Tag 22 – Angst.

Von Camping Legjenda nach Krushevo

349 km

20l getankt

Die Nacht war kalt, deutlich unter 20°. Ich musste irgendwann aufstehen und mir den dicken Schlafsack holen. Entsprechend gerädert wache ich morgens auf. Geregnet hat es auch die ganze Nacht, entsprechend packe ich ein nasses Zelt ein. Für heute Abend habe ich ein Hotel gebucht, bedeutet also spätestens morgen oder übermorgen brauche ich die Möglichkeit, das Zelt gründlich trocknen zu lassen.

Heute wäre das wahrscheinlich eh nichts geworden: die Wolken hängen tief und für einen Großteil meiner Route ist Regen angesagt. ist ja irgendwie alles durcheinander, erst regnet es ewig nicht, dann sauviel. Das Ergebnis sind dann Überschwemmungen, Erdrutsche und ähnliches. Ich bin saufroh, mich gegen die Kroatien/Slowenien-Hinterland-Route entschieden zu haben, das entwickelt sich bzw. ist bereits ein Katastrophengebiet. Das mir Erdrutsche dann heute auch zu schaffen machen werden, ahne ich jetzt noch nicht im entferntesten. Auch nicht, dass ich Angst auf einem neuen Level kennen lernen werde.

Ich starte erst einmal mit Stau und Nieselregen. Aus Shkodra raus folge ich der E762 Richtung Süden. Ich hatte hin und her überlegt, ob ich die „kurze“ Route über den Kosovo nehmen soll, ich hätte dort an der Grenze aber eine Autoversicherung (die, unterschiedlichen Angaben zu Folge zwischen 15 und 25€ kostet) kaufen müssen. Das fand ich too much für einen halben Tag Transit, also ist der Grenzübergang Blato für die Grenze Albanien/Nord-Mazedonien mein Zwischenziel. Dafür biege ich bei Milot Richtung Osten auf die A1 ab um fast unmittelbar wieder auf die SH6 zu wechseln. Die ganze Zeit hängen die Wolken tief an den Bergen, es fisselt oder regnet durchgängig.

Ich hab ne ordentliche Portion Respekt vor der SH6. Katrin und ich sind diese Straße im Rahmen der 20Nations 2018 gefahren und haben beide keine guten Erinnerungen daran: ich war am Ende der Straße mit meinen Nerven am Ende, Katrin hat diese Etappe nur mit geschlossenen Augen und auf mich hoffend ertragen. Die SH6 war 2018 ein absurd gefertigtes Stück Asphalt. Im Blogartikel von damals beschrieb ich das Ganze, als hätte jemand mehrere Tonnen Teer genommen und den Berg runtergekippt. Und so, wie der Teer lief, so ist dann der Straßenverlauf. Was damals nicht bedeutet hat, dass durchgängig Belag da war. An dem Tag war es heiß und sehr staubig, die Straße war krass ausgelastet und trotz sehr, sehr enger Fahrbahn gab es einen Haufen Albaner (!), die das Leben nicht wertschätzten und absurde Überholmanöver starteten. Ergänzt um richtig viel Schwerlastverkehr der zwangsläufig von der Fraktion „nie Schwung verlieren“ war, dafür aber auch mal durch den Gegenverkehr überholend. Alles in allem ein einziges Chaos. Gesäumt wurde die Strasse nicht, Leitplanken oder Randsteine gab es nur sehr sporadisch, dann aber auf jeden Fall optisch kaputt. Was es hingegen viel gab: Kreuze, Kerzen und Bilder von Toten. Als unser Auto auf den Bodenwellen abhob und keinenBodenkontakt mehr hatte, war es für uns beide gelaufen.

Die Strecke fängt an, wie ich sie in Erinnerung habe, allerdings muss ich zugeben, das ist nichts, was ich in den letzten Wochen nicht bereits gefahren bin. Was ein deutlicher Unterschied ist: es gibt kaum Verkehr. Man merkt den albanischen Backroads deutlich an, dass es mittlerweile große Transittrassen gibt, der Last- und Güterverkehr muss sich nicht mehr durch die absolute Pampa quälen. Streckenweise sehe ich gar kein Auto, dafür viele Straßenhunde in mehr oder weniger schlechten Zuständen. Die Strasse folgt am Anfang dem Fluss Mat durch einen eingen Taleinschnitt im Skanderbeggebirge. Hinter dieser Gebirgskette liegt der Fluss Dhrin, dem ich die letzten Tage gefolgt bin, das Gebirge selber ist nach DEM albanischen Nationalhelden benannt. Ursprünglich hieß die SH6 auf albanisch „Straße des Lichts“ da ihre ersten Abschnitte zur Erschließung der entsprechenden Täler und später zum Bau des Ulza- und des Shkopet-Stausees dienten. Entlang der SH6 läuft derzeit ein gigantisches Infrastrukturprojekt, in dessen Rahmen Brücken gebaut und Tunnel gebohrt werden, um eine Schnellstrassenüberquerung des Gebirges möglich zu machen – und die SH6 damit nur noch zu einer lokalen Bedeutung zu degradieren.

Große Teile der SH6 sind mittlerweile instandgesetzt, man kann entspannt auf ihr fahren. Der wirkliche Horrorpart von 2018 ist sogar durchgängig neu asphaltiert und beleitplankt. Die SH6 hat ihren Schrecken verloren, wurde angesichts der unglaublich vielen Toten-Tafeln an ihren Rändern aber auch Zeit.

Bei Bulquiza quellt delas Flüsschen Zalli, diesem folgen SH6 und ich bis zur Mündung in den Dhrin. Diesen überquere ich kurz vor Topojan um zum Grenzübergang zu fahren. Dieses Mal sind die Papiere kein Problem, die Kühlbox hinter dem Beifahrersitz ist es. „Hund? Papiere!“ werde ich aufgefordert. Ich sage „No dog, fridge. Cold food and drinks“, mir wird aber nicht geglaubt, das schauen sie sich lieber aus der Nähe an. Und glauben mir dann. Das alles passiert an der albanischen Ausreise und mich irritiert das: das ganze Land ist voll mit verwahrlosten Hunden. Ob hier jetzt einer ausreist oder nicht, kann doch eigentlich nur egal sein. und sollte es doch nicht egal sein, immerhin ist ein albanischer Hund immer noch ein albanischer Hund, dann könnten die sich ja mal um die albanischen Hunde kümmern. Ich hab nämlich bei ein, zwei Exemplaren, die mir über den Weg gelaufen sind nach Tierheimen gegoogled und eine erschreckend kleine Anzahl und von meinen damaligen Standorten nicht zu erreichen gefunden. Naja. Grenzen.

Also ab nach Nord-Mazedonien. Warm sind wir bisher nicht geworden. Ich hab ein Hotel in Krushevo vorgebucht, wegen Gleitschirm-WM und einigen Rallyeteams die schneller als wir waren konnten wir 2018 da nicht einchecken und hatten eine wirklich schlimme Nacht im Hotel Skorpion, das soll jetzt wieder gut gemacht werden. Die Route kenne ich bereits, einmal nördlich um den Mavrovo-Nationalpark herum. Es gibt eine kürzere Strasse quer durch, die haben wir 2018 probiert und es gelassen. Das Team Autonick mit einem sehr offroadtauglich umgebauten G-Klasse Benz ist die Strecke gefahren und irgendwann einfach querfeldein weil nicht mehr klar war, wo es lang gehen sollte.

Während ich also eigentlich auf die Umfahrung vorbereitet bin, bietet mir GoogleMaps eine sieben Minuten schnellere Route an. Jene Strasse einmal quer durch. Okay, denke ich, das machen wir. Ich folge der asphaltierten Strasse bis zu einer Abzweigung, genau hier hatten wir aufgegeben. Da ist noch Asphalt, also fahre ich weiter. Irgendwann hört der Asphalt auf und eine sehr breite Piste mit losem Schotter liegt vor mir. Auch nichts, was ich in den letzten Wochen nicht schon gesehen habe. Ich fahre weiter, mir kommen zwei, drei hier sehr verbreitete alte Golfs entgegen, auch das wiegt mich in Sicherheit. Ich folge der Piste, große Baumaschinen stehen am Rand, in die Felsen sind breite Schneisen für die Trasse geschlagen worden. Offenbar wird hier die Straße gut ausgebaut. Wahrscheinlich das nächste Infrastrukturprojekt. Irgendwann wird die Trasse enger, aber der Untergrund bleibt unverändert. Ich sehe kein Problem und fahre weiter, bis ich um eine Kurve fahre und mich auf einem sehr schmalen, aufgeschütteten Wall befinde. Links geht es sehr weit runter, rechts nur ein bisschen weit. Das ist mir nix, ich halte an um kurz nachzudenken und abzuschätzen, ob ich hier gefahrlos zurücksetzen kann. Das Ganze dauert keine drei Sekunden, da merke ich, wie mein Heck anfängt, abzusacken. Der aufgeschüttete Wall mit Weg oben drauf ist instabil. Obs vom Regen ist, keine Ahnung, ich denke nicht lange nach und fahre vorwärts, weg vom Absacken.

Nach einem Stückchen habe ich wieder festes Geröll unter den Reifen, kann stehen bleiben und in Ruhe die Lage peilen. Ich steige aus, gehe zurück und stelle fest, dass ich im Leben nicht noch einmal über diesen Wall fahren werde. Bereits zu Fuss bröselt er, es ist fast ein Wunder, dass er den 145 getragen hat. Bleibt also nur der Weg nach vorne. Für gute 10 Kilometer Strecke werde ich über zwei Stunden brauchen. In dieser Zeit baue ich aus Holz behelfsmäßige Stege, um tiefe Matschpassagen zu durchfahren, schleppe riesige Steine aus dem Weg und mache mehrmals zehn Kreuze, dass ich diesen massiven Unterfahrschutz aus 4mm Edelstahl habe, verliere mehr als einmal in Hängen den Grip und kann diverse Male die Spur nicht halten. Irgendwann sind meine Sommerreifen so mit Schlamm zugesetzt, dass ich auf grader Ebene komm vorwärts komme. Zweimal bezweifel ich, dass der Volvo das Hindernis beladen schaffen wird und entlade deswegen alles, trage es hinter das Hindernis, komme Gott sei Dank durch und belade das Auto neu. Natürlich ist der Verlauf der „Strecke“ nicht identisch mit GoogleMaps, ich habe keine Ahnung wo ich auf diesem Berg bin, zweimal lande ich nach viel Arbeit in Sackgassen und ich komme eigentlich mit mehr Glück als Verstand aus der Nummer raus.

Irgendwann dämmert mir, dass ich richtig schlimm in der Scheiße sitze. Ich habe keinen Empfang. Es ist mittlerweile später Nachmittag und droht bald dunkel zu werden. Das ist eine Umgebung, dafür werden Geländewagen gebaut. So mit richtiger Bodenfreiheit und Allrad und Untersetzung. Das ist alles andere als Gelände für normale PKW. Ich fahre häufig sehr nah am Abgrund entlang, meistens eher rutschend als spurtreu. Obwohl es recht kühl ist, läuft mir der Schweiß in Strömen runter. Meine Brille beschlägt ständig, meine Herz rast, ich merke, wie ich nicht mehr klar denken kann. Und treffe eine Entscheidung. Ich werde mich der Angst nicht hingeben. Das mache ich, wenn ich hier raus bin. Oder klar ist, das nix mehr geht und ich hier das Zelt aufklappe und auf die Bauarbeiter morgen früh warte. Jetzt werde ich Angst und Panik runterkämpfen und einen Weg hier raus finden. Und das klappt. Irgendwie. Als ich wieder Asphalt unter den Reifen habe, hole ich mir aus der Kühlung (keine Hundebox!) eine Dose Cola, setze mich auf die Stoßstange und merke, wie meine Hände zittern. Heilige Scheiße. Das war echt hart. Aber ich bin da raus. Alleine. Die verblassende Angst macht Stolz Platz.

Ich rutsche einmal soweit es möglich ist durch, unter und um das Auto, das scheint diesen absurden Ritt ganz gut verpackt zu haben. Keine offensichtlichen Schäden, der hintere, nachträglich eingebaute (und dadurch sehr tief hängende) Stabilisator hat ein paar mal Feindberührung gehabt, da muss ich zu Hause ein bisschen Korrosionsschutz drauf machen. Oder das Ding abbauen, hat eh nicht den gewünschten Erfolg gebracht, es schien mir bei Montage eher egal ob der da ist oder nicht.

Die letzte Stunde bis Krushevo vergeht schnell, ich bin ziemlich erschlagen. Vor dem Hotel sind alle Parkplätze belegt, ich habe ein DejaVu: es ist Gleitschirm-WM. Ich muss hysterisch lachen, Nord-Mazedonien, du willst mich doch verarschen?

Das Hotel ist okay, ortsüblicher Vier-Sterne-Standard. Von vor zwanzig Jahren. Aber es ist sauber, ich finde das Zimmer mit Blick vom Balkon über Krushevo ganz nett. Schnelles Abendessen im Restaurant mit dem schlechtesten Service, den ich jemals erlebt habe, da kann das Essen an Feierwürdigkeit fast mithalten. Ist mir grade alles egal, ich bin hier, dank booking.com-Wallet (so ein Bonusprogramm von denen) kostet mich das Zimmer nichts und das Abendessen kommt mit Getränk auf 6€, da darf man wahrscheinlich nicht viel erwarten. Anschließend haue ich mich ins Bett, schreibe noch diesen Artikel und werde zum Runterkommen noch ein, zwei Folgen Serie gucken. Und einen Plan für morgen machen. Eins steht jetzt schon fest: raus aus diesem Land.

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