Tag 11 – 24 Pfoten für ein Halleluja

von Svensby nach Svensby

14 Kilometer gefahren

Roadtime: 3:30

Sonnenaufgang Start: 09:04

Sonnenuntergang Ziel: 14:46

Temperatur: -12 Grad (gefühlt -19 Grad wegen Windchill)

0l getankt

1x Lyngen Safari

Als wir gestern unsere Füße hochlegen, diskutieren wir noch einmal unsere weitere Route und planen Tag 12 und 13 spontan um. Gerade noch rechtzeitig. Denn während wir umbuchen, stellt sich heraus, dass wir für die Unterkunft an Tag 12 eine Stunde später den vollen Preis als Stornogebühr hätten zahlen müssen. So erwartet uns nun morgen eine andere, hoffentlich spannendere Route als ursprünglich geplant, auch wenn das einiges an Mehr-Kilometern bedeuten wird. Wir essen anschließend in Ruhe zu Abend und räumen gerade ein wenig auf, als am Himmel plötzlich graue Schleier auftauchen. Aus Erfahrung wissen wir, dass diese grauen Schleier am sternenklaren Himmel nur eins bedeuten können: Polarlichter! Wir ziehen uns richtig dick und als wir nach draußen treten, geht es schon los. Schnell klettern wir noch den Hügel hinter unserem Haus hinauf (der Hof ist durchgängig beleuchtet und Licht stört die Sicht auf Polarlichter enorm), als der Himmel voll durchlädt. Ein Feuerwerk an Farben und Formen findet genau über unseren Köpfen statt, wir sehen grüne, rote, gelbe, lila und rosa Farbschleier. Dank unserer Schneeanzüge und ordentlich warmer Kleidung darunter stehen wir über zwei Stunden bei -10 Grad draußen und können es gar nicht fassen. Zur Krönung sieht Katrin die klarste Sternschnuppe ihres Lebens und ist endgültig beseelt.Die Lyngen Alpen haben mal wieder voll abgeliefert. Dieser Ort ist einfach magisch.

Heute klingelt um sieben Uhr der erste Wecker. Eigentlich ist es noch viel zu früh, wir haben erst um 10:30 Uhr ein Date, aber der Motorvorwärmer braucht gute drei Stunden, um den Motor auf Temperatur zu bringen. Also schlüpft Matthias kurz raus aus dem Bett, stapft raus in die Kälte zwei Schalter im Auto betätigen und hüpft dann schnell wieder unter die dicke Decke. Dringend nötig, denn draußen ist es nicht nur bitter kalt, ein eisiger Wind mit Geschwindigkeiten bis zu 30 km/h reißt hörbar am Haus. Er ist so stark, dass sich Schneefahnen an den um uns herumliegenden Berggipfeln bilden. Es ist wirklich ein unbeschreibliches Gefühl, sich noch einmal ins warme Bett zu kuscheln und durch das Fenster die schneebedeckten Berge der Lyngen Alpen und den Ullsfjord sehen zu können.

Mit diesem Blick und der Gewissheit des zweiten Weckers dösen wir noch einmal weg, als unser Telefon klingelt. Dran ist unser 10:30 Uhr-Date. Über Nacht hat sich eines ihrer Pferde verletzt und sie muß noch auf den Tierarzt warten. Ob 12:00 Uhr auch okay sei. Ist es, für Tierarztbesuche haben wir Verständnis und außerdem bedeutet das ein paar Minuten mehr im warmen Bett mit schöner Aussicht und ein entspanntes Frühstück mit der gleichen atemberaubenden Sicht.

Kurz vor 12 machen wir uns dick eingepackt auf den Weg. Der Wind ist immer noch enorm, im frei liegenden Gesicht fühlt es sich wie kleine Nadelstiche an, so kalt ist es. Über allem scheint die Sonne in den tiefen Fjord. Wir rutschen vorsichtig unsere komplett überfrorene Einfahrt herunter (später erfahren wir, dass alles mit einem Eispanzer überzogen ist, weil es bei leichten Plusgraden letzte Woche geregnet hat. Regen plus Bodenfrost macht halt dicke Eispanzer) und fahren auf die 91 in Richtung Norden. Gute fünf Minuten lang, dann biegen wir links ab zum Gelände von Lyngen Safari.

Der Familienbetrieb bietet neben einem eigenen Campingplatz zwei Grundstücke neben unserer Unterkunft Schneemobil- und Hundeschlittentouren an. Wir haben uns für Letztere angemeldet – Schneemobile mögen spaßig sein, sind aber nicht ganz unserer Ding. Matthias hat das mal ausprobiert. In einer geführten Tour ist das aber eher langweilig. Hundeschlitten fahren hingegen nicht. Zufällig hatten wir 2022 die Chance, kurzfristig bei einer Tour mitzumachen. Diesmal hatten wir von Finnland aus ordnungsgemäß gebucht.

Zuerst werden wir eingekleidet: dicke Überzieh-Hosen und ebenso dicke Jacken, alles kommt über die Schichten, die wir bereits anhaben. Dazu hohe Winterstiefel mit Spike-Überziehern die unsere eigenen Spikes lächerlich erscheinen lassen. Sind es bei uns kleine Metallstifte in Gummi, so sind es in der einheimischen Variante massive Stahlzähne an Ketten. All das brauchen wir, das wissen wir bereits. Und zwar aus zwei Gründen: In den Tiefen der Lyngen Alpen kann es ordentlich kalt (und eisig) werden und man hat die Chance, ein wenig Hunde zu knuddeln. Diese leben aber ziemlich wild in einem freien Gelände draußen, so dass sie ein wenig stärker riechen und ihre Geschäfte im wahrsten Sinn „im Vorbei gehen“ erledigen.

Im Anschluß bekommen wir eine Einweisung ins Hundeschlittenfahren. Wir fahren zu zweit, das bedeutet eine Person sitzt vorne, die andere Person steht hinten auf den Kufen. Es gibt eine goldene Regel: Lass nie den Schlitten los, egal was passiert! Die Hunde wollen nämlich vor allem rennen. Die interessiert es nicht, ob man noch auf dem Schlitten ist oder nicht. Gelenkt wird der Schlitten über Gewichtsverlagerung. Das kann ganz einfache Gewichtsverlagerung auf ein Standbein sein, kann aber auch bedeuten, dass man mit dem gesamten Körper auf eine Seite des Schlitten wechselt bis hin zu Impulsen aus der Hüfte auf die Kufen. Unterstützt wird das, ähnlich wie beim Motorrad, von der Person die sitzt. Sollte es nötig sein, muss die stehende Person den Hunden bei Steigungen durch Kicks oder sogar anschieben helfen. Das System Hundeschlitten hat zwei Bremsen. Zur Regulierung der Geschwindigkeit (die Hunde rennen immer Vollgas) schleift zwischen den Kufen eine Gummimatte mit sehr dicken Noppen auf dem Boden. Diese kann man mit der Hacke, dem ganzen Fuß oder dem gesamten Körpergewicht bedienen. Sinnvoll eingesetzt kann sie auch zum Lenken genutzt werden. Zum Anhalten und stehen bleiben kann man ergänzend eine Stahlstange heruntertreten, diese bohrt zwei Dornen in den Untergrund und verhindert so das Weiterfahren.

2022 bei der Einführung

Am Start, als unsere Hunde noch richtige Bock haben, steht Matthias mit ganzem Gewicht auf der Stange, die Dornen sind bis zum Anschlag im vereisten Untergrund und die Hunde schaffen es trotzdem, den Schlitten gut 30 cm nach vorne zu ziehen. Die ganze Anleitung verheimlicht eines: Eigentlich unterstützt man nur das, was die Hunde machen. Eigentlich ist man nur Passagier, der ziemlich viel körperlich arbeiten muss. Das mag bei eingespielten Musher:innen mit ihren Hunden anders sein, wir haben aber auf die Richtung, in die die Hunde laufen werden, zum Beispiel wenig Einfluß.

Nach ausgiebigem Hundekraulen geht es los. Wir legen den Hunden selbst ihre Geschirre an und spannen sie an ihre entsprechenden Stellen vor den Schlitten. Dabei gibt es eine spezielle Reihenfolge: Vorne kommen die klügsten Hunde hin, in die Mitte Hunde, die ordentlich Kraft aufbringen, deren Job aber vor allem Mitlaufen ist (hier häufig eher unerfahrene Hunde) und hinten die Hunde, die richtig was wegpacken können. Sie sind für den Antritt und die Hauptarbeit verantwortlich. Unser Sechserpack wirkt gut eingespielt, die Hunde zeigen uns wo sie hingehören. Und es wirkt hoch motiviert. Auf den ersten Blick sind alle Hunde eher zierlich, relativ niedrig und machen erst einmal nicht den Eindruck, als wenn sie ordentlich was wegpacken. Wenn man sich aber ihre Hinterläufe ansieht, erkennt man unter dem dichten Fell stabile Muskelstränge. Und wir erinnern uns an unseren Hund, der auf den ersten Blick auch nicht übermäßig stark aussah, am Fahrrad aber Kräfte und Geschwindigkeiten entwickelte, die wirklich überraschten.

Zwei Stunden fahren wir vom Ullsfjordausleger aus Richtung des Sees Trollvatnet und zurück. Uns umgeben dabei hohe Berge und zumindest auf der Hinfahrt scheint uns noch die Sonne den Weg. Auf der Rückfahrt gegen 14:30 Uhr macht sie sich schon auf den Weg in den Feierabend. Es ist nichts zu hören, außer dem Knistern des Eises unter den Kufen, dem Hecheln, Bellen und Singen der Hunde und unserem eigenen Atem. Eine ganz eigene Magie geht von diesem Moment aus. Und man darf das nicht unterschätzen. Es ist kein entspanntes Gleiten durch die Schneelandschaft. Es gilt den Schlitten bei unterschiedlichsten Pistenqualitäten aufrecht und in Spur zu halten. Wir fahren halt durch die Natur und das bedeutet, es gibt keine Plan gefräste Piste. Wir fahren über Hubbel und große und kleine Hügel, mal kippt es nach rechts, mal nach links. Einmal sogar so sehr, dass wir uns bei der Gewichtsverlagerung so sehr verschätzen, dass der Schlitten uns fast abwirft – Matthias muss abspringen und neben dem Schlitten her rennen, Katrin im Sitzen beugt sich weit zur entgegen gesetzten Seite und stößt uns mit dem Fuß zurück. Nur so können wir ihn am kompletten Umkippen hindern.

Und es ist unfassbar schnell. Die Hunde haben richtig Bock und sie wollen immer das Maximum an Geschwindigkeit, wenn man sie nicht zügelt. Und unser Team scheint besonders motiviert zu sein. Immer wieder müssen wir sie deutlich runterbremsen, da absolutes Überholverbot herrscht. Wir nutzen den Moment, um wieder deutlichen Abstand zu bekommen, um die Hunde dann richtig rennen zu lassen. Es macht unglaublichen Spaß und fast vergessen wir dabei den schmerzhaft kalten Wind, der uns insbesondere auf dem Rückweg ohne Sonne voll ins Gesicht und an einer Stelle fast aus dem Track bläst. Unser Hundeteam hat aber alles im Griff und wir zieht uns wieder „auf Spur“.

Nach gut zwei Stunden ist die Tour vorbei und wir denken im ersten Moment „ach Schade, jetzt schon?!“, während im zweiten Moment unsere Körper Bedenken für eine weitere Runde anmelden. Das Ganze ist ordentlich anstrengend und wird uns morgen wahrscheinlich einen Muskelkater bescheren. Wir spannen die Hunde ab, bedanken uns mit einer ausgiebigen Knuddelrunde und finden uns in einer Blockhütte um ein offenes Feuer ein. Hier sitzen wir im Warmen mit unserer Guide, sie versorgt uns mit warmer Fischsuppe und im Anschluss mit dampfendem Kakao und uns bereits bekannten Lefse. Wir nutzen die Zeit und reden mit ihr über die Hunde, die Arbeit mit ihnen sowie das Leben hier in den Lyngen Alpen und bekommen spannende Einblicke.

Zufrieden fahren wir im Anschluss wieder über die 91 zurück, parken den Volvo am Haus, versorgen ihn mit Landstrom und gehen runter an den Fjord, um die letzten Momente Abendröte zu genießen. Um 15:30 Uhr. Schon ein bisschen komisch. Aber: Wir haben wieder mehr Tageslicht. Unsere Route führte von Alta aus südwärts und das bedeutet, dass wir mit jedem Kilometer mehr Tageslicht gewinnen – von gestern auf heute, waren es in Svensby selbst schon 10 Minuten plus. Ab jetzt bekommen wir also wieder mehr Blick auf all das Schöne, um uns herum.

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