Tag 30 – Alptraum

Von Camping Poiana Soarelui nach Camping Casutele Dintre Vii (Dobrita)

306km

26l getankt

Ich könnte auch heute wieder mit dem Jammern anfangen. Die Nacht war kalt, die Nachbarn haben sich bis nach Mitternacht heftig gefetzt, das Zelt muss ich nass (außen hat sich am frühen Morgen superviel Kondenswasser abgesetzt und ich stehe voll im Schatten) einpacken, die Dusche ist leider auch kalt, der Besitzer vom Campingplatz ist irgendwie seltsam, auf dem Weg ist natürlich ein Staudamm mit Fressbuden und wildem Parken und deswegen etwas Stau (vielleicht heißen die Dinger auch deswegen so), ich habe auf einigen Streckenabschnitten wieder diese modernen Fahrzeuge mit elektronischer Einbremsung auf Schneckentempo vor mir und überhaupt.

Anders als die letzten beiden Tage sitze ich allerdings grade an meinem Auto und tippe diese Zeilen und habe ein fettes Grinsen im Gesicht. Denn heute hatte ich ein Alpträumchen, anders als die Albträume der letzten beiden Tage. Heute hatte ich einen Traumtag in den Alpen. Der startet früh. Ich habe mir auf sieben Uhr den Wecker gestellt, schaffe es auch recht zeitnah aus dem Schlafsack zu krabbeln und Richtung Dusche zu wanken. Die gibt mir einen Turbokick, es gibt nichts Besseres zum Wachwerden als nach einer kalten Nacht eine kalte Dusche zu genießen. Ich verzichte heute auf das Frühstück, ich will schnell los. Zelt eingepackt, den Platz für die Nacht bezahlt und ab dafür. Nicht direkt, die Scheibe ist von innen beschlagen, ein Zustand, den ich beim 145 selten bisher erlebt habe. Und weil ich bei der Frontscheibe ein wenig pingelig bin wegen Reflexionen und so, warte ich, bis die Lüftung das frei gepustet hat. Freut die Nachbarn, die sich gestern bis nach Mitternacht gefetzt haben nicht unbedingt, sie scheinen dadurch wach zu werden – interessiert mich aber wenig. So sind wir jetzt quitt.

An der jetzt leeren Kirmes fahre ich vorbei Richtung Hauptstrasse E68, biege Richtunf Westen ab und folge ihr, bis ich in Sibiu auf die A1 fahren kann. Autobahn. Da mache ich einen Moment lang Strecke, ich will mich hier ja nicht endlos aufhalten, ich habe ja eine Mission. Das Double vollzumachen und die Transalpina auf meiner Liste mit einem „Check“ versehen. Bei Saliste bin ich von Strecke machen aber schon wieder gelangweilt, die freundliche Frau im Radio bietet eine Landstrasse – kein Drama das sich hier ankündigt! – als gleichschnell an. Ich fahre fortan über die Nationalstraße 1, sie verläuft parallel zur Autobahn, ist gut ausgebaut und ich kann dort genau so schnell wie auf der Autobahn fahren (weil der 145 auf der Autobahn halt genauso schnell ist wie er auf einer Landstraße darf). Aber die Landstrasse macht ein paar Schwünge, das macht mehr Spaß als die Autobahn und ich sehe mehr von der Gegend. Die ist jetzt kein Kracher, eher so hügeliges Agrarland, habe ich aber lieber vor der Scheibe als Schallschutzwände. Bei Cut wechsel ich auf die 106F um direkt auf die 670C abzubiegen. Kleine, schnuckelige rumänsiche Backroad, nichts Besonderes außer ihrer Nummer. Die 670C ist eine Zubringerstraße für die 67C. Und diese Nummer trägt auch die Transalpina.

In Sasciori biege ich auf diese ab. Die 67C beginnt ein paar Kilometer weiter nördlich in Sebes, ab dort heißt sie auch schon Transalpina, kurze Gegenrecherche hat aber gezeigt, dass der ganze nördliche Part bvon Sebes bis ungefähr Capalna zwar Transalpina heißt, aber nur eine langweilige Landstraße ist. Da hat wohl jemand die statistischen Daten der Straße in Sachen Länge etwas aufgeblasen. Mit der 670C habe ich mir einen Teil davon gespart, ich muß langweilige Teile nicht zwingend fahren. Bis zum oben erwähnten Oasa-Stauseefahre ich wie erwähnt mit Minus-Geschwindigkeiten hinter Menschen her, die keine Ahnung haben, wie lang, breit oder hoch ihr Auto ist, wieviel Leistung es hat oder wie man so ein Teil überhaupt fährt. Nervig, aber ich habe da ja jetzt Übung drin. Auch wenn es mich etwas wundert: auf jeder anderen Straße, die nicht als „touristisch“ markiert ist, ballern Rumän:innen wie Sau, Geschwindigkeitsbegrenzungen sind nur Anhaltspunkte die nicht unterschritten werden dürfen. Nur hier geht das nicht. Naja.

Es kommt der Staudamm mit Fressbuden, das zu erwartende Parkchaos. Alles aber nur ein Bruchteil dessen, was ich gestern und vorgestern erlebt habe und entsprechend schnell bin ich durch. Und kann ordentlich durchladen. Die Strecke an dem Stausse entlang ist eine einzige Fahrfreude. Sie folgt der Seelinie, überquert mit einigen Brücken Seitenarme. Rechts hinter einigen Bäumen der See, links direkt die Felswände. Direktes akustisches Feedback vom Motor sehr gut im Fahrzeuginneren hörbar. Der 145 ist jetzt akustisch ja kein Krawallbruder, er hat den ganz normalen Serienauspuff montiert. 1972 waren Autos einfach ein bisschen lauter. Und irgendwo zieht der Auspuff ein bisschen Nebenluft, weswegen er manchmal kurz poppt. Mache ich, wenn ich wieder zu Hause bin, jetzt find ich es grad ziemlich geil. Nur zur Sicherheit: ich fahre nicht auf der letzten Rille, ich bringe niemanden in Gefahr, ich halte mich sogar an das Tempolimit (das man selbst mit einem modernem Wagen da nur schwierig knacken würde). Ich fahre immerhin noch immer einen 52 Jahre alten Leichenwagen, vollbeladen mit 65kg-schwerem Dachzelt. Das ist jetzt nicht grade ein Rennwagen-Setup. Mit ein bisschen Idee davon, wo eine Kurve angebremst wird und wo wieder Gas gegeben wird, kann man damit aber trotzdem recht flott unterwegs sein.

Die Straße steigt durch mit Mischwald bestandene Felsschluchten immer weiter an, fast unbemerkt. Es gibt kaum Serpentinen, wir fahren eher eine stetig steigende Senke empor um dann auf 1678m die erste Passscheide auf dem Tartaru-Pass zu erreichen. Auch hier: Touri-Tinnef und Fressen, geht wohl nicht ohne. Der Abstieg ist, wie die gesamte Strecke bis hier wunderbar asphaltiert, Ruhrgebietsautobahnen würden vor Neid erblassen. Aber wir sind ja immer noch in Rumänien und damit man das nicht vergisst endet die grßzügige Asphaltierung kurz vor Obarsia Lotrului ohne Ankündigung und abrupt. Bisher feinster Asphalt, zwei gegenläufige Spuren mit einem halben Standstreifen plus Drainage und Durchbruchschutz, jetzt Abrisskante, Schotter, grade mal anderthalb Autos breit. Irritiert mich kurz und überrascht mich unvorbereitet, da es grade aber eh bergab ging und ich da immer etwas langsamer unterwegs bin (die Bremsen des 145 neigen bei zu anger Bergfahrt zum Überhitzen) kriege ich die Geschwindigkeit aber weit genug runter, als dass hier keine heikle Situation entsteht. Kurz teilt sich die 67C die Fahrbahn mit der 7A, ich biege rechts ab um direkt wieder links Richtung Süden auf die 67C zu fahren. Ab hier wird es ursprünglicher, die Asphaltierung ist älter, hier und da geflickt, insgesamt unebener, welliger. Nicht sehr krass, aber im Vergleich zu vorher deutlich spürbar. Die Transalpina verläuft hier relativ parallel zum Flüsschen Lotru, einem flachen Gebirgsgewässer dessen ausgewaschenes Bett von deutlich mehr Wasser zu den Schmelzzeiten erzählt. Ich mache das, was ich in solchen Fällen machen muß: ich suche mir einen Platz zum Halten und stelle mich in den Fluss. Es gibt nichts besseres, als die Autofahrfüße und -beine an einem heißen Tag in einen Gebirgsbach zu stellen. Erst recht wenn man mit dem 145 unterwegs ist, die Abgasanlage verläuft genau durch die Mitte des Wagens und die Abstrahlhitze von Ihr und Motor sammeln sich ziemlich stark im Fußraum.

Ein letztes Mal blitzt der Lotru zwischen den Bäumen auf, es geht an den Aufstieg. Eine Serpentine reiht sich an die nächste, mit ordentlichen Steigungen. Mit genug Schwung alles kein Problem. Noch fahre ich unterhalb der Baumgrenze, der Mischwald weicht immer mehr reinem Nadelbewuchs. Der weicht irgendwann offener Berglandschaft, wenn ich den Blick von der Straße nehmen kann, sehe ich schroffe Felsen oder viel Weite. Die letzten Serpentinen haben es in sich: sie sind so steil, dass ich sie nur im ersten Gang schaffe. Grade die Rechtskurven, also jene, in denen ich in der Innenbahn bin, sind eine besondere Herausforderung. Der Innenradius ist kleiner und somit auch immer steiler. In der Vergangenheit hat Katrin in diesen Kurven meistens sich aus dem Fenster gelehnt, den Berg hoch geguckt und angesagt, ob die Fahrbahn frei war. Kam kein Auto, konnte ich die Kurve weit ausfahren, also die Gegenfahrbahn nutzen und so deutlich weniger Steigung auf mehr Strecke haben. Ein Luxus, den ich als Alleinfahrer nicht habe, es sei denn ich würde heikle Situationen riskieren wollen. Was ich nicht will.

Ich nehme die letzte Serpentine und sehe eine weiße Bergspitze vor mir. Kein Schnee, dicht gedrängt ist hier eine große Schafsherde unterwegs. Der Hirte sitzt am Straßenrand und versucht Zigaretten von vorbeifahrenden Autos zu schnorren. Über einige leichte Abfahrten und Senken und eine handvoll Kurven geht es auf dem Bergrücken zur nächsten Anfahrt, hier steigen wir über einige nochmals sehr steile und kurze Serpentinen endgültig zum 2132m hohen Urdele-Pass auf. Linker Hand das Muntii Parang-Gebirge, rechts der scheinbar endlos wirkende Blick in das unten liegende Tal. Ich überlege grade, ob ich dem Wagen einen Moment zum Abkühlen lassen soll, da sehe links ein Wohnmobil im Schlamm stecken. Die Familie wollte mit dem Kastenwagen, völliges Standard-Modell ohne irgendwelchen Offroad-Schnickschnack, der befreundeten Familie im T3 Syncro hinterher auf ein Plateau folgen. Doch vor dem Plateau steht das Schlammloch neben der Straße, hier haben sie sich festgefahren. Nachdem ich gestern vielleicht den ein oder anderen Negativeintrag ins Karma-Konto bekommen habe, werde ich das jetzt ausgleichen. Ich stelle den 145 ab, so kann er auch selber ein bisschen runterkommen, und helfe schieben. Aber es hilft alles nichts. Der Fahrer hatte schon einige Male Vollgas gegeben, die Reifen haben sich ordentlich eingegraben und sind komplett voll mit glitschigem Matsch. Da fällt mir ein: ich habe im Auto den Bergegurt, den Katrin und ich für den Fall, daß wir auf Schnee und Eis im Graben landen, auf unserer Winter-Tour bei Biltema gekauft haben. Original verpackt. Ich grabe mich in den Keller vom 145 vor, weiß dank guter Ordnung, wo das Teil ist und rette damit zwei Familien den Tag. Der 145 hat vor Hitze auch keine Schnappatmung mehr, ich mache mich an den Abstieg.

In sanft geschwungenen Serpentinen und langen Abfahrtsrampen geht es relativ unspektakulär den Berg hinab, dafür, gefühlt bin ich so schnell im Tal das ich mich frage, warum ich so lange auf den Berg hinauf gebraucht habe. Der gesamte südliche Teil der Transalpina scheint Skigebiet zu sein, Hotels, Guesthouses und Skilifte säumen die Strasse. Ich halte an einem der Restaurants und esse ein spätes Mittagsessen, diesmal gehe ich keine Risiken mit lokalem Essen, ich bestelle ein Schnitzel mit Pommes und gegrilltem Gemüse. Gestern Abend habe ich mich mit dem Abendessen von Vorgestern noch rumärgern dürfen, keine Experimente für heute! Anschließend folge ich der Transalpina bis zu ihrem Ende kurz vor Bengesti-Ciocadia, ab dort geht es über die 67 und in Folge 67D bis kurz hinter Targu Jiu wo ich auf einem kleinem Platz zwischen Weinreben mein Lager aufschlage. Niemand kann hier Deutsch oder Englisch, wir klären alles inklusive einem Benzingespräch mit Händen und Füßen und GoogleTranslator. Zum Tippen bekomme ich einen Kaffee, man soll nicht arbeiten ohne Kaffee – wenn ich das richtig verstanden habe.

Ich bin befriedigt. Und befriedet. Und ich habe wieder etwas gelernt. Wenn zu viele Menschen von etwas wissen, dann geht das Besondere verloren. Ich werde versuchen, mir das hinter die Ohren zu schreiben.

1 Kommentar

  1. Könnte es nicht auch sein das die Tage Samstag und Sonntag für diese Toiuri Highlights einfach 💩 sind?
    War damals für Unsinn Kanada auch so.
    Touri Quatsch am besten unter der Woche weil es immer noch genug lokale Touris gibt die am Wochenende Bock auf son scheiss haben und alles doppelt und dreifach überfüllen….
    Ich wünsch dir für die Weiterfahrt auf jedenfall keine vergleichbaren Erfahrungen!

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