Tag 15 – Das Ende der Welt

Vom Eagle`s Nest zum Kap Tenaro und zurück

356km

47l getankt

Ich habe mir einen Wecker gestellt. Mein Plan für heute: zum Kap Tenaro fahren und somit den zweitsüdlichsten Punkt von Kontinental-Europa erreichen, ein bisschen Sparta und zurück ins Versteck. Da GoogleMaps für die Strecke vom Versteck bis zum Kap gute drei Stunden veranschlagt, man bis zum richtigen Kap auch noch ca. 45 Minuten Fußweg einfache Strecke hat und ich den Tag ja nutzen möchte, reißt mich unangenehmes Gebimmel um 06:00 Uhr aus dem Schlaf. Mein vorabendlicher Optimismus schwächest angesichts der leuchtenden Snozze-Möglichkeit, aber um 06:30 Uhr bin ich aus den Federn und mache mich fertig.

Wie fertig dieser Morgen mich machen wird, erfahre ich einige Minuten später. Ich gehe raus, setze mich ins Auto, starte den Motor und versuche das Versteck zu verlassen. Und daraus wird nichts. Bereits als ich angekommen bin, hatte ich ein übles Gefühl bei der Zufahrt, die war ziemlich steil. Also steil bergab. Jetzt also steil bergauf. Ohne Anlaufmöglichkeit. Egal was ich mache, der Volvo packt das einfach nicht. Vorwärts, rückwärts…irgendwann qualmt die Kupplung und ich entscheide mich dafür, den Wagen nicht völlig zu Grunde zu richten. In diesem Moment kommt Giannis, der Vermieter des AirBnB den Hang runter und lacht. Er meint, ich würde aus der falschen Ecke losfahren und ich bin der Meinung, ich hätte jede Ecke ausprobiert. Er lotst mich in einem absurden Winkel zur Rampe, die Hinterachse steht im Prinzip am Rand der Asphaltierung und das Heck ragt für meinen Sicherheitsgeschmack viel zu weit über den Abgrund. Einfache Anweisung von ihm: jetzt Vollgas nach vorne, nicht stoppen und auf keinen Fall beim Anfahren rückwärts rollen. Ja. So hatte ich mir meinen Morgen vorgestellt: im Sonnenaufgang einen Berg herabstürzen.

Also gleichzeitig Vollgas, Kupplung schnalzen lassen, Handbremse lösen, im komischen Winkel auf die Rampe fahren….und ich bin oben. Kurzer Check, ich lebe, ich bin wach und alles scheint so ganz okay zu sein. Giannis bietet mir an, das Auto wenn ich zurück komme bei ihm abzustellen. Er wohnt quasi auf halben Wege zu „nach oben“ und seine Rampe ist nicht ganz so steil. Das Angebot werde ich annehmen auch wenn das bedeutet, dass ich die Hälfte meiner Sachen, nämlich jene, die sich noch im Versteck befinden, den Berg hochtragen darf. Man kann halt nicht alles haben.

Ich düse los, die freundliche Dame im Radio spielt begeistert Musik UND navigiert, es könnte nicht besser laufen. Die Temperatur ist irgendwo unter 30 Grad, die Sonne scheint noch ein bisschen verschlafen vor sich hin. Es geht in einem wilden Zickzack durch die Berglandschaft, die kleinen Straßen der Anreise ziehen sich auch Richtung Süden weiter. Ich hatte mit leeren Straßen gerechnet, aber es ist Sonntag, die Menschen gehen hier ordentlich in die Kirche. Über solche Teilnehmendenzahlen wie hier jede Dorfdisc…äh, -Kirche hat, würde sich bei uns wahrscheinlich die ganze Stadtgemeinde freuen.

Irgendwann lande ich auf einer dieser Schnellstraßen, die sich hier durch die Täler winden. Unaufgeregtes Cruisen ist angesagt, Landschaft genießen. Je weiter ich Richtung Süden komme, umso dichter wird der Bewuchs mit Rosmarinbüschen und Kamillenpflanzen, die MorgenLuft spült ihren Duft immer wieder ins Auto. So wirkt die Umgebung nicht nur optisch sondern auch olfaktorisch. Es macht ziemlichen Spaß.

Bis Chosario folge ich der Schnellstraße, ab dort geht es wieder über griechische Backroads. Und ich lande wieder in einem Waldbrandgebiet. Allerdings scheint das Inferno hier bereits einige Jahre zurück zu liegen. Der Boden ist wieder weiträumig besiedelt, an den verkohlten Gerippen der Bäume wuchern schon wieder Kletterpflanzen hoch. Trotzdem ist auch hier im Vorbeifahren alles supertrocken, es wundert also nicht, dass auch hier in regelmäßigen Abständen Brandwachen zu sehen sind. Ich versuche, wenn ich anhalte, ausschließlich auf Geröll oder Asphalt zu halten, ich möchte die heiße Auspuffanlage und die Ölwanne nicht in die Nähe von brennbaren Material bringen.

Was leider seit dem Großraum Sparta auffällt sind die sehr regelmäßig und in hoher Anzahl gesprühten Graffiti mit dem Logo der Chrysi Avgi (goldene Morgendämmerung), einer rechtsextremen Partei die sich insbesondere durch anhaltende Gewalttaten gegen politische Gegner:innen, Migranten:innen, Nicht-Heterosexuelle und allgemein Andersdenkende hervorgetan hat. Sie saß von 2012 bis 2019 im griechischen Parlament, seit 2013 ermitteln diverse Staatsanwaltschaften wegen Totschlags, Körperverletzung, Erpressung, Sprengstoffanschlägen und Geldwäsche. Hinzu kommt, fast zum guten Ton gehörend, noch der Besitz von großen Waffenarsenalen. 2020 wurde die gesamte Partei wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung verurteilt, es hatte sich bereits aber eine Ersatzpartei, die Ethniki Avgi (nationale Morgendämmerung) gegründet. Die Dichte, mit der sich das Logo, häufig gepaart mit klassischer Nazi-Symbolik wie Zahlencodes, stilisierten Keltenkreuzen und ähnlichem hier offenbar auch unwidersprochen (weil optisch teils schon vor längerer Zeit gesprüht) zeigt, macht mir ein mulmiges Gefühl im Magen. Da kann auch das wunderschöne, tiefblaue Meer kaum ablenken.

Die Strasse selber wird immer kleiner, die Dörfer gleichen griechischen Postkartenmotiven. Weiß getünchte Häuser in karger Landschaft vor einem Meer, das sich farblich am Horizont nahtlos mit dem wolkenlosen Himmel verbindet. Fast eine Randnotiz: es ist schon wieder knapp unter 40 Grad. Die Strasse endet in dem Örtchen Skoutari, hier befindet sich knapp oberhalb des Strandes ein kleiner „Parkplatz“. In Anführungszeichen, weil dieser Parkplatz wahrscheinlich einfach nur das Ergebnis von Erosion ist, nicht von Planung. Mehr oder weniger große Felsen gucken überall hervor und ich schaue, dass ich zum einen nicht mehr als nötig im Weg stehe und zum anderen nicht komplett auf Offroad umschalten muss. Jedenfalls bin ich um Bodylift und Unterfahrschutz sehr dankbar, spätestens als ein dicker Brocken an letzterem kurz anklopft und darauf hinweist, dass ich die Parkposition erreicht habe.

Ich nehme mir eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank, setzte meinen nicht schönen aber sonnenschützenden Wanderhut auf und schnüre meine Wanderschuhe. Vor mir liegt eine Kletterpartie über ziemlich viel Geröll und Felsen, da hab ich lieber was Richtiges an den Füssen. Zuerst aber gehe ich zum Todesorakel des Poseidons. Dieses liegt über einer kleinen Höhle, hier soll sich der Eingang zur Unterwelt befinden. Vom Poseidontempel mit Orakel ist nur eine kleine Kammer mit Vorraum erhalten geblieben, alles in eher schlechtem als gepflegtem Zustand, einer Mauer, die den Tempel umgibt ist, wahrscheinlich durch unachtsame Tourist:innen zum Teil eingerissen worden. In der Kammer befindet sich ein Altarstein, auf diesem ein (neuzeitliches) wachsüberströmtes, urnenartiges Gefäß sowie ziemlich viel Tinnef drum herum. Die Legende besagt, man solle hier Poseidon ein Opfer bringen, damit dieser nicht erzürnt sei. Ob Psoeidon sich das mit neoesoterischen Kerzchen-Gebimsel und Touri-Schrott so vorgestellt hat…ich bin mir da unsicher. Meine Geschichtskenntnisse sagen jedenfalls, dass diese antiken Götter und Göttinnen andere Opfer gewöhnt sind und wenn ich einer von denen wäre, und mein Alter sähe so aus…naja. Besänftigen würde mich das nicht. Aber man kann sich da ja nie sicher sein, ich möchte jetzt auch nicht Gefahr laufen, wegen einer Fehlinterpretation am Ende den Zorn Poseidons auf mich gezogen zu haben und überlege erst, einen der stabilen Bodenanker fürs Camping zu opfern. Würde sich sicher prima am Ersatzspitze am Dreizack machen. Da ich aber auch ein Freund von „lease no trace“-Tourismus bin, entscheide ich mich, Poseidon einen ordentlichen Schluck Wasser zu opfern. Es ist Bullenhitze und wenn sich nicht Poseidon drüber freut, dann der Busch neben dem Altar. Und das sollte Poseidon doch auch besänftigen, Grünüflanzen verschönern ja jedes Raumambiente und wenn Poseidon ein bisschen menschlich ist – was die griechischen Götter und Göttinnen ja in der Regel sind – dann wird er das wahrscheinlich mit dem Gießen auch nicht so haben. Deswegen: gern geschehen und nicht sauer sein, Poseidon. Und unter uns: Aquaman ist eine richtig schlechte Kopie. Fast absurd peinlich. Geht halt nix übers Original.

Vom Orakel aus mache ich mich auf den Weg zum Kap. Ich hatte in dem Artikel „Das Todesorakel des Poseidons“ bereits die Facts zum Kap kurz zusammen getragen und viel mehr gibt es tatsächlich auch nicht zu erzählen. Der Weg ist anstrengend, die Sonne ballert und ein Großteil des Weges ist auf der dem Wind abgewandten Seite. Irgendwann stehen drei Pferde auf dem Weg und gucken mich dumm an, gehen aber nicht beiseite. Alles schnalzen, pfeifen, klatschen und rufen hilft nicht, ich bin am Ende der dumme Esel und kletter den Hang entlang um die Pferde herum. Die mir dabei zu gucken, ich glaube, spöttisches Grinsen zu sehen. Wahrscheinlich kennt irgendwer einen super Trick um Pferde wegzuscheuchen, ich finde die Teil schwer imposant und näher mich denen eigentlich nur ungern. Erst recht wenn sie da einfach so frei und unkontrolliert rumstehen.

Das Kap selber ist eine Felsnadel, die ins Meer hinaus ragt, sie ist die Südspitze der Halbinsel Mani, die von der Peleponnes abgeht. Ist auch irgendwie witzig: die Halbinsel an der Halbinsel. Auf ihr steht ein Leuchtturm und ansonsten gibt es da eigentlich nur Wasser zu sehen. Ich setze mich in den Schatten des Turms und erhole mich ein wenig. Ein bisschen ist es mit dem Kap Tenaro wie mit dem Nordkapp. Es ist ein Zielpunkt für eine Reise, auf der die Reise der wichtige Moment ist. Das Ziel ist nur Mittel zum Zweck.

Erfrischt mache ich mich auf den Rückweg, die Pferde haben jemanden anderen zum ärgern gefunden und lassen mich stressfrei passieren. Am Auto bediene ich mich noch einmal aus der kühlen Minibar und mache mich dann auf den Weg. Irgendwo (ich habe mir die Stelle nicht gemerkt und im Tracking ist das nicht mehr ganz nachvollziehbar) möchte die freundliche Dame im Radio anders abbiegen als wir auf der Hinfahrt gefahren sind. Da sie heute aber alles hervorragend gemacht hat und bestimmt weiß, was sie da tut, folge ich ihr. Die STrassen werden itzibitzi klein, es geht in engen Kurven einen Berg rauf, ganz oben möchte die Lady rechts abbiegen. Schotterpiste, geschätzte 2,2 Meter breit. Ich bin mir unsicher. Sehr unsicher. Also steige ich aus und laufe die ersten zwei, drei Kurven voraus. Sieht machbar aus. Nach der vierten Kurve endet die für mich befahrbare Straße. Tief ausgewaschene Furchen lauf schräg über die Piste, platzmäßig wegen Abhang links und Berg rechts keine Möglichkeit drum herum zu kurven. Ich muhte dem 145 ja echt viel zu, aber das ist zu viel des Guten. Mit einem Geländegängigem Fahrzeug und Allrad würde ich das schmerzfrei machen – mit einem Leichenwagen? Nein. Klares Nein. Auch wenn das bedeutet, dass ich rückwärts den schmalen Weg zurückkurve und somit wieder auf der Spitze des Berges stehe. Was ist denn mit der Strasse weiter gradeaus? Leider endet diese in wenigen Kilometern im Nichts. De facto sitze ich also in einer Sackgasse. Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Abzweigung zum Wenden zu nutzen und den ganzen Berg wieder zurück zu fahren. Das ist der Moment, wo sich die freundliche Frau im Radio der Hitze hingibt und den Dienst quittiert. Also kommt das Handy bis zum Fuß des Berges in die Kühlbox und ich mache mich an den Abstieg.

Das Ganze kostet mich zwischen anderthalb bis zwei Stunden, schwer zu sagen. Jedenfalls bedeutet es etwas später auf der Strecke, dass ich am archäologischen Museum in Sparta abgewiesen werde. In 40 Minuten schließen die nämlich und schmeißen grade nach und nach die Gäste raus, neue kommen nicht mehr rein. Bisschen bitter, da hatte ich mich drauf gefreut. Ich werde zur archäologischen Ausgrabungsstätte verwiesen, da könnte ich noch hin. Die Aussicht, bei der Hitze durch eine nicht-schattige Ausgrabung zu laufen ist aber echt unattraktiv. Also skippe ich Sparta.

Der Rest ist schnell erzählt: ab ins Versteck, den 145 bei Giannis geparkt, kurz mit der alten Lady gekuschelt (seinem 14 Jahre altem Schäferhund, kein Grund zur Aufregung!), geduscht, Abendessen und diesen Artikel geschrieben. Morgen klingelt wieder der Wecker. Das Auto muß gepackt und dafür alles hochgetragen werden und um 10:30 darf ich kurz in einer ViKo arbeiten. Das ist hoffentlich bis 12 Uhr erledigt, dann will Giannis hier sauber machen für die nächsten Gäste. Ich werde also Mittags hier irgendwann losmachen und mein Ziel ist es, die Peleponnes wieder zu verlassen. Ist mir hier in Griechenland einfach zu heiß, ich werde es mal mit den albanischen Hochebenen versuchen.

1 Kommentar

  1. Ich kann mich an dich noch gut erinnern, du bist uns, als wir am Rückweg vom Cap waren entgegen gekommen. Die drei Pferde sind uns natürlich auch im Weg gestanden. Aber mit ein wenig Respektabstand sind wir an ihnen vorbei gegangen. Zurück am Bus, war ich natürlich Feuer und Flamme für deinen wundbaren VOLVO. Mein Vater hatte in den 7ern einen 144S und ich hatte in den 9ern einen 245 D6 darum meine Liebe zu VOLVO. Darum musste ich dein Auto auch sofort fotografieren.

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