Tag 21 – Wer ruht, rastet.

von Trans über Lemvik zum Bovbjerg Fyr und zurück

gefahrene Kilometer: 38

Roadtime: 4,25 h

Temperatur: 6 Grad

1x Stadt- und Hafenbummel, 1x Strandspaziergang

Zu fast mittäglicher Stunde um 9 Uhr klingelt unser Wecker. So spät sind wir den ganzen Trip über kein einziges Mal aufgestanden. Und das macht sich bemerkbar: die innere Uhr sagt deutlich vor dem Wecker, dass es Zeit zum Aufstehen sei. Das Schöne: in so einem Fall kann man die innere Uhr einfach noch drei bis zehn Mal auf Snooze stellen und sich die Decke über den Kopf ziehen. Um zehn bringen uns Rikke und Frank, unsere Gastgeber:innen unser Frühstück vorbei und das ist eine ziemliche Wucht. Nirgendwo haben wir so gut gefrühstückt. Selbstgemachte Brötchen, Speck und Schinken von den eigenen Wollschweinen, frische Eier von den Hühnern hinterm Haus, selbstgemachte Marmelade, kleine Salate, Chia-Pudding und einiges mehr. Wir frühstücken völlig in Ruhe und genießen den Ausblick direkt neben dem Tisch, nachdem Matthias mit dem Badezimmer-Flitscher einmal kurz das von außen beschlagenen Fenster abgezogen hat.

Ein längerer Schnack mit Frank, der gerade ein Kraterbeet mit dem Schutt aus dem alten Stall anlegt, schließt sich an. Den Hof und den Gastbetrieb haben Rikke und Frank noch nicht sehr lange, sie sind Quereinsteigende in dem kombinierten Gast- und Landwirtschaftsbetrieb. Aber sie haben eine Vision für ihren Hof und wenn sie diese so konsequent umsetzen, wie bei unserem Appartement, dann wird das hier ein ziemlich gutes Gesamtangebot werden.

Als „Programm“ für heute haben wir drei Dinge anstehen: einen Besuch in Lemvig (wir brauchen Bargeld, um Rikke und Frank zu bezahlen), einen Strandspaziergang bei Bovbjerg Klit und als wichtigsten Punkt etwas Abspannen und Ausruhen für die letzten zwei Etappen.

Gegen 13 Uhr machen wir uns auf den Weg in das gut 15 Autominuten entfernte Lemvig. Die 1234 (Liebe für dieses Gründungsjahr) gegründete Hafenstadt mit gut 6850 Einwohner:innen liegt am südlichen Ufer des Limfjords. Nach etlichen Sturmfluten wurde 2012 eine Hochwasserschutzanlage um die Stadt und ihren Hafen herum errichtet. Diese ist auf 2,1 m über Normalpegel ausgerichtet. Die Kirche im Zentrum der Stadt ist aus dem 13. Jahrhundert. Wir besuchen sie während die:der Organist:in gerade spielt. Außer dem für Dänemarks Kirchen eher unüblichen Zwiebelturm ist die Kirche sehr schlicht eingerichtet. Weiße Wände dominieren, Altar, Kanzel und Türrahmen sind mit Malereien offenbar neueren Ursprungs versehen. Auch die Anordnung der Seitenschiffe, eines fast quadratisch und mit fehlender Sichtachse zum Altar und das zweite in einem schiefen Winkel zum Hauptschiff angeordnet, geben der Kirche einen sehr eigenen, speziellen Charakter. Anschließend schlendern wir noch durch die Fußgängerzone mit tendenziell praktischen aber unspannenden Läden und ziehen am Automaten der einzigen Bank ein paar benötigte Kronen.

Von Lemvig aus fahren wir zum deutlich spannenderen Tagesordnungspunkt, dem Bovbjerg Fyr. Bereits gestern gingen wir von Ferring aus in seine Richtung spazieren, heute parken wir direkt an dem 1876-77 gebauten Seefeuer. Er wurde auf dem höchsten Punkt der Steilküste errichtet, ist selber nur 26 m hoch, die Höhe des Feuers beträgt aber 62 m über dem Meeresspiegel. Notwendig wurde der Leuchtturm, da in den Untiefen vor der Küste etliche Schiffe auf Grund liefen und innerhalb weniger Minuten sanken. Viele rissen dabei ihre Mannschaften vollständig in den Tod, das schlechte Wetter und die oft unruhige See machten es den Rettungskräften aus Ferring häufig unmöglich, effektiv zu retten. Nicht allzu selten mussten sie vom Strand aus hilflos zusehen, wie die Wellen Schiff und Besatzung verschlangen. Die Küste erhielt deswegen den Beinamen „Eisenküste“, diverse Wracks kann man immer noch (tauchend) bestaunen. Mit Bau des Leuchtturms waren die Seeleute nicht mehr nur auf die optischen Navigationshilfen durch die weißen Kirchtürme von Trans und Ferring angewiesen, sondern konnten sich auch bei schlechter Sicht und im Dunkeln am Seefeuer von Bovbjerg orientieren (das als Kontrast zu den Kirchtürmen komplett in Rot gehalten ist).

Unser Ziel ist aber gar nicht der Leuchtturm, unser Ziel ist die Steilküste. Von Norden und Süden aus erhebt sich auf einem relativ kurzen Küstenabschnitt eine bis zu 36 m hohe Steilküste. Der landschaftliche Unterschied zur restlichen Küstenlinie Dänemarks ist ziemlich krass. Ihren Ursprung hat diese Steilküste in der letzten Eiszeit. Spannenderweise hörte im Bereich zwischen Ferring und Trans die Gletscherbildung auf. Dadurch versanken die vor dem Gletscher hergeschobenen Gesteins-, Geröll- und Erdreichmassen nicht in der Nordsee, sondern türmten sich an Land auf. Hier ist der einzige Ort Dänemarks, wo sich ein geologischer Querschnitt der Eiszeitschichten der letzten beiden Eiszeiten finden lässt. Ganz praktisch bedeutet das: hier hat man mit viel Glück die Chance, ein paar Fossilien zu finden. Und weil seit einigen Tagen auflandiger Wind ist, könnte man auch Bernstein finden. Leider muss man dafür einen Strand unterhalb der beeindruckenden Steilklippen bei strahlender Sonne und blauem Himmel entlang laufen. Wir nehmen diese Last auf uns und gehen in südliche Richtung am Wasser entlang (um Bernstein zu finden) und zurück an den Klippen (um Fossilien zu finden). Sagen wir es mal so: uns blieb die Last das Strandspazierganges bei wunderschönem Wetter. Schlimmes Los, vor allem wenn es nicht von Bernsteinhaufen und selten Fossilien gekrönt wird.

Wir verarbeiten unser Pech noch eine Weile auf einer Bank in der Steilklippe mit Blick auf die Brandung, dann nehmen wir den Volvo, fahren über einige Schotterwege zu unserer Unterkunft und beenden den Tag mit unserem letzten Glas Eingeweckten. Morgen geht es dann zurück nach Deutschland. Aber eigentlich könnten wir noch wochenlang weiterfahren.

2 Kommentare

  1. Lieber alter Volvo, dass Du ein Glückspilz bist, bezeugt schon Dein museumswürdiges Alter. Um Dich herum müssen die ganze Zeit über treusorgende Köpfe und Hände gewesen sein, die eine gewisse Dankesschuld aufgebaut haben. Die Du ja bei dieser Tour wohl sehr gut erinnern konntest. Dafür einen wohlwollenden Klaps auf‘s Dach!!
    Aber – nun komme ich zum Wesentlichen!! – wie dankbar Du sein solltest, dass nicht alle Deine Chauffeure so ausführlich und detailreich über die gemeinsamen Fahrten und Deine überwiegend „stille Fracht“ berichtet haben, kannst Du wahrscheinlich selbst gar nicht ermessen. Ich könnte – bitte Dich aber sehr, mir einfach zu vertrauen: Du hast mit Deinen jetzigen Buddies im hohen Alter den Betreuungs-Jackpot geknackt. Mehr automobiles Glück geht gar nicht.
    Wenn Du magst, lass Dir doch die Einträge im likedeeler-blog mal vorlesen. Dann wirst Du meine Begeisterung nachempfinden können.
    Komm nun auch gut nach Hause und freue Dich darauf, von einem tiefentspannten Hund beschnüffelt und bepinkelt zu werden.
    LG v Andreas

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  2. Was für eine Freude –
    hier und heute, eben gerade im Briefkasten!!

    Dickes Dankeschön euch Dreien.
    Die Karte bekommt einen Platz in der Vitrine bei all´ den anderen kleinen und großen Leichenwagen.

    Lieber 145er – liebe Katrin, lieber Matthias – egal wo ihr gerade auch entlang fahrt,
    kommt gut an und mit den drei Punkten von heute auch gut in den Abend und durch die Nacht.

    Ahoi von der Ostsee, eure W123er, Guido, Anne & ich.

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