Tag 17 – nach jeden „Wow“ kommt ein „What the fuck“ 2

Von Toft bis Namsos (Scandic Rock City)

gefahrene Kilometer: 218

Roadtime: 8:40 Stunden

Sonnenaufgang Start: 08:31Uhr

Sonnenuntergang Ziel: 16:30 Uhr

Temperatur: 1 Grad (Windchill -8) bis 4 Grad (Windchill -1)

22 l getankt

1x Luftdruck überprüft, 3 h Stop für Unfall und anschließende Inaugenscheinnahme, 1,5 h Warten auf die Fähre, 1x Motor ist aus

Reparaturen/Schäden: erneuter Reifenwechsel, Lenkrad steht völlig schief, Auto zieht nach rechts, zu wenig Saft auf der Batterie, Auspuff gerissen, Zusatzscheinwerfer kaputt, Nummernschild samt Halterung abgebrochen

Mit dem ersten Blinzeln, als der Wecker uns aus den tiefen der Traumwelt hoch ruft, fallen die veränderten Lichtverhältnisse auf. Es ist zu hell. Ein Blick aus dem Fenster zeigt die Ursache: Es hat über Nacht gut 10 cm geschneit. Wo gestern noch alles komplett schneefrei war, liegt jetzt überall weiß. Es ist doch echt zum Mäuse melken, dieses Wetter hier. Die letzten drei Tage fahren wir bis auf wenige Ausnahmen eis- und schneefrei durch Norwegen, damit es just in dem Moment, in dem wir die Reifen gewechselt haben, erneut schneit.

Gewechselt haben wir die Reifen gestern Abend aus zwei Gründen: Zum einen fahren wir wie schon erwähnt seit Tagen auf Asphalt und zum anderen werden wir morgen nach Trondheim fahren. Die berechnen für Spikes eine extra Maut. Und das Wetter der kommenden Etappen ist bis auf Regen heute Abend in Namsos eher auf Tauen eingestellt.

Nach Frühstück und dem Beladen des Autos fahren wir los, testen ein paar Mal das Verhalten der Reifen auf der Straße und finden, dass das funktioniert. Wir fahren gute Winterreifen. Auch hier taut es und auf der Straße liegt eher Schneematsch als alles andere. Also Bedingungen, die wir aus Deutschland auch kennen.

Wir checken noch kurz den Luftdruck der Winterreifen und fahren dann ganz gemütlich bei Schneegraupel aus der Stadt. Die Straße läuft in leichten Schwüngen durch die Felder, wir quatschen ein bisschen, als in einer wirklich unspektakulären Linkskurve nicht nur Schneematsch sondern auch Eis auf der Straße ist. Physik macht Physiksachen und wir sind nur noch eine sich bewegende Masse. Matthias hat die Kontrolle über das Auto verloren. Komplett. Wir drehen uns um 180 Grad und schlagen mit der rechten Seite in die Böschung ein. Dort verläuft eigentlich ein kleiner Wasserlauf in einem knietiefen Graben, dahinter geht es unmittelbar wieder nach oben. Unser Glück.

Der Volvo liegt mit heftiger Schlagseite im Graben, die linken Räder noch auf der Straße, die rechten irgendwo im Schneematsch deutlicher tiefer. Wir checken erst uns – wir sind beiden okay. Durch die Fahrertür klettern wir beide aus dem Auto, machen noch den Warnblinker an und ziehen uns erstmal warm und wasserdicht an. Katrin sucht noch die Warnwesten und Reflektorjacken für uns raus.

Nach jeden „Wow“ kommt ein „What the fuck“. Gestern war einfach zu gut.

Fast direkt halten Norweger:innen und bieten Hilfe an. Sie fahren zu einer nahe gelegenen Farm in der Hoffnung, dass dort jemand uns mit schwerem Gerät aus dem Graben ziehen kann. Fehlanzeige, keine:r da. Ein weiterer Norweger hält an, er ruft den lokalen Abschlepper an. Matthias telefoniert inzwischen mit dem ADAC. Diese informieren ebenfalls den gleichen lokalen Abschlepper. Katrin stellt derweil noch das Warndreieck auf und bedeutet Autos, das hinter der Kurve ein Unfall passiert ist. Wir sind nämlich aus Richtung Brønnøysund kommend überhaupt nicht zu sehen.

Unglaublich viele weitere Norweger:innen halten und bieten Hilfe an oder fahren langsam mit fragend nach oben gerecktem Daumen vorbei. Wenn wir signalisieren, dass alles okay ist, fahren sie weiter. Wir haben den Eindruck, dass viele diese Situation nachfühlen können und selber schon erlebt haben. Nach gut dreißig Minuten ist der Abschlepper da und zieht uns vorwärts aus dem Graben. Er mag das Auto, keine Spikes drauf zu haben findet er aber völlig „stupid“. Wir jetzt auch. Größte Fehleinschätzung der letzten Jahre. Aber hilft ja nichts. Es ist wie es ist. Er guckt einmal oberflächlich übers Auto, Matthias auch. Zu sehen ist auf Anhieb nichts. Sein Auftrag war ja auch nur die Bergung, mehr nicht. Also düst er mit dem Hinweis, dass wir Montag sicherheitshalber mal in die Werkstatt sollen, davon.

Wir fahren an den Rand in eine Einfahrt zu einem weiter hinten liegenden Hof und packen erstmal Radkreuz, Wagenheber und Spikereifen aus. Reifen also wieder einmal komplett umschrauben. Die Spikes bleiben jetzt so lange drauf, wie möglich. Extramaut hin oder her, der Spaß hier wird wahrscheinlich mehr kosten. Beim Wechseln fällt uns auf, dass der Auspuff kaputt gegangen ist. Auf Höhe der Hinterachse bläst er die Abgase raus. Das Ganze passiert in dichtem Schneeregen, am Ende sind wir doppelt nass: durchgeschwitzt und vollgeregnet.

Wir fahren los und erstmal wirkt alles gut, jedenfalls bis wir aus der Kurve raus sind. Das Lenkrad steht bei Geradeausfahrt nach links eingeschlagen, das Auto zieht ein wenig nach rechts. Bremst aber in Spur. Bei Schneematsch und Seitenwind fühlt der Volvo sich ordentlich instabil an. Bei der nächsten Möglichkeit halten wir noch einmal und checken alles optisch durch. Ein Fehler ist nicht zu sehen. Wenn aber die Achsgeometrie im Eimer ist, ist das auch nicht zwingend möglich.

Natürlich fängt es jetzt ergänzend noch an, heftig zu winden und abwechselnd zu schneien und zu regnen. Oder eine Kombi aus beidem.

Mit sehr vorsichtiger und eher langsamer Fahrweise schaffen wir es bis zum Anleger der Fähre Vennesund – Holm. Wir hatten gestern die Abfahrtzeiten gecheckt: Einmal pro Stunde, immer um 10 nach, wird abgelegt. Wir sind um 13:45 Uhr vor Ort, passt also. Denken wir. Norwegische Fähren und wir, das ist ja eine eigene Geschichte für sich. So auch hier. Denn um 14:10 Uhr fährt keine Fähre. Erst um 15:10 wieder. Jetzt ist erstmal Mittagspause. Die findet nur sonntags statt – und natürlich ist Sonntag. Also warten wir gut anderthalb Stunden, bis wir an Bord dürfen. Das mit diesen Fähren, wir werden keine Fans.

Halbe Stunde Fährfahrt sind schnell rum. Gut, um noch einmal ein bisschen durchzuatmen. Und das ist nötig, denn danach will uns das Wetter endgültig verarschen. In dicken Flocken fällt der Schnee, so dicht, dass die Sicht über weite Teile des Tages deutlich unter 50 Metern liegt. Eigentlich fahren wir durch wunderschöne Landschaften – wir sehen nur mal wieder nichts davon.

Fair enough, selbst wenn wir sie sehen könnten, wir hätten kein Auge dafür. Der Wagen fährt sich wie ein Sack Nüsse. Sobald kein Asphalt unter den Reifen ist – Spoiler: Ist es fast den gesamten Tag nicht – können wir nicht schneller als 40-50 km/h fahren. Es schneit aber so heftig, dass auch die Einheimischen recht langsam unterwegs sind. Wir lassen sie bei Gelegenheit trotzdem vorbei.

Die 17 läuft bis zu unserem Ziel Namsos durch komplettes Niemandsland. Winzige Ortschaften aus zwei bis drei Häuschen gibt es, Infrastruktur eher nicht. Es gibt noch nicht einmal Möglichkeiten zum Halten. Wir telefonieren noch einmal mit dem ADAC, um unsere Optionen abzuwägen. Sollten wir einen Abschlepper kommen lassen, landen wir im nächsten Dorf bei der nächsten Werkstatt. Ob dort dann auch Unterkunft möglich ist, ist fraglich. Fraglich ist aber auch, ob wir mit dem Auto und seiner Instabilität überhaupt noch weit kommen. Alles wirkt irgendwie hochgradig unattraktiv, wir sind ziemlich angespannt.

Während wir noch durch den Schneesturm in die beginnende Dunkelheit schleichen, diskutieren wir unsere Möglichkeiten. Wir entscheiden uns dafür, so weit es geht nach Namsos zu fahren. Erst wenn der Ofen aus ist, lassen wir einen Abschlepper kommen, in der Hoffnung, dass Namsos dann die nächstgelegene Werkstatt ist.

Als wäre das alles nicht genug, fängt der Motor an, Mucken zu machen. Bei jedem Schaltvorgang geht er aus. Das Voltmeter zeigt zu wenig oder nicht vorhandenen Ladestrom an. In einem kleinen Dorf fährt Matthias an eine Bushalte (der erste halbwegs mögliche Halteplatz nach über 70 Kilometern), um nicht auf der Straße zu stehen. Bevor er es schafft, die Motorhaube zu öffnen, ist der Hocker abgesoffen. Neuer Startversuch, er klackert kurz, danach gibt er keinen Ton mehr von sich. Selbst die Warnblinkanlage geht aus. Die Batterie ist komplett tot. Wahrscheinlich sind wir etliche Kilometer nur mit ihrem Strom gefahren. Aus dem hinteren Fußraum holt Matthias unser Starterpack, ein riesiges Bleiakku-Monster. Das hat ordentlich Bumms. Beim Schrauben am FoFi haben wir den Wagen mangels Batterie teilweise damit sogar bewegt.

Alle Kabel werden überprüft. Es sieht alles okay aus. Weiß der Geier was hier das Problem ist. Der dichte Schneefall hat mittlerweile zu dichtem Regen gewechselt. Hier werden wir nicht auf Spurensuchen gehen und das rausfinden. Das Starterpack haucht dem Wagen genug Strom ein, um wieder zu starten. Ziel ist es eigentlich nur, auf den nahe gelegenen Parkplatz vor einer kleinen Industriehalle zu fahren, Hauptsache weg von der Straße. Jetzt ist aber wieder voller Ladestrom da – wir versuchen es also und bewegen uns weiter Richtung Namsos.

Obwohl zwischendurch der Ladestrom völlig random wegbricht und wieder da ist, schaffen wir es. Ein ziemlicher Ritt, der ordentlich Nerven gekostet hat. Gegen Ende lässt zum Glück der Schnee nach, auf Asphalt fährt der Volvo deutlich stabiler. Wir checken im Hotel ein, bringen unseren Kram aufs Zimmer und gehen was Essen. Die sehr freundliche Frau an der Rezeption empfiehlt uns für morgen früh noch eine Werkstatt. Diese soll sogar ein DriveIn-Service ohne Termin für Notfälle haben. Wir werden sehen.

Diesem Tag die Krone auf setzt aber Folgendes: Während wir die Detailfotos unseres Unterbodens auf weitere erkennbare Schäden prüfen, meldet sich die Aurora-App. Alles oberhalb des Polarkreises, alle Orte, an denen wir die vergangenen round about 10 Tage gewesen sind, haben extrem hohe Kp-Werte. Und sind weitestgehend wolkenfrei. Die Chance auf Polarlichter ist dort also ultrahoch. Während über uns eine dicke, regnende Wolkendecke ist. Was auch immer der Scheiß jetzt soll.

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