Tag 13 – alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei

Von Delphi zum Eagle`s Nest Mesorrachi

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33l getank

Heute heißt es Abschied nehmen. Von Delphi aus werden wir – nicht auf ganz direktem Wege sondern über die landschaftlich reizvolle Strecke – nach Athen fahren und uns dort trennen. Nicht, weil wir uns in den letzten zwei Wochen tierisch auf den Sack gegangen sind, sondern weil wir beide unterschiedliche Vorstellungen für die Alternativ-Veranstaltung zur Mongolrallye hatten. Micha reist weiter in den Südosten nach Asien, ich werde mich weiter Richtung Balkan orientieren. Deswegen waren die letzten zwei Wochen so etwas wie ein Shuttle zum Airport. Auch wenn es sicherlich besser zu erreichende Flughäfen gegeben hätte. Aber das wäre ja langweilig gewesen.

Also zuerst einmal ein ganz entspanntes Frühstück im Schatten des Dachzeltes. Fühlt sich irgendwie seltsam an. Wir haben die letzten zwei Wochen Tutti komplettiert zusammen verbracht, viel miteinander gelacht, gequatscht, diskutiert und auch geschwiegen. Ab jetzt liegt vor jedem Einzelnen von uns ein individuelles Abenteuer – alleine mit sich selber sein und die Welt bereisen. Ein Abenteuer, dass wir beide so in diesem Maße uns noch nicht getraut haben. Aber irgendwie darum geht es bei Abenteuern doch: die Grenzen der persönlichen Wohlfühlzone zu spüren. Und sie zu verschieben. Damit die persönliche Wohlfühlzone am Ende größer ist. Und die Welt damit ein wenig von ihrem Schrecken verloren und an Schönheit und an Entdeckenswerten gewonnen hat.

Unter strahlend blauem Himmel, Griechenlands Marketingabteilung hat da echt leichtes Spiel, machen wir uns auf den Weg. Wir haben der freundlichen Dame im Radio verboten, uns über Autobahnen zu führen und mit ein, zwei Orientierungspunkten die wirklich schöne Route am Meer entlang vorgeschlagen. Wobei am Meer entlang in Griechenland etwas einfach gesagt ist, wer in Griechenland schon einmal unterwegs war oder sich in Erdkunde super auskennt ODER die griechische Mythologie sich reingepfiffen hat, weiß, dass Griechenland ein Land ist, in dem sich steile Berge mit großen Ebenen abwechseln. Perfektes Gebiet für Verstecke, sagenumwobene Tempel und Burgen aber auch für grandiose Schlachten und epischen Götterkram. Oder eben für einen guten Roadtrip.

Die Abwechslung ist tatsächlich großartig. Eben noch ackern wir ein Berg hoch und wieder runter, superenge Serpentinen, harte Steigungen und schon Cruiser wir entspannt durch flaches Gebiet. Bisher in der Regel von relativ niedrigem Buschwerk und den omnipräsenten Olivenbäumen gesäumt. Bis wir einen Bergrücken runterfahren und auf einmal im Sauerland sind: in dem tiefen Tal wachsen Nadelbäume bis dicht an die Strasse, es ist düster und die Temperatur fällt direkt um 5 Grad.

Wir schlängeln uns am Parnass-Gebirge entlang und kommen in den Ort Distomo. Hier veranstaltete die SS am 10. Juni 1944 als Vergeltungsaktion ein Massaker und ermordete 218 Dorfbewohner:innen, die meisten alte Menschen, Kinder und Säuglinge. Anschließend brannten sie das gesamte Dorf nieder. Vergeltung im Übrigen für das Erschiessen dreier deutscher Soldaten durch Partisanen. Augenzeugen berichteten von ekelhaften Gewaltexzessen der Deutschen. Der schwedische Diplomat Sture Linnér, zum Zeitpunkt des Massakers Vorsitzender des Roten Kreuz im besetzten Griechenland fuhr, nachdem er darüber informiert wurde, drei Tage später in das Dorf und berichtet in seinem Buch „Meine Odysee“ eindrucksvoll davon. Die Augenzeugenberichte werden von Berichten der Geheimen Feldpolizei, einer Ordnungseinheit der Wehrmacht, gestützt. In den 90er- und 2000er-Jahren versuchten Angehörige erfolglos die Bundesrepublik Deutschland für dieses Massaker in Regress zu nehmen, vor griechischen Gerichten, vor deutschen Gerichten und vor italienischen. Die italienischen Gerichte gingen in eine mögliche Zwangsvollstreckung gegen Werte der Bundesrepublik Deutschland in Italien, auf Basis diplomatischer Vereinbarungen landete der Fall jedoch vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag. Dieser entschied 2012, dass Privatpersonen Klagen gegen Staaten nicht vor dem Gerichten anderer Staaten führen können und somit durch „Dritt“-Staaten auch keine Urteile gegen betroffene Staaten vollstreckt werden können. Hintergrund für dieses Entscheidung ist das Prinzip der Staatenimmunität.

Was bleibt, ist ein schreckliches Massaker an Zivilbevölkerung und für die Hinterbliebenen das Gefühl, dass ihnen keine Gerechtigkeit widerfährt. Auf einem Hügel neben dem Dorf befindet sich heute eine Gedenkstätte mit einem Ossuarium, in dem die Schädel der Getöteten aufbewahrt werden. Daneben ist eine große Tafel mit den Namen und dem Alter der Ermordeten angebracht. Wir halten um diesen Ort, dem Geschehenen und den Opfern einen Moment des Respekts zu erweisen. Denn bei all den Touren durch Europa, die wir in unterschiedlichen Konstellationen mittlerweile gemacht haben, zieht sich eines wie ein roter Faden durch die Landschaft: überall „stolpert“ man über die Verbrechen und die Grausamkeiten, die der deutsche Faschismus diesem Kontinent aufgezwungen hat. Und ich bin der Ansicht, dass grade diese „kleinen“ und unbekannten Orte der Verbrechen des Nazi-Regimes und seiner willfährigen Helfer:innen auch Aufmerksamkeit, Respekt und Demut verdienen.

Was auch bleibt, wurde in Buchenwald geschworen: „Die Vernichtung des Nazismuss mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Heute vielleicht wieder schwerer als in den letzten Jahrzehnten.

Von Distomo aus sollte es eigentlich Richtung Meer gehen, bei Agia Anna jedoch erwarten uns so viele Baustellen, Umleitungen und Sackgassen, dass wir es nur in eine Richtung aus dem Ort heraus schaffen: ins Landesinnere. Das bedeutet leider die langweilige Schnellstraße nach Athen. Das bedeutet auch, dass wir durch die Waldbrandgebiete der letzten Tage fahren. Und was wir sehen ist sehr eindrucksvoll. Bestimmt eine Dreiviertel Stunde fahren wir durch eine Mondlandschaft. Alle Baüme sind verbrannt, links wie rechts der Strasse, der Boden ist verkohlt und der Wind treibt Aschewolken vor sich her. Alle sichtbaren Berghänge, Hügel und Ebenen sind schwarz. Überall halten Feuerwehrfahrzeuge Brandwachen, wir sehen Einsatzfahrzeuge aus anderen europäischen Ländern, die offenbar zur Hilfe geeilt waren. Was uns beeindruckt: obwohl die Landschaft vollständig verbrannt ist, scheint man es, zumindest entlang der Schnellstraße, geschafft zu haben, die Ortschaften vor dem Feuer zu bewahren. Diese sind kleine, grüne Inseln des Lebens in dieser lebensfeindlichen Gegend. Mit was für einem Kraftaufwand hier gegen die Flammen gekämpft sein muss, können wir nur erahnen.

Kaum aus den Waldbrandgebieten raus, saugt uns der Moloch Athens ein. Nichts was wir sehen kann man als schön verklären. Der Verkehr wird mehr, dichter und chaotischer. Während wir bisher in einer sehr entspannten Variante des balkantypischen Anarcho-Verkehrs unterwegs waren, herrscht jetzt offensichtliches Faustrecht. Autos fahren bereits haarsträubend kreuz und quer, untermalt wird das Ganze noch von einer endlosen Zahl von Rollern und Motorrädern die in völliger Ignoranz ihrer eigenen Gesundheit in Handbreite Abstand an uns vorbei knüppeln. Links und Rechts verdichtet sich die Bebauung von peripheren Industriegebieten hin zu einem chaotischem Häuserdschungel. Und über allem thront in der Sichtachse unserer Fahrtrichtung in antiker Würde die Akropolis. Ein bisschen absurd wirkt das Alles schon. Wir halten noch einmal an einem Park und essen gemeinsam zu Mittag.

Ich fahre Micha bis ins Zentrum in der Nähe von St. Omonoias, parke am Bürgersteig und wir nehmen Abschied. Beide keine Freunde großer Verabschiedungen geht das flott und herzlich. Fühlte sich das morgens bereits komisch an ist es das jetzt umso mehr. Und da ich davon ausgehe, dass Micha diesen Artikel noch lesen wird um überhaupt zu wissen, was er den Tag bis hierhin gemacht hat, sage ich an dieser Stelle: es war ein ganz großes Vergnügen. Ich hab Saurier Spaß mit Dir gehabt, ich hatte eine ganz grandiose Zeit mit Dir. Danke, dass wir zusammen zwei Wochen den Balkan unsicher gemacht haben. Ich wünsche Dir für Südostasien das beste Erlebnis. Hab eine gute Reise.

Ich gebe der geduldigen Frau im Radio neue Anweisungen, sie kämpft grade etwas mit der Hitze. Das Bedienen von Bluetooth, Berechnen einer Route und bei Spotify Lieder shufflen scheint zu viel zu sein. Trotzdem bin ich schnell aus dem Viertel raus und auf der großen Schnellstraße auf der wir bereits reingekommen sind. Die Dame im Radio hat Autobahnverbot, wir fahren aber stringent einfach neben der Autobahn her. Und durch einen großen Industriekomplex, irgendwas mit Chemie. Es stinkt gewaltig. Die Aussicht aufs Meer wird durch große Tankschiffe (ich sehe das erste Mal einen LNG-Frachter) versperrt und ich mache erst einmal Strecke. An einem Supermarkt kaufe ich ein wenig zu Essen und Getränke ein und folge dann der E94 Richtung Korinth. Im Prinzip ist es von Athen bis Korinth ein einziges Ballungsgebiet, an den Stadträndern ineinander überlaufend kurz touristisch, dann wieder Stadt. Erst hinter Korinth öffnet sich die Landschaft wieder und ich habe das Gefühl, ein bisschen Durchatmen zu können. Und checke: ich bin alleine unterwegs. Aufregend. Zum Glück hat die Dame im Radio ihr Multitaskingtalent wiedergefunden, ich drehe die Musik auf und singe lauthals mit. Hätte ich mit Micha sicherlich auch gekonnt, aber ganz ehrlich: ich ertrage meinen Gesang kaum selber. Das in Verbindung mit meinen Lieblingsliedern wollte ich Micha dann doch nicht zumuten, jede Freundschaft hat ja auch Grenzen.

Hinter mir liegt also Korinth und ich befinde mich auf der Peleponnes. Ziel der Süd-Orientierung dieses Trips und Wiege der antiken, griechischen Hochkultur. Und somit auch Wiege der europäischen Kultur. Ein bisschen rührt es mich an, durch die Landschaft zu fahren, die ich aus Geschichtsbüchern und Sagenerzählungen kenne. Über kleinste Straßen fahre ich ins Hinterland, die Straßen sind teilweise zwar breit genug für zwei Autos, die Vegetation wächst aber soweit in sie rein, dass das Gras gleichzeitig links und rechts am Auto entlang streicht. Ich habe mir für den Einstieg ins Alleinsein etwas Ruhe verordnet. Zwei Wochen on the road, zwei Wochen Dachzelt, ich habe das Gefühl, dass ich für einen Moment einen Ort zum Bleiben brauche. In Mesorrachi – einem hoffentlich abgeschiedenem Bergdorf – habe ich mir ein AirBnB genommen. Hier bleibe ich bis Montag, da muss ich morgens an eine Videokonferenz teilnehmen. Bis dahin entspanne ich hier aber und werde die Aussicht genießen. Denn die ist aus dem Wintergarten des kleinen Cottage heraus ganz phänomenal.

4 Kommentare

  1. Distomo: das sieht einsam aus, ist es das auch? Hattet Ihr den Eindruck, dass die Stätte besucht wird, von wem?, gibt es ein Buch für Einträge, Blumen, Kerzen oder so? Dankissimo, Herzliche Grüße von Ute

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    1. Hallo Ute, das Dorf liegt direkt unterhalb, die Gedenkstätte ist sehr sauber und aufgeräumt. Ich denke, hier wird zumindest aus dem Dorf regelmäßig hingegangen.
      Allerdings kann das auch trügen: am 10.06. findet jährlich eine Gedenkveranstaltung statt, es kann auch davon natürlich noch ordentlich sein. Für die Veranstaltung ist hinter dem Monument extra ein kleines Amphitheater angelegt.

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