von Krushevo zum Eco Camping Batak
401km
57l getankt
Gestern steckte mir die Nacht über noch in den Knochen. Entsprechend unrund bin ich in den Tag gestartet, da hat das nur mäßig okaye Frühstück jetzt auch nicht für Besserung gesorgt. Nord-Mazedonien, ich glaube, aus uns wird nix und es liegt definitiv an Dir.
Ich hab mir gestern Abend eine etwas längere Route an einen See in Bulgarien rausgesucht, Campingplätze am Wasser waren bisher ja immer eine ganz gute Wahl. Dort will ich zwei Nächte bleiben und mir einen Plan für die nächste Zeit überlegen, das Wetter wird zunehmend unkonstanter und ich habe ein wenig Sorge, dass die heftigen Unwetter meinen Weg kreuzen.

Heute wird also ein Transittag, raus aus Nord-Mazedonien bevor es mich wirklich noch umlegt. Ich fahre Richtung Prilep und dort auf die A1. Was sich wie Autobahn anhört ist eine gute ausgebaute Landstrasse. Einspurig, durch zugegeben sehr schöne Landschaft. Waldig ist hier, es ist ein wenig, als würde ich durch die Eifel fahren. Diverse große Baustellenabschnitte halten mich auf. Und nerven mich: Baustellen auf dem Balkan werden nach einem Grundprinzip organisiert: man reißt als allererstes kilometerweit die gesamte Fahrbahn auf und hinterlässt eine buckelige Schotterpiste. Warnschilder vorab werden natürlich nicht aufgestellt, von jetzt auf gleich reißt die Fahrbahn ab und man kann gucken, wie man klar kommt. Dann verteilt man zufällig und sinnlos Haufen mit mehr Schotter auf der Fahrbahn so dass Engpässe entstehen. Und irgendwo wird ein bisschen gearbeitet. Das muss aber auf jeden Fall so aussehen, als würde es auf Heimwerkerniveau stattfinden.

Ich hatte mir beim losfahren geschworen, keine Schotterpisten mehr zu fahren. Jetzt muss ich wieder. Das zermürbt mich ein wenig. Aber gut. Wenn schon die Hauptverkehrsstrassen schlecht sind, dann weicht man sinnvollerweise nicht auf die Nebenpiste aus. Die Strecke durch Mazedonien zieht sich ewig, ich hab wenig Lust, mich mit dem drumherum zu beschäftigen. Ich will hier raus.

Am Grenzübergang Delchevo wird mir das noch einmal richtig schwer gemacht. Am Ausreisepunkt Nord-Mazedonien stehen vor mir vier Autos, es dauert fast eine dreiviertel Stunde bis ich dran bin. Ich reiche dem wichtigen Menschen meine Papiere in seinen Schlitz, er legt sie beiseite und macht nix. Bewegt ein paar Mal seine Maus ohne irgendeine Taste zu drücken, guckt auf seinen Bildschirm. Ich bin überzeugt, der guckt YouTube. Meine Unterlagen liegen immer noch neben ihm. Irgendwann ist er bereit sich diesen zu widmen, es folgt noch mehr Mausgewische ohne Geklicke, dann darf ich ausreisen. Die Einreise nach Bulgarien ist eine einzige Baustelle, Bagger und LKW stehen herum, Menschen in Warnwesten der Baufirma erlauben random manchen Autos weiterzufahren, anderen nicht bis es vor mir deswegen fast eine Schlägerei gibt. Fast als wäre es kein Zufall, ist auf einmal der LKW-Fahrer vor dem Auto, dessen Fahrer sich intensiv über die „Verkehrsregelung“ der Bauarbeiter beschwert hatte, nicht mehr aufzufinden und als er endlich auftaucht, fehlen seine Papiere. Er blockiert somit die durch Baustelle bedingt einzige Einreisespur. Ein Schelm wer Böses denkt. Meine Einreise geht flott, hinter der Grenze halte ich um SIM-Karte und Netz zu wechseln und um die in Bulgarien für alle Staatsstrassen (also auch Landstrassen) notwendige Maut zu kaufen. Dank diesem Internet geht das flott und unkompliziert.

Ab der Grenze fahre ich über die 106 bis Zelenodol, wechsel dort auf die A3 um ziemlich schnell wieder auf die Landstrasse 19 zu fahren. Neben der A3 sehe ich auf einmal einen Schwarm sehr großer Vögel, bestimmt 30 Stück, in der Thermik Kreise drehen. Ich halte auf dem Seitenstreifen (das ist auch mehr Landstrasse als Autobahn, geht also klar) und beobachte das eine ganze Weile. Es sind Weißstörche, wahrscheinlich Jungtiere und ich gehe davon aus, dass sie sich für den Zug in den Süden sammeln. Erfahrene Weißstörche starten meist erst Mitte August, Jungtiere aber ca. zwei Wochen früher. Da sie von Bulgarien aus starten, gehören sie aller Wahrscheinlichkeit nach zu den Vögeln, die über den Bosporus, das Jordantal und die Sinaihalbinsel über das Niltal, den Sudan Richtung Ostafrika fliegen, gute 10.000km. Nach einiger Zeit wünsche ich ihnen Glück für die Reise und mache mich selber wieder auf den Weg.

Meine Mission: Bargeld und Essen. Ich brauche ein bisschen Vorräte für die kommenden Tage und meine Erfahrung im Osten Albaniens lässt mich lieber ein bisschen Cash auf der Tasche haben. Einkaufen gehen gestaltet sich einfach, auch wenn ich die Labels nicht lesen kann. Aber ein Supermarkt ist ein Supermarkt ist ein Supermarkt, die haben ja alle eine ähnliche Logik und ich bekomme alles, was ich brauche. Viel schwieriger gestaltet sich die Suche nach einem Geldautomaten. Das erste Mal führt die heute offenbar nicht ganz so ortskundige Frau im Radio in ein Dorf, wo mir beim Durchfahren alle Bauchgefühle sagen, dass hier safe kein Geldautomat ist. Sie haben Recht. Der zweite Geldautomat soll in einem Hotel sein, so ein riesiges Spa-Diesdas-Teil, ich parke vor der Tür, finde direkt den Geldautomaten – der defekt ist. Die Rezeption kann mir nicht weiterhelfen, wo hier noch ein Geldautomat sei wisse man nicht. In dem Städtchen Bansko werde ich dann in der Fussgängerzone fündig und mache mich auf Richtung anvisiertem Campingplatz.
Ich fahre durch den Nationalpark Rila, die Strasse ist unglaublich schön. Gut asphaltiert, hier und da kleine Veränderungen der Fahrbahnbeschaffenheit, aber nix wildes oder etwas, was ständiges Scannen der Strecke vor einem notwendig macht. Sehr organisch folgt die Route der Landschaft, Kurven, Hügel und Senken wechseln sich ab. Es ist so eine Strasse, auf der man das Auto ganz wunderbar und ungestresst entlangfliegen lassen und durch die Kurven schmeissen kann. Und ich mag solche Strassen ja. Und habe sehr viel Spaß. Das heilt auch ein wenig das Gestern. Als ich gestern wieder Asphalt unter den Füßen hatte, da wollte ich eigentlich auf dem schnellsten Weg heim. Ich hatte richtig keinenBock mehr. Heute hat dieses Gefühl besänftigt. ich merke trotzdem, dass ich bereits lange unterwegs bin.

Der Nationalpark Rila hat den mit 2925m höchsten Gipfel der Balkanhalbinsel, Musala mit Namen. Es gibt hier 120 Trichterseen, also Seen in Vulkanschloten, während der Schneeschmelze bilden sich weitere Seen. Es gibt vier Wildreservate, zwei Biosphärenreservate und er ist ein zertifiziertes Wilderness-Gebiet. Mein Eifel-Gefühl kommt wieder auf. Es ist keine herausragende Schönheit hier, nichts außergewöhnliches oder besonderes. Die Natur um mich herum habe ich dergestalt schon mehrfach in Europa gesehen, das macht sie aber ja nicht weniger schön. Ich mag das satte Grün der Mischwälder, die sich über Hügel- und Bergkämme ergießen und der Landschaft einen homogenen und fließenden Anstrich geben. Ich mag es, wenn dazwischen Bäche und Flüsse wild vor sich hinplätschern und in Seen oder Talsperren münden. Das hat eine ganz eigene, ruhige Schönheit.
Ich komme spät am Campingplatz an, die freundliche Frau im Radio war mit sechs Stunden Fahrzeit etwas optimistisch, Einkaufen, Geldautomaten suchen und Störche gucken packen noch zusätzlich Zeit on top. Ich baue mein Lager auf, esse ein paar Schnitten und bin mit dem letzten Abendrot fertig fürs Bett.
