Tag 4 – eingetragener LKW

Von Novi Vinodolski zum Camping Baćinska jezera

452km

59l getankt

Radlager vorne rechts getauscht, vorne links gefettet und eingestellt

Die Nacht war erstaunlich ruhig. Lektion des gestrigen Abends: auch archetypische Campingplatz Ottos mit schlechten Musikgeschmack lassen sich durch die freundliche Bitte nach Nachtruhe in die richtige Richtung orientieren. Auch wenn die Bitte von einem Vieltätowierten mit dezentem Ruhrpott-Slang vorgetragen wird.

Die Nacht bleibt trotzdem unruhig, es ist bullenheiß und nach dem Sturm bewegt sich die Luft keinen Zentimeter mehr. Entsprechend macht im Zelt schlafen einfach nur wenig Laune. Campingplatztypisch ist die Nacht auch um sieben Uhr zu Ende, wir starten mit einem spartanischem Frühstück und frisch gemahlenem Kaffee in den Tag, bauen zügig ab und zahlen eine dem Campingplatzzustand nicht angemessene Summe für die Übernachtung. Und sind zurück auf der Strasse, mit quietschendem Radlager. Das macht tatsächlich ziemlichen Radau.

Wir ziehen ein ganzes Stück die Jadranska Magistrala bis wir bei Senj auf die Autobahn wechseln. Auch heute ist noch Strecke machen angesagt. Die Autobahn 1 folgt nicht der Küstenlinie sondern führt in einem Bogen durch das Hinterland (wer das nachvollziehen will, kann das in meinem Live-Tracking tun). Die Strasse ist in top Zustand, die Landschaft unglaublich langweilig. Wir kommen vorwärts, das war es aber auch schon. Die Temperatur kratzt an der 40-Grad-Grenze und so macht es fast mehr Spaß, in dem Auto bei 100km/h zu sitzen als draußen in der Sonne zu sein. Ohne Fahrtwind. Wobei der auch Fön-Charakter hat: beim kleinsten bisschen Leistungsabfrage muss der elektrische Zusatzlüfter trotz 100km/h den Dienst aufnehmen. Bisschen verrückt ist das Ganze schon.

An einer Tankstelle füllen wir einen Liter Öl nach, ansonsten passiert nicht viel. Unser Tagesziel ist die Stadt Ploče, wir hatten über Connections auf eine Werkstatt bei Mostar in Bosnien-Herzegowina gehofft, dort sind aber leider alle im Urlaub am Meer. Also heisst es wie immer: selbst ist die Rallyecrew. Micha recherchiert im Nirgendwo des kroatischen Hinterlandes bei Dragljane zwei Werkstatt-Möglichkeiten, beide keine fünf Minuten voneinander entfernt. Einmal eine Autowerkstatt die laut Google-Bewertungen bereits anderen Menschen auf der Durchreise geholfen hat und einmal eine LKW-Werkstatt. Wir steuern die PKW-Werkstatt an, leider ist diese bis morgen geschlossen, jedenfalls interpretieren wir das Pappschild im Werkstatttor so. Also auf zur LKW-Werkstatt. Ein Radlager ist schließlich ein Radlager, egal wie groß.

Über winzige Strassen geht es durch ein verlassen wirkendes Dorf, alles sehr verwinkelt. Wir bezweifeln, dass wir hier am Ende noch eine LKW-Werkstatt finden werden. Letzte Kurve und zack: LKW-Werkstatt. Verständigung mit Händen und Füßen, der älteste Mann im Raum kann drei Brocken Deutsch, wir übersetzen mit Google-Translator das Wort Radlager, zeigen auf das rechte Rad und die Ersatzteile. Kurzes Gegrummel, Rufe in die Werkstatt und schon wird hinter einem Benz-LKW und neben einem Reisebus ein Stückchen Grube freigemacht.

Während der Wagen aufgebockt wird, um unsere Diagnose zu kontrollieren (denn natürlich hat das Radlager ab Verlassen der Autobahn keinen Mucks mehr von sich gegeben), fällt uns eine Geschichte von der 20Nations Rallye ein: Micha hatte uns dort auf der Strasse abgefangen und „besucht“. Anschließend sind wir ein Stückchen der Rallye (von Rumänien nach Ungarn) gemeinsam gefahren. Am der Grenze zu Ungarn, wir kamen dort am frühen Abend an und wollten noch bis zur Stadt Gyula auf einen Campingplatz, stauten sich die LKW endlos. Wartezeiten über 12 Stunden sind dort normal. Wir fuhren natürlich dran vorbei, Katrin und ich im 145, Micha in einem VW T6, immer schön der PKW-Spur nach. So weit, so gut, bis wir vor einer garstigen Grenzerin standen. Diese verlangte, seltsam genug, waren wir doch im Schengen-Raum unterwegs, Ausweise und Fahrzeugpapiere. Hatten wir natürlich dabei, auch die „grüne“ Versicherungskarte obwohl in der EU eigentlich eine reguläre Zulassung als Nachweis für eine abgeschlossene Haftpflicht reicht. Auf einmal wurde sie stinkwütend und brüllte mich an. „LKW! LKW!“ und wedelte dabei mit meinem Fahrzeugschein herum. Dabei zeigte sie Richtung Ende der LKW-Schlange. 12 Stunden Wartezeit. Ich verabschiedete mich von einer entspannten Nacht. Aber auf den Versuch kommt es ja an: die LKW-Zulassung hat durch private Nutzung und H-Kennzeichen keinerlei relevante Bedeutung, sie ist lediglich ein unverändertes Relikt aus den aktiven Berufszeiten des 145. also stapfte ich zum Kennzeichen, rief mit gleicher Penetranz und Lautstärke „historic car“ und weil sie mir durchgehend auf ungarisch antwortete, begann ich einen Exkurs über die deutsche KfZ-Besteuerung auf deutsch. Die Positionen schienen festgefahren („LKW!LKW!“ – „Historic Car! Historic Car!“) bis die Grenzerin Richtung Michas T6 schaute, der hinter uns in der Grenzschleuse stand. An dem T6 hing ein PKW-Anhänger mit dem zwei Autos transportiert werden können, entsprechend lang ist das Ding. Und dahinter staute es sich weiter. Die Grenzerin dachte kurz über das Chaos nach, das notwendig wäre, um mich für einen innereuropäischen Grenzübertritt in die richtige Spur zu bringen und entschied sich dann, den zugelassen LKW mit H-Kennzeichen im vollen Rallye-Ornat durchzuwinken.

Lange Geschichte, kurze Bottomline: der 145 ist ein LKW und wir sind somit in der richtigen Werkstatt. Inzwischen hatte der Mechaniker vom rechten Vorderrad zum linken gewechselt, hier war er mit dem Spiel nicht einverstanden, demontierte Kronenmutter und Rollenlager, fettete alles sehr ausgiebig und baute alles gewissenhaft zusammen. Danach ging es an die rechte Vorderseite: komplette Demontage Rad und Bremse und bei alleiniger Drehung rollerte das Radlager ordentlich laut. Also raus mit dem ganzen Quatsch, die neuen Teile eingepresst und eine gute Stunde später waren wir wieder auf der Strasse. So hatten wir uns das vorgestellt. Nicht dieses „ich könnte ihnen einen Termin am Freitag anbieten“ (früheste Möglichkeit in Rosenheim). Einfach und schnell anpacken. Bums fertig. Danke dafür!

Angepeiltes Ziel für heute ist die Stadt Ploče. Die freundliche Ortskundige im Radio empfiehlt die Autobahn, bietet aber eine nur 12 Minuten längere Strecke über Land an. Und weil das nach Kurven aussieht und Kurven hervorragend geeignet sind, um ein neues Radlager zu testen, nehmen wir die. Der Volvo läuft wie eine Eins, wir drehen die Musik lait und haben ein breites Grinsen im Gesicht. Als Sahnehäubchen kommt eine wunderschöne Gebirgslandschaft hinzu. Wir rauschen durch kleine, kroatische Dörfchen, der Asphalt ist ganz wunderbar. Was auffällt: kroatische Häuser sind häufig schäbig oder irgendwie nicht zu Ende gebaut. Man sieht, dass sich mal jemand Gedanken gemacht hat, Rundbögen hier, Säulen da, große Galerien, aber dann scheint es immer wieder, als hätten die Besitzer den Bock verloren: unverputzte Fassaden, fehlende Farbe oder einfach nicht fertig gebaut. Und das nicht grade erst, die Witterungsspuren zeugen davon, dass das schon länger so ist. Auf der anderen Seite: das Durchschnittseinkommen in Kroatien liegt bei 1022€ (in Deutschland bei 4100€), als frisch gebackener Hausbesitzer weiß ich jetzt wie teuer der ganze Quatsch ist, und vielleicht sind diese Häuser auch einfach Langzeitprojekte. Und da ist Farbe oder Putz an der Außenwand erstmal zweitrangig. Insofern freue ich mich einfach auf wunderschöne Dörfer in ein paar Jahren.

In Ploče füllen wir unsere Vorräte auf und checken die Campingmöglichkeiten. Wir brauchen beide dringend etwas Körperhygiene (weil ultraheisser Tag und Schrauberei Spuren hinterlassen haben), wild campen käme nur mit Wasser in Frage, die Möglichkeiten scheinen begrenzt. Wir entdecken einen kleinen Campingplatz an einem See, sehr netter Betreiber, sehr klein, eigener Seezugang und gute Sanitäreinrichtungen. Im Schatten alter Feigen- und Granatapfelbäume schlagen wir unser Lager auf und springen als erstes in den See. Was für eine Wohltat. Und wieviel angenehmer es ist, in Süßwasser zu baden als am Vortag im Meer. Anschließend grillen wir und richten uns für einen gemütlichen Abend ein, bis wir Opfer eines Angriffes werden: See bedeutet leider auch Mücken und die gibt es in endloser Zahl. Innerhalb kürzester Zeit bin ich völlig zerstochen. Leider reagiert mein Körper bei Mückenstichen etwas über und von den letzten Abenden bin ich bereits gut zugequaddelt. Jeder Stich schmerzt. Und sowohl Micha als auch ich haben Anti-Mückenzeugs vergessen. Und zumindest ich habe davon einiges zu Hause auf Halde liegen. Micha erbarmt sich und läuft zum nächsten Supermarkt.

Ausgestattet mit Anti-Mückenspray für Familie UND Adventure sowie so Räucherzeugs versuchen wir das mit dem gemütlichen Abend noch einmal. Und machen uns Gedanken über die nächsten Tage. Denn ab jetzt treibt uns eigentlich nix mehr.

2 Kommentare

  1. Wie immer sehr schön und ich freue mich auf jede Episode. Ich glaube aber, die Campingplatz-Asis haben nicht trotz, sondern genau wegen „einem Vieltätowierten mit dezentem Ruhrpott-Slang“ Ruhe gegeben!
    Autowerkstätten in Nicht-Deutschland sind oft wirklich Touris gegenüber sehr hilfsbereit. Ich war einmal mit einer defekten Lichtmaschine in Asiago gestrandet. Die nette Werkstatt „Stella“ war bumvoll, sie haben sofort Zeit gehabt, sich das Dingens anzuschauen „alternatore non carica“, nach einem Ersatzteil zu suchen und mir dann noch geholfen, lokal einen Mietwagen zu finden, bis das Ersatzteil (dank ADAC Hilfe) per Express geliefert wurde.

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