von Svensby bis Harstad (Air BnB „All Season“)
330 km gefahren
Roadtime: 07:15 h
Sonnenaufgang Start 09:03 Uhr
Sonnenuntergang Ziel 15:10 Uhr
Temperatur -14 Grad (Windchill -23) bis -4 Grad (Windchill -10)
33 L getankt
1x Pipipause, 1x warten auf Fähre und Fährfahrt, 2x tanken mit Pipi, 2x Fotostop mit Pipi, 1x einkaufen, 1x auspacken
Der Wecker klingelt um 05:30 Uhr und einer quält sich wieder raus, um zwei Schalter im Auto umzulegen um dann schnell wieder unter die warme Bettdecke zu huschen. Nach zwanzig Minuten Snooze-Taste drücken, stehen wir dann endgültig auf und erleben die nautische Morgendämmerung.

Der Begriff stammt aus der Seefahrt und beschreibt den morgendlichen Zustand, wenn die Sonne sich noch 12 bis 6 Grad unterhalb des Horizonts befindet. Diesen erkennt man aber bereits trennscharf, während gleichzeitig noch die Sterne zu sehen sind. Für Seefahrer ein wichtiger Moment, ermöglicht er es doch, die Position der Sterne im Verhältnis zum Horizont zu bestimmen und mit dieser Information genaue Navigationsberechnungen anstellen zu können. In echt bedeutet das für uns in den Lyngenalpen, dass sich die Berge langsam aus der Dunkelheit schälen, um anschließend in ein zartes Lila-Rosa getaucht zu werden. Ein wunderschöner Anblick.

Trotzdem ist unser Herz heute ein wenig schwer. Heute wäre eine liebe Freundin 42 Jahre alt geworden und hätte damit die Antwort auf den Sinn des Lebens zumindest in Jahren gefunden. Es kam aber anders und so endete ihr Leben vergangenen Oktober tragisch. Sie hat gerne Geburtstag gefeiert. Und wir haben gerne ihren Geburtstag mit ihr gefeiert. Dies nicht mehr tun zu können, hinterlässt einen leeren und einsamen Tag mit Trauer im Herzen. Obwohl oder gerade weil ihr Geburtstag immer ein Moment des Lachens, der Leichtigkeit und der Nähe war. Das Frühstück ist also irgendwie eine Mischung aus phänomenaler Aussicht, schönen und traurigen Erinnerungen und Tagesplanung. Auch wenn das Leben manchmal stehen bleibt, dreht die Erde sich stetig weiter…und lässt damit die Sonne unaufhörlich immer wieder aufgehen.

Für uns mit Blick auf die Lyngenalpen, über die der Wind die Wolken rasen lässt. Gestern Nacht gab es noch keine Wolken, weswegen Katrin beim Sterne beobachten und fotografieren sogar noch ein paar Mini-Polarlichter geschenkt bekam.

Schräg gegenüber von unserer Unterkunft ist der Fähranleger. Die Lyngenalpen sind formal zwar über die 91 (und einen Schleichweg, die 868) mit dem Land verbunden, Teil der 91 sind aber zwei Elektro-Fähren. Eine über den Lyngenfjord, diese nahmen wir vorgestern, und eine über den Ullsfjord, diese nehmen wir heute. Mit Sonnenaufgang ist das Auto gepackt und wir sind startbereit, etwas weniger als 30 Minuten später legt die Fähre ab. Wir rutschen den Hügel von unserer Unterkunft herunter. Und das ist nicht metaphorisch, sondern faktisch gemeint. Wir haben keinerlei Kontrolle über das Auto, als es die gut 50-80 Meter Abfahrt zur Straße hinter sich bringt. Mit ordentlich Glück landen wir weder im Feld, dem Fjordufer oder an dem einzigen Baum weit und breit. Eine Kombination aus Bremse loslassen, um etwas zu lenken und unmittelbar erneutem Bremsen, um nicht zu viel Geschwindigkeit aufzunehmen, scheint uns wenigstens im Ansatz die Beherrschung behalten zu lassen.Vor der Fähre das übliche Warten, dann wird sich ordentlich eingefädelt und es geht los. Gute 25 Minuten dauert die Fährtfahrt über einen vom Wind ordentlich aufgepeitschten Fjord. Windgeschwindigkeiten bis zu 52 km/h lassen die Fähre ordentlich in alle Richtungen schaukeln.

Für unsere Tagesetappe ist ebenfalls starker Wind vorhergesagt. Zusätzlich sollen 25-30 cm Neuschnee fallen. Das begrüßen wir grundsätzlich aus folgender Überlegung: Neuschnee ergibt einen anderen, fahrbaren Untergrund als Eis. Und hat man die Wahl zwischen beiden, nimmt man auf jeden Fall Schnee. Trotzdem macht uns der Wind heute hart zu schaffen. Zu den ohnehin schon hohen Windgeschwindigkeiten, die sich an Landschaftseinschnitten, Berghängen, auf Kuppen und ähnlichem sehr massiv bemerkbar machen, gesellen sich noch heftige Böen, die den Volvo vor allem auf eisigem Untergrund gefühlt in jede beliebige Richtung boxen. Der Wagen ist durch seinen hohen Aufbau und das weiche Fahrwerk windanfällig, das wissen wir. Können damit unter normalen Bedingungen auch ganz gut und sicher umgehen. Das was wir heute erleben, stellt aber alles bis dato Erlebte in den Schatten. In Folge reduzieren wir unsere Geschwindigkeit deutlich und lassen genervte Norweger:innen in Fahrzeugen jeglicher Größenordnung, wann immer möglich, an uns vorbei fahren.

Von der 91 biegen wir bei Fagernes auf die E8 in südlicher Richtung ab, den fließenden Übergang bei Vollan in die E6 verpassen wir komplett. Ursprünglich war eine Alternativroute zur E6 ab Bardufoss über die 86 nach Nordstraumen und weiter über die 84 Richtung Süden bis Fossbakken geplant. Eine Strecke, die zum Teil direkt durch die Berge und an den nördlichen Ausläufern des Andfjords entlang führt. Angesichts der Wetterlage und den eh schon maximal herausfordernden Rahmenbedingungen entscheiden wir uns aber dagegen. Sicher, das wäre die deutlich spannendere und schönere Strecke gewesen. Da man derzeit aber eh nur wenige hundert Meter weit in den Schneesturm schauen kann, ist es eigentlich egal, wo man nichts sieht. Und dann fährt Matthias doch lieber auf der Hauptverkehrsstraße, da diese wenigstens ansatzweise gute Straßenbedingungen verspricht. Was die E6 auch größtenteils hält. Trotzdem sind immer wieder ganze Etappen spiegelglatt vereist, zugeschneit oder von nervigem Waschbrett-Eis überzogen. Eine neue Gefahr lernen wir heute auch kennen: Schneewehen. Der lose Neuschnee wird vom starken Wind auf dem Asphalt so lange verwirbelt, bis er sich irgendwo zu losen Haufen sammelt. Diese sind im Schneegestöber kaum zu erkennen, fährt man in sie hinein, haben sie einen ähnlichen Effekt wie Aquaplaning. Eine Seite des Autos wird radikal verzögert. Dies sorgt für eine Spuruntreue par excellence mit gleichzeitig heftigem Ruck am Lenkrad in die eh schon verzögerte Richtung. Beherztes Gegenlenken hilft, man muß aber genau den Moment abpassen, in dem man aus der Schneewehe wieder raus ist, sonst scheppert man in den Gegenverkehr. Wirklich kein Spaß.

Nach heute hat Matthias zumindest seinen Fitnesspart dieses Urlaubes erledigt. Zu dem Muskelkater in den Beinen vom Hundeschlitten fahren wird sich morgen ein weiterer Muskelkater in den Armen gesellen. Man merkt erst in solchen Extremsituationen, was für ein Geschenk so moderner Schnickschnack wie eine Servolenkung ist. Während Matthias also als Steuermann versucht, das sich heftig wehrende Lenkrad im Zaum zu halten, ist es Katrins Aufgabe, die Straßenbeschaffenheit – also Schneewehen, Eisdecken, Hindernisse etc. – rechtzeitig zu erkennen und anzusagen. Wenn wir heute am späten Nachmittag aus dem Auto steigen, werden wir beide massiv im Sack sein. Dieser Tag strengt richtig an.

Eine ganz eigene Story sind die LKW in Norwegen bzw. ihre Fahrer:innen. Trotz dichtestem Schneetreiben, wirklich ungünstigen Straßenbedingungen und akut keiner Möglichkeit irgendwie auszuweichen und sie vorbeizulassen, hängen sie mit für Parksituationen bereits recht engen Abständen hinter uns. Nicht alle natürlich, manche warten auch geduldig, aber viele. Als wäre dies nicht bereits eine bedrohliche Situation, so wird vom zweiten LKW gerne mal auf der Gegenverkehrspur gefahren, um der Dringlichkeit seiner Ladung Ausdruck zu verleihen. Und da LKW hier ganz Lichtkanonenbatterien montiert haben, werden diese auch ausgiebig genutzt. Wir reden hier nicht über Schleichgeschwindigkeiten. Trotz allem waren wir immer noch mit mehr als 60 km/h, in der Regel irgendwas knapp unter 70 bis knapp unter 90, unterwegs. Auf norwegischen Landstraßen herrscht allgemein eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h, durch Schilder manchmal auf 90 km/h erhöht. Ja, wir waren etwas langsamer als möglich erlaubt unterwegs. Rechtfertigt das solch gefährlichen Manöver? Wir denken nein und sind froh, wenn wir diese Spinner:innen vorbeilassen können. Um dann häufig genug im nächsten Ort oder an der nächsten Baustelle wieder aufzuschließen. Naja.

Ab Bjerkvik fahren wir auf die E10 Richtung Westen. Wir schütteln kurz unsere Faust in Richtung eines der Tronanwärter für die schlechteste Unterkunft 2022. Die Erinnerung an das „Frühstück“ in dieser Absteige hat uns zu möglichst viel Selbstversorgung auf dieser Tour gebracht. Von der E10 aus hätten wir einen wunderbaren Blick auf den Ofotfjord. „Hätten“, weil unser lieber Reisebegleiter „dichter Nebel“ wieder zurück ist. So erahnen wir Wasser und Berge und die Straße vor uns. Als die E10 sich in nördliche Richtung ins Landesinnere die Berge hoch windet und es dementsprechend nichts wirklich Spektakuläres mehr zu sehen gibt, hat Kollege Nebel seinen Job getan und bleibt im Fjord.

Was der Nebel vergessen hat und sich uns somit in voller Pracht präsentiert, ist der Tjeldsund. Diese 50 Kilometer lange Meerenge ist seit über 1000 Jahren eine wichtige Wasserstraße. Die Wikinger segelten hier schon durch. Vor allem trennt der Tjeldsund hier oben die Lofoten vom Festland. Verbunden werden beide über die Tjeldsundbru, eine 1007 Meter lange und sich maximal 41 m hoch über den Meeresspiegel spannende Hängebrücke. Mit ihren 32 Drehpunkten ist Teil des Kung Olavs Vei, einem Teil der E10 die diesen Namen zu Ehren des Straßenkönigs Olav trägt. 1967 eröffnete eben dieser nach 30 Monaten Bauzeit und 375.000 Arbeitsstunden die damals umgerechnet knapp 4 Millionen Euro teure Brücke.

Katrin fotografiert viel, wir mögen Brücken. Damit am Ende des Tages die Fotoauslese nicht an der schieren Menge scheitert, sichtet und bearbeitet sie die Fotos direkt on the go. Dabei wird auch eine Vorauswahl für diese Blogbeiträge getroffen. Am Ende bestimmt aber der Text die endgültige Entscheidung. Parallel dazu hat sie, wie bereits erwähnt, immer ein Auge auf der Straße, um auf mögliche Herausforderungen hinzuweisen. Und „ganz nebenbei“ schreibt sie die wichtigsten Eckpunkte der Etappe mit, recherchiert vor und organisiert das Catering an Bord. Gehirnjogging in Reinform.

Auch auf den Lofoten tobt der Wind und drückt uns abwechselnd in Richtung Leitplanke oder Gegenverkehr. Im Laufe des Abends wird auch hier noch Schnee hinzukommen. Bisher sind wir auf den Lofoten immer nur entlang der E10 unterwegs gewesen. Ab der Tjeldsundbru fahren wir deshalb auf der 83 Richtung Norden. Wir wollen die Insel Hinnøya nördlich umrunden, bei Revsnes die Fähre nach Flesnes nehmen, um dann südlich wieder auf die E10 zu stoßen. Für diese Nacht machen wir Zwischenstop in Harstad, einer für hiesige Verhältnisse großen Stadt mit knapp 21.300 Einwohner:innen. Die Stadt selber ist nicht nur Verwaltungszentrum (so wie wir das verstehen ist sie quasi so etwas wie eine Kreisstadt), in ihrem Hafen legen täglich die bekannten Hurtigrouten an und in ihr steht die nördlichste, mittelalterliche Steinkirche. Der Hafen hat auch heute noch militärische Bedeutung. Natürlich waren auch die Deutschen im zweiten Weltkrieg hier und haben 1943 mit gehörigem Aufwand vier „Adolf-Kanonen“, mächtige Kaliber 40,6 Geschütze, auf eine Festungsanhöhe gebaut. Diese dienten vor allem dafür, die Zufahrt zum Hafen von Narvik zu beschützen. Narvik war (und ist es immer noch) für die Verschiffung von im schwedischen Hinterland gewonnenen Erzen von strategischer Bedeutung. Auch heute ist das norwegische Militär rund um Harstad noch sehr präsent. Zusätzlich hat Harstad als Ausgangspunkt für Angel- und Wasser- sowie Wintersport eine gewisse Relevanz.

Bevor wir uns auf den Weg zu unserem AirBnB machen, sind noch zwei Dinge zu erledigen: Wir müssen ein paar Getränke und Kartoffeln bunkern und volltanken. Ersteres ist einfach, zweiteres eine Herausforderung. Tankstellen gibt es reichlich, keine einzige bietet 98 Oktan oder mehr an. Hinzu kommt, dass der angebotene 95 Oktan-Sprit in Norwegen immer E10-Sprit ist, also mit 10% Biosprit. Dafür sind unsere Benzinschläuche und Dichtungen bekanntermaßen nicht geeignet. Also suchen wir so lange, bis wir endlich den benötigten Luxussprit finden. Witzige Randnotiz: Als wir mit unseren Roadtrips 2016 anfingen, tat es hier oben an der Tankstelle jedesmal richtig weh. Mittlerweile ist die Preisdifferenz im Prinzip nicht mehr vorhanden. Deutschland ist preismäßig für den Liter Sprit mittlerweile auf skandinavischem Niveau.

Unsere Unterkunft ist sehr klein, punktet aber mit phänomenaler Aussicht über die Stadt. Jedenfalls soweit wir das Erkennen können. Es ist bereits ziemlich dunkel und der Schneesturm hat uns eingeholt. Wir entladen zügig unser Auto und parken es auf dem etwas irritierend beworbenen Parkplatz. Der hörte sich wie „neben dem Haus“ an, ist in Wahrheit aber gut 200 Meter entfernt den Berg runter. Einer von uns beiden freut sich morgen schon auf den morgendlichen Gang, um zwei Schalter umzulegen. Denn Landstrom hat dieser Parkplatz. Immerhin. Wir sind in der ersten Unterkunft, die nicht ordentlich vorgeheizt ist und sind froh, unseren kleinen elektrischen Heizlüfter dabei zu haben. Mit der Zeit kommt die Fußbodenheizung aber in Wallung. Wir kochen uns rheinischen Sauerbraten mit Kartoffeln und Rotkohl und erklären diesen Tag für beendet.

