Tag 13 – ce pays es presque fini

Von Grenoble nach Annecy

Gefahrene Kilometer: 150

Roadtime. 7,5 Stunden

Getankt: nüscht

1x Pipi mit dem Versuch zu Essen, 1x Sightseeing mit Essen

Natürlich haben wir es gestern Abend nicht mehr raus geschafft, wir hingen dann doch zu sehr durch. Nachdem ich den Artikel für Tag 12 fertig geschrieben hatte, hab ich mich kurz hingelegt – und bin im Prinzip sofort eingeschlafen. Heute früh waren wir beide ohne Wecker recht früh wach, organisieren unser Gepäck noch einmal um, damit wir die letzten vier noch vor uns liegenden Tage nicht immer komplett alle Kisten aus dem Auto nehmen müssen. Wir frühstücken noch in Ruhe und gehen dann gemeinsam bis zur Katherdrale Notre-Dame zu Grenoble.

Bereits zu frühchristlicher Zeit stand hier wohl eine Kirche, bei Grabungen im Jahr 1989 entdeckte man neben der heutigen Kirche Überreste eines alten Taufbeckens. Diese Kathedrale ist, wie so viele Kirchen, ein ziemliches bautechnisches Flickwerk. Aus dem 12. Jahrhundert stammen die quadratischen Pfeiler des Mittelschiffs mit Arkadenbögen aus Ziegelsteinen, im 13. Jahrhundert wurden Rippengewölbe eingezogen und der Turm erhöht. Die Seitenschiffe wurden später dann wieder um- und ausgebaut, auf der Südseite ein Kreuzgang hinzugefügt. Im 19. Jahrhundert hat man mal kurz die Fassade mit einem Vorbau im neoromanischen Stil verschönert – und das Ganze später aber wieder abgerissen. In der Apsis ist ein aus rotem Sandstein gefertigtes spätgotisches Wandtabernakel, die Buntglasfenster sind alle noch original und stammen aus dem 19. Jahrhundert. Die Fassade mit Turm wirkt seltsam, die Kirche steht nicht frei, sie ist eingebaut und es wirkt, als würde das Nachbarhaus sie überwachsen.

Ich komme zu einem gutem Moment: die Sonne scheint direkt in einer Achse mit dem Mittelgang durch das Buntglas-Triptychon hinter dem Altarraum, die Fenster strahlen und tauchen den vorderen Kirchenbereich in buntes Licht. Ich wandere ein wenig umher, gucke mir die Statuen und Inschriften an, genieße die Kühle und Stille des riesigen Raumes.

Draußen in der aufsteigenden Hitze treffe ich wieder auf die wartende Fabi, wir laufen die zehn Minuten zurück zum Hotel um all unser Gepäck aus dem Zimmer zu tragen. Fabi wartet damit in der überschauberen Lobby, ich checke uns aus und laufe gut 20 Minuten zum Parkhaus und hole das Auto. Zurück am Hotel wird alles verladen und wir sind froh, endlich im klimatisierten Auto zu sitzen.

Die Route Napoleon endet bei Grenoble, unser nächstes Ziel ist die Stadt Annecy. Sie hat den Ruf des Venedigs der Alpen, das gucken wir uns natürlich an. Reine Fahrtzeit 1,5 bis 2 Stunden. Eigentlich. Wer hier schon länger mitliest weiß aber auch: in der Regel fahre ich nicht den direkten Weg. Der ist schnell, einfach und meist unendlich langweilig. Und einen Roadtrip macht man nicht, um auf langweiligen Straßen zu fahren. Also nehmen wir den spannenden Weg.

Ich hatte gestern geschrieben, dass es im Prinzip nur drei Wege aus und in die Stadt Grenoble gibt. Wir fahren Variante Vier, einen kleinen Schleichweg hintenrum aus der Stadt raus. Ab dem Quartier La Vierge Noire geht es auf sehr steilen und sehr schmalen Straßen in die Berge. Schnell ist die D512 von Wald umgeben, wir passieren den Col de Vence und fahren stromaufwärts neben dem gleichnamigen Bachlauf. Es folgt der Col de Palaquit, der Col de Porte, wir düsen über wunderbare Nebenstraßen durch dichte Waldlandschaften. Durch die offenen Scheiben weht kühle Waldluft ins Auto, aus den Boxen pumpt heute viel laute elektronische Musik, und in der ein oder anderen Passage fliegt der Focus förmlich um die Kurven.

Bei Le Planolet wechseln wir auf die D102B, hinter Saint-Pierre-D´Entremontwechseln wir auf die D912. Um uns herum ändert sich das Flair. Die Dörfer sehen nicht mehr mediterran aus, massive Steinhäuser mit schweren Dachziegeln oder angerosteten Blechdächern bestimmen jetzt das Bild. Merklich verabschiedet sich der Mittelmeerraum und wir stoßen wieder in alpine Bereiche vor. Nicht zuletzt die Skilifte bestätigen das, allerdings fahren wir heute durch nicht ein einziges dieser Retorten-Skigebiete, eher macht das hier alles den Anschein, als würde es mehr regionalen Tourismus bedienen. Ab dem Col du Granier wird es wieder kleinteilig, die D912 ist hier schmal, wir fahren wieder langsamer, ein paar baustellenbedingte Sperrungen zwingen uns über wirklich abenteuerliche Ausweichrouten, zwar noch asphaltiert aber dem Charakter nach eher Schleichwege zwischen ein paar Dörfern. Zur Belohnung gibt es ständig gute Aussichten. Wenn wir mal nicht im Wald sind, erheben sich um uns herum in jede Richtung hohe Gebirgsrücken. In irgendeinem Dorf sehen wir Menschen auf der Terrasse eines Cafes sitzen. Wir haben Hunger, machen also eine Quasi-Vollbremsung, parken und setzen uns dazu. Auf den letzten Kilometern hatte alles, was Essen anbietet geschlossen, wir sind hoffnungsvoll.

Es gibt eine Gericht zur Auswahl. Einen opulent und umfangreich klingenden Teller (oder Menu? Wir kriegen das nicht so richtig geklärt) mit sehr viel verschiedenem Fleisch. Vegetarische Option Fehlanzeige. Einzelne Bestandteile buchen Fehlanzeige. Entweder wir nehmen zweimal das, was angeboten wird oder Nichts. Wir nehmen schmollend Option Zwei und fahren weiter. Noch ist die Laune gut, der Hunger droht nicht zum Stimmungskiller zu werden.

Gegen Ende der heutigen Etappe fahren wir durch den Parc naturel regional du Massif des Bauges, nachdem wir fast den ganzen Tag weiträumig die Straße für uns hatten, wird es hier voller. Man merkt, dass die Region hier als Naherholungsgebiet für die Menschen aus Annecy genutzt wird. Eben schnell raus aus der Stadt in die Kühle der Wälder und Berge. Fühlen wir. Je näher wir der Stadt kommen, umso voller und stauiger wird es. Es ist Samstag und offensichtlich nehmen das alle zum Anlass, den Nachmittag in der Stadt zu verbringen.

Kaum über die Stadtgrenze stehen wir im Stau, der zieht sich bis hinunter zum See. Alles ist voll, überall sind Menschen, Fahrräder, Moppeds und Motorräder, Autos. Die Temperatur ist von der Waldgrenze bis hier um fast zehn Grad gestiegen, wir versuchen uns an zwei Parkplätzen auf den mit eisernen Bandagen um möglicherweise frei werdende Abstellmöglichkeiten gekämpft wird und sind ziemlich runter mit den Nerven.

Deswegen fahren wir ein bisschen aus dem Ballungsbereich raus um etwas außerhalb zu parken und dann wieder zurück zu laufen. Der Plan geht auf, gut 30 Minuten Fussweg von der Altstadt entfernt parken wir, ziehen ein Ticket für unter 5€ bis zum nächsten Tag und machen uns auf den Weg. Ständig wechseln wir die Strßenseite um auf jeden Fall im Schatten zu laufen, die aufgeheizte Steinwüste strahlt von unten wärmer als es die Sonne von oben tut.

Nach ein, zwei Fehlversuchen finden wir endlich jemanden, der uns um 15:00 Uhr etwas Warmes zu essen serviert, wir verzweifeln ein wenig an diesen seltsamen Zeiten für warme Küche hier in der Region. Anschließend gönnen wir uns noch einen Crepe auf die Hand und essen diesen in einem kleinem Park. So gestärkt schmeissen wir uns ins Getümmel.

Annecy ist eine uralte Stadt. Bereits 3100 vor Christus siedelten hier in der Region Menschen, 50 vor Christus wurde hier dann eine römische Siedlung gegründet. Dann passierte ein wenig Geschichte, Überfälle von Barbaren, ein bisschen Brandschatzen, ein bisschen Mord, am Ende wurde die Siedlung aufgegeben und in die Berge verlegt. Ab dem 7. Jahrhundert wurde hier erneut gesiedelt, das heutigen Annecy ist im 11. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Zwischendurch war Annecy Hauptstadt des Grafen von Genf, auch hier Keilereien ausschlaggebend. Annecy entwickelt sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem spirituellem Zentrum mit etlichen Klöstern, als in Genf der Calvinismus aufkam, war hier Sitz der Gegenreformation. Aus dieser Zeit stammt auch die Kathedrale, die ich mir später noch anschauen werde.

Ein bisschen Revolution in Frankreich veränderte hier und da mal die Machtverhältnisse in der Stadt, im zweiten Weltkrieg konnte die Stadtführung sich garnicht schnell genug zum Vichy-Regime bekennen, mit der Legion francaise des combattants, aus der 1943 die rechtsextreme Milice francaise hervorging, hatte das Vichy-Regime hier auch eine paramilitärische Organisation. Diese kam uns gestern im Museum des Widerstands schon mal unter, die waren nämlich für Folterungen und Morde an Resistance-Angehörigen verantwortlich.

Insgesamt also eine Stadt, deren Spirit eher als reaktionär bezeichnet werden kann. Konsequent durch die Jahrhunderte gelebt. Wir sind vor allem hier, weil es als „Venedig der Alpen“ angepriesen wird, und ein bisschen Vibes hat die Stadt durchaus. Die Stadt liegt am Lac d´Annecy, dieser entwässert über den Fluss Thiou über mehrere Kanäle quer durch die Stadt. Ergebnis sind Häuser direkt am Wasser und viele Brücken. Viele tolle Fotomotive also, sehr viel instagram-taugliches Material das unendliche Menschenmassen mitnehmen wollen. Wir quetschen uns so durch, besichtigen Altstadt und Kathedrale. Die Altstadt mit ausschließlich mittelalterlicher Bausubstanz ist voll mit Eisläden und Touri-Nepp. Vor jedem Eisladen stehen die Menschen in Schlange, 30-40 Leute pro Eisladen mindestens. Bei den gut bewerteten mehr. Es ist ein Schieben und ein Drängeln bei 30 Grad.

Wir haben Menschen-Overkill. Es ist einfach zu viel. Zu laut. Zu voll. Zu viel Körperkontakt. Wir gehen in den Parc de l´Europe direkt am See, und finden erst ein Plätzchen im Schatten auf der Wiese, dann eine Bank. Auch hier ist es voll. Keine 5 Meter bis zu dem nächsten Grüppchen Menschen. Selbst bei den Anbietern für Tret- und Motorboote stehen die Menschen lange Schlangen, eine Seerundfahrt ist verbunden mit langer Schlange und voll gequetschten Booten. Selbst auf dem Wasser scheint kein Platz, so viele Böötchen dümpeln dort rum.

Uns ist das alles nichts. Wir beschließen, langsam am Wasser entlang Richtung Auto zu gehen und nach guten drei Stunden in der Stadt zu unserem Hotel zu fahren. Vorher shoppen wir noch ein paar Kaltgetränke, und dann fahren wir stadtauswärts.

Unser Hotel ist ein Motel. War uns beim buchen nicht bewusst, umso erstaunter sind wir jetzt. Es ist so ein Ding, wo zweietagig Zimmer sind, alle zugängig von außen. Wo man sein Auto einfach vor der Zimmertür parkt. Habe ich noch nie gemacht, muss ich dafür also garnicht erst in die Staaten. Der Standard ist niedrig, aber es riecht nach Chlor was für Sauberkeit spricht und die Betten scheinen bequem. Wir nehmen unser kleines Gepäck, tragen alles die zwei Meter vom Auto ins Zimmer und beenden diesen Tag. Der auch unsere Zeit in Frankreich beendet. Morgen geht es zurück in die Schweiz.

Hinterlasse einen Kommentar