Tag 16 – Auf der Lachsspur

von Mo i Rana bis Toft bei Brønnøysund (Norsk Havbrukssenter – Rorbuer)

249 gefahrene Kilometer

Roadtime: 5 h

Sonnenaufgang Start: 08:32 Uhr

Sonnenuntergang Ziel: 16:13Uhr

Temperatur: -4 bis 1 (Windchill -4) Grad

24 l getankt

1x Öl an der Tanke kaufen mit Pipi, 1x Scheiben reinigen mit Pipi, 1x Foto mit Aussicht, 1x Foto mit Aussicht und Natur genießen

Reparaturen: Thermostat ausgetauscht, 3 l Öl nachgefüllt, Reifenwechsel

Für heute ist unsere Etappe kurz geplant. Waren andere ja auch bereits, heute haben wir aber den festen Vorsatz, diesen Plan auch umzusetzen. Vorher steht allerdings noch ein bisschen Schrauberei an. In Erwartung wirklich niedriger Temperaturen hatten wir in Deutschland bereits ein spezielles Thermostat extra für den skandinavischen Winter verbaut. Normalerweise öffnet das Thermostat bei 87 oder 88 Grad und lässt die Kühlflüssigkeit zum Abkühlen durch den Kühler laufen. Das jetzt verbaute öffnet erst bei 92 Grad. Gut, wenn es saukalt ist. Schlecht, wenn es nur um die null Grad mit Tendenz zu Plus ist. Deshalb kommt heute das alte Thermostat, also das reguläre, wieder rein. Der Tausch dauert nicht lange. Es sind nur zwei Schrauben, die gelöst werden müssen. Damit sich die dreckigen Hände überhaupt lohnen, wird noch schnell der Ölstand gecheckt. Vor der Tour haben wir einen Ölwechsel gemacht. Sollte eigentlich genug drin sein für die restliche Strecke. Pustekuchen! Der Peilstab zeigt so gut wie kein Öl an. Ungut.

Wir frühstücken mit der umwerfenden Aussicht auf den Ranfjord – unsere Hütte hat ein Panoramafenster, packen das Auto, laufen nochmal eine Runde über den auch bei Tageslicht tollen Campingplatz und fahren zur ca. 20 Kilometer entfernten Tanke, um 3 Liter Öl zu kaufen und nachzukippen. Ob das mit den hohen Motortemperaturen der letzten Tage zusammenhängt? Das müssen wir ab jetzt im Auge behalten! Obwohl der Volvo die Nacht über am Strom hing, startet er heute wieder sehr widerwillig. Saft ist mehr als genug da, ob der Starter einen abgekriegt hat? Wir wissen es nicht so genau. Es hinterlässt aber kein gutes Gefühl.

Etwas mulmig zu Mute klemmen wir uns trotzdem auf die E6. Ihr werden wir heute bis hinter Strendene folgen. Wir nehmen ja bewusst nicht die Scenic Route. Das war uns die letzten Tage zu viel Abenteuer und vor allem zu viel Roadtime. Wir sind immer später am Abend an der jeweiligen Unterkunft angekommen. Dann noch was Essen, Blog schreiben, Korrekturlesen, Fotos sichten und schon ist der Tag vorbei. Fühlte sich zuletzt alles ein wenig gehetzt an. Deswegen ist unser Plan jetzt der Hauptverkehrsroute zu folgen, um spähtest möglich abzubiegen. Als hätte die E6 das gehört, entscheidet sie sich, heute selber die Scenic Route zu sein. Bereits der Start am Finneidfjord entlang ist bombastisch.

Einige Kilometer nach dem Start fahren wir durch den mit 8.533 m längsten Tunnel der E6, den Korgfjelltunnel. Vor und hinter dem Tunnel strahlt die Sonne von einem blauen Himmel. Alles Angetaute der letzten Tage ist wieder gut durchgefrostet und funkelt und glitzert entlang der Straße. Hinter dem Tunnel fahren wir an diversen Seen vorbei, die durch unzählige, teils neben der Straße verlaufenden Flüssen verbunden sind. Luktavatnet, Ømmervatnet, Mjåvatnet und Fustvatnet sind durch den Fusta miteinander verbunden und entwässern die Berglandschaft in den nahe gelegenen Vefsnfjord. In diesen mündet auch der Vefsna, ein aus Süden kommender Fluss. Ab der Mündung folgt die E6 ihm flussaufwärts. Der Fluss ist naturbelassen und wechselt sein Antlitz eigentlich mit jeder Kurve. Mal ist er ein sich im Tal breit machender, gemächlicher dahinziehender Strom, mal ein in enge Felsklammen gezwängtes reißendes Wildwasser. Zusätzlich ist er mal eisfrei, mal versteckt er sich gänzlich unter einer Eis- und Schneedecke, mal türmt sich Brucheis an seinen Ufern meterhoch und mal schwimmen abgebrochene Schollen wie Eisberge auf ihm.

Wir halten am Laksforsen. Primär um die Scheiben einmal zu putzen. Nach 4.715 Kilometern hat sich von innen ein Schlier gebildet, der bei der wunderbar von vorne ins Auto strahlenden Sonne einen Nebelschleier über das Sichtfeld legt. Und von außen ist es auch dringend nötig. Der Staub des Streugutes in Verbindung mit ein bisschen Feuchtigkeit bildet eine nach und nach undurchsichtige Beschichtung. Katrin putzt außen, Matthias innen. Unser Spiritusreiniger wird fröhlich durchgetauscht.

wieder sauber

Zufällig halten wir hier aber auch, weil der Laksforsen ein stabiler Wasserfall ist. Mit 17 Metern Höhe jetzt kein Riese, allerdings ist dies der mit deutlichem Abstand wasserreichste Wasserfall Europas. 700 m3 Wasser schießen hier pro Sekunde durch. Auf Platz Zwei liegt der Sarpsfoss, quasi der kleine Bruder. Er liegt etwas stromaufwärts. Nummer Drei ist der Rheinfall mit gerade mal durchschnittlichen 370 m3/s. Laut ist er, der Laksforsen. Das Wasser donnert hier mit einer Wucht und einer Kraft durch, die beeindruckend ist. Seinen Namen hat er tatsächlich von den Lachsen, wie wir später rausfinden. Im Sommer kann man sie hier auf ihrer Wanderung flussaufwärts in ihre Laichgebiete im oberen Flusslauf des Vefsnas springen sehen.

Wir fahren weiter. Wobei das zu einfach gesagt ist. Wir genießen weiter. Die E6 kann hier oben richtig was. Sie ballert nicht mit Sensationen am laufenden Band. Es ist eher ein durchgehendes Beeindrucken. Die Straße ist breit und unaufgeregt angelegt. Man hat Zeit, in die Gegend zu gucken. Wenn die Scheibe nicht schon wieder von dem Siff der Straße völlig versaut ist. Eine Hand am Lenkrad, in der anderen einen Drink, prosten wir der durchgehend scheinenden Sonne zu. Kilometer lang cruisen wir so Richtung Süden. Die Aussichten werden in regelmäßigen Abständen nur durch Tunnel unterbrochen. Aber auch die mögen wir, diese in den rohen Fels gehauenen Röhren. Kurz den Fuß vom Gas, die Geschwindigkeit im vierten Gang auf knapp unter 60 km/h fallen lassen und dann Vollgas geben. Saftig brummelt es von den Tunnelwänden und wummert kraftvoll, bis wir die erlaubten 80 km/h wieder erreicht haben. Schön ist das. Zugegeben: Es ist auch ein bisschen Quatsch, aber trotzdem schön. In einem dieser Tunnel – es muss der Tosentunnel sein, wir haben den Namen nicht schnell genug mitgeschrieben – ist durchgehend geschätzte 7-8 % Gefälle. Es ist eine so perfekte Kombination mit unserem Volvo 145, dass dieser ohne unser Zutun nur doch Rollen im vierten Gang die maximal erlaubte Geschwindigkeit perfekt einhält. Knapp 6 Kilometer rollen wir quasi mit Erdanziehungstempomat durch den Berg, bis Matthias wieder die Kontrolle übernehmen muss.

Hinter Svenningdal bei Trofors wechseln wir in süd-westlicher Richtung auf die 76 und sind jetzt auf einer typischen kleinen Bergstraße. Sie hat keine perfekt ausgelotete Fahrbahn, die Oberfläche kippt mal nach rechts, mal nach links, während es rauf und runter und in engen Kehren durch eine schmale Schlucht hinauf zu einem Pass geht. Andere Bereifung, andere Temperaturen und nicht die Gefahr von verstecktem Resteis hinter der Kurve und wir hätten höllischen Spaß. So haben wir „nur“ Spaß, genießen den linkerhand liegenden Tosenfjord, steigen wieder hoch in die Berge am Sausvatnet-See entlang bis zum Bindalfjord. Alles nicht die bekannten, großen Fjorde mit Postkartenmotiven, wir sind aber in love. Rauhe Felsen, dank Windstille spiegelglatte Wasseroberflächen, rauschende Flüsse und im rauhen Klima krüppelig gewachsene Bäume über Mossböden. Finden wir gut. Und die Fjorde sind so klein, hier wird kein Kreuzfahrtschiff die Aussicht stören. Das Einzige was stört, ist die erneut verdreckte Schreibe beim Fotos schießen. Katrin jagt entsprechend waghalsig die besten Fotoperspektiven durch die offene Seitenscheibe – rote Stäbe und Leitplanken inklusive.

Es ist übrigens ein bisschen kniffelig herauszufinden, an was für einem Fjord man gerade ist. Es sind hier oben anders als im Süden von Norwegen keine klar abgegrenzten Einschnitte in die Landschaft, es ist eher ein Netzwerk aus dicht vorgelagerten Inseln und Halbinseln, Fjorden, Nebenfjorden, Flüssen und Seen. Die Programmierer von GoogleMaps haben offenbar den Versuch, das alles zu verstehen, aufgegeben und benennen alles nur grob. Und auch Norwegen scheint das nicht so wichtig zu sein, Schilder gibt es nur in überschaubarer Menge, entweder weiß man wie das Wasser neben einem heißt und ob es Fluss, See oder Fjord ist, oder halt nicht. Am Ende zählt eh nur eines: wie schön es ist, egal wie der Name ist.

An einem kleinen Parkplatz halten wir, eher zufällig. Als wir aussteigen liegt vor uns ein wunderschönes Stückchen Natur. Wir sind im hintersten Zipfel des Sørfjords, einem Seitenfjord des Velfjords. Ein kleine Trampelpfad geht an sein Ufer. Riesige Felsen ragen hier über seine Oberfläche. Offenbar ist die Oberfläche des Fjords während der Flut gefroren und hat sich, als das Wasser langsam ablief, wie eine große Scheibe auf den Fjordboden abgesenkt. Bei Bodenkontakt brachen Steine und Algenbüschel die Eisplatte in große Einzelteile, ein bizarres Gesamtbild bietet sich uns. Wir klettern hinunter, betrachten die Eisformationen aus der Nähe, beobachten mehrere Adler hoch über dem gegenüberliegenden Ufer über die Bäume fliegen und genießen den Frieden und die Stille dieses Ortes.

In Mesta, einer Handvoll Häuschen und der Straßenmeisterei, wechseln wir auf die 17 und fahren Richtung Brønnøysund, unserem Ziel des Tages. Das 5.000-Einwohner:innen-Örtchen befindet sich auf der Halbinsel Sømnahalvøya, in welche sich der Torgfjord von Südwesten kommend einschneidet. Der Ort selber liegt auf einer Landzunge und ist fast vollständig vom Meer umgeben. Unsere Unterkunft ist an der Spitze dieser Landzunge. Nur eine Insel vor uns verhindert den Blick von der Couch auf das offene Meer. Außerdem ist diese Stadt der Mittelpunkt Norwegens. Von ihr aus sind es genau 840 km bis zum Nordkap und zum Leuchtturm Lindesnes, der als südlichster Punkt des Landes gilt.

Wir beziehen unsere gemütliche Hütte und entladen das gesamte Auto. Ab Morgen sind wir nur noch eine Nacht in Selbstversorger-Unterkünften, den Rest werden wir in Hotels sein. Entsprechend ist es sinnvoll, unsere Packlogistik einmal umzuorganisieren, um nicht alle Kisten immer ins Hotel schleppen zu müssen, sondern mit überschaubarem Gepäck unterwegs zu sein. Außerdem müssen wir an die ganz hinten im Kofferraum liegenden Reifen. Seit zwei Tagen fahren wir bis auf wenige Ausnahmen durchgehend über Asphalt. Die Webcams unserer nächsten Ziele sagen diese Straßenverhältnisse bis Bergen ebenfalls voraus. So wechseln wir wieder von Spikereifen auf normale Winterreifen. Im letzten Tageslicht wird schnell umgeschraubt, die Spikereifen im Kofferraum verstaut, unser gesamtes Gepäck neu sortiert und alles, was wir nicht mehr brauchen, wird im hinteren Teil verzurrt.

Auf der Lachsspur waren wir heute nicht nur, weil wir ein großes Stück parallel zu einem Lachswanderweg gereist sind. Wir war auch lax auf Spur. Heute war ein sehr entspannter Roadtrip-Tag. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht. Passend zum Thema ist auch unsere Unterkunft. Denn hier gibt es zwei Einnahmequellen. Die eine ist die touristische: Hotel, die Rorbuer, in denen wir heute sind, Restaurant, Angebot von buchbaren Aktivitäten wie Kanuwandern. Das zweite Standbein ist eine Fischzucht. Im Laufe unserer Tour sind wir bereits an einigen Fischfarmen in den Fjorden vorbei gekommen. Und es macht ja auch irgendwie Sinn, gerade dort solche Fischfarmen anzulegen. Geschützt durch die hohen Berge und die vielen Kurven bis zum Meer ist Seegang hier nur zweitranging zu betrachten. Man hat relativ beständige Wasserqualität und die Wege zum Land und somit zu Verarbeitung und Weitertransport sind nicht weit. Norwegische Fischfarmen produzieren 15 Millionen Mahlzeiten an einem einzigen Tag. Eine Dimension, die mit Wildfischfang überhaupt nicht mehr zu bewerkstelligen wäre und durch das dadurch stattfindende Leerfischen der Meere eine ökologische Katastrophe verursachen würde. Norwegisches Aquafarming versucht hier, einen Balanceakt aus Masse und Klasse sowie einem sinnvollen Umgang mit Ressourcen und effektivem Farming zu betreiben. In so einem Netzgehege befinden sich lediglich 2,5% Fisch, der Rest ist Meerwasser. Häufig reichen diese Netze bis zu 50 Meter tief, um auch tiefer schwimmenden Fischen entsprechende Bewegungsfreiheit zu ermöglichen. 2,5 bis 3 Jahre wachsen die Lachse in den Gehegen Damit das alles nicht langfristig verdreckt, erledigen Putzerfische den Roomservice und in Abströmrichtung gehaltene Meerestiere, die den Fischkot wiederverwerten (zB Garnelen) schützen vor Überdüngung durch diesen. Von Pontonschiffen direkt neben den Farmen aus wird nicht nur der Zustand der Fische durchgehend überwacht, auch die Umgebung wird auf Verschmutzungshinweise untersucht. Durch sinnvolle Tierhaltung konnte der Einsatz von Medikamenten, zB Antiibiotika, radikal reduziert werden. Der norwegische Staat überlässt die Sorgfalt bei Fischhaltung und Umgebungsschutz aber nicht den wirtschaftlich handelnden Unternehmen. Ein strenges Reglement reguliert das Aquafarming Ein zusätzliches, unangekündigtes Kontrollnetz sichert die Umsetzung. Und in noch einem Punkt kann norwegisches Aquafarming punkten: Bei der Aufzucht von einem Kilo Rindfleisch fallen gut 30 kg CO2 an, bei einem Kilo Schwein sind es immer noch 5,9 kg. Ein Kilo norwegischer Zuchtlachs kommt dabei gerade mal auf 2,5 kg. Insgesamt scheint das Aquafarming im Vergleich zu anderen industriellen Tierhaltungen die bessere Variante zu sein. Natürlich immer unter der Berücksichtigung, dass Tiernutzung grundsätzlich einige moralische Fragestellungen aufwirft. Unsere Unterkunft verbindet Tourismus mit Aquafarming, bietet Touren an, klärt auf. Und so beeindruckt wir von dem Ganzen sind, so sehr wissen wir natürlich auch, dass wir hier ein relativ einseitiges Bild präsentiert bekommen. Ganz bestimmt gibt es auch an dieser Art der Tierhaltung berechtigte und qualifizierte Kritik. Und wenn es zuletzt nicht eben doch der Punkt ist, dass industrielle Tierhaltung grundsätzlich und für Ernährungszwecke erst recht, ein bisschen fragwürdig ist.

Während die Bollo auf dem Herd köchelt, lassen wir die letzten zwei Wochen ein wenig Revue passieren. Wettertechnisch hatten wir einfach kein Glück. Aber darauf hat man einfach keinen Einfluss. Ab dem Moment, ab dem wir die Chance hatten, etwas zu sehen, haben wir grandiose Tage mit schönen, gut gelegenen Unterkünften für gemütliche Abende gehabt. Wir sind auf unsere letzte Reisewoche sehr gespannt und freuen uns auf neue Eindrücke.

1 Kommentar

  1. 1 x Scheiben reinigen mit Pipi. Hä? Mit Pipi? Nicht mit Wasser und oder Spiritus? Macht Pipi besonders sauber oder schützt gegen beschlagen? 🤔🤔🤔 ??? War tatsächlich!!!! mein 1. Gedanke. 😉

    Tolle Bilder, tolle Motive, toller Tag! 

    Fahren mit dem Tempomat der Erdanziehung…. ich bin zwar keine Fahrerin, kann  mir das aber plastisch vorstellen und wie viel Spaß das macht. 

    Euch weiterhin Reise Freude und Spaß beim Fahren.

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