von Dekarsön nach Luleå (Air BnB Gästehaus)
423 gefahrene Kilometer
Roadtime: 07:10
Sonnenaufgang Start: 08:26
Sonnenuntergang Ziel: 15:00
Temperatur: 0 bis -11 Grad
33l getankt
1x Pipipause, 1x Pipi mit Luftdruck checken, 1x tanken mit Pipi, 1x Fotos mit Pipi, 1x Gammel Kyrkstad, 1x einkaufen, 1x tanken
Die Nacht bringt heftigen Nebel, so dicht, dass selbst das gegenüberliegende Ufer mit seinen Lichtern komplett verschwindet. Mit dem Nebel wird es wärmer. Heute morgen tropft es an allen Ecken und Enden, die Wege sind teilweise bis zum originalen Untergrund abgetaut. Irgendwie hatten wir uns das anders vorgestellt und – Spoiler! – es wird heute noch anders kommen.

Heute ist der 29.01.2025 und unser chinesischer Nachbar wird heute das Neujahrsfest feiern. In Vorbereitung darauf hatte er uns kurz vor unserer Abreise einen traditionellen Glücksbringer geschenkt. Dieser wird, mit vielen anderen vor allem in rot und Gold gehaltenen Bändern und Accesoires im Haus in Vorbereitung auf das Neujahrsfest aufgehangen. Diese Farben symbolisieren zum einen Glück und Wohlstand (etwas, dass man im neuen Jahr gut gebrauchen kann), zum anderen jagen sie dem Nian-Monster, einer mythologischen Gestalt, die regelmäßig zum Jahresbeginn ein Dorf terrorisiert, Angst ein. Wo also Rot und Gold und ordentlich viel Lärm, da kein Terror. Einfache Gleichung. Die Feierlichkeiten rund um das Neujahrsfest, auch Frühlingsfest genannt, ziehen sich in der Regel 15 Tage und sind ein Fest, das im Kern der Familie begangen wird. Auf alle wirklich spannenden Gebräuche um dieses Fest herum einzugehen würde zu weit führen. Eine Sache finden wir aber erwähnenswert: Da im Kreis der Familie gefeiert wird und inländische wie ausländische Arbeitsmigration in China vollkommen üblich ist, führt das Neujahrsfest zu der weltweit größten regelmäßigen Migration von Menschen. Dieser Reiseverkehr hat einen eigenen Namen: Chunyun. Schätzungen zufolge werden in diesem Zeitraum nur zu diesem Anlass 3,7 Milliarden Einzelreisen getätigt, 2,8 Milliarden davon mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Schätzungen wurden 2015 vorgenommen, da lag die Bevölkerungsanzahl von China bei 1,37 Milliarden Menschen. Wir wünschen jedenfalls ein frohes, neues Jahr (im übrigen das Jahr der Holz-Schlange) mit ganz viel Glück und Wohlstand!

Wir fahren die 7 km von der Insel Dekarsön zurück zur E4. Dieser folgen wir im Prinzip bis zu ihrem Ende bei Luleå, round about 370 km. Die Straße ist unglaublich unspektakulär. Sie verläuft im Prinzip nur gerade aus, ein paar sanfte Kurven und Hügel sowie wechselnde Geschwindigkeitsbegrenzungen zwischen 70 und 110 sorgen für Abwechslung. Und die Spurigkeit: mal ein-, mal zweispurig. Anfangs nutzen wir die Zweispurigkeit noch zum Überholen von LKW, mit jedem Kilometer den wir fahren sinkt jedoch das Thermometer und somit verändert sich der Straßenzustand. Irgendwann ist die linke Spur so zugefroren, dass wir uns mit gemütlichen 92 km/h max hinter riesig langen LKW begnügen. Mit den sinkenden Temperaturen stehen wir vor einer neuen Herausforderung: Wasser auf der Windschutzscheibe gefriert sofort, selbst das auf ordentliche Minusgrade ausgelegte Wischwasser. Gegenhilfe kann nur durch dauerhaftes Bepusten der Windschutzscheibe mit warmer Luft organisiert werden. An anderer Stelle hat die warme Luft bereits gestern aufgegeben. Der Fußraum unseres Volvo 145 ist nicht isoliert. Genau so wie der ganze Rest des Wagens. Überall sonst ist das merklich egal, lediglich das schnelle Auskühlen des Innenraumes wenn der Motor aus ist, ist ein bisschen nervig. Im Fußraum, wo dauerhafter Kontakt zum eiskalten Bodenblech herrscht, zieht die Kälte flott in die Zehen. Gestern sind wir beide mit Eisfüßen ausgestiegen, mehrere dicke Socken und warme Luft auf volle Pulle haben nicht gereicht. Bereits 2022 haben wir gemerkt, dass dies ein Riesenmanko ist und aufgerüstet. Im Kofferraum liegen für uns beide ein Paar Sorel Schneeschuhe parat, die heute ihren ersten Einsatz mit Bravour meistern. Kalte Füße? Fehlanzeige. Und das, obwohl das Thermometer mitunter auf bis zu -10 Grad fällt.

Was beständig vorhanden bleibt, ist der dichte Nebel. Mit einem Unterschied: Bei Minustemperaturen wird aus Nebel Schnee. Und so fahren wir unter bleiern grauen Wolken durch Schneegestöber. Und was sich erstmal richtig mistig anhört, lässt unsere Laune richtig steigen. Für diesen Quatsch, also zugefrorene Straßen, Schneegestöber und alles überdeckendes, selbst die dunkelste Nacht erhellendes Weiß, sind wir gekommen. Wenn jetzt irgendwann noch die Wolken die Biege machen und wir eine ordentliche Packung Polarlichter bekommen, sind wir glücklich.

Am Straßenrand wedelt im Wind die erste schwarze Mülltüte. Sami hängen diese am Straßenrand auf, um vor ihren frei wandernden Rentierherden zu warnen. Diese können nämlich ganz spontan auch mal eine Überlandstraße kurzfristig zu einem hervorragenden Pausenplätzchen erklären. Erstaunlicherweise haben dann alle die Ruhe weg, sowohl Rentiere als auch Autofahrende. Erlebt haben wir das zum Beispiel 2022 an Tag 6, heute zeigt sich kein Ren. Leider. Wahrscheinlich ist es irgendwo unter den Bäumen links und rechts gemütlicher.

Bei Jävre fahren wir auf einen direkt an der Ostsee gelegen Rastplatz und genießen den Ausblick auf die zugefrorene Ostsee. Ein langer Steg führt weit hinaus, um uns herum beeindruckende Stille. Ein spannender Effekt von Schnee: Lose gefallener und nicht verdichtet liegen gebliebener Schnee besteht bekanntermaßen aus sehr vielen kleinen Schneekristallen. Wenn diese übereinander liegen, bilden sich unzählige kleine Hohlräume. Schallwellen, die auf diese Oberfläche treffen, werden nicht wie sonst üblich reflektiert und dadurch weitergetragen, sondern versacken im wahrsten Sinne des Wortes im Schnee. Das gleiche Prinzip wenden auch künstliche schallisolierende Stoffe an. Selbst Flüsterasphalt funktioniert so. Was wir bei diesem Stop aber merken ist, dass wir noch nicht für diese Temperaturen angezogen sind. Heute Abend wird auf jeden Fall die Thermounterwäsche aus den Kisten geholt, wahrscheinlich auch die dicken Wollpullover. Es ist so kalt, dass nach kurzer Zeit fotografieren die Fingerspitzen weh tun. Katrins Handy friert sogar so sehr, dass der Bildschirm kurzzeitig rotstichig ist. Gott sei Dank erholen sich sowohl Fingerspitzen als auch Handy.

Am Trafikplats Nordviken, einem Landstraßenkreuz, verlassen wir die E4, um zur Gammelstad Kyrkstad, dem alten Zentrum von Luleå, zu fahren. Das Kirchdorf gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Vor gut 1000 Jahren war das heutige Gammelstad eine kleine Insel in der Mündung des Flusses Lule Älv. Im 12. Jahrhundert wurde Gammelstad zum Hauptsitz des Kirchspiels, quasi eine verwaltungstechnische Kirchenregion.

1323 waren sich Schweden und Russland nach einigem Hin und Her uneinig, wo sie denn ein paar abgrenzende Linien auf Landkarten malen sollten. Zwar regelte der unter der Vermittlung deutscher Kaufleute zustande gekommene Frieden von Nöteborg eine Linie viel weiter im Osten, durch die auch fast gesamt Finnland zu Schweden gehören sollte. Weil die Linie aber nicht präzise sondern nur in etwa im Vertrag definiert wurde und niemand sich die Mühe machte, sie mal auf eine Karte zu malen, musste das Ganze ein bisschen mit Leben gefüllt werden. Russland, vertreten durch den Großfürsten von Novgorod und Fürsten von Moskau Juri I. Danilowitsch unterstützt durch den mongolischen Khan mit seiner goldenen Horde auf der einen Seite, der schwedische König Magnus Eriksson auf der anderen Seite. Um also die ganze Gegend um den Lule Älv herum mehr ins Reich einzubeziehen, schickte man haufenweise Priester los und ließ sie einfache Holzkirchen bauen. 1339 wurde dann der erste Gottesdienst in Luleå gehalten, im 13. Jahrhundert begann man mit dem Bau der heute noch dort stehenden Steinkirche. Um ein bisschen mehr Geld zu verdienen, überlegte man sich in Folge, dass der gesamte Handel in Schweden nur noch durch Städte abgewickelt werden durfte. Hier konnte er besteuert werden. Luleå wurde also Stadt und bekam einen Hafen. 28 Jahre später versandete dieser allerdings so stark, dass die Stadt Luleå an ihren heutigen Ort verlegt wurde. Ursache für die Versandung ist die hier so weit im Norden deutlich spürbare postglaziale Landhebung (wir schrieben ein bisschen darüber hier und hier). Rund um die Kirche ist das Kirchendorf zu finden, eine Siedlung von 400 Holzhütten. In diesen konnten die Gemeindemitglieder übernachten (ein Hinweis darauf, wie groß das Kirchspiel war) wenn sie zum Gottesdienst gekommen waren.

Wir stellen das Auto am Rand ab und machen einen Spaziergang durch das Dorf. Einige größere Hütten und Häuser scheinen bewohnt zu sein, andere sind stabil verrammelt und der unberührte Schnee zeugt davon, dass hier schon länger niemand mehr war. Der gelbe Schein der wenigen Straßenlaternen, die in den Fenstern aufgestellten Lämpchen und Kerzenleuchter und der knirschende Schnee unter unseren Füßen schafft in Kombination mit den Falun-roten Häusern eine märchenhafte Atmosphäre. Gekrönt wird das Ganze von geisterhaft weiß gefrorenen alten Bäumen, die sich über das Dorf erheben.

Im Anschluß erledigen wir Notwendiges: Ab Morgen geht es nach Finnland, für die nächsten drei Tage werden Einkaufsmöglichkeiten sehr rar sein. Entsprechend füllen wir unseren Getränkebestand noch einmal auf, auch ein paar notwendige Essenssachen wandern in den Einkaufswagen. Noch schnell den Tank aufgefüllt, damit wir dann die gut 15 Kilometer zu unserer Unterkunft in der Nähe von Bensbyn (also auf der anderen Seite des Ostseezipfels) fahren können. Dort warten eine Sauna und eine etwas unkonventionelle Unterkunft über einer Garage auf uns. Dass das Bad, die Sauna und die Küche ein Raum sind, ging aus der Anzeige bei AirBnB nicht ganz hervor. Wir nehmen es mit Humor und wärmen unsere mitgebrachte Brokkolisuppe auf, während die Sauna direkt daneben sich ebenfalls warm läuft.

