von Enontekiö nach Enontekiö
4 gefahrene Kilometer
Roadtime: 00:30
Temperatur: -11 bis -4 Grad
Sonnenaufgang: 09:46 OEZ (08:46 MEZ)
Sonnenuntergang 15:27 OEZ (14:27 MEZ)
Reparatur: Stoßdämpferverschraubung
Heute ist unser DayOff. Also keine Anstrengung, kein Aufwand, kein Rumgefahre. Einfach irgendwann aufstehen, frühstücken, spazieren gehen, ein bisschen Abhängen, Sauna. Vielleicht Polarlichter sehen. So der Plan.

Wir verfolgen diesen Plan sehr gewissenhaft. Schlafen erst einmal ein bisschen aus, frühstücken ohne Hast und bleiben noch einen Moment am Küchentisch sitzen. Anschließend schmeißen wir uns wieder in unsere Schneeanzüge und machen uns erneut auf die Suche nach dem Zugang zum See. Nach einem bisschen Abenteuerfeeling in bis zu hüfthohem Schnee finden wir diesen auch und gehen ein wenig über den See, vorbei an markierten Löchern für’s Eisfischen.


Und wir haben Glück. Sehr schüchtern traut sich die Sonne, ein paar Strahlen durch die dünn gewordene Wolkendecke zu uns runter zu schicken. Es sind nicht viele und die Wolken wissen das auch nach gut einer Stunde wieder effektiv zu verhindern, aber ein bisschen Licht in dieser grau-weißen Landschaft lässt unser Herz kurz höher schlagen.

Wir schlendern langsam zurück. Nichts treibt uns und wir haben richtig gute Laune. Gegen 23:00 Uhr soll der Kp-Index wieder hoch sein. Wenn die Wolkensituation sich ein wenig reguliert, könnten wir zum Polarlichter gucken auf den See gehen. Den richtigen Pfad haben wir auf dem Rückweg endlich gefunden und durch deutliche Spuren im Schnee markiert. Schnell noch ein Foto zur Sicherheit vom Einstieg und dann kann nichts mehr schief gehen. Denkste.

Am Haus angekommen stehen wir noch ein wenig rum. Katrin befreit das Vogelfutterhäuschen von Eis und Schnee und wir beobachten eine Schar Gimpel in den Bäumen. Plötzlich fällt Matthias etwas am Volvo auf. Hinter dem rechten Vorderrad auf der Innenseite sieht etwas anders aus als gewöhnlich. Der Vergleich mit der linken Seite zeigt: Hier stimmt etwas nicht. Assistiert von Katrin rutscht Matthias schnell unter’s Auto. Der rechte vordere Stoßdämpfer hat sich komplett aus seiner unteren Befestigung gelöst.

Der Stoßdämpfer selber hat unten ein Loch, durch dieses wird ein Bolzen gesteckt und dieser von unten in den Dreieckslenker mit zwei dicken Schrauben gesichert. Eine dieser Schrauben ist noch da. Die andere ist weg. Damit erklärt sich eins auf jeden Fall: Gestern wurde das Auto innerhalb der letzten zwei Stunden instabiler. Wir dachten, dies läge an den sich zeitgleich rapide veränderten Temperaturen. Tatsächlich hatte aber ein richtungsgebendes Rad auf den Waschbrettpisten wahrscheinlich nur bedingt Bodenkontakt.

Die Fahrwerksfeder ist grundsätzlich dafür da, Stöße abzufangen und anschließend in eine Gegenbewegung Richtung Straße umzuwandeln. Leider haben Federn aber die Eigenschaft, ein bisschen zu federn, sprich diesen richtungswechselnden Prozess so lange zu machen, bis die ursprünglich aufgebrachte Energie aufgebraucht ist. Dies würde zu einem Hüpfen des Rades auf der Straße führen. Grundsätzlich will man aber aus Komfort- und vor allem Sicherheitsgründen einen möglichst durchgehenden Kontakt vom Reifen zum Boden haben. Diesen Job übernimmt der Stoßdämpfer. Dieser nimmt die, nennen wir sie „Hüpfenergie“ der Feder auf und durch die Trägheit seiner Füllung (meist eine Kombi aus Öl und Gas) wandelt er diese in Wärme um. Logischerweise muss er dafür an Karosserie und Fahrwerk befestigt sein. Lange Rede, kurzer Sinn: Wir hatten gestern ein hüpfendes Rad und können froh sein, dass nichts passiert ist. Ein kurzer Ersatzteilcheck ergibt: Wir haben nichts Passendes, um für die verloren gegangene Schraube einen Ersatz zu basteln.

Also fragen wir Leena, die Betreiberin der Cottage-Anlage, ob es hier im Ort eine Werkstatt gibt; Google hat hierzu nämlich keine Ergebnisse parat. Es gibt sie. Und sie hat noch bis 17:00 Uhr auf. Und das auf einen Freitag. Und Leena ruft für uns dort an. Wir machen uns schnell auf den Weg. 2 Kilometer sind es in etwa. Das machen wir mit dem Stoßdämpfer so wie er ist. In der Werkstatt sehen wir erstmal niemanden, man hat uns aber gehört und kommt raus. Englisch können die beiden deutlich jüngeren Mechaniker nicht, GoogleTranslator hilft bei einer ersten Beschreibung des Problems, um es dann auch noch einmal optisch in Augenschein zu nehmen. Wir sollen vor das Werkstatttor fahren. Mit einem großen Rangierwagenheber nimmt der Mechaniker den Wagen hoch und fängt an, die noch vorhandene Schraube als Muster auszubauen, verschwindet kurz in der Werkstatt, kommt mit einer zweiten Schraube zurück und baut alles zusammen. Im Schnee VOR der Werkstatt.

Keine zwanzig Minuten dauert das Ganze und unser Stoßdämpfer ist wieder montiert. 20 € auf die Hand kostet uns diese spontane Hilfe, wir grinsen wie Honigkuchenpferde und fahren, nachdem wir uns am „Danke“ und „Tschüß“ auf finnisch versucht haben, wieder vom Hof. Die Worte, die der finnische Mechaniker in der Zeit mit uns gesprochen hat, kann man an einer Hand abzählen. Und zwei davon sind „zwanzig“ und „Euro“. Das mit der Wortkargheit und der Distanz zu Menschen hier oben scheint nicht nur ein Vorurteil zu sein.

Egal. Am Ende sind wir nach ca. 30 Minuten wieder in unserem Haus und sehr glücklich, dass wir das so schnell geregelt bekommen haben. Dass Autos auf Roadtrips immer kurz vor’m Wochenende kaputt gehen, ist ja fast eine goldene Regel. Dass man dann noch effektive Hilfe bekommt, vor allem wenn es eigentlich schon Nachmittag und kurz vor Feierabend ist, ist eher unwahrscheinlich. Insofern rechnen wir auch das Finnland an: Das Land hat zwar mal wieder alles gegeben, unser Auto zu plätten, die Menschen haben es diesmal aber wieder gut gemacht. Ein bisschen hängt uns noch unser Mut von gestern in den Ohren: „Die Panne des Tages hatten wir ja schon, was soll da in Finnland noch passieren“ und „Seinen Dämonen kann man sich ja auch mal stellen und so“. Wer weiß, ob es anders gekommen wäre, wären wir über Schweden gefahren. Fakt ist, es ist so gekommen, wie es gekommen ist. In Finnland.

Danach genießen wir die Vorzüge einer finnischen Blockhütte irgendwo in Lappland. Der Kamin knistert, die Sauna heizt vor und später gibt es eine ordentliche Portion Gulasch. Auch den See besuchen wir nochmal, legen die Füße hoch und planen die nächsten Tage.



