Von Eco Camping Batak nach Koprinka
255km
29l getankt
Die erste Nacht in Batak war kalt und regnerisch. So regnerisch, dass ich am nächsten Morgen gegen aufkommende Notwendigkeiten meines Körpers versuchte anzukämpfen in Hoffnung auf die aufgehende und dann wärmende Sonne. Die sollte sich nicht zeigen und irgendwann wurde es dringend. Und was sich gestern Abend bereits abzeichnete Gewissheit: das Essen in Krushevo war nicht nur mäßig begeisterungsfähig, mein Körper tat alles dafür, dieses wieder loszuwerden. Ein Träumchen. Wer möchte nicht bei regelmäßigen Porzellanabteilungsbedarf auf einem Campingplatz am Hang sein, zwei Etagen unter der benötigten Abteilung. Um den Tag endgültig mies zu machen, regnete es einfach weiter und es blieb kalt. So kalt, dass ich lange Hose, Kapuzenpullover, Jacke, Wollsoscken und Wanderschuhe auspacken musste.
Entsprechend verbrachte ich den Tag unter dem Vordach von meinem Dachzelt und zwei Etagen rauf und runterpendelnd. Da der Campingplatz ganz gut auf Click- und Remote-Worker*innen eingestellt ist (also eine schnelle Kaffeemaschine und flächendeckendes, sehr gutes WiFi hat) konnte ich entspannt Serien gucken. Mehr gibt es von diesem Tag, an dem die extra eingekauften Vorräte unangetastet blieben, leider nicht zu berichten.
Gegen Abend wurde es immer kälter, mein Handy verriet mir, dass es die Nacht deutlich unter 10° werden sollte und so entschied ich mich für eine Nacht in Socken, langer Hose und Kapuzenpulli. Bisschen absurd. Vor etwas mehr als zwei Wochen war es zum Schlafen so heiss, dass ich auf Hängematten ausgewichen bin, jetzt friere ich mir den Allerwertesten ab. Und natürlich regnet es gegen Morgen auch noch.

Den verbringe ich erst einmal wieder mit Geschäften, also kein Frühstück für mich. Ich fühle mich ansonsten wohl und beschließe, heute aufzubrechen. Mein Bauch brauch vielleicht einfach etwas Abstand von Nahrungsmitteln. Ich baue also ein nasses Zelt ab, packe meinen Kram zusammen und mache mich auf den Weg. Ich trinke Wasser, Flüssigkeit muss ja aufgefüllt werden und alles scheint erstmal ganz okay. Die freundliche Frau im Radio bekommt die Arbeitsanweisung, mir keine Autobahnen in die Route zu rechnen und wir fahren über die 37 den Bergrücken hinunter. Die Strasse mäandert sich durch Schluchten und dichte Wälder, es ist noch frühmorgendlich kühl, dort wo die Sonne schon durchsticht ist Bodennebel. Es riecht nach Regen, feuchtem Waldboden und dem Bach neben der Strasse. Mein Kopf ist genauso leer wie mein Bauch, nur drückt er dabei nicht so unangenehm. Ich rolle die Strasse hinunter ins Tal und der Tag fühlt sich jetzt bereits richtig gut an.

Bis Peschtera fahre ich durch dieses frühmorgendliche Waldidyll dann wechselt ich auf die 375 und erinner mich wieder, was ich an bulgarischen Landstrassen in den Ebenen so beeindruckend fand: das sind grade Linien in der Landschaft, man merkt richtig, wie sich die Planer*innen damals geweigert haben, in der Fläche Weg-Kontingent zu verschwenden. Wie mit dem Lineal gezogen reihen sich hier die Kilometer aneinander. Dabei sind sie fast immer von dichtem Busch- und Baumbestand umgeben, der auf die Fahrbahn wächst. Und so sehr man sich bei der Gradlinigkeit Mühe gegeben hat, so sehr hat man bei der Planhaftigkeit geschludert. Ordentlich verdichtet worden kann der Untergrund nicht sein. Die Strasse wankt von links nach rechts, hat Senken und Bodenwellen. Alles nicht schlimm wenn man wie ich mit 70-90km/h unterwegs ist (wir haben Nachts bei den anderen beiden Touren durch Bulgarien aber durchaus funkenschlagende Einheimische gesehen), es fährt und fühlt sich nur wie ein Schiff bei kabbeliger See an. Und wenn man lange genug auf diesen Straßen fährt, dann geht man nach dem Aussteigen auch wie ein Seemann. Also ich. Katrin würde wie eine Seefrau gehen. Aber so unter uns: unwitzig ist so eine Fahrbahnbeschaffenheit nicht.

Auf meinem Weg fahre ich durch etliche Dörfer und Kleinstädte, denen der bulgarische Kommunismus seinen architektonischen Betonstempel aufgedrückt hat. Ich bin immer wieder irritiert, wie ich ein DejaVu nach dem nächsten habe, weil die Städte alle so gleich aussehen. Häufiger hatte ich in den letzten Wochen an Kreuzungen oder ähnlichen Punkten den Eindruck, hier schon einmal gewesen zu sein. Ohne das ich es war. Das macht es halt, wenn die Bauten einschließlich allem drumherum vom gleichen Reißbrett stammen. Was mir aber auch auffällt: zu dem benutztem Baukasten gehörte auch Grün. Zwischen jedem Plattenbau sind grüne Inseln, die meisten Hauptverkehrsstraßen sind in Alleeform angelegt und am Alter der Bäume kann man erkennen, dass dies zeitgleich mit den Quartieren passiert sein muss. Etwas, was mir bei modernen Quartieren häufig fehlt. Und, mit dieser Meinung stehe ich sicherlich nicht alleine da, Grünflächen, Bäume, Büsche und ähnliches machen Lebensraum doch qualitativ wertvoller als Beton und Asphalt alleine.

Ich fahre bis in die Stadt Stara Segora, dort fahre ich in den 1977 eröffneten Memorial Park mit seinen Denkmälern „Die Verteidiger von Stara Segora“ neben der „Flagge von Samara.“. Beides erinnert an das Jahr 1877 als der bulgarische Unabhängigkeitskrieg auf seinem Höhepunkt war. In der Nähe von Stara Segora widerstand eine Handvoll Opalchentsi (die bulgarische Freiwilligenarmee) der osmanischen Armee, sterben am Ende natürlich alle, die Stadt wird geschleift (aber später wieder aufgebaut), 14.500 Zivilist*innen getötet und natürlich ist das der Stoff für Heldenmärchen. So stehen diese Kämpfer sinnbildlich für Mut, Selbstlosigkeit und bedingungslose Aufopferung für das bulgarische Vaterland und seine Freiheit. Olé. Das man 100 Stufen (weil 100 Jahre später gebaut) zu den Helden empor steigen muss, wirkt da schon fast witzig.

Neben den Kämpfern (sechs Opalchentsi und ein russischer Offizier) steht die Flagge von Samara, die von jenen für immer bewacht wird. Wie genau diese Fahne wichtig ist, konnte ich nicht konkret recherchieren, sie scheint sowas wie ein nationales Heiligtum zu sein, superwichtiges Militär-Diesdas. Sie wurde während der Schlacht um Stara Segora fast von den Türken erobert, ein namentlich bekannter Soldat opferte sein Leben, damit das nicht passiert und bums – nächste Heldengeschichte.

Was mich anzieht ist die Kraft und der Ausdruck dieser Monumente. Der eskalative Gebrauch von Beton, die eingebetteten Metallstatuen sind beindruckend. Die Formensprache brutalistischer Denkmäler – und auch Gebäude – mit ihrem Versuch, ein objektives Verhältnis zur Realität zu finden finden ich unglaublich reizvoll, vor allem da der Sichtbeton ja auch den Lauf der Zeit und der Gegebenheiten widerspiegelt. Obwohl das Denkmal, immerhin eines der wichtigsten in Bulgarien, gut gepflegt ist, zeichnet das Wetter den Beton, die stählernen Bodenplatten korrodieren und Grünspan läuft von den Standbildern der Soldaten über die umgebenden Oberflächen. Das, finde ich, macht jetzt, im Schnitt gut 50 bis 60 Jahre nach dem Bau den besonderen Reiz dieser Archtiektur und Kunstform aus.
Von Stara Segora ist es nicht weit bis zu dem in Bulgarien wohl sehr ambivalent betrachtetem, international aber ultrabekanntem Gebäude, dem Buzludzha Monument auf dem Chadschi Dimitar. Das Gebäude, das auf dem Gipfel eines Berges thront und aus der Ferne an ein Ufo erinnert, wurde 1981 gebaut und erinnert, angeblich exakt an dem Ort, an die geheime Gründung der kommunistischen Partei Bulgariens durch Dimitar Blagoev im Juli 1894. Das Gebäude ist der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich, es wurde nach dem Untergang des sozialistischen Bulgariens jahrzehntelang sich selbst überlassen, diverse Unwetter richteten massive Beschädigungen an. In seinem Inneren sind beeindruckende Wand- und Deckenmosaike. Mit der Zeit wurden erst Urban Explorer auf das Gebäude aufmerksam, es wurde zu einem Geheimtipp der heute in jedem Reiseführer aufgeführt wird.

2018 besuchten Katrin und ich mit der 20Nations-Rally-Gang das Gebäude, da hatte es noch ein Dach. Wir waren früh morgens dort, es war kühl und nebelig, eine Stimmung, die diesem Ort sehr gerecht wurde. Heute erreiche ich ihn zur Mittagszeit und finde einen von Menschen überlaufenen Ort vor, zusätzlich werden Bühnen und Fressstände für ein Festival am Wochenende aufgebaut. Sicherlich tut diese Aufmerksamkeit dem Ort gut, er wäre sonst bald komplett verfallen (2018 hatte das Gebäude noch ein Dach, dieses fehlt heute komplett und lediglich die Unterkonstruktion ist noch zu sehen), leider geht damit aber auch ein wenig der Zauber verloren. Man mag das hier und da bereits rausgelesen haben, viele Menschen an einem Ort sind nichts für mich, ich mache mich schnell wieder auf den Weg – auch weil ich dringend einen Ort für mich alleine benötige
Dafür muss ein Gebüsch erhalten, ich verstoße gegen meinen Grundsatz „leave no trace“. Aber manchmal laufen die Dinge so, wie die Dinge es wollen und nicht, wie Grundsätze sich das so überlegen. Und während ich dort im Gebüsch hocke, knackt es um mich herum. Ich werde prophylaktisch schon mal rot, schäme mich in Grund und Boden als auf einmal drei Pferde durch das Unterholz kommen. Einfach so. Drei freilaufende Pferde. Völlig absurde Situation. Sie beachten mich nicht, ich bleibe ruhig hocken und nach einer Minute bin ich wieder alleine.
Mein Weg führt mich nach Koprinka, dort ist ein Stausee und direkt an der Staumauer habe ich in einem Restaurant ein Zimmer gebucht. Hier wird der Tundzha auf gut 7km Länge mit einer Fläche von 11km2 aufgestaut. 1944 begannen die Arbeiten, 1956 wurde der Damm fertig gestellt. Bei den Bauarbeiten stieß man auf die thrakische Stadt Seuthopolis, die 325-315 v.Chr. Von dem thrakischen König Seuthes III. Gegründet wurde und Hauptstadt des Odrysischen Königreiches gewesen ist. Während des Dammbaus durften Archäologen ein wenig mitbuddeln, dem Regime war die schnelle Dammfertigstellung zur Stromerzeugung aber wichtiger. Und so versank Seuthopolis in dem See. Und damit auch die besterhaltenste thrakische Siedlung, von der wir wissen. Seit 2005 gibt es Bemühungen, ein ziemlich verrücktes Projekt mit Födergeldern der EU, Private-public-Partnerships und anderen Finanzierungsideen umzusetzen: um die Grabungsstelle soll eine gut 420 Meter durchmessende, kreisförmige Betonmauer auf den Grund des Sees gebaut werden. So könnte die Grabung zugänglich und auch touristisch erschlossen werden. Zur Zeit wird immer noch Geld gesammelt, allerdings ist dies mittlerweile ein offizielles Projekt der bulgarischen Regierung – und wenn ich in mich reinhöre, würde ich wahrscheinlich mal vorbei kommen, um mir ein paar alte Steine auf dem Grund eines STausees anzugucken.

Das Restaurant hat gute Bewertungen, tatsächlich ist das Essen auch ganz okay. Mein Bauch freut sich über die erste feste Mahlzeit seit dem Frühstück in Krushevo, danach spaziere ich in der untergehenden Sonne bei milden Mitte 20° noch am Stausee entlang. Als ich auf mein Zimmer gehe fällt mir ein Verbotsschild auf. Mich lässt das ein wenig zweifeln, ob ich hier richtig bin. Lässt sich aber jetzt eh nicht mehr ändern, ich schließe meine Zimmertüre lieber richtig ab.

