die Großforschungseinrichtungen CEA für Atomenergie und alternative Energien, das europäische Synchrotron ESRF (ein Teilchenbeschleuniger) und die Neutronenquelle ILL. Außerdem ist hier mit dem europäischen Molekularbiologoschem Labor Grundlagenforschung in der Molekularbiologie angesiedelt. Und es gibt ein renommiertes Universitätsklinikum dass sich auf Traumabehandlung spezialisiert hat, Michael Schuhmacher wurde hier nach seinem Unfall behandelt. Mit so viel Wissenschaft ist es nicht weiter verwunderlich, dass Grenoble zu einer der beliebtesten Universitätsstädte des Landes gehört.

Und das merkt man, die Stadt hat neben ihrer sehr französischen Architektur und Stadtbild ein internationales und weltoffenes Flair. Manchmal sind es ja die Kleinigkeiten, die einen dies bemerken lassen. Die ersten Aufkleber, die wir gestern Nachmittag sehen, sind antirassistisch und antifaschistisch.

Wieder unten am Fluss angekommen laufen wir einmal quer durch die Stadt ins Quartier Chorier-Berriat. Kurz biegen wir ab weil ich mir die Kirche Collegiale Saint-Andre angucken möchte. Just in diesem Moment öffnen sich die Kirchentore und eine Prozession mit der Marienstatue kommt heraus. Heute ist Mariä Himmelfahrt, das wird hier offensichtlich groß begangen. Als die Gläubigen alle raus sind, gucke ich mir die Kirche an, die leider düster und eher nicht so spannend ist. Irgendwann wurden alle Wände grau gestrichen, wo die Farbe bereits wieder blättert, erkannt man, dass darunter Fresken sein müssen. Meine Stippvisite ist kurz, auch weil die Kirche noch ziemlich zugeräuchert ist. Maria fährt wohl vor allem mit viel Weihrauch zum Himmel auf.

Links und rechts von uns säumen große Gründerzeit- und Jugendstilhäuser die Strassen, die allermeisten haben noch all ihre Ornamentik und Verzierungen, ihre originalen Geländer und Brüstungen. Es ist fantastisch, die Bausubstanz ist grandios und wunderbar gepflegt. Auf dem Weg kommen wir zufällig am Parkhaus vorbei, schauen kurz nach dem Auto und stecken ein paar vergessene Kleinigkeiten ein. Per Zufall kommen wir an einer kleinen Patisserie vorbei, in der Auslage lachen uns zwei Tarte au Citron mit Baiser-Krone an. Wir versuchen garnicht erst zu widerstehen und essen sie um diese Träumchen um die Ecke im Schatten eines Plattenbaus vor dem Büro der sozialistischen Partei Frankreichs.

Unser Ziel ist das Le Magasin CNAC, einem Zentrum für Kunst und Kultur mit einem Schwerpunkt auf moderner Kunst. Die 3000m2 große Halle, in der sich das le Magasin befindet, wurde 1900 von Eiffel entworfen, jenem Architekten, der auch den berühmten Turm in Paris zur Weltausstellung entwarf. Und die Halle ist so, als wenn man aus dem Eiffelturm eine Halle gebaut hätte. Viel offener Fachwerkstahlbau, lichte aber pragmatische Glasflächen, viel offener Raum. In die Halle hat man jetzt Unterteilungen und Räume eingezogen, dabei leider auch die Träger größtenteils verblendet. Sie verliert dadurch ihren industrierevolutionären Charme. Hier sind Schulungsräume, Ateliers und Veranstaltungsorte untergebracht und eine Ausstellung, deren Exponate sich mit Kunst in Zeiten von Demokratieniedergang, Globalisierung, medialem Overkill und so auseinander setzen sollen.

Ich sag es mal so: moderne Kunst braucht häufig ein verständiges Auge, mir ist das nichts. Die Videoinstallationen sagen mir wenig bis nichts, die Skulpturen finde ich durchaus spannend. Außer einem Raum voller Plakate und einer Skulptur zum Untergang der Printmedien finde ich aber nur wenig Zugang. Da fühle ich die Kunst der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts deutlich mehr. Aber so ist das halt mit Kunst. Sie will eine Saite in einem zum Klingen bringen, und manchmal gibt es diese Saite eben nicht.

Wir laufen wieder quer durch die Stadt, oberhalb des Parc Paul Mistral liegt das Musée de la Resistance et de la Deportation de l´Isère. Das Museum erzählt natürlich zum einen die bereits bekannte Geschichte, klärt über den Aufstieg des Faschismus, die Zeit des Vichy-Regimes, die italienische und anschließend deutsche Besatzung auf. Vor allem erzählt es aber auch die Geschichte der Resistance und der mutigen Zivilbevölkerung. Zuviel, um das in diesen Blog zu erzählen, es ist eine beeindruckende Geschichte von Humanismus und der Notwendigkeit, auf jede erdenkliche Art, angefangen bei alltäglichen Widerstandshandlungen und endend beim bewaffneten Kampf und Sabotage, dem Faschismus und seinen Helfern und Helfershelfern entgegen zu treten. Um es an einer Zahl deutlich zu machen: 1942 waren in der Gegend um Grenoble geschätze 10.000 bis 30.000 jüdische Menschen, gefasst und deportiert wurden „lediglich“ 2300.

Wir nehmen uns viel Zeit, lesen fast jede Informationstafel. Diese sind frankreichuntypisch auf französisch UND englisch UND deutsch. Es ist uns wichtig, die gleiche, bekannte Geschichte hier aus der französischen Brille zu betrachten. Das erweitert den Blick und vertieft das Verständnis nicht nur für die damalige Zeit und ihre Schrecken und auch die damals stattgefundene Menschlichkeit, es lässt auch die Politik seit dem Sieg über den Faschismus und die Bildung des modernen Europas mehr verstehen. Und damit auch jedes Mal den Wert der Freiheit und der Fortschrittlichkeit mit denen wir zur Zeit leben dürfen begreifen. Und leider auch erkennen, wie sehr dies aktuell in Gefahr ist.

Zwischen 15 und 16 Uhr treten wir aus dem Schummerlicht der Ausstellung wieder in die gleißende Sonne. Und sind ziemlich fertig. Gut 12 Kilometer stecken uns in den Beinen, die Sonne hat uns ordentlich gegrillt und all der Input uns auch ziemlich abgefüllt. Wir beschließen uns angesichts des heutigen Feiertages und der überall geschlossenen Geschäfte in einem noch offenem Supermarkt mit Gemüse für einen Salat einzudecken. Es wird ein Einkauf mit leerem Magen, wir kaufen das, was wir kaufen wollten plus diverse Kaltgetränke plus drei Tüten Chips. Wer auch immer die heute essen soll.

Zurück auf dem Hotelzimmer tippe ich den Blogtext von gestern fertig, Fabi macht derweil den Salat fertig und wir lassen es uns gut gehen. Anschließend lümmeln wir mit Chips und Eistee auf dem Bett, ich gucke eine Serie, Fabi kreuzworträtselt. Und irgendwie vergeht die Zeit, als ich diesen Text tippe ist es nach 20 Uhr. Wir merken ein wenig, dass uns die ganzen letzten Tage (und gestern noch einmal als Topping) in den Knochen stecken. Nicht ätzend erschöpfend, sondern zufrieden erschöpft. Und uns ein Moment des inne haltens auch ganz gut tut. Noch ist etwas Salat über, der muss gleich gegessen werden und vielleicht machen wir dann noch einmal ein Ründchen durch Grenoble im Dämmerlicht.

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