Tag 29 – Albtraum, der zweite

Von Camping Panorama Rucar nach Camping Poiana Soarelui

222km

28l getankt

1l Öl nachgefüllt

Nach gestern hätte ich für heute ja eigentlich einen Ausgleich verdient. Oder gebraucht. Und erstmal sieht das auch nach einem guten Tag aus. Die Nacht war kalt, ich war aber mit dickem Schlafsack, langer Jogginghose und Pullover gut vorbereitet und wache ziemlich fit und ausgeruht auf. Ich habe richtig Bock auf den Tag. Mein Plan für heute: ein Double machen, dass bereits seit meinen Vorab-Überlegungen für die 20Nations 2018 auf meiner Wunschliste steht. Damals wussten wir bis zum Start die konkrete Route nicht weswegen ich spekuliert hatte und für mögliche Routenoptionen gute Spots und Strecken rausgesucht hatte. Und eine ist das für heute geplante Double das damals nicht ins Zeitfenster passte. Damals fuhren wir nur die erste Hälfte. Die Rede ist von den beiden parallel über die transylvanischen Alpen laufenden Hochstraßen Transfagarasan (hier gehören noch diverse Ergänzungszeichen an die Buchstaben damit es richtig geschrieben ist, ob der heutigen Enttäuschung spare ich mir das) und Transalpina.

Der Transfagarasan, zu deutsch transfogarasche Hochstrasse, verbindet das Arges-Tal in der großen Walachei mit dem Olt-Tal in Siebenbürgen und überquert dabei das Fagaras-Gebirge, einen Teil der transylvanischen Alpen.Die Passhöhe liegt auf 2042m, gehört damit durchaus zu den großen Pässen Europas. Gebaut wurde die Strasse 1970-74 und ganzen Teilen ihrer Infrastruktur wie zum Beispiel den Steinschlagtunneln, sieht man das durchaus auch an. Der südliche Teil, von dem aus ich starten werde, liegt an einer Staumauer und windet sich dann den Stausee den Bergen entgegen. Die Vidraru-Talsperre, die im Mittel 400GWh produziert und zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung das fünftgrößte Bauwerk ihrer Art in Europa war. Über der Staumauer ist eine riesige Prometheus-Statue (der Typ, der den Menschen erst durch einen Trick das Fleisch und anschließend noch das Feuer zum Braten von den Göttern organisiert) installiert, sinnbildlich für Elektrizität. Die Krone der Staumauer ist mit ihren 6m Breite gleichzeitig auch Fahrbahn. Ab hier windet sich die 90km lange Hochstrasse erst durch Wälder und anschließend in phänomenalen Serpentinen den Berg hinauf. Eine bekannte britische Autosendung feierte diese Straße als die „schönste Strasse der Welt“ (ich würde da noch ein paar andere mittlerweile in die Waagschaale werfen) und besiegelte damit wahrscheinlich ihr Ende als automobiles Geheimnis. 2018 hatten wir hier sehr viel Spaß.

Die Transalpina verläuft westlich im prinzip parallel. Sie verbindet den Kreis Gorj in der kleinen Walachei mit dem Kreis Alba in Siebenbürgen, ihre Scheitelhöhe liegt mit 2132m über dem des Transfagarasan. Dabei übersteigt sie das Gebirge Muntii Parang auf dem Pass Urdele (hier auch der höchste Punkt), steigt dann herab in die westlich des Vidra-Stausees gelegene Gemeinde Voineasa um dann noch einmal bis auf 1678m hoch zum Tartarau-Pass zu steigen. Anschließend folgt sie dem Fluß Sebes bis zum gleichnamigen Ort. Dabei legt sie 148km zurück. Die Straße wurde 1939 eröffnet, aus strategischen Gründen ausgebaut, nach dem Krieg vernachlässigt, ab 2009 abschnittsweise asphaltiert und 2010 in einem Teilabschnitt wieder in Betrieb genaommen. Ab 2012 waren die Asphaltarbeiten abgeschlossen, seitdem kann sie durchgehend befahren werden.

Soweit der Plan. Ich frühstücke Müsli, packe in Ruhe zusammen und springe nochmal unter die Dusche. Von Rucar aus fahre ich in südwestlicher Richtung, durchquere den Ort Campolung, verpasse wegen zu guter Musik meine Abfahrt und merke das erst gute 3km später. Also wenden, zurück und auf die 73C nach Westen abbiegen. Und da ist sie, diese geile rumänische Landstrasse. Bergig, von kleinen Dörfern gesäumt, verrückter Asphaltzustand zwischen gute Stücke, gute Stücke, bei denen schlecht verdichtet wurde und Schlaglochpiste. Das macht einfach Spaß zu fahren ohne das es richtig gefährlich werden kann. Ich hab richtig Bock auf diese Straßen, die Umgebung gibt ihr weiteres hinzu. Berge, egal in welche Richtung man guckt, alles sehr satt grün, dazu Wolken und Sonne und ein bisschen Wind. Ich mag das hier sehr. Kurz vor Domesti ist es mit dem Flow jedoch vorbei, ich stehe im Stau. Es macht den Eindruck wie gestern, ich recherchiere nebenbei, ob in Domesti irgendein touristisches Highlight ist, in das ich jetzt reinschepper. Immer mehr Autos stehen kreuz und quer am Strassenrand, Menschen laufen hin und her, alle sehen recht schick aus. Als ich auf den Ortskern zufahre, erkenne ich auch, was die Ursache ist: es ist Markt. Scheint von überregionaler Bedeutung zu sein, den Stau gibt es wieder, weil alle einfach halten, parken, losfahren wie sie wollen. Fast eine Stunde später habe ich den MArkt von Domesti und sein Chaos hinter mir. Ich trete aufs Gas – und schon wieder wird vor mir gebremst und wir stehen. Diesmal allerdingsfür eine kreuzende Schafsherde. Dank zweier Schäfer, diverser Esel und einiger Hütehunde geht das hier aber gesitteter und strukturierter über die Bühne als jeder Stau von gestern oder heute. Und mein Auto bekommt eine Wollpolitur.

In Ivancea biege ich Richtung Norden auf die 7C ab, diese Strasse wird im späteren Verlauf der Transfagarasan. Hier ist es noch eine grade gebaute, relativ unspannende Hauptstraße, ab Capatineni soll es spannend werden. Wird es dann auch, anders als ich dachte. Je näher ich dem Staudamm komme, umso zäh fliessender wird der Verkehr. GoogleMaps kündigt bereits Stau an, dann verliere ich in den Schluchten den Empfang. Irgendwann rolle ich auf die Ursache zu: am Straßenrand sitzt ein ausgewachsener Braunbär und guckt sich diesen ganzen Kasparzirkus vor sich in Ruhe an. Und diese dummen Menschen, die können halt nicht vorbeifahren und dabei ein Foto machen, die müssen anhalten, sich aus dem Fenster lehnen, winken. Drei Meter von einem wilden Bären entfernt. Das ist aus so vielen Gründen ultradämlich, mindestens aber weil es einen langen Stau verursacht. Zeit die dafür drauf gegangen ist: gut 40 Minuten. Ich hatte die Hoffnung, es jetzt überstanden zu haben. Und schon die nächsten Bremsleuchten vor mir. Ich gucke den Berg hoch, ich kann die Strasse weiter oben im Verlauf sehen und überall stehen Autos. Lange Rede kurzer Sinn: ich stehe bis weit hinter den Staudamm im Stau. An dem Staudamm und dem dahinterliegendem Stausee haben sich diverse Freizeitmöglichkeiten angesiedelt, man kann Schiff fahren, Böötchen mieten, essen. Und da wollen alle hin. Da es dort aber keine Parkplätze gibt, wird einfach am Rand geparkt, die, die noch keinen Parkplatz haben, suchen einen, die sowieso nicht breite Straße ist im Prinzip nicht mehr gegenläufig befahrbar und bums: Stau ohne wirklichen Grund. Zeit die draufgeht: eine gute Stunde.

Anschließend könnte es laufen. Die Straße ist frei, keine Bären, keine Freizeitveranstaltungen. Nur die Strasse und die Autos vor mir. Moderne, teure, übermotorisierte SUVs. Ich bin bei modernen Autos echt raus, ich kenne mich da nicht mehr aus. Sehen alle gleich häßlich aus, können alle dasselbe, haben nur andere Aufkleber auf Heckklappe und Grill. Was ich bis heute nicht wusste: diese Fahrzeuge sind äußerst empfindlich. Sie können nur mit maximal 30km/h über wellige Straßen bewegt werden, Kurven dürfen nur mit 10-15km/h gefahren werden. Ich übertreibe leider nicht: ich schalte seit der Staumauer nur ganze fünf mal in den vierten Gang (das muss so ab 45km/h passieren) und jedes einzelne Mal kann ich das auch nur tun, weil ich grade so eine Sumpfkiste überhole. Was leider nicht häufig möglich ist und eigentlich ist dann auch nur der Nächste vor mir. Ich fahre also eine Straße, die ich 2018 mit 70-80 entlang gebügelt bin mit 25-40km/h. Ich weine. Viel. Und bemitleide mich. Und weine noch mehr. So lange, bis wir auf dem halben Bergaufstieg auf stehende Autos treffen. So richtig stehend. Mit Menschen, die ausgestiegen sind und Fotos machen. Oder schon Mal voraus gehen. Ich gucke den Berg rauf, entlang der Strasse: das geht bis zum Gipfel so. Umdrehen ist auch irgendwie keine Alternative. Da ist ja auch Stau. Also quäle ich mich zwei Stunden lang den Berg hinauf, werde von Wander:innen überholt die ich dann am Gipfel wieder sehe.

Die Passquerung ist ein Tunnel, etwas unter einem Kilometer lang. Dahinter war 2018 so ein touristisches Fress-Nepp-Abzugs-Stände-Ding. Drei, vier Stände, ein Restaurant. Durch den Tunnel geht der Stop-n-Go weiter, die Teilnehmenden einer französischen Peugeot-205-Rally (ich hab versucht heruaszubekommen, was die Rahmenbedingungen sind, niemand sprach englisch. Und die waren jünger als ich) kommen auf die Idee, dass dies der perfekte Moment für ihre Hupen, ihre Tröten und ihre wirklich „tolle“ Chanson-Musik ist. Ich resigniere. Und drehe meine Anlage voll auf. Keinen nerv mehr diesen Scheiss zu ertragen. Ich pumpe also mit 500 Watt Beginner durch das Auto, die Vibrationen meiner Motorhaube sagen mir, dass das auch die Franzos:innen mitbekommen müssen. Irgendwann machen die auch wieder ihre Türen zu und ich kann meine Musik auf ein erträgliches Level runterdrehen.

Hinter dem Tunnel dann die bereits bekannte Touri-Quatsch-Orgie. Nur in absurd aufgeblasen. Alles ist voll mit Verkaufsstaänden, überall parken Autos, Polizist:innen „regeln“ mit lächerlichen Trillerpfeifen den Verkehr, überall Menschen, überall Autos. Absolut absurd das alles. Ich mogel mich durch, die Peugeots verziehen sich auf einen „Parkplatz“ und ich mache mich an die Abfahrt. Die ich bis zum Fuß des Berges am stehenden Stau der gegenläufigen Auffahrt entlang fahre. Es ist absurd, wieviele Autos sich hier hochquälen. Der Ruf dieser Straße wird ihr Tod sein. So macht das alles nämlich keinen Spaß. Mir nicht und wahrscheinlich auch niemanden sonst in diesem Stau.

Ich habe mir – sicherheitshalber, eigentlich für den Fall, dass ich zu viel Auto Zeit auf der Hochstraße vertrödeln – ein Campingplatz zwischen beiden Straßen rausgesucht, diesen steuere ich an. Er liegt am Fuß der Transsilvanien Alpen (es wird nachts also wieder kalt), ich muss dafür am Ort Porumbacu de Jos in Richtung Süden auf eine kleine Straße durch den OrtPorumbacu de Sus fahren. Und als ich auf den Ort zu steuern, beiße ich in mein Lenkrad: ein verf***ter Stau. Ich bin auf einer Itsibitsi-Straße, die eine Sackgasse ist. Am Fuße der Berge. Ich will aus meinem Auto raus, ich will keine Bremslichter mehr vor mir sehen. Und doch stehe ich im Stau. In dem Ort ist Kirmes. Und alle müssen dahin. Oder waren da. Diesmal gibt es zwar ausgeschildert Parkplätze, die Kosten aber zehn Lei, die spart man sich doch gerne und packt – richtig – wild am nicht vorhandenen Straßenrand. Also auf der Straße. Auf der es dadurch nur noch schwieriger…… ist eigentlich auch egal.

Ich durchstehe auch das, komme auf dem Campingplatz an, der nett, leer und ruhig wirkt, parke, baue mein Camp auf und koche mir etwas zu essen. Wehe, ich werde morgen im Stau stehen.

2 Kommentare

  1. Zu dieser französischen 205 Rallye habe ich grad neulich was gelesen, muss mal gucken ob ich das irgendwie nochmal finde.
    Hier ist es: https://europraid.fr/
    Die fahren mit 205ern quer durch Europa.
    „ In Teams zu je drei Teamkollegen machen sich die Teilnehmer auf den Weg, um Europa, seine herrlichen Landschaften, seine berühmten Städte, seine Kulturen, seine Völker zu entdecken… Die Reiseroute verbindet mehr als 200 Etappen , 13 Hauptstädte und nicht weniger als 100 UNESCO-Welterbestätten. weltweit . Die Route folgt den schönsten Straßen Europas in einer unglaublich abwechslungsreichen Umgebung. Jeden Abend biwakieren die Besatzungen an einem einzigartigen Ort, an dem erlebnisreiche Kulturabende organisiert werden.“ klingt eigentlich ganz charmant!

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  2. Also, lieber Likedeeler, das muss ich ja mal loswerden: Du hast einfach einen schönen Schreibstil, der mich alle Deine Erlebnisse – inklusive Ärgernisse – sehr gut nachempfinden lässt. Ich freue mich auf die gänzlich analoge Berichterstattung an Deinem Wohnort, in dem ich vorsorglich schon einmal Umleitungsschilder für Externe aufgestellt und ein totales Veranstaltungsverbot für den Zeitpunkt Deiner Heimkehr beantragt habe: damit Du nicht auch noch auf den letzten Metern Deines Heimweges im Stau stehst -:)
    Liebe Grüße von einem Deiner langjährigsten („ältesten“ ließ sich einfach nicht durchstreichen) Fans.

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