Tag 6 – Mountains, Digger. Mountains. (ein Klassiker)

Von Camp Krupac zum 3Canyons Rafting Camp

166 Km

31l getankt

durch Fahrzeugelektrik gesperrtes Kraftstoffsicherheitsventil entsperrt

Was bereits gestern im Bericht fehlte, aber unbedingt erwähnenswert ist, ist der Nachthimmel. An beiden Seen hatten wir phänomenale Sternenhimmel. Es gibt nur superwenig Streulicht, irgendwie auch nicht verwunderlich, wenn in einem Land von der ungefähren Größe Schleswig-Holsteins so viele Menschen leben wie in Düsseldorf. Micha und ich genießen jedenfalls jeden Abend den Blick in die punktbeleuchtete Unendlichkeit.

Den Tag heute starten wir unterschiedlich: ich stehe zum Tackern der in der entfernten aber in Sichtweite liegenden Bauxit-Mine arbeitenden Presslufthämmer auf, Micha pünktlich zur Sprengung. Hört sich nervender an als es tatsächlich war, die Mine liegt oberhalb des Sees an einem Berg, der Schall trägt irgendwie kaum zum Camp. Tatsächlich dachte ich im Halbschlaf, ein Falter habe sich unter die Zeltplane verirrt.

Die Nacht war super angenehm, ein leichter Wind trug vom Wasser her kühle Luft ins Zelt, die Temperaturen lagen knapp unter 20 Grad. Wir beide haben ganz ausgezeichnet geschlafen. Bevor die Hitze sich wieder bleiern über den Platz legt, bauen wir schon einmal das Dachzelt ab und packen unseren Kram zusammen. Nachdem dass Abendessen im Camp einfach aber lecker war, entscheiden wir uns auch heute früh für das angebotene Frühstück. Ebenfalls einfach und mit überschaubarer Auswahl, allerdings mit leckeren Zutaten und frisch zubereitet, Kaffee inklusive. Für 5€/Person können wir wirklich nicht meckern. Wir nutzen die Zeit, um den Tag zu planen.

Ganz entspannt und gut gesättigt fahren wir los, Ziel des Tages ist der Durmitor Nationalpark. Wir haben uns für zwei Spots und eine Strasse entschieden. Zuerst fahren wir über Zabljac, einen furchtbar touristischen Winter- und Sommersport-Ort wie man ihn in jeder erschlossenen Bergregion findet, zum Curevac, einem Bergrücken, von dem aus man einen wunderschönen Blick auf die höchsten Berge Montenegros und die Tara-Schlucht hat. Ab Zabljac führt die Straße immer wieder durch den Schatten der Wälder auf den Berghàngen, sie ist sehr schmal, hat wechselnde Beläge und Zustände. Es macht insgesamt sehr viel Spaß, erfordert aber auch volle Aufmerksamkeit. Vor allem, da die Locals die Strasse mit sehr viel Elan fahren. Positiv formuliert. Ein, zwei Mal ist es mir persönlich zu eng und zu schnell. Und eigentlich bin ich da nicht penibel, aber das Vertrauen in ihre Autos und ihr Fahrvermögen scheint bei der hiesigen Bevölkerung sehr groß zu sein.

Die Straße endet an einem Parkplatz, hier muss eine Eintrittsgebühr bezahlt werden. Zum ersten Mal seit sechs Tagen steigen Micha und ich wirklich ernsthaft um und gehen zu Fuß. Über Stock und Stein geht es steil bergan, der Weg ist ein kleiner Trampelpfad, mal besser, mal schlechter zu begehen. Die Temperaturen im Nationalpark sind eher kühl, wir haben knapp unter 30 Grad und es geht ein ständiger Wind. Das tut gut, genauso wie die Bewegung nach den langen Tagen auf den Volvo-Sitzen. Die haben eine Erneuerung dringend nötig.

Auf der Spitze angekommen genießt Micha die Aussicht, ich lote die Grenzen meiner Komfortzone in Bezug auf Höhen aus und kann mich anschließend ebenfalls der Aussicht widmen. Und die ist phänomenal. Wir hängen ein bisschen ab, posieren für obligate Gipfelfotos und machen uns dann auf den Weg zurück.

Über Zabljac fahren wir ein kleines Stückchen P5, auf der sind wir bereits vormittags gefahren. Bei Razvršje biegen wir auf die P14 ab, diese hat bei GoogleMaps nach einet Straße nach unserem Geschmack ausgesehen. Klein. Kurvig. Mitten durch ein Gebirgsmassiv. Wir werden nicht enttäuscht.

Die P14 ist ausgeschildert als Durmitor Panoramic Route. Sie führt durch atemberaubende Berglandschaft. Dabei ist die Straße in der Regel maximal für 1,5 Autos breit genug, häufig aber hat sie nur Fahrzeugbreite. Der Verlauf orientiert sich an der Landschaft, wenig wurde getan, um sie „einfacher“ zu machen. So schmiegt sie sich in die Hügel, folgt den scharfen Kurven der Berge und fällt plötzlich mehrere Meter ab um unmittelbar steil anzusteigen. Fahrbahnbegrenzungen gibt es nur sporadisch, häufig rostige Leitplanken oder lediglich 30cm hohe Randsteine alle vier, fünf Meter. Fahrerisch herausfordernd, es ist zum Glück sehr wenig Verkehr. Wir fahren unseren Tritt und halten uns an die Geschwindigkeitsbegrenzungen die erstaunlich nahe an den tatsächlich sinnvoll zu fahrenden Gewchwindigkeiten liegen. Eiligr Locals und Motorradfahrer:innen winken wir wann immer möglich vorbei.

Für die gut 50km bis Suvodo brauchen wir ungefähr zwei Stunden inklusive Foto- und Drohnenstops. Der letzte Teil der P14 schlängelt sich noch einmal in mehreren spitzen Kehren und steilen Rampen den Berg hinab, erschwert wird der Abstieg durch unendlich viele, in den bloßen Stein geschlagene Tunnel. Unbeleuchtet, staubig, teils mit Kurven im Tunnel und schnellen Wechseln zwischen gleißendem Sonnenlicht und absoluter Dunkelheit sind diese eine besondere Herausforderung. Belohnt werden wir trotzdem: bei den erlaubten 50km/h ist die Resonanz des B20-Motors im vierten Gang ganz wunderbar, will sagen, das ist der Moment, wo der Motor am besten klingt. Und das schallt ganz wunderbar von den Tunnelwänden zurück.

Am Ende der P14 biegen wir rechts auf die E762. Diese führt am Ufer des Pivsko Jezero entlang. Hier wurde die Piva zwischen 1971 und 1976 durch die 220m hohen Mratinja-Talsperre aufgestaut. Der Stausee ist 33km lang, 12,5km2 groß und bis zu 188m tief. Das in der Staumauer liegende Wasserkraftwerk erzeugt 360MW. Um das zu realisieren, wurde das gesamte Dorf Pluzine umgesiedelt. Außerdem wurde das Piva-Kloster vollständig abgetragen und an seinem jetzigen Standort wieder errichtet. Auch die E762 hat endlos viele Tunnel, erschwerend kommt hier noch dauerhafter Steinschlag hinzu. Große und kleine Steine liegen immer wieder auf der Strasse, mal alleine, mal in einem ganzen Rutsch. Wenigstens gibt es zwei Spuren.

Grade fahren wir aus einem Tunnelende ins Sonnenlicht, da sehen wir am Außenrand der sich unmittelbar anschließenden Rechtskurve ein rotes Kastenwagen-WoMo von Rügen stehen. Haube ist hochgeklappt, die Frau und ihr Sohn davor sehen beide nicht sehr glücklich aus. Wir fragen kurz, ob Hilfe gebraucht wird, verstehen erstmal nicht viel, also ziehen wir rüber und halten ebenfalls. Die Story ist schnell erzählt: beim Fahren einen der Steinschlagsteine übersehen und drüber gefahren, das Auto hat den wahrscheinlich heftigen Schlag als Gefahr interpretiert und das Kraftstoffsicherheitsventil gesperrt, im Display die Fahrerin aufgefordert sofort sicher anzuhalten und danach den Motor abgeschaltet. Und in diesem Zustand blieb der Motor. Wir checken erstmal den naheliegenden Kram, Sicherungen und Relais, versuchen es mit einem Reset über Batterie abklemmen, alles hilft nicht. Die Frau, offenbar ganz froh über. – bis dato zwar nur mentale Hilfe – hat inzwischen ihre Werkstatt am Telefon und diese können uns mit etwas Hin und Her sagen, wie wir das Ventil wieder freischalten können. Und zack, der Wagen läuft wieder, Micha und ich sacken die Karma-Punkte ein und sind schon wieder unterwegs.

Unsere letzte Station des Tages wartet unmittelbar vor der bosnischen Grenze. Wir haben ein Rafting Camp aufgetan, dort gibt es zum einen Versorgung mit Essen, zum anderen können wir dort campen und morgen an einer Rafting Tour durch die Tara-Schlucht teilnehmen. Nach leckerem Abendessen mit Blick auf die Schlucht und den Fluss endet unser Tag.

1 Kommentar

  1. Wieder mal ein Klasse Bericht, super, vielen Dank!
    Deine Beschreibung von den Gebirgssträßchen erinnert mich an Südtirol und die vielen Kriegsstraßen aus dem 1. Weltkrieg. In meiner Jugend(tm) konnte (und vor allem: durfte) man noch fast alle von denen fahren, das war z.T. sehr abenteuerlich (Pasubio, Tremalzo), aber auch sehr sehenswert.

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