Tag 14 – ein guter Tag

Von Annecy nach Sainte-Croix

Gefahrene Kilometer: 167

Roadtime: 10 Stunden

Getankt: 23 Liter

1x Frühstück, 1x Brücke, 1x tanken, 1x Sightseeing

Es fehlt etwas. Dieser Trip hatte Berge, tolle Straßen, Wetter, Anekdoten, Geologisches und Historisches. Die wirkliche Liebesgeschichte, die ich auf den meisten Trips aber erzählt habe – und zu der ich auch wirklich erst durch die Trips gekommen bin – fehlt. Und damit meine ich nicht die Liebe zu einem Volvo 145 Express und mit diesem lange Abenteuer erleben, das ist diesmal ja programmatisch bereits ausgeschlossen. Ich meine die Liebe zu Brücken. Den ganzen Trip über sind wir über nicht eine nennenswerte Brücke gefahren. Was wirklich eine Leistung darstellt. Aber das soll sich heute ändern.

So schnell wie heute waren wir wahrscheinlich morgens noch nie fertig. Aufgewacht, geduscht, Sachen eingepackt und in das Auto direkt vor der Tür gepackt. Da wir für die letzten Tage bereits kleine Päckchen gepackt haben, hatten wir das Auto im Prinzip überhaupt nicht ausladen müssen. Frühstück hätten wir in dem Motel bekommen, gegen Aufpreis, wir entschieden uns jedoch, lieber woanders nach was zu essen zu suchen und somit das Risiko der letzten Tage (leider noch oder schon zu) auf uns zu nehmen.

Im Auge haben wir ein Cafe in dem Ort Cruseilles. Wir verbieten der freundlichen und ortskundigen Dame im Radio die Autobahn und cruisen über sehr normale Landstraßen. Breit, teilweise mehrspurig, optimiert ins Land gebaut. Die Berge ziehen sich immer weiter zurück, mit dem, was wir die letzten Tage gesehen haben, wirken sie fast nur noch wie zu große Hügel. Es ist viel Landwirtschaft um uns herum, das Thermometer pendelt sich bei 23 bis 25 Grad ein, kühler Wind weht ins Auto, aus den Boxen pumpt House und Elektro.

Kurz vor dem anvisiertem Frühstück pellt sich hinter einer Kurve die Pont de la Caille, eine 1839 erbaute Hängebrücke. Sie überspannt den Fluss Les Usses in 147 Metern Höhe mit einer Spannweite von 193,80 Metern. Nur drei Kabel mit einem Durchmesser von 65mm tragen die Brücke je Seite, daran hängen 133 Stahlträger, auf denen die Fahrbahn aus Holzbohlen liegt. Die Umlenkung der Tragseile läuft über vier gemauerte, 22 Meter hohe Türme, die den Charakter von Burgtoren haben, die Widerlager liegen offen direkt dahinter. Die Brücke hat dient heute nur noch dem Fuß- und Fahrradverkehr, die Straße wird über die 1924 bis 1928 gebaute und direkt daneben liegende Pont Caquot geführt. Ursächlich dafür ist die geringe Traglast der Hängebrücke, ursprünglich ausgelegt für eine Last von 200kg/m2 plus eine Fünf-Tonnen-Last eines Fuhrwerks mit drei Pferden. Also nicht mehr so ganz dem heutigen Verkehr gewachsen.

Wir halten natürlich an und geben uns die Brücke. Allerdings stellen sich die Holzbohlen der Fahrbahn als Problem heraus. Sie sind nicht gleichmäßig verlegt, durch die Ritzen kann man weit ins Tal hinab schauen, es gibt keinen Brückenkörper unter dem Holz. Und das Tal ist halt einfach fast 150 Meter tief. Fabi geht bis in die Mitte um ein paar Fotos zu machen, ich bleibe am Rand. Schon dumm, wenn man auf Brücken steht aber Höhenangst hat.

In Cruseilles bekommen wir auf Anhieb einen Parkplatz, bei Cafe einen Tisch im Schatten UND es gibt etwas zu Essen. Heute scheint ein guter Tag zu werden. Unser Frühstück ist großartig, der Kaffee schmeckt sehr gut, es gibt armen Ritter mit Nutella und eine Käse-Wurst-diesdas-Platte mit Brot und Butter so viel man will. Ein gutes Stündchen lassen wir es uns gut gehen, dann sitzen wir wieder im Auto.

Kurz vor der Grenze in die Schweiz machen wir einen kurzen Tankstop, mit diesem Tank sollten wir einmal durch die Schweiz durchkommen. Den Grenzübertritt merken wir nicht. Es gab kein Schild, kein Häuschen, keinen Hinweis. So können Grenzübertritte immer sein. Könnte aber auch daran liegen, dass wir von der Tankstelle aus durch die freundliche Dame im Radio geführt über irgendwelche Schleichwege ins Genfer Umland gefahren sind. Hätten wir unsere Millionen Schwarzgelder schmuggeln wollen, diese Route wäre es gewesen.

Wir fahren durch Genf, allerdings durch den langweiligen und unspektakulären Teil, wie das mit Durchgangsstraßen halt so ist, anschließend fahren wir über die 1 am See entlang. Hier reiht sich ein Ort an den anderen, vom See sieht man wegen der dichten Bebauung bis ans Ufer ran, so gut wie nie etwas. Es geht gemächlich voran, es ist Sonntag, man merkt den Ausflugsverkehr. Nach wie vor scheppert ordentlicher Bass aus den Boxen, es ist nicht zu heiß, alles ist gut.

Unser nächstes Ziel ist Lausanne. Die 144.000 Einwohner:innen-Stadt am Seeufer ist ein bedeutendes Wirtschafts- Kultur- und Bildungszentrum sowie eine wichtige Verkehrsdrehscheibe in der Westschweiz. Das Bundesgericht hat hier seinen Sitz, ebenso der internationale Sportgerichtshof, auch das Internationale Olympische Komitee sitzt hier. Alles gute Gründe hierher zu kommen, allerdings ist dieser Stadtbesuch ein Stadtbesuch für den 15 oder 16-jährigen Matthias. Der hat damals Inlineskating gemacht, natürlich nicht einfach so, das hieß Aggressive Inlineskating, letzten Endes sowas wie Stuntskating (wenn ich mich recht erinnere, dann hieß es später auch so).

In Duisburg gab es zwar eine Skatehalle mit Rampen, Obstacles und zwei Halfpipes, der Eintritt war aber teuer und sie lag am anderen Ende der Stadt. Ich bin viel Street geskatet, Curbs und Rails. Inspiration für Tricks gaben natürlich Skate-Videos und -Magazine, die wurden mit anderen geteilt und getauscht und auswendig gelernt. In Lausanne fand damals regelmäßig ein großer Contest statt, alle bekannter Skater (gendern nicht nötig) waren hier. Ich erinner mich immer noch an den Mindblow, las ich die Videos davon gesehen habe.

Und damit hat Lausanne so eine emotionale Aufladung bekommen, die nur schwer zu erklären ist. Genau so, wie die B8 eine nicht begründbare Anziehung auf mich hatte, so daß ich sie einmal von Anfang bis Ende am Stück fahren wollte, so löst auch der Name Lausanne in mir immer wieder eine Sehnsucht aus. Also führt kein Weg dran vorbei, dorthin zu fahren (und ganz sicher nicht die wilden Szenen der Skate-Videos zu erleben).

Wir parken am See, schlendern die Promenade entlang um dann anschließend in die Stadt hinauf zu steigen. Im Laufe unseres Stadtbesuches werden wir über 500 Höhenmeter rauf und wieder runter machen. Wir drehen ein Ründchen durch die Innenstadt, ich besichtige die ab 1190 in der heutigen Form gebaute gothische Kathedrale Notre-Dame. Es ist grade in der Schweiz immer wieder beeindruckend zu sehen, wie schön europäische Städte sein könnten, wenn wir nicht in regelmäßiger Selbstverständlichkeit diesen Kontinent mit Kreig und Elden überziehen würden. Mittelalterliche Häuser stehen hier in wunderbarer Harmonie neben Renaissance-Bauten neben Jugendstil-Architektur ergänzt um die Eleganz der 20er und 30er Jahre. Die ganze Stadt ein Bilderbuch, klar, immer wieder unterbrochen auch durch Neubauten, im Gesamt-Setup aber einfach wunderschön.

Durch die Altstadt klettern wir durch den Parc de l´Hermitage hoch bis zum Tour de Sauvabelin, einem hölzernen Aussichtsturm. Der Blick ist begrenzt gut, heute ist es recht diesig, deswegen vielleicht auch die kühlere Luft. Am Fuß des Turms probt eine Bigband, immer wieder weht ihre Musik zu uns herüber.

Ein ToDo haben wir noch: wir können die Schweiz nicht verlassen, ohne Käsefondue gegessen zu haben. Warmes Wetter hin, warmes Wetter her. Im Parc de l´Hermitage finden wir ein Restaurant, das auf hat, einen Tisch im Schatten UND uns etwas zu essen machen will. Heute ist ein guter Tag! Wir fröhnen ausgiebiger Völlerei. Ein Fondue, dazu Brot, Kartoffeln, saure Gurken und Silberzwiebeln und obwohl wir eigentlich grenzwertig voll sind, gönnen wir uns noch Creme Brulee und einen Eisbecher als Nachtisch.

Anschließend lassen wir die Schwerkraft ihren Job machen und kullern den Berg gemütlich runter. Das Auto ist vorgekühlt, wir verlassen die Stadt und fahren Richtung Sainte-Croix. Hier waren wir bereits in der ersten Nacht unserer Tour zu Gast bei Barbara, auch heute dürfen wir in ihrem Garten unser Zelt aufschlagen. Barbara hat noch Besuch, vom IntSaab-Treffen, das im Melchtal in der Schweiz stattgefunden hat, sind noch Saabisti mit gekommen. In der Feuerschale knistert bereits das Feuer, gegrilltes Gemüse steht auf dem Tisch und wir haben in der schwindenden Sonne einen sehr netten und kurzweiligen Abend. Das war ein guter Tag;)

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