Tag 14 – ein mulmiges Gefühl

von Bjerkvik nach Lappeasuando (Lappoeasuando Lodge)

gefahrene Kilometer: 253

Roadtime: 4 Stunden

Temperartur: 0 über -8 zu -4 Grad

Tanken: vergessen (nicht die Liter, sondern das Tanken)

1x Drohnenpause, 1 x Powernap

Reparaturen: der bekannte Vergaserquatsch

Gerade sitzen wir hier und überlegen, was die richtigen Worte zum Einstieg in diesen Tag sind. Aufgewacht sind wir, wie wahrscheinlich die Meisten, heute morgen mit den Nachrichten zu einer russisch geführten militärischen Offensive in die Ukraine. Damit ist aus einem lokal begrenzten Bürgerkrieg auf dem europäischen Kontinent eine internationale bewaffnete Auseinandersetzung geworden. Schon jetzt ist klar: es sterben Menschen und über die Ukraine zieht sich Leid und Elend. Unberührt lässt uns das nicht, das Gefühl von Krieg vor der europäischen Haustüre macht Angst und Unsicherheit. Es fühlt sich näher und direkter an als all die kriegerischen Auseinandersetzungen „irgendwo“ und natürlich ist diese Betroffenheit jetzt und die Ignoranz die ganze Zeit vorher all den anderen Kriegen (und dem Leid und Elend von Menschen auf der Welt) gegenüber ziemlich ambivalent. Es ist halt einfach für uns Menschen, Dinge, die keine Relevanz für unser Leben haben, auszublenden. Wir sind in Gedanken heute viel bei den Menschen in der Ukraine, die nichts anderes als ihr normales Leben leben wollen und jetzt einer völligen Destabilisierung ihres Landes gegenüber stehen. Und durch militärische Angriffe unter Umständen ihr Leben bedroht ist. Einmal mehr bekommt der Schwur und der hinter ihm stehende Wunsch nach einer friedlichen Weltordnung Bedeutung: „Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus.“

Was uns an dieser Stelle, aber auch immer wieder während unserer Reisen auffällt und in den Sinn kommt: es ist großartig, in einem Europa zu leben, in dem man sich frei bewegen kann. In dem man reisen kann, andere Länder und Kulturen erleben kann, ohne stundenlang an ausgedachten Linien Schlange stehen zu müssen. Vorher Freigaben zum Übertreten dieser Linien einholen zu müssen. Bleiben zu können, so lange man will. Und es ist großartig, einen Pass zu besitzen, der einem dies auch in weiten Teilen der restlichen Welt ermöglicht. Das exklusive und ausschließende Handeln von Nationalstaaten, die Unterteilung von Menschen in „gut – darf rein“ und „nicht gut – darf nicht rein“ ist in einer globalisierten, digitalisierten und dadurch enger zusammen gerückten Welt so dermaßen antiquiert, dass es uns bei dieser Thematik so vorkommt, als käme gleich jemand in einer Ritterrüstung um die Ecke, um seine Raubritterburg auf dem Felsen Dickerklotz zu verteidigen. Freizügigkeit, Zugang zur Welt und ihren Ressourcen, auch der Zugang zu Informationen, Erlebnissen und Möglichkeiten ist etwas, das wir allen Menschen wünschen. Und etwas, von dem wir glauben, dass es die Welt zu einem besseren Ort für alle Menschen machen würde.

Mit diesen Gedanken im Kopf gehen wir zum Frühstücksbuffet unseres Trucker-Hotels und haben das zweifelhafte Vergnügen ein Gewinner-Buffet vorzufinden. Und zwar den Gewinner des Titels „schlechtestes Frühstück dieser Tour bis jetzt“. Schließt sich nahtlos an das überschaubar gute Abendessen von gestern an. Der Blick über den Fjord Richtung Narvik kann es nicht richtig aufwerten – auch wenn im Fjord richtig dicke Pötte Ringelreihen tanzen. Nach dem Frühstück bleiben wir noch einen Moment sitzen und diskutieren den Tag nach der Geburtstagsfeier. Die Fährverbindung Göteborg – Frederikshavn gibt uns mögliche Zeitrahmen und daraus resultierende Streckenvariationen vor, wir wägen alle gegeneinander ab und entscheiden uns am Ende, am 02.03. die frühe Fähre nach Dänemark zu nehmen und dadurch über den Daumen noch zweieinhalb Tage Rückfahrt an der dänischen Nordseeküste entlang zu haben. Die Fähre buchen wir sicherheitshalber schon einmal – dann ist sie uns auf jeden Fall sicher (und die Abfahrtszeit schreiben wir uns dick hinter die Ohren: 9:10 Uhr!!!).

Anschließend packen wir bei sommerlichen 0 Grad das Auto und fahren über die komplett eisfreie E6 Richtung Narvik. Leider biegen wir vor dem Øyfjord auf die E10 und verpassen damit eines der Highlights von Narvik, die Hålogalandsbrua. Wir sehen sie zwar von der E10 noch ein, zwei Mal, aber irgendwie ist die Stimmung noch ein wenig gedrückt und wir denken nicht über einen Umweg nach. Es wäre eine wunderschöne, elegante Hängebrücke gewesen, diese kommt aber nicht ins Haben-Heft, weil nicht überquert, also auch keine liebäugelnde Schwelgerei hier im Blog.

Stattdessen fahren wir ab hier auf der E10, dem Kong Olav Vs Vei. Die E10 beginnt in Å i Lofoten (Norwegen) und endet in Luleå (Schweden), hat eine Gesamtlänge von 880km von denen 397 als Kong Olav Vs Vei durch Norwegen verlaufen. Die norwegischen Könige haben Straßen als elementaren Baustein für den Zusammenhalt des Reiches begriffen, auch entlegenste Orte sollten für Norweger:innen über den Landweg zu erreichen sein, Güter, Arbeitskraft, Ideen und Informationen so besser und schneller ausgetauscht und dadurch ein Gemeinschaftsgefühl produziert werden. Kong Olav V sah das auch so und gilt bis heute als der „Straßenkönig“, unter seiner Hand wurden diverse Großprojekte zum Straßenbau vorangetrieben. Der Streckenabschnitt Narvik-Kiruna wurde erst Anfang der 1980er gebaut und 1984 durch Olav V und seinen schwedischen Kollegen Carl XVI. Gustav eingeweiht. Zur Ehrung des Straßenkönigs trägt der norwegische Teil dessen Namen.

Die E10 führt in die Berge hinauf. Sie schwingt sich dabei durch weit einsehbares Gelände. Bewusst sehen wir das erste Mal Windräder. Die Landschaft ist von einer geschlossenen Schneedecke versteckt durch die aber überall Findlinge gucken. Umso höher wir kommen, umso mehr sinken die Temperaturen, die Sonne verlässt uns trotzdem nicht. Allerdings ist im norwegischen Bereich die Straße heftig gestreut mit Sand und Splitt, unser Volvo 145 Express ist in kürzester Zeit wieder von feinem Staub und Abrieb verdreckt. Mit dem Überqueren der Grenze zu Schweden reduziert sich der Verkehr, es ist deutlich angenehmer zu fahren. Am vollständig vereisten Torneträsk, einem 330 km2 großen See, an dessen Ufern der Nationalpark Abisko sowie das UNESCO-Naturerbe Laponia liegen, starten wir auf 341 m über dem Meeresspiegel noch einmal die Drohne in dem Versuch, die Dimensionen des 70 km langen Sees einzufangen. Es scheint fast unmöglich, fotografisch die Ausmaße des Sees und der ihn umgebenden Berge einzufangen. Dem Wasser des Sees sind wir bereits schon einmal begegnet: der Abfluss ist der Torne Älv, jener Fluss, dessen Verlauf wir versucht haben zu verstehen.

Die E10 verläuft auf schwedischer Seite fast vollständig parallel zu der „Erzbahn“ genannten Eisenbahntrasse bis Kiruna. Die Erzbahnstrecke von Luleå bis Narvik ist die nördlichste Eisenbahnstrecke, die mit dem übrigen normalspurigen Eisenbahnnetz Europas verbunden ist, der Bahnhof Kiruna der nördlichste Bahnhof im europäischen Netz. Nach den Bergen des Abisko Nationalparks fahren wir durch weihnachtliche Postkartenmotive. Um uns herum sind Wälder, primär Nadelgehölz, die sich über eine hügelige Landschaft erstrecken. Alles – Straße, Landschaft, Bäume – ist mit einer großzügigen Puderzuckerbestreuung versehen. Vom blauen Himmel scheint die Sonne und überall glitzert und funkelt es. Nichts, was man so richtig auf Fotos einfangen kann, nichts, was den bombastischen Ausblicken der letzten Tage das Wasser reichen kann, aber etwas, wo es Spaß macht durchzufahren, die Gedanken nach dem trüben Start in den Tag etwas fliegen zu lassen und einfach zu genießen. Wir hören Musik, snacken und lassen einige Roadtrip-Erinnerungen Revue passieren.

Etwas gewöhnungsbedürftig sind die Schilder am Straßenrand: man fahre jetzt durch Lawinengebiet und solle auf keinen Fall unter 60 km/h fahren. Am Straßenrand sind in regelmäßigen Abständen zusätzlich Warnlichter angebracht. Dass wir dann zu allem Überfluss im ausgeschilderten Lawinengebiet Eiskletterer:innen an einem Wasserfall hochklettern sehen, irritiert uns dann endgültig.

Unsere Unterkunft für die Nacht erreichen wir zwischen zwei und drei, viel länger hätten wir auch nicht fahren können. Matthias musste zwischendurch bereits einen Powernap machen, die Anstrengung der letzten Tage zehren ganz schön an den Kräften. Wir haben ja schon den ein oder anderen Roadtripp hinter uns und häufig viel Roadtime und/oder Tageskilometer gehabt, das Fahren auf Schnee und Eis ist aber einfach nicht zu unterschätzen. Man kann im Prinzip keine Sekunde „mal laufen“ lassen, sich zurücklehnen und mit einer Hand am Lenkrad entspannen. Jede Sekunde Autofahren muß man hochkonzentriert sein. Der Untergrund und die Wetterbedingungen verzeihen keine Fehler. Auf den vielen Kilometern hier oben ist meistens nichts passiert, aber es hat eine Handvoll Situationen gegeben, in denen eine verzögerte Reaktionszeit, weil man es mal locker hat angehen lassen, mit Ärger geendet hätte.

Die Lappeasuando Lodge liegt unmittelbar an der Straße und bietet Campingmöglichkeiten, kleine Hotelzimmer und Hütten. Außerdem bieten sie hier Eisfischen, Schneeschuhwandern, Hunde- und Motorschlittenfahrten an. Und sie haben ein Restaurant sowie eine kleine Sauna. Wir parken das Auto, machen noch was zum Abendessen klar und gehen erst einmal eine Runde spazieren. Wir sind zu früh, unser Zimmer wird gerade noch gereinigt. Anschließend tragen wir die friergefährdeten Sachen wie Akkus und Essen aus dem Auto ins Zimmer und hängen dort etwas durch. Abends gibt es Lachs im Restaurant der Lodge und wir genehmigen uns ein paar ausgiebige Saunagänge. Morgen früh sieht die Welt vielleicht etwas charmanter aus als heute. Vielleicht schlafen die Muskelprotze dieser Welt ja auch einfach mal ne Nacht drüber und stellen fest, dass Krieg doch ne ziemlich dumme Idee ist.

„Die Menschheit muß dem Krieg ein Ende setzen oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende“. JFK

Eine spannende Bilderfolge noch als Eindruck: so ist es, wenn einem ein Schneepflug an einem guten Tag entgegen kommt. Heute war kaum frischer Schnee gefallen, der Schneepflug räumt lediglich Schneeverwehungen weg. Entsprechend hat sich das bei frischem Schnee noch potenziert. Erlaubte Geschwindigkeit hier 100km/h, wir fahren so ca. 80, am Ende der Bilderfolge so 30km/hy

3 Kommentare

  1. Danke für die gewählten Worte.
    In Bezug zu den aktuellen
    kriegerischen Auseinandersetzungen
    und zu den Muskelprotzen…

    Kommt gut durch die Nacht,
    erholt euch und habt friedvolle Träume.

    Danke, dass ihr uns auch heute
    wieder mit auf die Tour mitgenommen habt….heute morgen beim Zahnarzt konnte ich den gestrigen Abenteuern folgen und jetzt zum Abend den heutigen.

    Wird mir fehlen,
    wenn ihr wieder zurück zu Hause angekommen seid.

    Aber bis dahin ist ja noch ein bisschen Zeit.

    Nutzt sie und habt viel Spaß.
    Knutscht mir den Volvo.

    Peace ❤

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  2. Schade, dass Eure Tour so getrübt wird durch die entsetzlichen Entwicklungen in der Ukraine. Und noch „ schader“ ist, dass die Ukrainer zurückgeworfen werden in eine überwunden geglaubte Zeit. Ich staune darüber , dass so viele gut bezahlte Vollprofis diese Entwicklung und die wirkungsvolle Reaktion darauf nicht bedacht zu haben scheinen. Wenn schon „zurück ins Mittelalter“, dann auch „zurück an den Pranger“: da gehört das Putin‘ sche Regime mit aller Ächtung und Verachtung hin. Das sollte uns was wert sein

    Gefällt 1 Person

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